­čŹÇ7 Tage. Von Familie, Freunden, Schnee & einer Schutzengelbrigade

Dieses Jahr w├╝nsche ich mir nichts materielles! Ein Satz, einfach gesagt und doch f├╝r die Schenkenden so schwer zu bewerkstelligen.

Meine Frau hingegen wei├č genau, was dieser Satz bedeutet. Der letzte brachiale Fernwehschub inklusive f├╝r alle nur schwer zu ertragender menschlicher Verwerfungen ist noch nicht lange genug her. Ist er nie! Und es tut mir noch immer sehr leid, m├Âchte ich doch niemanden mit meinen seelischen Tiefpunkten und meinem Drang in die Welt hinaus verletzen. Vor allem nicht die liebsten.

Auf dem Gabentisch findet sich dann tats├Ąchlich das Objekt der Begierde. Ein liebevoll und mit┬á etwas Wehmut gesagter Nebensatz enth├Ąlt die ersehnten Worte. 7 Tage Urlaub. “ Mache los und hab eine sch├Âne Zeit. “

Die erste Januarwoche wird auserkoren. Ich bereite mich auf eine Motorrad – Wintertour vor. Zwar gab es mit 15┬░C den w├Ąrmsten Jahreswechsel seit Beginn der Aufzeichnungen mit Bienenflug am Weihnachtsmittag und zu Silvester, doch liegt der Januar trotzdem in der Zeit des Jahres, die man Winter nennt. Noch vor Weihnachten siedelte eine Thermokombi aus der Sonderbestellabteilung von Polo in den heimischen Motorradsachenschrank um. Ein Mordsteil, gro├č und robust, wasserdicht und flauschig gesteppt. Ein paar Tage noch Geduld, dann noch einen weiteren Tag Verschiebung wegen anderer wichtiger Zwinglichkeiten.

Und dann geht es los. Die alte Lady, f├╝r die ich schon seit Jahren einen angemessenen Namen suche, steht mit frisch gewechseltem ├ľl, regeneriertem Magnetz├╝nder, eingestellten Ventilen und aufgepumpten Reifen bereit f├╝r ein kleines Abenteuer. Werkzeuge und Ersatzteile wurden gesichtet, erg├Ąnzt und verstaut. Auch f├╝r den Fahrer gibt es neue Annehmlichkeiten, wie einen w├Ąhrend der Fahrt erreichbaren Thermosflaschenhalter ( gedengelt aus einer alten Elaskondose ) und beheizbare Socken. Einen Tag vor Reisebeginn ist alles fertig gepackt. Oben auf dem Sozius thront das geliebte Mosko Moto Packsystem mit tarp, Winterkocher, Schlafsack, Wechselschl├╝ppis und Instantessen, f├╝r den Fall der Drau├čen├╝bernachtung. Im Beiwagen hat ein Schaukelpferd Platz genommen. In der Isoliertasche daneben finden sich feinste St├╝cke der hauseigenen Rindfleischproduktion und ganz unten unter der Decke, gleich neben den Ersatzbowdenz├╝gen kuscheln sich ein Masskara und ein Laphroaig 10 freundschaftlich aneinander. Alles Mitnimmsel f├╝r gute Freunde. Bei solch einem Transport soll nochmal jemand behaupten, Motorradfahrer bewegen sich ausschlie├člich zur eigenen Belustigung kreuz und quer durch die Lande ­čśë

Abschied. Er f├Ąllt immer schwer. Heut sage ich schon vorher tausend Dank, da├č ihr es mir auch diesmal erm├Âglicht auf Tour gehen zu k├Ânnen. Ein gro├čes Privileg. Eigentlich war die spontane Idee, im Winter, in der arbeits├Ąrmeren Zeit, wenn es nicht eine so gro├če Last f├╝r die anderen ist, meinen Teil der Arbeit mit zu tragen, betrieblich gesehen einleuchtend. Kalt ja, gen├╝gend Verr├╝cktheit vorausgesetzt auch ja. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, ist der Betrieb zwar eine wichtige Seite, die famili├Ąren Zw├Ąnge jedoch kommen auch im Winter zum tragen. Nur die halbe Wahrheit sozusagen. Ein St├╝ck weit l├╝ge ich mir damit schon in die eigene Tasche, das gestehe ich mir nachdenklich ein. Andererseits ist da die Hoffnung, danach, wenn gen├╝gend Minusgrade an mir vorbei gezogen sind, das Fernweh (weh im w├Ârtlichen Sinne) gen├╝gend herunter gek├╝hlt zu haben, um lange Zeit wieder richtig zu funktionieren.

Der erste Stopp. Tanken, Gep├Ąck pr├╝fen und mich selber richtig einpacken. Alles muss sitzen. Wenn der Wind irgendwo am Hals etwas ausk├╝hlt h├Ârt der Spa├č ganz schnell auf. Bald biegen wir gef├╝ttert und ordentlich verschn├╝rt in Richtung Ferne ab. Auch w├Ąhrend der Fahrt werden die neuralgischen Punkte abgecheckt. Die gew├Ąhlte Anzugsordnung passt. F├╝├če warm, H├Ąnde warm, Hals warm. Mal sehen, wie es sich nach 200km anf├╝hlt.

