🍀 7 Tage – Teil II. 7 Länder.

Herr Winter ist schon ein schönes Stück voran geschritten und Monsieur März rückt näher. Lange schon ist ein Treffen mit Freunden nordwestlich von Hamburg angekündigt, bestätigt, wieder verschoben und dann endgültig fest gemacht worden. Hoffentlich unverrückbar steckt der Pin im 1.März.

Ein AWO – Wintertreffen, zumindest aber ein Awofahrer – Wintertreffen soll es werden. Klar möchte ich mit dem Gespann aufbrechen.

Aus familiären Gründen müssen wir leider dieses Mal getrennt Urlaub machen. Also werde ich die Zeit nach der Zusammenkunft für ein paar Tage auf nur grob vorgedachten Routen verbringen. Sobald ich wieder heim bin, beginnt dann die freie Woche meiner Frau. Ein Kompromiss, sicher, aber wie war das mit dem Spatz in der Hand?


Tag 1 von 7

Gerade wurde der Langstreckenmotor zu Revisionszwecken ausgebaut. Als Ersatz springt ein original 250 er in die Bresche. Auch das sollte gut funktionieren, hat es ja früher auch, als tunen noch frisieren hieß und Otto Normalfamilienvati sich das nicht leisten konnte, aber trotzdem mit Frau, Kind und Campingausrüstung los wollte. Und bekanntermaßen geht es ja gen Norden immer bergab 😉

Also wird das Ränzlein geschnürt und bald bin ich auf Kurs Nordwest. Wettertechnisch ist nichts angesagt, was außerhalb der Komfortzone liegt. Der Eisbär, meine Thermokombi, darf also ruhig unter der Persenning des Beiwagens sein Schläfchen fortsetzen.

Anderer Motor, andere Geräusche. Mit mehr als einem Ohr wache ich über die Lebensäußerungen der Maschine. Bisher alles ok. Oder?

Naja, irgendwie schleicht sich ein leises Tickern ein. Kurz vor Döbern, das heißt, ich bin noch gar nicht mal so weit gekommen, schaue ich nach. 13er Schlüssel, Ventildeckel ab, Autsch heiß! Der Einlass hat zu großes Spiel. Schnell ist das korrigiert und wir sind wieder auf der Bahn. Das hört sich doch deutlich angenehmer an. Hoffentlich war es das jetzt. 600km liegen schließlich noch vor uns. Rauf auf den Highway und gen Berlin gesteuert. Zwischendrin noch ne Bocki und ein vor der Toilette geschossenes Rätselbild.

Was tun, wenn der Toilettenschlüssel nicht passt und man zwar viel, aber das falsche Kleingeld für den Automaten eingesteckt hat ?

(Was tun, wenn der Toilettenschlüssel nicht passt und man zwar viel, aber das falsche Kleingeld für den Automaten eingesteckt hat? 🙂 )

Berlin. Der Bär begrüßt die vorbei rasenden Mobile. Glaubt man dem Roman „Die Vermessung der Welt“ hat sich schon Mathematikgenie Gauß gefragt, warum man ausgerechnet an der sumpfigsten Stelle Europas eine Stadt errichten muß, ( wo Göttingen doch der Nabel der Welt sei ). Die Autobahnen zumindest machen nicht den Eindruck, jeden Moment im Morast zu versinken, auch wenn sie ab und an unter dem Häusermeer wegtauchen, sich gabeln und an anderer Stelle wieder ans Tageslicht treten. Im Verkehr ersticken dagegen schon.

Meine heimliche Sorge um den Abstand zwischen Kipphebel und Ventil erhärtet sich aufs Neue. Kurz hinter einem Tunnel bietet sich trotz dickem Feierabendverkehr eine Möglichkeit, zum Halten und nachgucken, ohne überrollt zu werden. Erneut das selbe Bild. Erneut wird korrigiert. Gerade als ich fertig bin kommen Freund und Helfer und fragen was ich hier täte. Das Ventilspiel sei zu groß gewesen, dem hätte ich Abhilfe schaffen müßen, um einen Motorschaden zu vermeiden. Ob JETZT dann alles wieder ok sei ? Das wäre meine Hoffnung! Ob ich dann JETZT endlich wieder los fahren würde !!! Das war deutlich. Helm auf, ankicken und los. Die blau weißen halten mir den Rücken frei. So komme ich unbeschadet wieder in die Warteschlange. Hmmm.

Während des „sich durch Berlin hindurch stehens“ überlege ich, woran es liegen kann. Oft habe ich hunderte Kilometer lang nicht mal an das Ventilspiel denken müßen. Wenn wir hier raus sind, gucke ich mal richtig nach. Einige Ersatzteile sind ja an Bord. An der Raststätte Stolper Heide gibts Kaffee, Sprit und eine ruhige Stelle, die Karre zu zerlegen.

Also flugs Tankrucksack, Tank, Zylinderkopfdeckel Kipphebelbrücke demontiert. Augenscheinlich nichts auffälliges bisher. Auch die gezogenen Stößelstangen klagen nicht offensichtlich über Unwohlsein. Zwei neue Stangen aus dem Ersatzteilrepertoire werden trotzdem probehalber montiert. Sie unterscheiden sich von der Länge her nur unwesentlich von den alten, passen jedoch trotzdem nicht. Also wird alles wieder sorgfältig zusammen gebaut und eingestellt. Ein wenig ratlos bin ich schon. Fehler, die einem bereits entgegenwinken, sind leichter zu beheben. Na los, ein gutes Stück haben wir noch vor uns!

