Andre‘ kommt aus dem Staunen kaum heraus. „Norwegen! Ich war noch nie in Norwegen.“ Er begleitet mich bei einer abenteuerlichen LKW – Fahrt gen Stavanger. Diese Geschichte allein ist schon ein eigenes Buch wert. Ein andermal! Vielleicht!
Beine baumelnd sitzen wir bei herrlichstem Sonnenschein auf der hölzernen Ladefläche, zelebrieren einen Whisky und unsere Gedanken schweifen über die sich unter uns ausbreitende inselreiche Fjordlandschaft hinweg. Nachvollziehbar ein Ort an dem Ideen entstehen. Hier für immer sitzen zu bleiben zum Beispiel.
In ihm reift der Wunsch, dieses wunderbare Land wenigstens einmal mit dem Motorrad zu bereisen. Auch er ist AWO – Treiber und klar ist, welche Karre ihn tragen soll.
Wieder zurück gibt er seinen Wunsch von einer „Norwegentour mit Freunden“ preis und alle sind Feuer und Flamme. Sein 60. naht und themenbezogene Geschenke werden besorgt. Danach ist er reichlichst bestückt mit allerlei nützlichen und motivierenden Gegenständen vom Emailletippel bis zur gestickten Norwegenflagge zum aufnähen. Daß es irgendwann los geht, ist nun so gut wie sicher. Sogar eine extra für die Tour gebaute Maschine ziert nun blitzend, mit starkem Motor und in Originaloptik seine Garage. Eigentlich muß nur der Kicker kräftig durchgetreten werden und ab geht die wilde Fahrt.
FFWD ( Wer kennt diese Taste vom Walkman noch? ) >> 1 1/2 Jahre
Die Idee ist gut gereift und aus den vielen Enthusiasten der ersten Stunde hat sich eine 5er Gruppe derer herauskristallisiert, die es auch IN ECHT wissen wollen und den Gedanken neben all dem Alltag konsequent in Taten umsetzen. Ausrüstung wird gekauft, probiert, für gut befunden und auf der ToDo – Liste abgehakt. Jeder hat schon diesen Spaß und die Vorfreude für sich. Ab und an machen Fragen die Runde und werden bestmöglich von den Nordreiseerfahrenen beantwortet. Ein fester Termin um Anfang September wird ausgegeben. Jetzt wirds spannend.
Ich habe nicht wirklich Zeit, eine ordnungsgemäße Vorbereitung in aller Ruhe zu bewerkstelligen. Zu viel Arbeit, andere Sorgen und Zwinglichkeiten füllen den Zeitraum bis zum Startschuß. „Auf dem Papier“ habe ich die Freigabe bekommen. Doch das Leben stellt Plänen gern Beine. So ist es spannend bis zum Schluß und ich wiedermal der ewige Wackelkandidat. Noch Mitte Juli, der Rest hat schon die Fähre gebucht, tendiere ich Richtung „bleiben“, da meine geliebte Frau gehandicapt ist und ich sie mit der Arbeit nicht alleine lassen will. Doch sie besteht darauf, daß ich mit fahre. Was für ein Privileg für einen verschrobenen alten Mann wie mich, eine so tolle Frau abbekommen zu haben. IMMER WIEDER! Ich lieb dich so! Arbeiten werden delegiert, im Rahmen des Möglichen vorher erledigt oder auf nachher verschoben. Lieben Dank hier auch an die anderen Familienmitglieder. Ihr seid die Größten!
Knapp 2 Wochen bevor der Countdown endet, liegt die Email mit der Buchungsnummer TFU 5263 im Postkasten und besiegelt damit den definitiven Mitreisewillen des Wackelkandidaten.
Mittwoch. Drei Tage bis Tourstart. In ECK wohlgemerkt ! Bis dahin sind neben der immer noch vorhandenen anderen täglichen Arbeit auch noch Öle zu wechseln, Ventile einzustellen, Socken, Kocher, Visa, Kamera und Lieblingsnickis zu suchen und zusammen zu packen, aber auch mal eben 650 km bis zum eigentlichen Startpunkt sozusagen als Einstimmung zurück zu legen. Steppi, unser Weitreiseexperte schwirrt seit Wochen im Osten (Tschechei, Polen, Baltikum) herum und nähert sich dem gemeinsamen Startpunkt von See her mit der Fähre von Klaipėda.
Der Tourplan ist einfach. Eigentlich gibt es nur drei feste Punkte.
Samstag: die Abendfähre gen Norge erwischen
Dienstag: Besuch der schönsten Kraftstasjon der Welt
Montag: Fähre zurück aufs Festland
Der große Rest wird frei ausgefüllt mit Fahren und dem, was sich unterwegs so ergibt oder was wir am Wegesrand finden.
Für die Allmächtige und mich beginnt die Tour Donnerstag. Einmal quer durch Deutschland. In Ecktown ankommen, einen Tag sammeln, Vorfreude, genießen und allerletzte Vorbereitungen. Die Option „zeitig in die Koje“, um für den nächsten langen Tourtag geraden Weges durch Dänemark gerüstet zu sein, hab ich innerlich bereits wieder von der Tafel gewischt. Irgendwas ist ja immer…
Also los! Tag -1 (soft opening)
Bis auf ein bisschen traffic jam um Berlin herum und ein brachiales Gewitter kurz nach dem Ortsausgangsschild der Hauptstadt, das ich größtenteils im Stau in einem Tunnel und Bocki futternd unter einem Tankstellendach ( also recht geschützt ) abwarte, gestaltet sich der lange Ritt in den Sonnenuntergang im positiven Sinne ereignisarm. Keine „Auffahrattentäter“ im Rückspiegel, dafür freundliche Trucker, die große Bögen um mich machen, damit ich die Gischt nicht voll abbekomme. Die Biene summt! Kurz vor Hamburg schaffe ich es zwar nicht mehr bis zur Tankstelle, aber der Reservekanister ist beruhigend zur Stelle.
Locus Maps verrät: Startzeit 11:11 Uhr , Fahrzeit 12h 12min. Daraus schließe ich die Ankunft 23:23 Uhr . Wenn das nichts für Zahlensymmetriefanatiker ist, dann weiß ich auch nicht 🙂 . Ein guter Schnitt allemal.
Die Ankunft am Holm 1 ist wie immer herzlich und der Willkommenswhisky bald serviert. Die weißen Laken müßen aber noch ein bisschen warten. Ganz ohne Schnack geht es natürlich nicht.

Tag 0
Sonne lacht, Blende 8. Raus aus den Federn! Aber wir lassen uns Zeit. Die Kunstfertigkeit, die wir beim in die Länge ziehen des Frühstücks an den Tag legen, verdient das Prädikat „urlaubsreif“. Ein paar Wege sind noch zu erledigen, doch im Groben soll es heute der Ausruhtag vor dem langen ersten echten Reisetag werden.
Soll…. Nachdem das Bereitmachen von Volkers Maschine länger gedauert hat, gönnen wir uns zwischendurch noch die Einkehr bei Glückstück zu den geilsten Pommes mit Currywurst seit Jahren und der Tag schreitet doch schneller voran als gedacht. Quasi im vorbei gehen wird an Steppis Karre noch was geschweißt.
Eigentlich (schon wieder dieses unsägliche Wort) kann ja jetzt nichts mehr schief gehen. Wir vergeben schon übermütig und euphorisch Namen wie z.B. „Königin“ für Andre’s Schmuckstück. Irgendwann hat aber jemand die Idee mit der Königin nochmal Probe zu fahren…. und kommt zurück mit hängenden Ohren und den Worten: „Damit werden wir die Tour nicht schaffen, die geht ja gar nicht richtig „. Die Euphorie leidet ab jetzt zugegebenermaßen spürbar.
Es folgen verschiedenste, leider erfolglose Einstellfahrten inklusive eines ebenso fragwürdigen wie verzweifelten Versuchs bei Nacht, am Straßenrand mit 2 Handyfunzeln bewaffnet doch noch die richtige Nadelstellung und Düsengröße zu finden. Doch es hilft alles nichts. Was nun? Die Nerven liegen blank, aber alle reißen sich zusammen. Legt die Fähre morgen Abend ohne uns ab?
Innerlich hab ich für mich beschlossen, ohne Andre‘ diese Reise nicht anzutreten.