Das Wetter meint es au├čerordentlich gut mit uns. Zwar ist es k├╝hler geworden, aber die Sonne scheint und Regen ist nirgends in Sicht. Langsam beginnt der Kopf abzuschalten. Da der Start wie eigentlich immer sp├Ąter war als anvisiert, f├Ąllt die Wahl auf die Autobahn. So durcheilen wir ( mit 70 Sachen ) die allzu bekannten Gefilde in Richtung Westen. Ruhig liegt das Gespann auf der Piste, der Motor summt gleichm├Ą├čig und kein Nebenger├Ąusch l├Ąsst Gedanken aufkommen, diese Fahrt k├Ânne nicht ewig so weiter gehen. Souver├Ąn ziehen die fahrenden Warenlager vorbei. Manche gr├╝├čen. Leise Musik auf den Ohren l├Ąsst die Zeit schneller vergehen.

Der erste Zwischenstopp wird bei Ren├ę┬áeingelegt. Es gibt Kaffee, Kuchen und nette Plaudereien. Auch ein kaputter Kardan und die fleischlichen K├Âstlichkeiten wandern aus dem Beiboot in seine Werkstatt und K├╝hltruhe. Es ist immer wieder nett und lehrreich hier. Schade, dass ich dieses Mal nicht l├Ąnger bleiben kann, aber der n├Ąchste „Termin“ und Endstation des heutigen, ersten Urlaubstourentages winkt schon aus nicht mehr allzu weiter Ferne. Schon wartet die n├Ąchste Kundschaft auf ihn, wir verabschieden uns fr├Âhlich.

Ein Teil der Leavinghomies hat sich im sch├Ânen Th├╝ringen niedergelassen. Nun folge ich gern der Einladung, die beim letzten Treffen ausgesprochen wurde, auch gerne ├╝ber Nacht zu bleiben. Der Sternenhimmel ├╝ber mir h├Ątte eine lauschige Nacht im Freien problemlos zugelassen, aber ich freue mich schon sehr, die lieben, verr├╝ckten Menschen wieder zu sehen. Bevor ich aus dem Sendegebiet meines Telefonanbieters unters Radar abtauche, versuche ich noch, leider vergeblich, einen Fernruf gen Heimat abzusetzen. Niemand h├Ârt, also werden ein paar liebe Zeilen gesendet. Vorsichtig tuckern wir auf den Hof mitten in eine fr├Âhlich abreisende Menschenmenge hinein. Hier war ├╝ber den Jahreswechsel volles Haus und ich habe echte Bedenken, ungelegen zu kommen. Diese verfliegen im Nu, als Johannes mich herzlich dr├╝ckt und direkt in die Scheune hinein lotst. Gleich sind ein paar Kids da, um das Gespann zu inspizieren und fragen mich aus, ob es auch eine Ural w├Ąre. Ich verneine und erkl├Ąre, w├Ąhrend ich mich aus meinem W├Ąrmekokon heraus pelle und das Schaukelpferd aus dem Beiwagen befreie.

Erstmal ankommen. Im Haus ist immer noch Action, auch wenn gerade die gro├če Meute abgereist ist. Ich frage nochmals, ob es wirklich ok ist, doch werde sofort assimiliert. Elisabeth hat heute Geburtstag. Eigentlich war das Mitbringsel f├╝r die Jungs gedacht, in Ermangelung eines Geschenks wird das Schaukelpferd der Mutti ├╝bergeben, doch sogleich wieder von den Kindern mit Beschlag belegt. In der Wohnk├╝che sind die bunten Tische und St├╝hle zu einem gro├čen Viereck zusammen gestellt. Dieses Bild l├Ąsst Erinnerungen aus fernen Tagen hoch schnappen, als wir mit g├╝ltigen Visa! nach Halle einreisten, um einem der ersten „cominghomefunktion“ – Vortr├Ąge beiwohnen zu d├╝rfen. Auch da schienen die St├╝hle aus der ganzen Stra├če zusammengeborgt gewesen zu sein. Und ebenda ist auch dieser bis heute nicht abrei├čende, f├╝r mich sehr wertvolle Kontakt entstanden. Erinnernswert, eindr├╝cklich, liebenswert! wp-1674212160115

Der Abend wird interessant, bunt und lustig. W├Ąhrend die einen noch die letzten Teilchen auf den Raclette – Grill drapieren und sich angeregt unterhalten, knetet Anne schon mit Hingabe den Teig f├╝r den n├Ąchsten Tag. Jemand best├╝ckt die Sp├╝lmaschine. Die Kids feilen noch am Text f├╝r den n├Ąchsten Punk – Hit. Zwischen Aufr├Ąumarbeiten, Kinder unter die Dusche bugsieren und Geschirr abtrocknen immer wieder nette Gespr├Ąche, Erinnerungen, interessierte Fragen. Die Nacht ist schon lange herein gebrochen, als im Haus langsam Stille einzieht. Die gro├čen und kleinen Bewohner mummeln sich in ihre Kissen – und Deckenburgen ein. Auch ich finde eine ruhige Ecke f├╝r Isomatte und Schlafsack auf dem Dachboden. Herrlich k├╝hl und ungest├Ârt kann man hier gut zur Ruhe kommen. Schlaf gut du, mein erster Urlaubstag ­čÖé .