Kurz vor Hamburg ein letztes Mal nachstellen, denn die Einstellschraube hat ihr Ende erreicht. Ich bin mir bewußt, daß das so alles andere als optimal ist und beschließe, morgen zusammen mit den anderen anwesenden Fachleuten nochmal auf Fehlersuche zu gehen. Vielleicht hat einer ja den rettenden Gedanken. Aber zunächst wäre ein „auf eigener Achse angekommen“ das Wunschziel des nun schon fortgeschrittenen Abends. Vorsichtig, mit lauter werdendem Geräusch, tasten wir uns durch die Großstadt hindurch und kommen, man glaubt es kaum, unbeschadet in Tornesch an. Auf eine herzliche Begrüßung folgt ein Glas eilig gereichten edel punkigen Ardbeg Ardcore. Angekommen! Jetzt auch mit den Geschmacksnerven. Es folgen schöne Stunden mit Freunden bei anregenden Gesprächen zwischen Anreise, Familie, Whiskey und Benzin. Die Zungen werden locker über den genossenen feinen Geistern. Spät (früh) fallen die Augen zu. Ein paar Stunden Schlaf.


Tag 2 von 7

Samstag morgen. Vielleicht waren es doch nur ein Paar Stunden Schlaf. Irgend jemand im Raum hatte viel Holz zu sägen. Kaffee, frisch geholtes und mitgebrachtes von Bäcker und Fleischer, die unvermeidliche Marmelade für uns Süßzähne. Ungezwungen wird die Zeit nützlich vertrödelt mit quatschen und futtern.

Bald zieht es mich raus in den kühlen aber sonnigen Morgen. Same procedure …. wird uns diesmal etwas auffallen? 8 oder 16 Augen sehen ja manchmal mehr. Aber nein, es springt mich direkt an. Eine Stößelstangel zeigt jetzt sehr deutliche Spuren.

Der kleine Stahl – Kugelkopf hat sich tief in das Alu der Stange eingearbeitet. Das Schadbild passt zu den Symptomen. Nun gilt es, Abhilfe zu schaffen. Ich erkläre, daß die Nachbaustangen nicht passen. Gemeinsam schauen wir die Teile an und vergleichen. Dabei fällt uns die verschiedene Form der Köpfe auf. Die Nachbauköpfe passen dadurch nicht richtig in die Pfannen der Kipphebel. Problem erkannt. Hurra! Doch wie Abhilfe schaffen? Mario, unser Gastgeber und begnadeter Metaller mit Sinn fürs ausgefallen – schöne aktiviert einen langjährigen Kumpel. Zusammen fahren wir hin und beraten, was zu tun ist. Letztendlich ziehen wir die Nachbauköpfe aus der Stange und ersetzen sie durch die originalen. Danke. Danke. Danke für die Hilfe. Wieder zurück bei der Patientin fügt sich alles wie von allein und passt wieder, wie es soll. Ohne zu viel zu verraten, das Ventilspiel wird für den Rest der Reise kein Problem mehr sein.

Nachmittags gehts zu Horst. Eine Art Bauernhof mit Hofkaffee, angeschlossener Pferdekoppel sowie Kaffee- und Spirituosen- Spezialitätengeschäft. Sehr einladend. Wroebe gibt mir wie früher zu Studienzeiten einen aus. Kakao und Mohnkuchen. Kann man kaum toppen außer vielleicht mit Rhabarberkuchen 😉 . Wir hauen rein und schwelgen in Erinnerungen.

Der Gastraum ist das Paradies für Freunde der Rum- und Whiskykultur. Ringsum sind die Regale gefüllt mit erlesenen Tröpfchen. Nicht selten oberhalb unserer Preisklasse, aber alleine das stöbern fast wie in einer Bibliothek ist sehr anregend. Eine besondere Atmosphäre, wenn man hier seinen Espresso zwischen den inneren Hebriden und den Phillippinien genießt. Wir versacken natürlich in der Islay – Ecke. Irgendwann hat jeder ein Fläschchen des persönlichen Begehrs aufgestöbert und ab geht’s zur Kasse.

Nächster Halt Tornesch, Ortsteil Südnorwegen. Weiterer Programmpunkt des Treffens und gleichzeitig der Abschluß unseres Projektes „LeavingECK’n’back“ . Steppi zeigt die Diashow unserer Septembertour. Jeder Beteiligte erzählt eine Episode aus seiner Sicht dazu. Alle sind begeistert und staunen. Ganz zum Schluß übergeben wir Andre‘ feierlich das „Buch zum Film“, einen phänomenalen Bildband mit Text zur Erinnerung.

Erst weit in der Nacht zum Sonntag endet auch dieser wunderbare Abend bei Freunden. Die Bettschwere ist groß, doch es gibt Menschen, die sich in tiefsten Träumen schwebend so klar, mit wem auch immer unterhalten, daß man sich Oropax herbeisehnt.


Tag 3 von 7

Sonnig ist es, und nicht kalt für Anfang März. Abschied heute und weiter, der Weg muß sich noch offenbaren. Nach gemütlichem Frühstück, interessanter Morgentoilette (der Plakate, Sprüche und tags an der Wand der Toilette wegen), AWO kontrollieren und packen und standesgemäßer Verabschiedung tuckern wir in den Sonntag vormittag.

Fähre Glückstadt. Keine Autowarteschlange. Aber die Ampel zeigt schon rot. Zeit, nochmal fix im Busch (hinter dem verschlossenen Klohäuschen) zu verschwinden. Als ich wieder komme, winkt einer vom Personal zu mir und zwei anderen Motorradfahrern hinüber. Wir können noch mit. Was für ein Glück. Klappe zu, Rampe hoch und los. Ich genieße die Sonne, die Seeluft und den Wind im Gesicht.