Was ist eigentlich mit der Ratte, die hinten im Verhau steht? Bratstyle, aus vorhandenen Teilen zusammen gesteckt, wunderschön, gerade frisch regenerierter Originalmotor, vor kurzem TÜV bekommen und zugelassen. Jedoch hatte der Erbauer eher coole Kurztrips zur Eisdiele im Sinn, als straffe 3000km Touren. Nicht mehr als 5 km ist der Motor bisher gelaufen. Egal. Die Königin wird an den Rand geschoben, die Ratte hervor gezogen. Blicke machen die Runde. Wird das gut gehen?
Ein paar Einstellfahrten um Mitternacht volle Hemme durch Wohngebiete (wir sind einfach zu müde, um Rücksicht zu nehmen) später haben wir eine neue Kandidatin. Diese hatte sich zwar nie um den Job beworben, aber manchmal wird man auch Erster, indem man nicht bemerkt, wie die anderen sich heimlich hinten anstellen.
Alle sind sichtlich erleichtert, jedoch so groggy, daß echter Freudentaumel kaum noch wahrnehmbar ist. Morgens halb 2, das Gepäcksystem ist umgebaut und alle sonstigen Arbeiten erledigt, sinken wir in ohnmächtigen Schlaf.
Tag 1 (grand opening)
Trotz Übermüdung schälen wir uns aus den Kissen. Ein wunderbar sonniger Morgen mit viel Tau. Allerletzte Erledigungen auf Andre’s Seite. Wir frühstücken und werden uns langsam bewußt, daß es jeden Moment wirklich los geht. Ein paar Stunden zuvor waren wir fast bewußtlos ob der Tatsache, daß die extra dafür bestellte und gebaute Maschine nicht geeignet ist. „Ich brauche keine Rakete, aber sie soll mich ohne Ausfall nach Norwegen und zurück bringen !“ So war der Auftrag.
Nun steht die Ratte in voller Pracht, geziert von einem Haufen Gepäck und dem Schaffell fürs alsbald geschundene Gesäß, neben den anderen voll aufgerödelten Maschinen und die Gemüter schweben zwischen Unglaube und Begeisterung. So einen Tross hat das Eckotel noch selten gesehen.
Die Bande:
Andre‘ und die Königin Ratte: Tourmaster. Seine Idee, sein Wunsch. Sein Wille geschehe! Obendrein ist er einer von den Guten. Jetzt Reiter der coolsten Karre im AWO – Quartett.
Volker und die Laute: Von Anfang an Feuer und Flamme für die Reise gen Norden. Sitzefleisch und den coolsten Klang (persönl. Meinung d. Autors)
Steppi und sein Weitreisekrad: Hulk Hogan Bart. Weiß manchmal nicht, ob er seine Dämonen jagd, oder andersrum. Versierter Schrauber. Standhafte Maschine, die schon am meisten von der Welt gesehen hat.
Oli und sein T4 : Hüter der Kühlbox, der Werkzeuge und vieler Komfortgegenstände wie Grill und Vorzelt samt Campingausrüstung. Hält uns den Rücken frei.
Bernde und die Allmächtige: Helm nicht stilecht, Gepäcksystem nicht stilecht und zu neu, unrasiert und Zauselfrisur. Eine standfeste Trinkerin als Untersatz. Unzertrennlich und immer bereit, bei Bedarf noch einen Megaschlafsack mehr zu verstauen.
Klar! Ferdig! Gå! Ready! Steady! Go! Auf der Plätze! Fertig! Los!
…oder auch nicht. Nach der Verabschiedung rollen alle knatternd und fröhlich hupend vom Hof. Ich ernte Gelächter, weil mir als Einzigem das Gespann verreckt ist. Seis drum. Mach ich halt fehlendes Können mit Wahnsinn wett 😉 .
Raus aus Eckernförde und den Kompass nach Norden ausgerichtet. Samstag, ein Brückentag? Für uns ja. Denn wir überbrücken heute Dänemark im Tiefflug und auf einen Ruck, um so viele Tage wie möglich in Norwegen zur Verfügung zu haben. Alle 100 Kilometer wird ein Päuschen gemacht, alle 200 getankt. Das ist ein guter Rhytmus, der für alle anwesenden Hintern und Tanks passt. Zwischendurch gibts wieder die dänischen Leckerlies (Kanelsnegle) und Kaffee. Das Gespann ist am langsamsten, fährt also vorn. Mit jeder Pause entspannt sich die Stimmung. Yeah, wir sind hier und jetzt unterwegs und selbst die Ratte läuft zuverlässig und mit jedem Kilometer immer besser.
Man hat ja Zeit, während man so halb im Autopilot nordwärts treibt. Ich denke mir einen schönen Tournamen aus und entscheide ganz undemokratisch, daß LeavingECK’n’back gut klingt. Gesetzt!
Zwischendurch werden die Augenlider schon mal schwer. Die Monotonie, wenn es hunderte Kilometer geradeaus geht, ist nicht weg zu diskutieren. Ein wenig sorgen wir uns wegen Andre’s linksbündiger Fahrweise. Hier auf der Autobahn ist zwar kein Gegenverkehr zu erwarten aber die Gefahr, von einem LKW an- und aufgesaugt zu werden ist real.
An der Tankstelle einigen wir uns auf das „Einer für alle, alle für einen – Prinzip“. Reihum ist jeder mal dran. Ich werde mich bemühen, beim Bezahlen etwas Vorsprung zu haben, da mein Verbrauch mit um die 6 l/100 km im Vergleich zu den anderen hervorsticht.
Der letzte Kreisverkehr vor dem Fährterminal kommt in Sicht. Inklusive aller Pausen, Tankstopps, Fotosessions und dem Einchecken zur Fähre sind wir 10 1/2h unterwegs heute.
„Ich zeig euch ne Stelle, die kennt ihr noch nicht!“ Mich beschleicht das Gefühl, dieser Satz wird auf Tour noch des Öfteren zutreffen. Abgespannt, aber in freudiger Erwartung biegt die Truppe auf den Strand ein. Das Grinsen geht einfach nicht weg. Wie an dem Tag, als wir zum ersten Mal dort standen.

Wann bekommt man auch schon mal die Möglichkeit, mit seinem Alteisen am Strand entlang zu jagen? Euphorisiert drehe ich ein paar Donuts, bevor wir zum Foto zusammen kommen. Was für ein schöner Augenblick. Wir, hier, zusammen, alle Maschinen heil, Kaiserwetter. Nachdem der gestrige Tag in der Nacht zum Heute mit so vielen Fragezeichen endete, setzt nun die Seeluft und die wärmende Abendsonne endlich die ersehnten Ausrufezeichen.
Bis zum Check-in bei der Colorline bleibt genügend Zeit zum genießen und 2 der Maschinen auf den Trailer zu laden. So kommen wir etwas günstiger über die Nordsee.



Reibungslos passieren wir die Kontrolle und werden freundlich eingewiesen. Die Emaillebecher klingen. Auf eine schöne Reise!
Alteisen zieht Menschen an. So wird die Zeit bis zum bording sinnvoll mit Unterhaltungen ausgefüllt. Die Fähre legt an, der Bauch öffnet sich und bald sind wir zwischen wuselnden Fahrradfahrern dabei, die AWO’s zu verzurren. Hoch aufs Passagierdeck. Wir futtern was und bald sucht sich jeder eine ruhige Ecke für eine Mütze voll Schlaf. Nächster Halt Kristiansand 🇳🇴.
Der Tag auf der LoMaps Karte oder als Relive Video.
Nach Mitternacht, die Fähre hat uns wohl behalten übergesetzt, schlängeln wir uns hinter Steppi, der über den Campingplatzfinder gebietet, durch die dunklen Gassen gen Bootshafen. Dort wartet „Roligheden Camping“. Die Rezeption ist 24h besetzt und es gibt für uns einen schönen Platz auf der Wiese unter einem großen Baum. Nun gilt es nur noch, die Zelte hinzuwerfen und in Vorausschau auf den Morgen die vor Regen zu schützenden Dinge ins Trockene zu bringen. Schlaft gut.
Tag 2
God morgen Norge! Grau und feucht schiebt sich der beginnende Tag durch den geöffneten Schlitz der Apside. Die Nacht war ruhig. Oli hat in Sichtweite im Bulli auf dem Vorplatz genächtigt und kommt so am günstigsten weg. In den Nachbarzelten raschelt und rührt sich noch nichts. Die beste Zeit um Toiletten und Sanitärräume auszukundschaften. Alles ist modern, praktisch und blank geputzt. Die Reinemachfrau begegnet mir schon mit fröhlichem Hei, Hei auf dem Weg. Sie schafft den Grundstock für einen angenehmen Aufenthalt hier. Gegen das DANEBEN benehmen (im wörtlichsten Sinn) mancher Menschen kann sie nur schwer ankämpfen. Viele sind schier mit ihren eigenen Körperfunktionen überfordert, wie ich eine halbe Stunde später beim großen Toilettenbesuch feststellen muß.