Nachts kommt Wind auf und l├Ą├čt die Giebelschindeln zappeln, leise tropft das Regenwasser in die Dachrinne. Innerlich richte ich mich auf Regenklamotten ein und dreh mich nochmal ein St├╝ndchen zur Seite. Irgendwann morgens, alles schl├Ąft noch, schleiche ich die Bodentreppe hinunter in die Scheune zu meiner schlafenden Sch├Ânheit.

Es dauert ein Weilchen, bis alle Ausr├╝stung wieder richtig auf dem Gef├Ąhrt arrangiert und ├ľl nachgef├╝llt ist. Nach dem Fr├╝hst├╝ck heute scharfer Start nordw├Ąrts… so der Plan. Aber ehe der Tisch gedeckt, Kaffee aufgesetzt und die schw├Ąbischen Seelen fertig gebacken sind vergehen noch ruhige Minuten bei angenehmen Gespr├Ąchen zwischen sibirischen Tigerm├╝cken, der Frage nach den ├ľffnungszeiten des n├Ąchsten Wollgesch├Ąftes und den Zwinglichkeiten der Landwirtschaft, Tierwohl und Selbstversorgung. Zeit lassen ist hier die Devise und es f├╝hlt sich richtig an, nicht fluchtartig das Areal zu verlassen. Gefahren ist dann schnell wieder.

Nochmal alle dr├╝cken und los. Auf ein frohes Wiedersehen und tausend Dank f├╝r eure Gastfreundschaft! Gegen elf gibt der Einzylinder nach nur einem Kick die ersten Lebenszeichen von sich. Nordw├Ąrts durch den Regen. Fast wie mit dem Lineal gezogen l├Ąuft die blaue Linie auf der Telefonlandkarte durch Th├╝ringen, streift Sachsen ganz leicht und nimmt auf dem Weg nach Schleswig Holstein auch noch Sachsen Anhalt und Niedersachsen mit. ├ťber 550 km wollen heute abgesessen sein bis zum Zielpunkt Eckernf├Ârde. Bis dorthin steht der grobe Tour – Plan. Und da h├Ąngen auch meine Gedanken, denn es wartet ein liebgewonner Freund, eine warme Dusche und mit Gl├╝ck noch ein guter Whisky. Danach? Wer wei├č wohin der Wind uns noch tr├Ągt.

Die Fahrt gestaltet sich unproblematisch. Vorausschauende LKW – Fahrer, nette Tankstellenbedienungen, keinerlei technische Vorkommnisse. Es l├Ąuft rund und lang. Ab und zu streichle ich von einem kurzen Reflex ├╝bermannt das Tankemblem und bin gl├╝cklich, wie wunderbar und tapfer der kleine Motor aus den 1950er Jahren uns voran bringt. Manchmal dr├╝ckt der Wind recht st├╝rmisch von Westen her. Ich mu├č gut Kurs halten und die Gischt der vorbei ziehenden KFZ trifft mich h├Ąrter als gewohnt. Aber jeder s├╝├če Kakao bei eingelegten Tankstopps bes├Ąnftigt wieder und w├Ąrmt durch. Im Inneren erweitere ich st├Ąndig mein Notizbuch mit den neuesten Erkenntnissen zu K├Ąlte, W├Ąrme, Regen, langem Sitzen und dem Einfluss des Windes auf das Temperaturempfinden. Apropos W├Ąrme. Zwischendurch steigt das Thermometer mal auf 6-8┬░C. Da mu├č die Thermokombi schnell in den Beiwagen. Es ist schlicht zu warm. Weiter n├Ârdlich werden Landstra├čen genutzt, was bei Dunkelheit, 6Volt, 35 Watt und nassem Asphalt viel Aufmerksamkeit fordert. In Salzwedel kehren wir an einer SB Tankstelle als n├Ą├česte alte Lady der Woche plus Reiter zu SuperPlus und einem doppelten Kakao bei einem fr├Âhlich l├Ąchelnden Tankwart ein, der auch jetzt kurz vor Schichtende noch ein paar freundliche Worte f├╝r jeden Kunden findet. Hier erreiche ich auch meine tolle Frau, es wird das neueste vom Tag und warme Worte ausgetauscht. Kurz vor Abfahrt fragt ein ├Ąlterer Mercedesfahrer nach dem Woher und Warum bei diesem Wetter an. Wir plaudern kurz. Die Frage nach dem Wohin beantwortet er selbst mit: „Etwa nach Norwegen“? Wie er darauf kommt, wei├č ich nicht, und ich antworte l├Ąchelnd wahrheitsgetreu mit „Eckernf├Ârde… erstmal“.