Ebbe naht, die Fähre stemmt sich gegen das ablaufende Wasser und wirbelt viel Schlamm auf. Zwei Mal bremst der Untergund uns fast bis zum Stillstand ein, doch am Ende setzt die Technik sich durch und das Schiff legt vorsichtig an der Entladerampe an.

Weiter schlängelt sich der Weg durch angenehm ländlich geprägte Gegend und auf kleinen und kleinsten Straßen durch Wiesen, an Höfen vorbei, an Deichen entlang gen Bremerhaven. Von dort aus grob gepeilt in Richtung holländische Grenze. Wo werde ich heut mein Lager finden? In Westerstede gibts noch nen späten Kaffee und einen Plausch mit der ortsansässigen Mopedgang. Die Jungs sind nett, an der AWO interessiert und zum quatschen aufgelegt. Einer fährt eine schicke Simme ( beliebt auch so weit im Nordwesten, das gefällt mir ) mit Resonanzauspuff und Fächerkopf und kennt sich aus. Zu seinem Glück die hiesigen Wächter von Sitte und Ordnung eher weniger, sonst hätten sie ihn schon hops genommen. Als sie aufbrechen, liegt der unverkennbar – markante Geruch von Motul 800 in der Luft.

Ein Stück Autobahn noch. Südwestlich von Leer schlage ich mich erneut in die Büsche. Leicht könnte ich noch über die Grenze fahren. Das heben wir uns für morgen auf. Daß ich so kurz vor Anbruch der Nacht noch Neuengland durchquere, ist ein Novum. Leider finde ich kein Ortsschild. Das hätte mir in meiner Sammlung kurioser Ortsnamen neben Sommerland und Grönland noch gut gefallen.

Auf dem Klosterweg, einer Dorfstraße, die erst zur Plattenstraße und dann zum Feldweg verwittert, halten wir direkt auf die Grenze zu. Ganz am Schluß ein schnurgerade angelegtes Fließgewässer, ein paar Bäume. Perfekt, um im letzten Glühen des Abendhimmels versteckt das Zelt aufzubauen und eine ruhige Nacht zu haben, die Niederlande keinen Steinwurf entfernt. Bei frisch aufgebrühtem Tee und Keksen decke ich das Gespann mit einer Plane ab und genieße die Ruhe.


Tag 4 von 7

Alles trieft, vom Wasser herauf ziehend umgibt dicker Nebel das Zelt. Man mag noch nicht recht aus dem warmen Schlafsack kriechen. Bald spendet der Kocher ein wenig Wärme, die sich unter dem Zeltdach sammelt und das Morgenkäffchen angenehm macht. Weit ab im nächsten Dorf hört man Autos fahren und das durchdringende Piepen lässt einen zurück stoßenden Müllwagen vermuten. Zähne putzen und einpacken. Vorher noch das Zelt trocken wischen. Keine Ahnung, wann und ob es auf der Tour überhaupt die Möglichkeit des kompletten Durchtrocknens der Ausrüstung geben wird.

Ein kurzer Blick auf die Karte verrät, heute wird es international. Und es geht nach Süden. Noch schnell ein Auge auf den Ölmessstab. Dieser verrät, kaum Verbrauch. Sehr gut. Bei 4°C tuckern wir zurück auf die Hauptstraße. Etliche Kilometer Autobahn sind heute zu bewältigen. Wir lassen uns Zeit. Die feuchte Kälte und der sich hartnäckig haltende Nebel lassen mich doch etwas schauern und so krieche ich auf einem Parkplatz in den Eisbär, während ein Passant sich freut und mir von seiner NSU erzählt. So dick eingepackt, kann nun nichts mehr passieren. Die Kilometer fliegen. Auf der Landstraße gemütliches Vorankommen.

Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Tanken kann man dort jedenfalls und den Rhein überqueren. Hoch und hinaus überspannt das Eisenmonster den Fluß.

Bald passieren wir die Grenze zum Nachbarland. Mittlerweile hat es aufgeklart und ist wärmer geworden. Überall grünt und blüht es. Tulpen am Wegesrand, in Kreisverkehren und auf Feldern. Hier ist die Maas mehrfach zu überwinden. Bei Venlo als einzelnes dickes Band, weiter flußaufwärts jedoch verwandelt sie wild mäandernd die Landschaft in ein Reich aus Inseln, toten Armen, Landzungen und größeren Wasserflächen.

Kurz hinter der Grenze zu Belgien macht das Höhenprofil plötzlich und für mich erstmal unerwartet einen mächtigen Sprung nach oben. Ausläufer von Eifel, hohem Venn und Ardennen geben sich ein Stelldichein. Solange die Sonne scheint, ist die Gegend wunderbar anzuschauen und die Straßenführung erlaubt über grüne Hügel weite Blicke ins Land. Durch die bewaldeten Höhenzüge wird es schon wieder frisch. Eisbär also wieder an. Dafür wähle ich einen Autohof, in der Hoffnung mal irgendwo die überall angepriesenen Fritten kosten zu können. An der Tankstelle gibts Futter für die Allmächtige, die Frittenbude aber hat bereits geschlossen. Pech gehabt.

Nächster Stopp. Nächstes Land. Mal sehen, was zum frühen Abend eine luxemburgische Tankstelle so an lukullischen Genüssen zu bieten hat. Nach dem Hände waschen servieren mir die beiden sehr netten und fröhlich mit polnischem Akzent plaudernden Damen einen großen Kaffee mit extra viel Zucker und Panini mit Schinken und Mozzarella. So hatte ich mir das vorgestellt. Aufgewärmt und gesättigt kann die Reise noch ein Stück weiter gehen.