WER WILL KAFFEE?
Unter dem weit ausladenden Baum, dessen dichtes Blätterdach uns vor dem Niesel schützt, steht eine Bank. Hier können wir frühstücken. Jeder hat was beizutragen. Von Gastroverpackungen für Marmelade , sponsored by Eckotel H1 , bis zu extra geholtem Spezialkaffee als Gaumenschmeichler für den geneigten Trinker müßen wir wahrlich nicht darben. Andre‘ bringt den Kaffeedrachen, einen chinesischen Lizenzbau des Coleman Benzinkochers mit Bialetti obenauf, in Stellung. Ein solcher Name will verdient sein. Sein fauchen und Flammen spucken macht einem Drachen jedoch alle Ehre. Die Technik funktioniert und so ist der feine Mokka bald fertig.
Während der Mahlzeit diskutieren wir den heutigen Weg zu noch unsicherem Ziel. Bald schwebt Lysebotn als Favorit im Raum und wir entscheiden trotz kurzem Schwankens ob des angesagten Wetters, dort fahren wir heute hin. Gedacht, gemacht! Bald ist alles verstaut. Jeder hilft jedem und langsam beginnt sich eine Packordnung einzuschleichen. Utensilien werden an anderen, sinnvoller erscheinenden Stellen am Fahrzeug untergebracht. Großer Lehrmeister ist hier unser Steppi, der schon über viele Jahre seine Langstreckenpackordnung perfektioniert hat und bei dem ich Mäuschen spiele. Noch schnell die Route mit Oli und Steppi geteilt (falls man sich verliert) und das Ölzeug drübergestreift. Die Schranke geht hoch und wir tuckern los in den grauen Nieseltag, mit Frohsinn im Gemüt. Ich als hoffentlich nicht zu lahme Ente voran, mein altes Handy hat noch nicht mal richtig die korrekte Spur angepeilt, fahre natürlich prompt falsch. Steppi übernimmt durch Kristiansand. Irgendwann hat sich auch meine Technik überlegt, mitzuspielen. Wir pegeln uns bei angenehmer Geschwindigkeit ein und lassen die Landschaft auf uns wirken. Steppi ist angestrengt, muß er doch als Voraus und schnellster im Bunde ständig acht geben, nicht zu flott unterwegs zu sein. Irgendwann übernehme ich wieder. Im Wissen, wie fordernd es ist, ständig im Rückspiegel den Rest des Haufens im Blick zu behalten wechseln wir uns wieder ab. Mich strengt das nicht ganz so an, denn ich hab Vorteile 😉 . 1. Stützrad, 2. langsam.

So schlängeln wir uns durchs Setesdal hinauf, mehr oder weniger am Fluß Otra entlang. Am Syrtveitsvossen, wo das Wasser durch eine Einengung muß und es deshalb besonders eilig hat, gibts die erste Kaffeepause. Bis das Wasser kocht, besichtigen wir den Steindamm, der den Fluten „im Wege“ steht. Ich bin etwas unentspannt, weil ich Termine, die zu Hause aktuell werden noch absagen und umdatieren muß. Aber selber dran Schuld. Kopf wie Sieb. Eine Büchse Nüsse mit Cranberries wird geext und freundliche Wohnmobilisten schieben uns ein paar Kekse zu, die wir gerne mampfen.
Aufgesessen!
Wenn es Möglichkeiten der Straßenwahl gibt, entscheiden wir uns in aller Regel für die interessanter erscheinenden kleinen Wege. In Byglandsfjord nehmen wir deshalb im Kreisverkehr die 2. Ausfahrt und wählen die linke Seite. Kilometerlang zieht sich die Nr. 3 mal am Ufer, mal etwas eingerückt am gleichnamigen Gewässer entlang. Muß ich erwähnen, daß die Landschaft malerisch, die fast senkrecht aus dem Boden ragenden, mehrere hundert Meter hohe Granitklumpen gigantisch und die Ausblicke über die grünen Wiesen reizvoll sind? Die grauen Wolken behalten ihre Last bei sich und so macht das fahren Spaß. Die Gruppe fährt aus meiner Sicht bis auf kurze „irre Iwane“ (plötzlich auftretende, unvorhersehbare Ausreißer vom Durchschnitt) harmonisch. Kurz vor Valle, wenn man den Straßenschildern (via Ferrata) in der Umgebung glaubt, ist diese Gegend ein guter Ausgangspunkt für allerlei anspruchsvolles Klettern und Bergwandern, steuern wir eine Tankstelle an. Bevor es für uns richtig in die Berge geht, füllen alle ihre Benzinvorräte nochmal auf. Obendrein gibts Kaffee. Viel Milch und Zucker bitte für mich. Danke! Jetzt ist es an der Zeit, dem Gespann den kürzer übersetzten Beiwagenkardan einzubauen. Mehr Kraft, weniger Speed. Es ist Sonntag, wir sitzen auf dem Präsentierteller und allerlei Schaulustige können live der Schraubaktion beiwohnen. Ein paar MC Mitglieder aus Oslo gucken interessiert zu. Um mich herum sieht es ein wenig chaotisch aus, aber ich glaube nicht, daß mich jemand deshalb auslacht, obwohl einige ungläubige Blicke den Besitzer wechseln. Ölige Finger hin oder her, nach knapp einer halben Stunde ist die Allmächtige wieder auf allen Rädern und kampfbereit. Gar nicht mal so langsam.
Guten Mutes schwingen sich alle wieder auf die Rösser. Die nächste Abfahrt links. Und dann geht es hinauf. Unmittelbar setzen Glücksgefühle ein, weil der Kardan genau an der richtigen Stelle gewechselt wurde. Steil sticht die Straße in die Berge hinein. Innerhalb weniger Kilometer klettern wir von 250 m.ü.N.N. auf um die 1000. Immer grauer wird der Himmel und bald setzt Regen ein. YR.no hat nicht geschwindelt. Für mich hat diese zerfurchte, von Seen durchzogene Landschaft immer was Mystisches. Das Wetter verstärkt diesen Eindruck nur. Durch das halb angelaufene Visier werden die Regentropfen im Gegenlicht der vorbei fahrenden Autos zu glitzernden Sternen. Klar ist es frisch, wir beginnen zu triefen, Ja, es gibt andere Wetter, bei denen man seine Karre bewegen könnte. Da gibt es nichts zu beschönigen, wenn auch eine positive Einstellung es vermag, die Unternehmung nicht schon am Anfang zur Katastrophe werden zu lassen. Und so sind wir drauf. Dem Regen trotzend, ab und an schnellere Wagen passieren lassend, tuckern wir tapfer voran. An einem Aussichtspunkt mit Toiletten und Infotafeln zur Umgebung machen wir nochmal eine kurze Pause. Die Wolken ziehen dicht über unsere Köpfe hinweg und ich lieb es immer noch. Umso schöner, daß auch aus den anderen Helmen wenigstens kleine Lachfalten zu sehen sind :-).
Steppe ist immer mal verschwunden, macht seine wunderbaren Fotos. Ab und an auch mal von uns näßesten Awofahrern des Tages auf dieser Straße.
Sind wir bald da?