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So mental gest├Ąrkt geht es weiter bei st├Ąrker werdendem Regen durch die Dunkelheit. Bei Lauenburg ├╝berqueren wir die Elbe. Wir k├Ąmpfen uns vorw├Ąrts, doch der Weg zieht sich zunehmend in die L├Ąnge. Kreuz Bargteheide. Umleitungen, Sperrungen, der Regen und das glei├čende, sich im Visier brechende Rotgr├╝n der Ampeln verwirren mich. Durch das beschlagene Tankrucksackregenschutzh├╝llensichtfenster (ich glaube, so ein Wort ist nur im deutschen Sprachraum m├Âglich) kann man auf dem kleinen Telefon kaum die richtige Richtung erkennen und so verbringe ich eine ganze Weile mit dem Austesten der verschiedenen M├Âglichkeiten, welche dieses Autobahnkreuz bietet. Ein zweifelhafter Spa├č, bis endlich der Kurs stimmt. Weiter also. Irgendwie schaffe ich es noch durch Kiel hindurch, obwohl das nicht wirklich geplant war. Jetzt auch egal. Eckernf├Ârde ist analog ausgeschildert und dem folge ich jetzt stur, w├Ąhrend das Bildschirmchen in den Schlafmodus versetzt wird. Langsam dr├Ąngt sich aber auch wirklich die Sehnsucht nach Feierabend auf. Ankunft! Wie im Traum steuern Gespann und m├╝der Reiter bei starkem Wind und Regen durch die Stadt dem Ziel entgegen. Kurz vor 11 Uhr Nachts klappt das Eisentor hinter uns zu und der Motor verstummt. Andre‘ sch├╝ttelt nur den Kopf, ist hoch erfreut und erstaunt zugleich, da├č ich mit dem Motorrad anreise. Schnell werden die triefenden Sachen in die Werkstatt zum trocknen aufgehangen. Wartung und Pflege kommt morgen noch zurecht. Trotz knapp 550 km hart geritten und na├č eingestellt, irgendwo findet sich noch immer die Kraft zum schnacken und ansto├čen. Wir er├Ârtern unter anderem angeregt seine gro├če Fahrt gen Norwegen noch in diesem Jahr. Streckendetails und Ausr├╝stung werden diskutiert. Als wir uns so unterhalten, kommt mir der Herr in Salzwedel mit seiner Norwegenfrage nochmals in den Sinn und ein „wieso eigentlich nicht“ taucht am Gedankenhorizont auf. Aber so wie ein Laster auf der Autobahn, schnell im R├╝ckspiegel gr├Â├čer werdend. Erst nach Mitternacht werden die Lider schwer und gehen zu Bett. Ich h├╝pfe noch schnell unter die Dusche und schlafe selig ein.

Der Morgen graut. Wind und Regen haben sich gelegt, ab und zu lugt die Sonne durch die Wolken. Unruhige Stunden zwischen Verarbeitung des letzten Whiskys und des letzten Fahrtages, sowie die aufkommende Vorfreude auf den erst Dritten Urlaubstag liegen hinter mir. Im Traum spiele ich bereits das Buchen der F├Ąhre durch und nehme mir vor, erst vor Ort das Ticket zu l├Âsen. Nur f├╝r den Fall, da├č wir unterwegs liegen bleiben und die ├ťberfahrt nicht antreten k├Ânnen.

Auch heute lassen wir es ruhig angehen. Kaffee, Fr├╝hst├╝cksbuffet und ein netter Gespr├Ąchspartner f├╝r mich, frisches SAE 50 f├╝r die Lady. Doch irgendwann, es ist schon weit nach 9, z├╝nden wir und rollen vom Hof. Wir sehen uns auf dem Heimweg! Ein letzter Wink und schon reihen wir uns in den morgendlichen Verkehr gen D├Ąnemark ein.

Sonne lacht, Maschinchen summt, im Background singt element of crime schnoddrig, wahr und herzerw├Ąrmend: „Ich w├Ąr so gern ein Gummib├Ąr…“ (Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin). Ja, auf gro├čer Fahrt, so f├╝hl ich mich. Herrlich. Die warmen Strahlen lassen mich die Augen zukneifen. Gutes Training f├╝r die Lachfalten. Bald steuern wir auf die Grenze zu. 80 (fahr ich eh nicht), 60 (leichte Entspannung in der rechten Hand), 40 (voller Schiebebetrieb), Schritttempo ( Ach, doch einmal runter schalten pro Gesamtstrecke ? ­čśë ). Die junge Frau in Uniform und Neonweste winkt mich l├Ąchelnd durch die Kontrollstelle. D├Ąnemark hat mich. Wenig sp├Ąter bin ich wieder auf Reisefluggeschwindigkeit. Naja, gute 400 km sind es schon bis Hirtshals. Ein langer Tagesritt auf der Autobahn. Wieder nur der Transit durch dieses sch├Âne, erkundenswerte Land. Das mu├č sich unbedingt ├Ąndern, also auf der Tourenliste vermerken!