Insgeheim hoffe ich, in Frankreich, also gleich nebenan ein ruhiges Plätzchen zum Zelten zu ergattern. Zuerst gilt es jedoch, den Großraum Luxembourg ( Stadt ) erfolgreich zu passieren. So taste ich mich vorsichtig mitschwimmend durch den Feierabendverkehr, versuche dem Sog der Großstadt nicht allzu nahe zu kommen und in vielspurigen Kreisverkehren die richtige Ausfahrt vorzuahnen und schnell genug die Richtung auch einzuschlagen.

Alles fügt sich und schon bald steht der nächste Grenzübertritt nach an. Ein kurzer Sprung bei Remich über die Mosel. Deutschland. Aber nur für ein paar Minuten.

Häää? Paris? Irgendwo muß ich falsch abgebogen sein. Plötzlich stehe ich vor dem Eiffelturm.

Aber wir sind richtig. Auch Apach, der französische Grenzort, hat sein eigenes Pendant zum Original. Kurz lege ich Halt fürs Beweisfoto ein und nehme mir Zeit für den Blick auf die Karte. Nicht weit entfernt ein Waldstück, ein grau eingezeichneter Weg, abgelegen und außer Sichtweite der umliegenden Dörfer. Perfekt! Weiter! Ein paar Kilometer noch und ich biege beschwingt und siegessicher in den Wunschfeldweg meines Vertrauens ein.

Zack!

Nach nicht mal 10 m steckt der Karren im Dreck. Und zwar richtig. Kurz blitzt noch ein Gedanke von Ideallinie zwischen tief ausgefahrenen Traktorspuren, Waldrand und Wasserlöchern auf, zum reagieren bleibt aber keine Zeit. So sitze ich nun fest. Das Boot satt auf dem Deichselrain eingerastet, Vorder- und Hinterrad in der schlammigen Spur verkeilt.

Fehler Nr. 1: nachts zu forsch in einen unbekannten „Weg“ eingebogen

Fehler Nr. 2: auf Krampf versucht noch weiter zu kommen

Fehler Nr. 3: nicht direkt den Eisbär ausgezogen, dadurch fast den Hitzetod gestorben

Aber so leicht stirbt sichs nicht. Irgendwie! schaffe ich es, Zentimeter für Zentimeter die Allmächtige zurück in Richtung Asphalt zu ziehen, zerren, heben & drücken. Die ganze Karre, mich inbegriffen, sieht nun verdammt realistisch nach echtem Abenteuer aus.

Völlig erschöpft lasse ich mich auf den Wiesenstreifen am Straßengraben fallen. 10 min Stille bis der Puls sich beruhigt hat. Nur, direkt hier liegen bleiben geht ja auch nicht. Vielleicht lege ich mich im nächsten Dorf einfach auf eine Bank vor der Kirche und fertig? Zu viel mehr reicht meine Fantasie grad nicht. Dort angelangt bemerke ich den Verlust des Rückspiegels. U – turn und langsam zurück. Bald sehe ich das corpus delicti auf der Straße liegen. Spiegelglas gebrochen, der Konus zur Befestigung im Lenker hat sich ins Nirvana verabschiedet. Unbrauchbar. Doch das Thema verschiebe ich auf morgen. In Colmen, zwei Orte weiter, nehme ich allen Mut zusammen und biege in eine Hauseinfahrt ein. Die Garage ist hell erleuchtet und zwei junge Männer schrauben an einem alten Trekker. Ich muß ein erbärmliches Bild abgeben. Außerdem fallen Schlammklumpen von mir und meiner Maschine auf den pieksauber und neu gepflasterten Garagenvorplatz. Ich entschuldige mich tausend mal, erkläre dreisprachig und mit Händen und Füßen mein Aussehen und frage, ob die Jungs mir bei der Suche nach einem Bett und einer Dusche behilflich sein könnten. Der eine nickt verständnisvoll und zückt sofort sein Telefon. Nach einer kleinen Ewigkeit, er telefoniert enthusiastisch, scheint eine Lösung in Sicht. Er schickt mich ins Nachbardorf und ziegt mir, wonach ich suchen soll. „Gîtes“ scheint das Zauberwort zu sein. Eine Art private Herberge. Wir quatschen noch kurz nett, dann verabschiede ich mich dankbar.

„Gîtes“. Tatsächlich finde ich das Haus mit grünem Schild dran, worauf das gesuchte Wort in goldenen Lettern zu lesen steht. Leider ist weder die Tür geöffnet, noch bewirkt mein Klingeln eine Reaktion. Nach ein paar Minuten gebe ich auf und fahre weiter. Etwas wird sich finden. Ich bemühe sogar booking.com erstmalig, hab darauf aber eigentlich keinen Bock. Doch es fügt sich wie immer. Schon ist die deutsch – französische Grenze wieder überschritten, schon stürzt die Straße serpentinenartig nach unten. Einfach die Hauptstraße entlang.

Ha! Wußte ichs doch! Hell leuchtet mir die Reklametafel entgegen. Hotel Felsberger Hof. Parkplatz. Motor aus. Eingang gesucht.