Aus dem Vorhang aus Bindfäden rückt sich Fels für Fels ins Sichtfeld. Die polnischen GS – Reiterinnen, die uns zu Anfang überholt hatten, kommen uns nun schon, wieder winkend entgegen. Øygardsstølen, zu deutsch Adlernest, krallt sich gewagt überhängend an die fast lotrechten Felswände der Lysefjordschlucht. Das Panoramarestaurant bietet sich als Startpunkt für Wanderungen ins umliegende Fjellgebiet und zum Kjeragbolten, einen runden Stein, der in schwindelerregender Höhe über dem Fjord in einer Felsspalte klemmt, an. Die bis zu 1000m hohen Steilwände sind auch Mekka für Basejumper (die verrückten Typen im Batmankostüm) und Paraglider. Wir nutzen den Parkplatz heute nur, um uns wieder zu sammeln und gemeinsam die letzten Kilometer zu meistern. 800 Höhenmeter tiefer liegt unser Tagesziel, heute unsichtbar im Nebel. Ein Parkplatzwächter erklärt uns noch, wo wir mit unseren Motorrädern frei parken können, falls wir länger bleiben wollen und erlaubt auch dem Bulli , wenn er zu uns gehört, sich dort mit hinstellen zu dürfen. „Wir danken und kommen morgen darauf zurück“. Auf den nächsten Kilometern ist nicht Antriebskraft sondern Bremskraft gefordert! Vorsichtig und mit jedem gemeisterten Höhenmeter immer zuversichtlicher, auch heil unten anzukommen, schlängeln wir uns durch die Serpentinen in Richtung Lysebotn. Das ist hier schon für Erwachsene, besonders in strömendem Regen und bei Gegenverkehr. Vor Jahren haben wir diese Strecke einmal zu Fuß, mit 25kg Rucksäcken beladen und bergan bewältigt. Erinnerungen wie diese werden hier wieder wach. Erinnerungen auch an das nasskalte, von Abgasen stinkende Tunnel mit einer Spitzkehre in der Mitte und an das Gefühl, die Welt um einen herum wird still. Ein paar mal Schlucken und das Rauschen der Gischt unter den Reifen, die quietschenden Bremsen und die blubbernden Auspuffe sind wieder da.
Angekommen (die Bremstrommeln dampfen und schnuppern „gut“ 😉 )!
Check in an der Rezeption von Olafs Pub mit angeschlossenem Hütten-, Zelt- und Caravancampingplatz. Der Barkeeper ist schwer genervt wegen eines betrunkenen Gastes, weswegen er uns recht kühl empfängt und bedient.
One Campervan, three tents, 5 persons, one night, no electricity. 1150 NOK! Zack!
Na dann, wieder zurück in den Regen. Volker und Oli bauen das Bulli-Vorzelt auf, wir unsere restlichen Behausungen. Alle beeilen sich bei dieser Wetterlage. Die Idee, mein Tarp aufzuhängen, um darunter in Ruhe und im Trocknen mein Zelt hinzustellen, kommt mir erst DANACH. Seis drum. Jedenfalls ist ein „inner first“ – Zelt nur bedingt für den Aufbau an Regentagen geeignet. Ich wußte um die Nachteile theoretisch schon vorher, jetzt glaub ichs auch durch eigenen (Fehl-) Versuch. Nachdem alle ihre Utensilien in Sicherheit gebracht haben, wird der Grill gezündet. Im Vorzelt des T4 ist es windgeschützt und recht gemütlich. Der neue Grill geht „wie Sau“ und bald ist die Horst-Bratwurst (nach Horst, dem Erfinder des Rezepts benannt“) genußfertig. Zum Rest steuert jeder wieder was aus den mitgebrachten Reserven bei. Oli gibt noch einen Highlandpark 12 dazu. So lassen wir bei nachlassendem Regen diesen anstrengend schönen Tag Revue passieren und ausklingen.
Unsere Route heute:
Tag 3
Den trüben, wolkenverhangenen Morgen beschließen wir schon am Abend, zu verpassen. Bettschwere hatte nach den fordernden Kilometern eh jeder genug mitgebracht, und so beschränkt sich das zeitige Verlassen der kuscheligen Koje nur auf den Toilettengang und auch nur, wenn er dringend nötig ist. Mit ganz viel positivem Wohlwollen kann man beim Blick auf den morgendlichen Fjord, dort wo die Watte noch den Preikestolen versteckt einen kleinen Flecken Hoffnung in Form von blauem Himmel erkennen. Mal gucken aber zuerst, wieder ab in den warmen Schlafsack.
Langsam pellen sich alle ins Freie. Kein Regen mehr. Das ist gut. Wir lassen es geplant langsam angehen, quatschen gemütlich bei Kaffee, Müsli und Marmeladenschnitte. Das klingt jetzt ein bisschen arm. Wir lassen es uns richtig gut gehen bei Kaffee, Müsli, Marmeladenschnitte, Rührei und gebratenem Speck. Speichelfluß beim hinein riechen in Olis Bulliküche ist garantiert!
Und es klart tatsächlich auf. Langsam lecken die warmen Sonnenstrahlen schon die Wolken von den südlichen Hängen des Nordufers. Der Zeltplatz liegt noch lange im Schatten. Kaum Chancen, die klitschenassen Zelte trocken zu bekommen, bevor wir starten. Bald ist alles verschnürt. Wir stehen noch einer spanischen Familie Rede und Antwort oder besser Hand und Fuß. Inklusive Bilder machen mit uns und den Maschinen. Den Zeltplatz verlassen wir in falscher Richtung. Klar gibts noch Fotos am Fähranleger. Und Eis für alle, denn dort vorn ist nämlich Sommer.
Aus dem Tal führt auf eigener Achse nur der Lyseveien. Die theoretisch bestehende Wassertaxioption im Gegenwert eines Mallorcakurzurlaubs für eine kleine Familie haben wir aus Gründen abgewählt. Also dann, nächster Halt Adlernest. Wacker kraxeln die Maschinen bergan. Vorausschauendes Fahren ist hier geboten. Dann klappt es auch mit dem Gegenverkehr. Wie wir feststellen müßen ist es leichter, an mehreren Viehtransport-LKWs vorbei zu kommen, als an einem deutschen Wohnmobil. Man kann ja ungeübt sein, aber dann sollte man auf einer der anspruchsvollsten Straßen Norwegens nicht verkrampft das Lenkrad halten, gleichzeitig die Augen zu machen und trotzdem drauf halten und das Bremsen vergessen. So kommen Unfälle zustande, und der schlechte Ruf der Touris. Ich kann nun mal den Beiwagen nicht wegzaubern und nehme fast soviel Platz ein, wie ein Auto. Naja.
Als wir oben ankommen, empfängt uns Kaiserwetter wie aus dem Bilderbuch. Wir parken frei, das Aufkommen an Menschen ist sehr angenehm. Alle strömen aus und bewundern die Landschaft. „Von da unten kommen wir? Wahnsinn!“ Ich frage eine Bedienung, die vor der Eingangstür rauchend ein Päuschen eingelegt hat, ob ich meinen Sticker hinterlassen darf. „Sure!“ lautet die knappe, wie freundliche Antwort.
An Andre’s Maschine wird noch mal das Ventilspiel kontrolliert und korrigiert, bevor wir wieder durchstarten. Es scheint, als ob wir eine komplett andere Strecken befahren würden. Der Unterschied zu gestern könnte kaum größer sein und das Staunen will uns nicht aus den Gesichtern. Plötzlich springen uns Farben und Kontraste an, die wir in der grauen Suppe des Vortages nicht mal erahnen konnten. Die Stimmung ist euphorisch, fröhlich. Auch erlauben die abgetrockneten Straßen den Solomaschinen forschere Fahrweise, was natürlich Spaß macht und so wedeln wir beschwingt um die Kurven.
Oli hatte gestern einen schönen Platz zum Rasten gefunden, der heute natürlich tausendmal einladender ist. Wenn man schon mal da ist. Hier entstehen für den geneigten AWO-Treiber grandiose Bilder.
Leider hat mich gerade heute Morgen meine kleine, geliebte Kamera vermutlich mit Wasserschaden im Stich gelassen. Mit dem Telefon kann die Szenerie nur selten schön eingefangen werden. Schade. Trotzdem entstehen wohl einmalige Bilder. Sogar vorbei fahrende Autos und Wohnmobile halten ihre Handtelefone aus den Fenstern und/oder winken uns fröhlich zu. Für dieses Stilleben in Alteisen gäbe es wohl einige „das mag ich“ auf geeigneten Plattformen. Eigentlich könnten wir gleich hier sitzen bleiben. Zündschlüssel raus, Grill raus, Whisky raus.
Doch wir haben uns auf den südlichsten Punkt des Landes eingeschossen. Und gefühlt fahren wir auch fast die ganze Zeit bergab. „Unten“ wird ja gerne, geografisch inkorrekt, als Synonym für Süden benutzt. Also fahren wir runter 😉 . Viele Varianten gibt es nicht, also biegen wir in Suleskard rechts Richtung Tonstad ab.