Auffallend unspektakul├Ąr gestaltet sich der Weg, an dessen Ende Hirtshals ans n├Ârdliche Ende des d├Ąnischen Festlands schmiegt. AWO fahren, Kopf frei blasen, Benzin wenn der Tank leer ist, eins dieser superleckeren Mohnteilchen, die in Zuckergu├č ertr├Ąnkt sind wenn der Bauch leer ist, Kakao und Thermokombi wenn’s kalt ist. So genie├če ich das Leben, w├Ąhrend sich das graue Band unter uns unendlich gen Norden schl├Ąngelt, um uns scheinbar unaufhaltsam mit sich zu tragen. Immer wieder wird die Klangkulisse des Gespanns kritisch abgehorcht und das Popometer befragt, aber sch├Ân und fast unglaublich, nichts auff├Ąlliges ist zu h├Âren und zu sp├╝ren. Mal abgesehen von den normalen Lebens├Ąu├čerungen des Antriebsstranges und der restlichen Mechanik.

Nach Einbruch der Dunkelheit rollen wir an das Colorline – F├Ąhrterminal heran. Es ist noch viel Zeit, aber der Check in – Schalter hat bereits ge├Âffnet. Die Dame im Inneren freut sich ├╝ber den wahrscheinlich einzigen Motorradfahrer, der heute ├╝bersetzen m├Âchte. Eine direkte Buchung ist problemlos m├Âglich. „I only need your ID – Card.“ Um die hundert ÔéČ wechseln zu Colorline ├╝ber und die Sache ist perfekt. Ich werde im Winter mit dem AWO-Gespann nach Norwegen ├╝bersetzen, soviel steht jetzt fest. Die Gl├╝ckshormone sprudeln, als der Lotse uns Reihe 18 zuweist, werden aber j├Ąh von Fragezeichen und Stirnfalten ├╝berzeichnet, als mein Kupplungshebel ohne Widerstand zur├╝ck weicht und ich die Karre abw├╝rgen mu├č, um an der Haltelinie zum Stehen zu kommen.Was war das jetzt? Hei├č kriechen Gef├╝hle den R├╝cken hoch, ob die Freude vielleicht zu fr├╝h war.

Erstmal gucken und Lage sichten. Bowdenzug? In Ordnung. Hebel an Lenker und Getriebe? In Ordnung und noch vorhanden. Getriebe fest? Check. Aus so vielen Teilen besteht die Ausl├Âsemechanik der Kupplung des Alteisens nun nicht. Hebel, Drucklager, Druckstange, Teller. Ein Anruf bei Rene‘ und wir er├Ârtern die M├Âglichkeiten. Mittlerweile f├╝llen sich die Reihen um mich herum mit Autos, Transportern und LKW. Au├čerdem beginnt es bei -1┬░C zu nieseln. Eine d├╝nne Eiskruste bildet sich bald auf dem Asphalt, dem Motorrad aber nicht auf mir. Ich dampfe vor Aufregung. Andere Hormone kommen nun zum Einsatz. Einiges an Ersatzteilen, Druckstange und -lager hab ich mit. Also flink ans Werk! 1 1/2h bis die F├Ąhre kommt. Werkzeug raus, aus der Kombi gepellt, Wollm├╝tze auf. Kurz ├╝berlegt, wie war das noch gleich? Sport AWO hei├čt, das Hinterrad und der Kardan m├╝├čen demontiert werden, um an die relevanten Teile durch Getriebeausbau heran zu kommen. Ich staune ├╝ber mich selbst, wie die Handgriffe noch sitzen. Wagenheber hoch, Schrauben lockern, Steckachse ziehen, Hinterrad mitsamt Kardan an der Schwinge vorbei fummeln, ohne da├č das ganze Geschiebe umf├Ąllt. Langer Schraubenzieher von hinten durch die Schwinge gesteckt, um die Hardyscheibe auseinander zu schrauben. Kabel vom Getriebe ab, Kupplungsbowdenzug aush├Ąngen, die 4 Innensechskantschrauben l├Âsen. Getriebe zur├╝ck schieben und (eigentlich) vorsichtig zwischen Motor und Rahmen herausdrehen. Die Insassen der nebenan stehenden Autos, schauen interessiert zu. Mancher Passant fragt, ob etwas kaputt ist, w├Ąhrend ich inmitten meiner in Einzelteilen zerschraubten Karre wusele. ├äh, ja!