„Bitte zögern Sie nicht, uns auch außerhalb der Öffnungszeiten jederzeit unter soundso zu kontaktieren!“ , gibt der Zettel an der Tür Auskunft. Tatsache, es nimmt am anderen Ende wirklich jemand freundlich ab. 10 Minuten und 60 € später nenne ich ein (noch) sehr sauberes, kleines Zimmer mit Bad, Strom und Warmwasser für diese Nacht mein Eigen. Vielen Dank! Nach ausgiebigem Genuß der Dusche fallen mir direkt die Augen zu. 13 1/2h, 559km und 5 Länder zeigt die Karte heute an. Kein Wunder also. Gute Nacht.


Tag 5 von 7

Erste Amtshandlung an diesem vernieselten Morgen ist die Beräumung der aus Kombi und von Stiefeln abgefallenen Dreckklumpen. Ein zweifelhaftes Vergnügen, aber es wäre unfair die Bude so dreckig zu hinterlassen. Vielen Dank für die friedliche Nacht!

Scheinbar sind wir nachts nur zum schlafen nach Deutschland übergesetzt, denn ein paar Kilometer nach dem Ortsausgang sind wir bereits wieder „sur le sol français“. Voilà. Kurz vor der Grenze halte ich nochmal zum tanken und bemerke unerfreulich wenig Luft auf dem Hinterrad. Zunächst bezahle ich bei sich laut auf französisch unterhaltenden Mitarbeitern, die mich weder grüßen noch anschauen, geschweige denn ihr Streitgespräch unterbrechen. Eventuell hätte ich gerne nen Kaffee und etwas leckeres aus der Auslage gehabt? Diese Option wählen die beiden für mich ab. Mein laut und besonders fröhlich gerufenes: „Auf Wiedersehen.“ verhallt unbeantwortet. Nicht nur Deutsche können unfreundlich. Auch Luftkompressoren. Dieser hier verlangt min. 50Cent, ist voll digitalisiert und umständlich zu bedienen. Es fehlt ganz schön viel Luft. Das muß ich unbedingt im Auge behalten. Erstmal geht es aber wieder.

Ohne Rückspiegel fahre ich im morgendlichen Berufs- und Wochenverkehr unsicher. Ein ganzes Stück Autobahn ist auch dabei. Zwangsweise machen wir uns mit dem Moutsystem bekannt. Alles kein Hexenwerk. Langsam bekomme ich Hunger. An einer Shell – Autobahnraststätte mit dem wohlklingenden Namen Aire de Keskastel-Quest muß es gelingen. Vor einem Publikum aus Porschefahrerin und Bauarbeitern pelle mich aus dem triefenden Eisbär. Die letzten Kilometer waren scheinbar doch etwas feucht. Drinnen strahlt die Sonne in Form einer äußerst fröhlich herum wirbelnden jungen Dame, die für jeden ein nettes Wort und ein Lächeln übrig hat und mit flotten und geschulten Fingern die imposante Siebträgermaschine bedient. Für mich gibt es 2 Eclairs (Vanille und Karamell), eine heiße Schokolade und einen Espresso Doppio. DAS ist das beste Tankstellenmahl seit langem für mich. Der Kakao wärmt mich durch, der Espreeso macht mich wach, die Eclairs machen mich glücklich und sind ABSOLUT NICHTS für Kalorienzähler. Heute wird ein guter Tag.

Südlich von Kehl überwinden wir den Rhein, diesmal zurück Richtung Osten. In Offenburg gibt es ein Louis – Geschäft. Dort werde ich sicher fündig. Die letzte Etappe ohne Spiegel war unamüsant. Ein Mitarbeiter macht gerade ein Päuschen vor der Tür. Gleich kommen wir ins Gespräch. Natürlich fährt er Motorrad. Drinnen gibts erstmal Kekse und Kaffee in einer gemütlichen Sitzecke, bevor die Spiegelsuche beginnt. Einfach und günstig soll es sein. Diese Kriterien sind wohl schwieriger zu erfüllen, als überdesigned und jenseits meiner Geldbörse Möglichkeiten, aber wir finden etwas. Zeitlos und stabil. Zu allem Überfluß sieht man sogar was darin. Vielen Dank für die schnelle, freundliche Hilfe. So technisch aufgemotzt kann die Fahrt beruhigter weiter gehen.

Zunächst noch im recht flachen Land, das den Rhein säumt, stellen sich jedoch bald die Ausläufer des Schwarzwalds vor uns auf. Dunkle Wolken am Himmel unterstreichen die Kulisse und lassen die Mittelgebirgskette fast als Scherenschnitt erscheinen. Die Straßen schlängeln sich in die Berge hinein und wir schlängeln mit. Gestern schon hat der Routenplaner mir diese Strecke vorgeschlagen und nicht schlecht. Plötzlich fehlen doch die zusätzlichen Pferde, denn einige Steigungen haben es in sich. Aber eigentlich haben wir ja Zeit, suchen uns den passenden (zweiten 😉 ) Gang, genießen die wunderbare Landschaft. Wie schön muß es hier erst im Mai oder September sein, wenn alles üppig grünt oder die Laubfärbung in vollem Gange ist.

Die Autobahnetappe Richtung Bodensee hingegen erweist sich als ereignisarm. Mein erster Gedanke war, auf der Tour zwischen Oldenburg, Nordhorn, Aachen und Kehl, Bekannte und Freunde heimzusuchen. Das hätte jedoch den Zeitplan überstrapaziert und die Prämisse Ereignisarmut zunichte gemacht. Zuhause muß der Kopf ständig arbeiten, hier wird er wenigstens mal für ein paar Stunden leer gefegt und die Freiheit scheint zum greifen nahe. Und Ereignisse kommen auf Tour sowieso automatisch & überraschend.