Dort tanken wir gemeinschaftlich. Danach „überfällt“ ein Teil der Gang den Tante Emma-Laden, der andere die Bäckerei schräg über die Straße. Die Mitnimmsel werden verstaut, der erbeutete Kaffee und die lecker-süßen Teilchen gleich aufgefuttert. Macht ganz schön Appetit so eine Tour. Noch hat die Nachmittagssonne Kraft und wärmt uns gut durch. Genauso wie sie meine nassen Socken und das Handtuch, was oben unter dem Gepäcknetz klemmt, trocknet. Weiter gen Süden zieht sich die Straße wunderbar durch spätsommerlich leuchtende Landschaft einige Kilometer am Ostufer des Sirdalsvatn entlang. Grob peilen wir Lyngdal an. Hier ist die Gegend dichter besiedelt. Ein wenig abgespannt müßen wir gut aufpassen, wo es lang geht. Eine Situation ist etwas haarig und sorgt für Kopfschütteln, als ich die Abfahrt zu spät erkenne, um die richtige Spur noch zu erwischen. Ich zeige zwar noch fuchtelnd nach links, muß aber selber geradeaus weiter ziehen. Die Bremsmanöver der anderen sorgen für knappe Abstände und zusammengebissene Zähne. Das tut mir leid!
Schließlich gibt’s sogar noch eine kleine „off road“ Passage. Auf den ersten Blick taugt der Weg, um mit dem groben Stollenprofil etwas Spaß zu haben, jedoch bescheinigen mir alle Nichtstützradfahrer, daß es nicht wirklich lustig, weil sehr rutschig ist.
Wir erreichen Kap Lindesnes, als die Sonne schon tief steht. Ein paar Camper stehen hier noch herum, ansonsten ist das Areal verwaist. Trotzdem steigen wir die Treppen zum Lindesnes fyr, dem Leuchtfeuer des südlichsten Punktes in Norwegen, hinauf. War ja ein kleiner Umweg von Kristiansand über Lysebotn hierher, ein schöner aber dennoch. Die Abendsonne wärmt Gesichter und Gemüter und auch wenn die eine oder andere Hinterbacke vielleicht schon lange Feierabend angemahnt hat, sind wir alle froh, zusammen hier stehen und genießen zu können. Bisher rollen alle alten Fahrzeuge wider anfänglichen Erwartens ohne Fehl und Tadel. Erinnerungsfotos werden geschossen und ein wenig das Felsplateau erkundet.
Je weiter der Blick, desto freier das Herz! Nur noch 2518 km bis zum Nordkap. Insgeheim denke ich an meine Fahrt 2012 dort hinauf und auch an meinen Kumpel Simon, der schon zweimal von genau hier startend das gesamte Land der Länge nach durchwandern durfte. Und ja, schuldig, ich mach den Kletteraffen und haue meinen Sticker an das hohe Schild. Es ist mir eine Ehre!
Keine 5km wieder die Straße hinauf wartet Lindesnes Camping. Die Rezeption ist schon geschlossen, ein Telefonat später jedoch ist klar, wir dürfen bleiben. Die Saison geht zu Ende und so haben wir freie Platzwahl, auch hier bei überschaubarer Anzahl an Nachbarn. Die Sonne ist mittlerweile im Meer versunken. Der Plan, die Zelte etwas trocken zu bekommen geht also heute wohl nicht mehr auf. Aber es soll kein weiterer Niederschlag hinzu kommen und so stört es nicht großartig. Nach dem alle Behausungen aufgespannt sind, finden wir uns am Sozialgebäude zum Abendbrot ein. Heute koche ich. Doch nicht nur für uns 5. Jede Menge Mücken haben sich ebenfalls und pünktlich zum Mahl eingefunden. Ein bisschen belächelt werde ich (noch) für meine Tütensuppenkocherei. Die Herren sind besseres gewohnt und skeptisch. Es gibt sogar Auswahl. Lapskaus, Curry, Chicken Tikka Masalla, Pulled Pork. Dazu Tee, Finn Crisp mit Butter und geistiges aus Schottland und Islay aus dem Beiwagen-Whisky Keller. Das ist Tütensuppenküche auf Sterneniveau. Real turmat halt. Das Beste! Lecker, natürlich und nahrhaft. Billig aber nicht. Dem gefräßigen Schweigen entnehme ich Schmackhaftigkeit. Das wird mir auch bestätigt. Andre‘ war mit der Menge noch etwas unzufrieden. Dann merken wir an, daß er erst die Hälfte gegessen hat :-). Satt und zufrieden werden alle, selbst die ungebetenen Gäste. In so geselliger Runde gehen die Whiskyreserven schneller zur Neige.
Wir sollten ein wenig einteilen. Mal schnell im Supermarkt noch ne Buddel holen ist nicht. Vinmonopolet heißt das Zauberwort. Diese Geschäfte sind aber spärlich gesät, der Kurs ist heftig und die Öffnungszeiten kurz. Aber wir sind ja auch nicht zum saufen hier. Bis alle standesgemäß zerstochen sind, dauert es ein Weilchen, aber bald ringelt sich die Bande, jeder in seinem Kokon zusammen. Gute Nacht.
Tag 4
Heut haben wir ein Ziel. Jørpeland. Deshalb lassen wir uns auch nicht ganz so viel Zeit, um fix los zu kommen. Laut geplanter Route sollen es über 230 km sein. Steppe, Oli & ich tauschen sich die Tagesstrecke via LocusMaps aus. So hat jeder die Gewissheit, nach unverhofftem Stopp wieder auf die anderen zu treffen. Und es funktioniert. Unser heutiger Weg besteht aus zurück fahren auf dem selben Weg, weiter fahren auf bekanntem Weg und abbiegen in unerforschtes Terrain.
Zum Käffchen ist es recht frisch aber der Himmel zwar jetzt noch dick zugehangen, läßt jedoch keinen Regen fallen. So kommen wir im gemütlichen Aufenthaltsraum zusammen. Während der Kaffeedrache liefert, fahren wir in Gedanken schon mal in den heutigen Reisetag hinein. Lyngdal, Flekkefjord, Hauge, Stavanger. Tolle Gegend, ausgenommen der Großraum Sandnes/ Stavanger. Auch schön, aber dicht bebaut, dicht besiedelt, dichter Verkehr. Großstadt halt. Aber da müßen wir durch. Da sich die Gegend zuvor mit pittoresken Städtchen und sich wild durch grandiose Fels- und Fjordlandschaft windende, kleine Straßen aber mehr als sehen lassen kann, wird dies mit Sicherheit nicht der ödeste Tag werden. Ich freue mich am meisten auf den Aussichtspunkt oberhalb des Jøssingfjords und darauf, Oliver wiederzusehen.
Wir hatten schon Monate zuvor unser Vorhaben besprochen. Ich hab ihm versichert, daß ich keine „Rabauken“ im Schlepptau habe und daß wir in Frieden kommen 🙂 . Nun ist alles organsiert und die ganze Truppe freut sich auf dieses schöne, für die meisten noch als Überraschung verpackte Reiseziel. Obendrein hat er mir beim letzten Gespräch angeboten, auch dort nächtigen zu dürfen. Der Zeltplatz in der Nähe wäre für uns auch top gewesen, aber dieses Angebot setzt der Sahne noch die Kirsche auf.
Die Handgriffe beim Abbau der Zeltstadt sitzen von Mal zu Mal besser. So sind unsere Viertaktmulis bald wieder aufgesattelt und die Karawane startbereit. Noch schnell Öl geguckt und aufgefüllt. Gegen 9 hatte ich mich mit dem Platzwart zur Begleichung der Miete verabredet. Perfekt. Auf die Minute genau sind wir wieder schuldenfrei und es kann los gehen. Jeder bekommt noch einen „Lindesnes, ick war da jewesen“ – Anstecker spendiert. Sogar unser Wanderpokal, der Jammerlappen trägt ihn stolz am Polyesterplüsch. Eigentlich soll er auf der Karre desjenigen mitfahren, der rum jammert ( Hintern tut weh, Rücken tut weh, Heimweh, Fernweh, zu warm, zu kalt, zu schön… 😉 ), aber bisher hat ihn sich im positiven Sinne noch keiner „verdient“. Und so fährt er als Glücksbringer sicher in Andre’s Jackentasche mit.
Es ist Wochentag, es ist recht viel Morgenverkehr und einige Wohnmobile dümpeln auch noch vor uns her. Zu schnell, um überholt zu werden. Zu breit, um etwas von der vor uns liegenden Landschaft einfangen zu können. Gut vorstellbar, daß das den Einheimischen, die morgens auf Arbeit müßen auf den Geist geht. Bald biegen wir ab und es wird ruhig. Fast schon zu ruhig. Der Grund offenbart sich bald. Es ist wieder die Wald- und Schotterstrecke. Ohje. Aber, wenigstens kein Verkehr. Tatsächlich ist es eine super kurze Verbindung in die Richtung, in die wir streben. Aber bekanntlich haben Abkürzungen ja IMMER irgendeinen Haken.