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Die offenbar gebrochene Kupplungsstange verwehrt mir schnelles Weiterkommen und mu├č erst mit viel Gef├╝hl und einer langen d├╝nnen Zange ├╝berredet werden, das Getriebe frei zu geben. Alles verlorene Zeit, aber ich wei├č nun, da├č die Stange das Problem ist. Schnell wird die neue Stange eingef├Ądelt, Getriebe wieder eingesetzt, locker zusammengeschraubt um zu probieren. Nichts! Keine Funktion am Kupplungshebel, als ob die Stange zu kurz w├Ąre. Vielleicht liegt das Problem Hinter der Kupplung? Also Kupplung ab, Federn, Scheiben und Teller inspizieren. Alles ok. Zusammen bauen inlusive Scheibe zentrieren, etwas schwierig und mit zittrigen, kalten ├ľlfingern auch nicht in 2 Minuten erledigt. Ein weiteres Nottelefonat mit Rene‘ ergibt eine neue Reparaturm├Âglichkeit. Ich mu├č nur jemanden mit einer Flex finden. Schnell! Dr├╝ben in der Transporterwarteschlange ersp├Ąhe ich ein Vehikel, wo irgendwas mit Landschaftsbau auf Norwegisch steht, eine Traube M├Ąnner davor, sich angeregt unterhaltend. Ich renne hin├╝ber und frage nach dem ersehnten Ger├Ąt. Die T├╝r des einen Transporters ├Âffnet den Sesam wie in Alibaba und die 40 R├Ąuber. Nur gel├╝stet es mich nicht nach Gold und G├Ąmmen sondern einzig nach der dort prangenden Akkuflex. Er hat tats├Ąchlich eine Flex am Start, ist das zu glauben? Ich flitze zur├╝ck. Getriebe raus, Stangen aneinander gehalten. Zack! Gerade hab ich eine kaputte Druckstange gesch├Ąndet und eine intakte kaputt gemacht. Der Zweck heiligt die Mittel!

Ein Typ vom Bodenpersonal fragt nach und bietet an, den Haufen Teile auf die F├Ąhre zu schleppen und beim Kapit├Ąn nachzufragen, ob ich w├Ąhrend der ├ťberfahrt ausnahmsweise im Frachtraum schrauben darf.“ Wenn ich das Ding nicht hier zum laufen bekomme, braucht ihr mich nicht nach Norwegen zu bringen!“ OK.

Getriebe wieder rein. Mist!!! (und ich setze nie 3 Aurufezeichen) Die Stangenteile sind zu lang. Quer ├╝ber den Platz rufe ich dem Flex – Besitzer zu. Er reagiert prompt und bringt sie mir nochmal. Ich bedanke mich tausendfach, er l├Ąchelt mitf├╝hlend. Zack , die zweite! Alles einf├Ądeln, Getriebe rein. Langsam kommt Routine auf. Aber die Finger tun weh.

Ich bin sp├Ąt dran. Die F├Ąhre zum Gl├╝ck auch. Mit einer viertel Stunde Versp├Ątung dockt sie an. Der Typ vom Bodenpersonal kommt wieder und gibt mir zu verstehen, da├č ich als letztes eingeladen werde, wenn es knapp wird. Wird es wohl.

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Langsam werde ich nerv├Âs, denn die Stange ist immer noch zu lang. Wieder alles auseinander. Wieder verklemmt sich die Stange. Gefummel und die Minuten rennen.

Die ersten Autos verschwinden schon in den Bauch der Superspeed 1. Der Flex – Besitzer hat den Transporter schon gestartet. „Just one last cut please“. Er h├╝pft nochmal hinaus und gibt mir das Ger├Ąt f├╝r diesen letzten Versuch. Zack, die Dritte! Er klopft mir auf die Schulter, ich bedanke mich erneut und renne zur├╝ck. Stangen einf├Ądeln. Bitte, Bitte! Getriebe fest, Hebel einh├Ąngen, Bowdenzug.

Der Platz ist fast leer, die Autos schon l├Ąngst verstaut, die letzten 2 Trucks fahren in die LKW – Ebene. Ein Einweiser gibt mir 5 bis 10 Minuten.

Alles wichtige ist angebaut und befestigt. Probelauf. Der Motor startet sofort. Vorsichtig ziehe ich den Kupplungshebel und lege den Gang ein. Der b├Ąrtige Einweiser steht neben mir und fiebert mit. YES! Ein Freudenjauchzer entf├Ąhrt mir. Daumen hoch vom B├Ąrtigen. Die Kupplung trennt sauber. Norwegen, wir kommen! Eilig schmei├če ich alle restlichen Teile, Schr├Ąubchen und das Werkzeug auf ein Bettlaken, kn├╝lle alles zusammen und verstaue den klimpernden Ballen im Seitenwagen. Langsam tuckern wir als allllllllerletzte auf die F├Ąhre. Holla, die Waldfee, was f├╝r ein Abenteuer.