Das Endziel für heute steht fest. Eglofs im Allgäu. Mit etwas Fantasie kann man es so sehen, daß eigentlich nur noch der Bodensee im Weg rum schwimmt. Ihn gilt es zu umschiffen. Nordufer heißt für mich bekannte Strecke, wir bleiben in Deutschland, viel Verkehr. Nicht so sehr verlockend, wenn ich ehrlich bin. Also, was verspricht das Südufer? Unbefahrene Wege, ferne, nie betretene Länder, Wahnsinnsaussichten auf den See. Klingt doch verlockend. Außerdem ist das Wetter gerade schon frühsommerverdächtig sonnig, als ich in Konstanz an die Tanke rolle. Die Wahl ist gefallen.

Natürlich ist die soeben in meinem Kopf geschaltete Süduferreklame schon sehr blumig ausgefallen. Wir platzen als frisch gebackene schweizer Verkehrsteilnehmer mitten in den Berufsverkehr. Zäh zuckeln wir durch enge Straßen voller Menschen. Konzentration ist gefragt, nicht viel Zeit zum verträumt in der Weltgeschichte herum gucken. Wir wollen doch keinem Maserati oder Volvo eine Beule verpassen. Die Bebauung entlang des Sees scheint nie enden zu wollen. Nur selten gelingt der freie Blick über eine Obstplantage auf die Wasserfläche und zum anderen Ufer hinüber. Noch seltener ein nicht verwackeltes Bild.

Dennoch, wir sind beide gemeinsam und zum ersten Mal in der Schweiz. Das ist doch schon mal was.

Über die Bergketten der Alpen ziehen weiß – graue Wolken hinweg und auf uns zu. Bald beginnt es zu bieseln. Beim Grenzübertritt zu Österreich schüttet es dann wie aus Kannen. Genau in der Mitte der Brücke über den Rhein, der sich hier jeden Moment dem den Bodensee vermählen möchte, stirbt im zähen Ampelverkehr ohne Vorwarnung der Motor ab. Hastiges kicken hilft nicht und so schiebe ich das Gespann über die Brücke und auf eine etwas breitere Stelle des Bürgersteigs. Klar, alles ist naß. Das war es aber wirklich schon öfter und mehr. Neue Zündkerze. Ein Tritt und die Kiste läuft. Hmmm. Also weiter. Aber es fährt sich schwammig. Die Luft! Bregenz. Es regnet und wird dunkel. Unter dem Dach einer BP finde ich Schutz und, wow, kostenlose Luft. Der Druck ist über den Tag um ein bar abgesackt. Am nassen Ventilloch der Felge drücken sich langsam Bläschen hervor. Beobachten und Weiterfahren!

Zurück nach Deutschland. Südsee umrundet! Mit dem Boot! 🙂

Mittlerweile ist es stockfinster. Plötzlich Zündaussetzer. Gerade eben war doch noch alles paletti. Eine Dorftankstelle springt mir mit Dach und Licht zur Seite. Zündkerze gucken, Ventilspiel prüfen, Vergaser auf Wasser unten an der Hauptdüse kontrollieren. Ja, könnte sein. Alles sauber machen. Zusammen packen. Weiter. Es folgen sorglose Kilometer. Leider nur wenige. Diesmal das Spiel im Regen, ohne Dach, dafür mit Straßenlaterne. Ein Kick. Karre läuft. „Wie oft wollen wir dieses Spielchen jetzt noch spielen?“, frage ich betont laut aber k.o. in meinen Helm. Die Allmächtige reißt sich zusammen und wir tuckern vorsichtig bei nachlassendem Regen mit nur mehr 60 Sachen zu meiner Schwester. „In der Tiefgarage ist es trocken und warm und morgen schau ich nochmal nach. Versprochen!“

Ankunft. Trocken legen. In Sicherheit. Ausbeute des Tages 418 km und 2 neue Länder.

Nach einem nett durchplauderten Abend mit viel lachen, erzählen, leckerem Essen, einer ausgiebigen warmen Dusche und der kritischen Diskussion des für morgen angesagten, „herausfordernden“ Wetters falle ich in die Koje. Vielen Dank für die Gastfreundschaft, Speis und Trank! Morgen? Ist noch lange hin!


Tag 6 von 7

Schon zeitig muß Tine los, ins G’schäft. Rüdiger und ich machen ein gemütliches Frühstück. Er muß nachher zum Arzt und ist deshalb überhaupt nur zuhause. Im grauen Morgen fallen zwischen Regenfäden dicke schwere Schneeflocken. Die sind heute gekommen, um zu bleiben. Bei Kaffee und Brötchen lege ich meinen Plan dar. Heute wird es nur eine Tagestour geben. Die Berge liegen zum greifen nah, das muß man doch nutzen. Abends bin ich wieder da, wenn ich euch noch eine Nacht behelligen darf. Gerne.

Aber erst schau ich mir das Gespann nochmal an. Augenscheinlich kann ich nichts erkennen. Kein Wasser im Vergaser, Zündkerzenstecker ist fest. Funke kommt tadellos. Luft? Ein bisschen fehlt. Das füllen wir wieder auf.

Eine Tagestour also. Im Eisbär sicher versteckt, rolle ich zum Ausgang. Die Tür geht hoch und rein in die naß – weiße Pracht.

Um es abzukürzen, die nächsten 100km verbringe mit der Frage: „Was machst du hier draußen eigentlich?“

Zündaussetzer, Tankstelle, schrauben, reinigen, fahren. Zündaussetzer, Rastplatz, auseinander nehmen, Fehler suchen, wundern, fluchen, jubeln, fahren. Zündaussetzer. Tankdeckel während der Fahrt ( bei vollem Tank ) öffnen und im verschneiten Fahrbahnrand verlieren. Totlachen! Fieberhaft suchen. Finde mal einen silbernen Tankdeckel im Schnee!