Bald ist die Schlitterpartie glücklich überstanden und wir haben wieder Asphalt unter den Reifen. Obwohl die umzingelnden Berge nur um die 300m ü.N.N. aufragen, ist die Szenerie besonders für die noch nicht hier gewesenen beeindruckend. Saftig sattes Grün in den Tälern und bis an die schroffen Hänge heran. Wiesen, Weiden und kleinstrukturierte Landwirtschaft. Seit wir gestartet sind, zieht der Himmel mehr und mehr auf, die Sonne wärmt und die Luft ist klar und frisch. Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Reisetag. Den Bewohnern Flekkefjords ist so ein Haufen Alteisen wohl auch noch nicht so oft untergekommen. Einige Blicke vom Bürgersteig her zieht unser Trupp schon an. Unsere dagegen laben sich an den flach aufs Wasser gebauten, weiß getünchten Holzhäusern, die faszinierende Umgebung und die uns hindurch tragenden, schön gewundenen Sträßchen im Auf und Ab der schnell wechselnden Höhenlinien. Hier waren wir schon mal . Mit dem LKW war diese Strecke natürlich um ein Vielfaches anspruchsvoller zu fahren.
Und wieder gehts vom Meeresspiegel steil hinauf, durch vom Inlandeis zerschundene, abgeschliffene & kahl gefegte Felsformationen. Teils gewagt schmiegt sich die Straße an Felsen und stürzt in Serpentinen zu Tal, um gleich wieder, scheinbar am letzten Grad des Hangs klebend hinaufzuklettern. Steppi ist voraus gefahren und macht spektakuläre Fotos, wie wir uns um die Kurven mühen und die Maschinen bergan treiben.
Besonders ist der erwähnte Aussichtspunkt mit Blick hinab in den Jøssingfjord. Haben Mensch und Maschine erstmal den Aufstieg gepackt, so entlohnt das Panorama. Der für deutsche Verhältnisse lächerliche Absperrdraht reicht ganz offensichtlich den Norwegern aus, um den potentiell möglichen hunderte Meter tiefen Sturz adäquat abzusichern. Klar, sie können ja nicht das gesamte Land einzäunen. Vorsicht und Mitdenken ist gefragt und wird mit feiner Kulisse belohnt. Auf der Westseite thront das Hauptgebäude der größten Titanmine Europas. Unrühmlich, bitterer Beigeschmack der Aussicht, wurden doch hier vor einigen Jahrzehnten giftige Abprodukte einfach in den Fjord geleitet. Es gab stark erhöhte Krankheitsraten unter der Bevölkerung und große Schädigungen der Tier- und Pflanzenwelt. Es war einer der ersten aufgedeckten Umweltskandale Norwegens.
Nach soviel Auf und Ab genehmigen wir uns in Hauge an der Tankstelle ein längeres Päuschen. Sprit für die Ladies, Kaffee, Ostepølse und Süßigkeiten für die Herren. Die Kaffeemaschine ist kaputt und so brauchen wir 3 Anläufe, bis das begehrte Heißgetränk zubereitet ist.
Weiter! Zurück! Weiter! Jaja, ich hab die Abbiegung verpasst und wir müßen zurück. Die Schelte hält sich in Grenzen. Oli hat es am schwersten beim umkehren, ist aber ein geübter Fahrer und so ist das alles kein Problem.
Die Landschaft wird milder und grüner. Interessanter auch, wenn man mit dem Auge des Bauern schaut. Nicht mal über das Wetter kann man meckern und die Kilometer gleiten unter unseren Reifen dahin. Bald kreuzen wir die E42. Danach trägt uns die E39 bis hinein nach Stavanger, mit ihrem wachsenden Industrie- und Speckgürtel eine der größten Städte Norwegens. Nach so kleinen Nebenstraßen fühlt es sich ein wenig wie Autobahn an, jedoch mit mehr und fremder Gegend zum schauen. In einem Gewerbegebiet tanken wir nochmal nach. Rasch zieht sich der Himmel zu und es beginnt zu regnen. Warm und ganz fein zuerst. Gerade genug, um das Ölzeug herauszukramen. Keine 50km trennen uns vom Etappenziel, wir müßen nur noch unterm Meer hindurch. Ryfast. Diese Strecke habe ich nun schon öfter befahren. Ausgerechnet heut aber verpasse ich die Ausfahrt und wir tuckern gen Bergen. Die Ausschilderung ist irreführend. Kein Mensch, das bestätigt mir Oliver als Einheimischer versteht, warum nicht Jørpeland oder Tau, die nächsten Gemeinden entlang der Straße, ausgeschildert sind. Dennoch haben wir bisher immer intuitiv die Ausfahrt in Richtung Røldal genommen und lagen richtig. Für uns heißt das, rein in den Tunnel, raus aus dem Tunnel, harter U-turn am nächsten Kreisverkehr, wieder rein in den Tunnel, raus aus dem Tunnel, einmal rum ums Ringel, rein in den Tunnel und dieses Mal die richtige (einzige) Abbiegung nehmen. Manch einem kommt da das Wort „Labyrinth“ in den Sinn obwohl, es gibt ja eigentlich nur sehr wenige Möglichkeiten. Wenigstens fahren wir 99% der Zeit im Trockenen und das, obwohl sich das ganze Hin und Her unter dem Meer abspielt. Tunnel. Dieses Wort, man hat ja Zeit, über die verrücktesten Dinge nachzusinnen, während man es durchfährt, blüht unter Norwegens Bauingenieuren erst zu wahrer Pracht auf. Die meisten „Unterführungen“ zu Hause werden uns wohl nach diesem Trip nur noch ein müdes Lächeln entlocken. Zunächst führt die Straße viele Kilometer steil hinunter, bleibt dann ein Weilchen auf um die -260m. Irgendwann muß man ja wieder raus kommen. Dass der Aufstieg beginnt, merken wir sofort an der Stellung des Gasgriffs. Mein Packesel schuftet unter mir und nur mit Mühe und Not im dritten Gang kann ich die 60 halten. Die voll beladenen LKW habens noch schwerer. Wir kämpfen uns vorbei und freuen uns wie Bolle, was wir doch für Helden sind ;-). Ein zweifelhafter Triumph. Mit etwas Pech hat er uns auf der nächsten Geraden eh wieder.
Schon längst hat das Staunen über die Befahrung des Ryfast nachgelassen. Erst stellt sich Gewöhnung ein, dann tun eigentlich nur noch die Ohren weh vom Schallwellenstakkato, daß ja nicht so einfach aus der Röhre weg kann. Jedem, dem seine Karre immer noch nicht laut genug ist, bestätigen wir gern die heilsame Erfahrung bei Durchfahrung eines solchen Tunnels. Es muß nur lang genug sein. Endlich spuckt uns das Mundloch auf dem Festland aus. Gleich sind wir da, ab hier kenne ich den Weg wirklich… und verfahre mich auch nicht mehr bis zur Endhaltestelle des heutigen Tourtages.
Ankunft [norw. Ankomst]. Oliver erwartet uns und freudig ist das Wiedersehen. Wir parken die Maschinen auf dem Gelände und bringen unsere Sachen ins Trockene. Die Wärmepumpe wird die ganze Nacht zu tun haben, unsere Utensilien zu trocknen und sich vielleicht an die Klamotten eines schneeregentriefenden verrückten Zausels im Januar erinnern.
Kraftstasjon Dalen. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als Trafostation erbaut, um den Energiehunger des großen Stahlwerks unten in Jørpeland zu stillen. Später ersetzt durch modernere Anlagen und als Industriedornröschen von Oliver und seiner Familie unter Aufbringung all ihrer Kräfte wachgeküßt, gesund gepflegt und mit Kreativität, viel Sinn fürs Schöne, die Geschichte mit einbeziehend und unglaublicher Liebe zum Detail zu neuem Leben erweckt. Ein Lebenswerk spricht hier aus jeder erhaltenen Niete des Stahlgerüsts. Zu jedem Detail, sei es der monumentale 20t Handkettenzug, ein kleines gerettetes altes Zahnrad aus dem Stahlwerk oder eine Jahrzehnte alte Blaupause aus dem Konstruktionsbüro, weiß Oliver eine Geschichte zu erzählen, haben doch er und seine Frau jedes einzelne Teil selbst in Händen gehalten, aus den Schuttbergen geborgen oder wieder an die richtige Stelle gerückt.