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Total fertig, aber ├╝bergl├╝cklich vergesse ich sogar das Gespann fest zu zurren. Das macht liebenswerterweise jemand von der Crew. Verschwitzt, gl├╝cklich und ├Âlverschmiert von oben bis unten betrete ich die Fahrgastetage und trolle mich sogleich in die n├Ąchstbeste Toilette. Ein Trucker erkennt mich und fragt mit polnischem Dialekt, ob Motorrad wieder ganz. Ich strahle unter meiner ├ľlkruste hervor. Das reicht ihm als Antwort. Nach meinem eher unterdurchschnittlich erfolgreichen Versuch, wenigstens eingerma├čen sauber und vorzeigbar zu werden, verlasse ich das Abteil und suche mir ein stilles Pl├Ątzchen auf einer Treppe, abseits der Menschenmassen. Quasi alle Passagiere haben w├Ąhrend der Vorbeifahrt an meinem Teilekonvolut auf dem Parkplatz, an diesem fragw├╝rdigen Event teilgenommen. Entsprechend sehe ich deren Blicke im Augenwinkel. Kaum in der Waagerechte falle ich in einen unruhigen Schlaf. Keiner behelligt mich. Kurz vor Kristiansand schrecke ich hoch und habe Hunger. Die Kantine schlie├čt gleich, eine Kassiererin mit indischem Gesicht und freundlicher Stimme hat Zeit, nach meinen ├Âligen Fingern, dem Woher und dem Warum zu fragen. Anschlie├čend gibt sie mir 10 Kronen (Mitleids-) Rabatt auf den Lachswrap. Tusen Takk.

Ankunft. Die erste F├Ąhrankunft in Norwegen mit dem Gespann. Es ist tiefe Nacht und -2┬░C, die Stadt pr├Ąsentiert sich mit leichtem Schnee bepudert und von Regenvorh├Ąngen durchzogen. Ein vager Plan entspinnt sich im Kopf, irgendwo au├čerhalb die Zeltplane ├╝ber uns zu decken und ein weiteres Nickerchen zu machen, bevor der Weg uns weit gen Westen in Richtung Stavanger f├╝hrt. 430 km Strecke (ohne die F├Ąhren -Kilometer) liegen heute (also gestern) hinter, 250 weitere bis zu Oliver noch vor uns. Ich hatte eine Brieftaube voraus geschickt, unsere baldige Ankunft bekannt zu geben und freue mich nun schon sehr auf ein, wenn auch nur kurzes Wiedersehen.

Eine abrupte Bewegung der Kupplungshand beim hoch schalten nach einem Kreisverkehr, ein St├╝ck au├čerhalb von Kristiansand l├Ą├čt mich aus den Gedanken schrecken. Schei**! Das alte Leid ist zur├╝ck.

„Hier, um diese Uhrzeit h├Ąlt sich mein Verst├Ąndnis f├╝r solcherlei Eskapaden echt in Grenzen, Fr├Ąulein“. Und was soll ich auch jetzt machen? An der n├Ąchsten Tankstelle, es regnet mittlerweile wie aus Kannen und der Wind pfeift ungem├╝tlich unter das Dach, baue ich die nicht so essentiellen Teile wie z.B. den Handschalthebel an, sortiere mein Werkzeug, verstaue alles etwas ordentlicher und schlurfe zur Kasse. Die Kassiererin hat gerade alles sauber gewischt. Ich entschuldige mich schon im Voraus, bestelle einen doppelten Kaffee mit extra viel Zucker, zeige meine kohlrabenschwarzen H├Ąnde mit der Bitte um eine Handb├╝rste und verschwinde in der ebenfalls schon pieksauber gereinigten Toilette. Auch dieser Reinigungsversuch gl├╝ckt nur so viertel bis halb gut. Daf├╝r taue ich ab und hinterlasse Pf├╝tzen. Der Kaffee tut gut und im Kopf kreiseln ├ťberlegungen ├╝ber das „Wie weiter ?“. Den Grill putzend fragt die Dame, wohin ich denn noch will bei diesem Wetter. Meine Entscheidung ist gefallen. Ich erkl├Ąre, da├č meine Kupplung kaputt ist und ich mich gerade entschlossen habe, keinen weiteren Reparaturversuch zu unternehmen, sondern die 230 km bis Stavanger ohne Kupplung durch zu fahren. Sie sch├╝ttelt den Kopf, l├Ąchelt dann aber und w├╝nscht mir alles Gute, bevor sie sich wieder dem Grill hingibt.

Packen wirs an. Der Startprozess gestaltet sich nun anders. Ein paar Meter freie, m├Âglichst nicht ansteigende Bahn braucht es, um das im Standgas tuckernde Gespann los zu schieben, den 1.Gang vorsichtig einzulegen und sich m├Âglichst elegant auf den Sitz zu schwingen. Auf elegeant kann zur Not bei dem Prozedere verzichtet werden, es ist schlicht nachts halb 3 bei Schneesturm niemand zugegen, der Haltungsnoten vergeben w├╝rde. Auch die Fahrweise ├Ąndert sich. Man f├Ąhrt wesentlich vorausschauender, jeder unn├Âtige Schaltvorgang wird unbedingt vermieden. F├╝r Stunden ziehen wir unsere Spuren auf der E39 gen Westen. Oft sind es die einzigen. In Tallagen sch├╝ttet es wie aus Kannen, weiter oben die selbe Menge in Form vom herrlich dicken, weichen Schneeflocken, die ├ťbergange in Matschform und nahtlos. Am sch├Ânsten f├Ąhrt es sich tats├Ąchlich im Schnee. Teilweise bis zu 5 cm geschlossene Schneedecke auf der Stra├če. Man rollt ab, als f├╝hre man auf Samt. Das Gematsche und Geplatsche an Stiefeln, Hose und Visier wird abgel├Âst von dumpfen, sanften, weichen Ger├Ąuschen.