Umkehren, schieben, schwitzen, Hilfe finden. Das nächste Dorf. Ein Schreiner erlaubt mir die Benutzung seiner Garage, um wenigstens im Trocknen schrauben zu können. Seine Frau kommt besorgt um die Ecke und fragt, ob ich etwas brauche. Eine funktionierende Allmächtige wäre jetzt die Rettung 😉 . Aber noch geben wir nicht auf. Noch nicht!Elektrikgehäuse auf, Zündmagnet tauschen. Der zündet hervorragend, ABER das Gummikreuz, zwischen Nockenwelle und Zünder kommt mir komisch vor. Wieder so ein Nachbauteil, was sich nicht bewährt hat. Es ist viel größer, als es soll und hat die Konsistenz eines Haribos im Wasser. Nicht ölfest, der Gummi. Mist und Hurra, denn es ist zwar ärgerlich, aber ich habe Ersatz mit. Falls das der Fehler ist, könnte es im Anschluß endlich störungsfrei weiter gehen. Gewissenhaft baue und stelle ich alles wieder ein. Zündung > funktioniert. Ein fröhliches „Danke!“ lasse ich noch durch die Tür in die Werkstatt fliegen und knattere vom Hof….

Nur wenige Kilometer weiter. Eine verschneite Ausweichstelle irgendwo auf der B12 ( zwei Spuren in jede Richtung, keine Chance, hier umzukehren). Mit meinem Latein am Ende rufe ich Rene‘ an. Zusammen gehen wir nochmal alle Punkte durch. Während des Telefonats drehe ich den DDR – Zündkerzenstecker komplett ab, es macht plopp und ein großer Wassertropfen hüpft mir aus der Verschraubung in die Hand. Sollte es das gewesen sein? Ich isoliere das Kabel noch weiter ab und tüdel den Draht direkt an die Zündkerze.

Freie Bahn mit Marzipan.

Und tatsächlich. Keine Zündaussetzer mehr. Dafür klemmt jetzt der Vergaserschieber. Himmel, A**** und Zwirn. Heute ist der Wurm drin. Bei Regen, Schneematsch und unter -2 °C war ich doch nicht erst einmal unterwegs und nur in Norwegen hat einmal der Schieber geklemmt. Aber da war ein riesiger Eisklumpen um den Vergaser gewachsen. Hier und heute ist nichts ungewöhnliches zu entdecken. Anhalten, kurz warten, fluchen, weiter fahren. Servus Österreich. Die erste Tankstelle ist mein. Heißer Kakao, ölige Finger und eine nutzlose, weil nicht benötigte 10 Tages – Vignette. Wenigstens passt sie nirgendwo und wo sie passt, klebt sie nicht. Das lustige Treiben wird von allerlei adrett gekleideten Urlaubern und Geschäftsleuten teils skeptisch, teils mitleidig beäugt. Eine schicke Dame schaut mir die ganze Zeit belustigt aus ihrem sicheren SUV zu. Ich lächle vielleicht ein wenig überspitzt zurück, stecke die blöde Vignette in die Brieftasche und widme mich wieder dem um mich herum verteilten Vergaser.

Irgendwie läuft es jetzt wieder. Der Schneeregen hat aufgehört und es wird ein bisschen milder. Über den Fernpass hangle ich mich, mit kurzem Abstecher via Lermoos und Biberwier ( Zugspitzblick) in Richtung Imst und weiter gen Ötztal.

Die Zugspitze ist heut dick in Watte gepackt und zeigt sich nur schemenhaft. Ski – und Wintertouristen gehen mit Fragezeichen über den Köpfen vorüber. Hab ich Dreck im Gesicht?

Wieder unten im Tal zeigt das Thermometer + 6°C und sogar die Sonne findet Wolkenlücken. Das ganze Ötztal tuckern wir hinauf, fangen weitere grandiose Bilder ein und durchqueren einen Touristenort nach dem anderen. Viele Motorräder sind nicht unterwegs. Das ist schon auffällig bei dem Wetter und der Kulisse. Tumpen. Köfels. Längenfeld, Sölden, Zwieselstein, Stopp!

Voriges Jahr überquerten wir diesen Teil der Alpen von Südtirol kommend via Timmelsjochpassstraße. Am Mautpunkt in Obergurgl besuchten wir ( danke lieber Sascha für den Tipp ) das wirklich sehenswerte, nach einem Brannt neu aufgebaute Motorradmuseum und waren begeistert. Selbst Ostzonenfahrzeuge von Simson und MZ waren zur Schau gestellt. Nur die AWO’s fehlten. Irgendwo stand zu lesen, das Museum sei ganzjährig geöffnet und das hatte ich mir irgendwie gemerkt.

Jetzt dachte ich eben: „Bist eh in der Gegend, zeigste der Allmächtigen mal das Museum.“ Vielleicht noch ein Foto fürs Archiv.