„Der Bernd hat uns ja gar nicht erzählt, was wir hier zu sehen bekommen.“ Das Staunen bei den Mitfahrern will nicht weichen. Wohl eher nicht zu viel versprochen! Und ein bisschen Überraschung sollte ja auch dabei sein. Ohne Zweifel ist dieser Haltepunkt einer der absoluten Höhepunkte unserer Reise. Kaffee wird gereicht und die Zeit vergeht bei entspannter Plauderei. Als es zu regnen aufgehört hat, stehen alle, eine geistige Köstlichkeit in der Hand draußen am Geländer, schauen zu wie die untergehende Sonne noch die umliegenden Bergkuppen streichelt, genießen die frische Luft und einfach, hier sein zu dürfen. Längst war ich im Beiwagenwhisky- und Rumdepot und habe die kostbare Fracht hinauf geholt.
In der Schmiede nebenan blubbert schon der Kesselgulasch über der Gasflamme. Wir sind überzeugt, viel besser kann es nicht mehr werden, als wir unsere Schüsseln füllen und auf diesen gemeinsamen schönen Abend anstoßen. Zwischen uns sitzt satt und zufrieden der arbeitslose Jammerlappen, im Hintergrund erzählt das Grammophon die in Schellack gepressten Musikgeschichten der alten Tage. Kaum nötig zu erwähnen, wie selig wir in den Sesseln hängen, vielfältige Themen wälzen und hoffen, der Abend würde nie zu Ende gehen. Doch irgendwann, der Holzofen glimmt noch leise nach, schleicht sich doch die Müdigkeit an, und so verkrümelt sich bald jeder in seine Koje. Kreuz und quer im Gebäude verteilt liegen nun die kaputt gespielten AWOisti. Schöne Träume euch allen, in der schönsten Trafostation der Welt!
Tag 5
…beginnt sonnenbeschienen und tautriefend. Fröhlich rauscht der Fluß übers Kraftwerksgelände. Bedingungen, wie man es sich schöner nicht wünschen kann. Irgendwann kommen alle aus ihren Fellen und Schlafsäcken hervor und wir frühstücken zusammen. Oliver ist ein fantastischer Gastgeber und versorgt uns „vorbildlich“. Nicht verwunderlich also, daß sich das gemeinsame morgendliche Zusammensitzen in die Länge zieht und keiner irgendeine Eile an den Tag legen will. Die Morgensonne hat noch nicht allen Tau von den Sitzen geleckt, als wir erneut unsere sieben Sachen zusammen suchen. Die Ratte hat bisher problemlos durchgehalten und bekommt einen Ölwechsel, die Allmächtige den täglichen großen Ölschluck nachgefüllt. Auch Volker und Steppe ziehen den Peilstab und geben ein paar Tröpfchen zu. Die Spirituosen und einer von Steppis legendären Kalendern sind nun eh lange genug (über 1500km) im Beiboot dabei gewesen. Da sie in der Trafostation verbleiben wollen (wer könnte es ihnen verdenken) habe ich weniger Reisegepäck mitzuschleppen.

Zum Abschied stellen wir uns alle nochmal stolz vor den geöffneten Flügeln unseres 🌟🌟🌟🌟🌟 – Deluxe Quartiers zum Foto auf. Ein Weilchen dauert es, bis der Meister mit dem Arrangement zufrieden ist. Herzlich und dankbar ist die Verabschiedung. Es war uns eine große Freude. Takk for sist min venn!

Glücklich tuckern wir in den Tag, der gen Norden gerichteten Kompassnadel willig folgend. Schon ein Stück hinter der Stadtgrenze geht es steil bergauf. Wir folgen dem Schild Heia. Mit jeder gemeisterten Serpentine wird der Blick auf den Fjord weit und breiter. Kleine Orte, zum Teil nur aus einem Bauerngehöft bestehend, liegen hier rot-weiß getüncht und unregelmäßig zwischen Wiesen, Koppeln und Steinbrocken hingepflanzt. Der Himmel ist so blau, wie er es nur an einem Spätsommervormittag in Norwegen sein kann. Fernsicht!
Aber Vorsicht. Man sollte mindestens ein Auge auch auf dem Weg haben, die nächste Kurve kommt bestimmt. Bei Bjørheimsbygda treffen wir wieder auf die Straße Nr. 13. Das Fährkai in Hjelmeland ist wirklich kaum zu übersehen… doch nicht für mich. Manchmal könnte ich mich in den Hintern beißen für meine Schusselichkeit. Dies beschert Oli erneut eine „Ehrenrunde“ durch den Ort, bis er Platz zum Wenden findet. Die Fähre steht bereit und wartet auf uns, wir stehen davor und warten auf den Bulli. Als wir, endlich wieder vereint sind und auf dem Boot bezahlen, meint die Kassiererin noch leicht irritiert, daß es sich ihnen nicht erschlossen hätte, warum wir nicht endlich drauf fahren und sie schon fast ohne uns ablegen wollten. Doch nun hätte sich ja alles geklärt .
Nicht lange und wir sind drüben. Auf der Karte winkt ein „schöner Weg“. Die 13 ist nun wirklich! nicht die hässlichste aller norwegischen Asphaltbahnen, wir aber schlagen uns noch mehr in die Büsche. Beim Morgenappell hat auf die Frage nach vielen Kurven, engeren Straßen, noch mehr Steigung und den einen oder anderen extra Schlag Creme‘ de la Creme‘ in Form von Wahnsinnslandschaft niemand auch nur einmal mit dem Kopf in die falsche Richtung gezuckt. Deshalb, rechts raus die Hand zum abbiegen und frisch ans Werk. Die Strecke hält, was sie auf dem Papier verspricht.
Zeit für ein Käffchen. Irgendwo im Nirgendwo springt mir der perfekte Platz vor den Vorderreifen. Eine Linkskurve mit Ausruhbank und genügend Platz, um alle Vehikel zu parken. Ausblick garantiert. Während Steppi den Benziner für Kaffee türkisch klar macht, blinzeln wir die Sonne weg, genießen die Sicht und die… Ruhe? Da kommt doch was die Straße hoch. Langsam und sonor bollernd. Wir sind also nicht die einzigen Eintöpfe weit und breit. Es werden schon Wetten abgeschlossen, welches Gefährt es sein wird, aber alle sind sich einig. Alt und einzylindrig. Von oben herab in die Serpentinen geblickt erkennt man kurz die Silhouette einer schwer bepackten ALTEN, EINZYLINDER – Enduro. Gewonnen (alle 🙂 )! Souverän zieht die 500er XT in abgewetztem Originallook durch die Kurve an uns vorbei. Gehobene Hände und Emailletippel sowie ein entzücktes Grinsen, wie nur alteingesessene Eintopftreiber es haben, finden ihr Ziel. Als nächstes kommt die Bimmelbahn. Jedenfalls hört es sich so an. Aber es ist eine Herde Schafe, die natürlich auch den asphaltierten Weg des geringsten Widerstands zu schätzen wissen.
So schön es hier auch ist, packen wir bald zusammen und ziehen weiter. Hier finden wir eins ums andere Mal fantastisch gelegene Plätze, an denen man sofort den Zünschlüssel auf 0 schnappen lassen und bleiben sollte. Schon wieder abwärts in Richtung Sand versuchen wir uns nur ganz kurz an einem „Feldweg“. Keiner von uns ist Edelputzer, aber nach der ersten kleinen Bachdurchfahrt, einer Sackgasse und dem wiederfinden des eventuell für Hardenduros geeigneten Weges finden wir uns recht bald wieder auf der echten Straße ein und belassen es dabei. Den Verlauf des Pfads noch im Kopf sehen wir etwas später vom Tal aus, wo wir entlang gekommen wären. Ein grasbewachsener Fußpfad zieht sich steil, also im norwegischen Sinne steil, an der Bergflanke hinab ins Tal. Das wäre schief gegangen. Trotzdem, selbst der Versuch war schon ehrenhaft, kann ich mir das Grinsen über beide Ohren nicht verkneifen.
Sand, so heißt der nächste Ort. Die gestrichelte Linie auf der Karte suggeriert von hier aus eine Fährverbindung ans andere Ufer des Sandsfjorden. „Fähre ja, aber nur für Personen ohne KFZ“. Bestätigen mir die Mädels von der Esso Tankstelle. Wenigstens nehm ich noch ein Eis mit und versuche, die Jungs zu beglücken. Nun hilft es alles nichts und wir müßen den Fjord umfahren. Was für eine geile Strecke. Wirklich, wir hätten die Fähre sowas von bereut!
Nachmittags erreichen wir Sauda. Es heißt tanken und Vorräte auffüllen. Die Einkaufsmeile gegenüber bietet sich feil und wir nehmen dankend an. Jugendliche haben hier Spaß mit frisierten, uns unbekannten Mopeds und Mopedautos. Prachtstück der Auswahl ist ein Aixam Mega Pickup truck mit Sidepipes, Flammenaufklebern und Kompressorhupe, dessen Lenker, lässig den Ellebogen aus dem Fenster streckend mit den anderen quatscht. Lustig. Wir decken uns mit wichtigen (Brot und Wurst) und unwichtigen (Kekse, Chips und Schoki) Dingen des täglichen Bedarfs ein und beraten über den letzten Pin auf der Landkarte für heute. Ein ganze Stück ist es noch, aber wenn wir es bis Rullestad – Camping schaffen, wäre das ein super Ausgangspunkt, um morgen ohne Hast Odda, den Hardangerfjord und das Tyssedal Kraftmuseet zu besuchen. So machen wir das.
Wir lassen den Industrieort, dessen Zentrum ein großes Schmelzwerk bildet hinter uns und wenn wir dachten, es könne kaum eindrucksvoller werden haben wir uns hier so richtig geirrt. Uns erwartet ein tief eingeschnittenes Tal, mit sich steil an die Hänge krallendem Nadelwald und Staustufen für den Fluß mit Behelfsbrücken über wild sprudelnde Gischt unter uns. Prädikat „Sehr sehenswert“!
Unserem Ziel näher kommend, entdecken wir Røldal. Ja, genau. Den Ort, der schon in Stavanger ausgeschildert war. Das ist über 200km her. Die Schatten der Berge werden in der untergehenden Sonne langsam unenedlich groß.
Andre‘ drängt uns kurz vor einem langen Tunnel mit ernster Miene zu halten. Er könne kaum noch bremsen. Ein Achtungszeichen. Noch vor der Begutachtung der Bremse fällt uns der kardanseitige Schwingenbolzen fast entgegen. Die gesicherte Mutter hängt auf der letzten Rille und der flache Kopf schleift am Kardangelenk. Das war knapp. Sofort werden die Werkzeugtaschen scharf gemacht und der Schaden behoben. Loctite und ein zusätzlicher Meißelschlag regeln. Dann widmen wir uns dem Hinterrad. Mit Gepäck aufbocken ist schwieriger als gedacht und 2 Mann halten vorne gegen. Als Hifsmittel werden Bretter untergelegt. Als das Rad mitsamt Kardan draußen ist, sehen wir die Bescherung. Bremsbacken und Radnabe sind innen verölt. Bremsenreininger frißt uns den Weg zum Schadbild frei.
Sieht alles irgendwie komisch aus. Wir bauen Bremsnocken und Bremsbacken aus, reinigen alles gründlich und machen es wieder gängig. Die Nachbaubacken harmonieren nur zu 80% mit den Muttern des Kardangehäuses. Dadurch bleibt die Bremse hängen. Oli und ich machen und mit einem Handsägeblatt aus meinem Repertoire frisch ans Werk und kustomisieren die Bremsbacken so lange (also wir sägen überflüssiges Alu weg) bis alles fluffig wieder seinen Dienst tut. Auch die total lockeren Speichen werden nachgezogen und bald alles wieder zusammen gesetzt. Den MZ Auspuff biegen wir etwas zur Seite, damit das Bremsgestänge frei arbeiten kann. Auch der Eigenbau – Fußbremshebel wird gebogen bis nichts mehr irgendwo einhakt, angeht oder schleift. Der erste große Stopp, um etwas zu reparieren. Und mit Erfolg, wohlgemerkt. Steppe macht ne Proberunde mit Bremstest. Sein Gesicht sieht eher nicht zufrieden aus. Mit gut bremsen hat das hier nicht viel zu tun, aber es ist um Welten besser, als vorher. OP gelungen, Patient darf weiter rollen.
Schnell sind die Werkzeuge wieder verpackt und gemeinsam brettern wir durch den (naja, einen von vielen halt) langen Tunnel hindurch. Kurz vor dem dunkel werden erreichen wir, zugegebenermaßen ziemlich k.o. den schönen Campingplatz in Rullestad. Immerhin mehr als 240 km durch geilstes Gelände. Da soll nochmal einer sagen, die AWO’s taugen nicht zum Strecke machen.
Es ist Abends und die Resepsjon hat na klar schon geschlossen. Der für diesen Fall bereit stehende Kassenautomat sorgt kurz für Verwirrung und gibt Rätsel auf, doch dann funktioniert die Bezahlung. Nach einem schönen Plätzchen müßen wir auf dem Gelände nicht lang suchen. See, Berge, grüne Wiese. Klingt so banal. Aber der Blick entlockt selbst dem Ausgelaugtesten noch ein zufriedenes Zucken im Gesicht. Auf der gegenüberliegenden Flußseite mäht ein Bauer Gras für seine Tiere mit einer, für Oli als gelernten Landmaschinenschlosser und mich als interessierten Anwender sehr interessanten Maschinenkombination aus Traktor, Mähwerk und Hächsler in einer Maschine kombiniert, und Ladewagen.
Alle sind groggy heute. Der Zeltaufbau gestaltet sich daher recht einsilbig und jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Mich beschäftigt noch ein Anruf mit zuhause und auch Steppes Kopf kommt schlecht zur Ruhe. Er hat Erlebnisse aus halb Europa der letzten Wochen und Ereignisse zuhause zu verarbeiten. Außerdem ist es für ihn, den weit alleine gereisten Steppenwolf, genau wie übrigens für mich auch eine neue Erfahrung, in der Gruppe zu reisen. Man muß anders agieren, anders Rücksicht nehmen und ja, sich auch zurück nehmen können. Das ist gar nicht so einfach. Rückblickend sind wir uns einig, daß wir diese Herausforderung aber alle zusammen, und gar nicht mal so übel hin bekommen haben. Wenn man so einen fordernden, eindrucksvollen und auch schönen Fahrtag gemeistert hat, ist das Akku auch schon mal aufgezehrt. Schönheit kann auch anstrengen. Doch zum grillen findet sich die Meute wieder am Vorzelt ein.
Es sind nur wenige Zelte um uns herum aufgebaut. Vorn, nahe am Ufer steht eine Kawasaki ZX9-R neben einem 3-Mann Tunnel. Deren Fahrer kommt zu uns herüber und auch was gegrilltes angeboten. Er erzählt in schönem Akzent und gibt sich bald als in Deutschland lebender Brite zu erkennen. Die Beiden (seine Rennmaschine und er) sind hier fast so exotisch, wie wir mit unseren AWO’s. Der allergrößte Anteil der unterwegs gesichteten Maschinen sind Cruiser, Tourenmaschinen oder Reiseenduros. „Warum soll ich mir ne GS oder sowas kaufen, wenn ich mit DER fahren will.“, kommt als Erklärung. „Nicht, daß ich es nicht probiert hätte, aber die sind mir alle zu schwer und zu viel Elektronik dran.“ Herrlich pragmatisch und dadurch sympatisch. Zusammen haben die beiden schon viele Länder erkundet, bis hinunter nach Afrika. Auch diese Begegnung ist wieder ein Krümel von jener magischen Würzmischung, die man einem jeden Reisenden wünscht, sich unterwegs zusammen zu sammeln, um damit sein Tourengericht zu geschmacklicher Exzellenz zu bringen.
Ein wenig lassen wir den Tag Revue passieren und beschließen, morgen noch nicht weiter zu ziehen, sondern die Gegend zu erkunden und dann wieder hier her zu kommen. In Gedanken gehe ich schon mögliche Routen für die weiteren Tage durch. Alle sind mit viel Spaß und Sitzefleisch dabei. Irgendwann müßen wir leider auch wieder an den Rückweg denken, aber das verschiebe ich zum jetzigen Zeitpunkt noch auf die „ja, irgendwann drüber nachdenken“-Liste.
Bevor der Schlafsack ruft, machen wir noch eine kleine Fotosession im dunkeln mit den Karren als Stars. Auch Olis Bus wird in Szene gesetzt und abgelichtet. Licht, richtig eingesetzt, zeichnet uns auch jetzt noch ein breites Grinsen in die müden Gesichter.