Doch eine Schranke versperrt uns den Weg. Keine 10 Kilometer vor dem Ziel. Es hat sich schon eine kleine Schlange gebildet und alle sind ratlos. Ein Linienbus fährt an den Autos vorbei in die Bushaltestelle mit eingebauter Wendeschleife, kommt langsam zurück, wird etwas an mir gewahr, lacht, läßt die Scheibe herunter und kommt neben mir zum Stehen. „Ich habe deinen Aufkleber ( I love Polska ) am Motorrad gesehen.“ Mit fröhlichem Ausdruck im Gesicht und kräftigem polnischen Akzent ( den ich auch so mag ) freut er sich ehrlich. Manchmal sind es die kleinen Dinge! Die Passagiere im Fahrgastraum sind jetzt scheinbar vergessen. Wir quatschen und er erzählt, daß es in der Nacht oben, also im Skigebiet bis zu 1m Neuschnee gegeben hat. Aus Sicherheitsgründen und weil kontrolliert durch Sprengungen Lawinen ausgelöst werden sollen, ist die Straße gesperrt. Er macht mir wenig Hoffnung für die nächsten 2 Stunden. So lange kann und möchte ich nicht warten. Wir verabschieden uns. Vielen Dank für diesen netten Austausch. Ein paar Beweisfotos mit Schranke und ins Tal hinab werden geschossen und schon geht es wieder zurück.

Haben wir uns bergan doch ziemlich abgemüht, geht es nun um so flotter voran. Einzig der teils rutschige Fahrbelag untersagt noch spaßigere Fahrweise. Zeit für Luft prüfen, tanken und ein Fleischkäsebrötchen mit viel Senf und Kakao bleibt allemal. Die Biene summt. Fast vergessen ist der Vormittag, als es gen Abend in Richtung Füssen wieder kalt wird und anfängt zu schneien. Wieder klemmt der Schieber und ich verursache unter einer Brücke eine mächtige Fehlzündung. Jetzt weiß es das halbe Allgäu. Warten, kicken, aufspringen, weiter. Immer dicker werden die Flocken und bald ist die Straße weiß. Genau an der selben Stelle, wie heute früh stirbt der Motor wieder ab. Reflexartig greife ich runter in Richtung Zündkerze. Zack! Der hat gesessen. Natürlich bekomme ich durch die klitschenassen Handschuhe einen saftigen Stromschlag. Wieder stehen wir da. Alles ist so durchgeweicht, daß ich kaum eine trockene Ecke am Putzlappen finde, um die Kontakte zu reinigen. Zu allem Überfluß ist an der Stelle ja auch alles heiß.

Neben mir hält ein Wagen. Die Frau, bietet Hilfe an. Ich antworte, daß ich alles dabei hätte. Sie wiederholt ihr Angebot und fügt hinzu, daß sie mich schon heute morgen eben hier mit Problemen stehen gesehen hätte. Das ist ja schon fast peinlich, aber manchmal schaffe ich es auch über mich selber zu lachen. Ich bedanke mich für die nette Geste, sie zieht von dannen. Also gut. Nächster Versuch. Es gelingt! Ganz vorsichtig tasten wir uns Kilometer für Kilometer durch die Winterlandschaft. Immer wieder schleudert Matsch von der Straße hoch und zwingt uns mit stockerndem Motor an den Rand. Mit vereistem Eisbär, angelaufenem Visier und immer wieder klemmendem Schieber zwingen wir uns die letztem paar hundert Meter ins Dörfli hinauf. Geschafft. Der Lichtkegel des offenen Garagentors markiert unser Ziel zuverlässig.

Was für ein Ritt. Ich muß zugeben, ein Zelt hätte ich jetzt nicht mehr unbedingt aufbauen wollen. Die nassen Klamotten beschlagnahmen alle Trocknungskapazitäten der Wohnung. Doch trotzdem gibt es immer noch Grund zum lachen. Ein Tagesausflug der ausgefalleneren Sorte geht bei warmem Tee, Wein und gutem Futter seinem glücklichen Ende entgegen.

Diesen Tag nochmal Revue passieren lassen.


Tag 7 von 7

Einen Tag hätte ich noch. Das Angebot, auch mal zu ruhen, klingt sehr verlockend. Doch zieht es mich nach Hause. Das Wetter hat sich in der Nacht beruhigt, Rüdiger hat mir einen Zündkerzenstecker von seinem Moped abgebaut. Der ist isoliert und abgedichtet. Nichts kann da passieren. Hätte ich diese kleine Gummidichtung mal vorgestern schon gehabt. Sei’s drum. Nochmals wird alles kontrolliert und der Luftdruck angehoben. Komm, bis Heim schaffen wirs!

Ich bin sehr dankbar für den Unterschlupf bei Tine und Rüdiger. Fühlt euch ganz dolle gedrückt.

Was bleibt zu berichten? 672km Autobahn. 12h 21 min Fahrzeit. 0 Ausfälle. 0,5 Vorkommnisse ( das halbe Vorkommnis war eine polnische Corvette, die … egal, ein LKW hat mich beschützt ). Es ist und bleibt ein Mittel zum Zweck. Und ich, bin durch. Leider erneut zum Leidwesen der Angehörigen, die mir doch so gerne eine Woche Urlaub mit Erholung gegönnt hätten. Aber ich wollte es so. Kopf frei blasen. Und das war er. Frei.

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10 Gedanken zu “🍀 7 Tage – Teil II. 7 Länder.

  1. Avatar von Steppe

    Verrückter! Echt Schade, daß das mit dem Museum nicht geklappt hat. Ich liebe Gesichter von Skitouristen, welche im Vorbeigehen zweifelnd einen AWO-Fahrer beäugen 🙂 Wo gibts hier Lachsmilies?

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  2. Avatar von Andre

    Hallo Bernde,

    das liest sich wie Öl. Wahnsinn was Du so auf Dich nimmst. Zeugt von richtig Eiern in der Hose incl. richtig Spaß mit allen Höhen und Tiefen der AWO.

    LG Andre

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