Nur ganz selten ist ein Auto unterwegs. Ab und an die unvermeidlichen LKW. Kaum sieht man sie im R├╝ckspiegel, setzen sie auch schon zum ├ťberholen an und ziehen selbst an den verr├╝cktesten Stellen vorbei, als ob die Gesetze der Physik f├╝r sie nicht gelten w├╝rden. Gegen 6, es ist noch finstere Nacht, ein letzter Stopp an eine Circle K – Automatentanke. Es sch├╝ttet und der Wind bl├Ąst von hinten so sehr, da├č das Gespann weg rollen will und ich den Gang einlegen mu├č. Ich bin ersch├Âpft und setze mich auf den Gep├Ącktr├Ąger, klappe das Visier runter und nicke kurz weg. Die wohlige W├Ąrme im Inneren, das wasserdichte Material au├čen, l├Ą├čt das Wetter abperlen und mich zur Ruhe kommen. Bevor wir wieder durchstarten, sehe ich noch die offene und beheizte Behindertentoilette. Zwar sind meine Handschuhe wasserdicht, die H├Ąnde aber werden schon beim ausziehen oder beim tanken nass. Somit kommt fr├╝her oder sp├Ąter unweigerlich Feuchtigkeit und damit K├Ąlte hinein. Schlimmer empfinde ich den Fakt, da├č man den Handschuh kaum noch ausgezogen bekommt, weil das Innenfutter an den H├Ąnden klebt oder gar, der Super GAU, mit heraus gezogen wird. Also trockne und w├Ąrme ich unter dem Handtrockner meine Finger und nutze auch den gro├čen Spiegel, um mich ganz penibel, Schicht um Schicht, bis hoch zum Hals wieder richtig einzukleiden. Helm drauf, alles sitzt. Als die Handschuhe dran sind wird es eklig. Zu na├č ist das Innenfutter schon geworden. Im Wind neben mir flattern die Plastik – Dieselhandschuhe herum. Einen Versuch ist es wert. Handschuhe wieder aus, Dieselhandschuhe ├╝bergezogen. Zuerst ein eigenartiges Gef├╝hl, dann der AHA – Effekt. Ganz leicht lassen sich die nassen Handschuhe an und wieder ausziehen. Das ist zwar alles andere als atmungsaktiv, f├╝hlt sich aber sehr schnell viel angenehmer an, als die Feuchtigkeit direkt auf der Haut zu haben. Wieder ein Skill mehr auf der „bei Extremwetter auf dem Motorrad“ – Howto – Liste. Das hebt nat├╝rlich die Laune ganz betr├Ąchtlich in den gr├╝nen Bereich und sollte die paar Stunden bis zur Ankunft in J├Şrpeland ausreichen.

Spannend wird es noch einmal kurz vor dem Ziel, gilt es doch den Gro├čraum Sandnes und Stavanger inklusive dem langen Ryfasttunnel bei Berufsverkehr zu durchqueren. Zusatzpunkte gibt es, wenn wir dieses Level ohne Kupplung meistern. Challenge accepted! Was bleibt auch anderes ├╝brig ­čÖé . Aber es funktioniert. Mit traumwandlerischem Richtungssinn┬á man├Âvriere ich uns durchs Gewimmel aus roten und orangenen Lichtern, folge den richtigen Hinweisschildern und schalte so gef├╝hlvoll wie m├Âglich, um das Getriebe nicht zu ├╝berlasten. Der Aufstieg aus dem tief unter dem Meer hindurch f├╝hrenden Tunnel ist steil. Der dritte Gang mu├č rein. Klick, vorsichtig die Drehzahl anpassen, Knarz, geschafft. Um 8 komme ich unter Olivers Carport zu stehen und der Z├╝ndschl├╝ssel schnappt auf 0.

„Ich bin da.“

Oliver hat noch nicht mit mir gerechnet. W├Ąhrend er sich auf den Heimweg macht, ziehe ich das triefende Zeugs aus. Nach der Begr├╝├čung, bei einem K├Ąffchen (ich liebe den Kaffee in Norwegen) stehe ich Rede und Antwort und wir beraten die Vorgehensweise. Mein Plan, die Nachtf├Ąhre von Stavanger aus zu nehmen l├Âst sich in Luft auf. Sie f├Ąhrt heute einfach nicht. N├Ąchste M├Âglichkeit, zur├╝ck nach Kristiansand: morgen Abend. Das passt gut. Da haben wir gen├╝gend Zeit zum reparieren, zum quatschen und zum Rum verkosten. Ein, zwei Leckereien lagern ja noch im Bauch des Beibootes. Aber zuerst die Arbeit, dann das Vergn├╝gen. Gemeinsam man├Âvrieren wir durch die Stadt zu seiner Garage, einem liebevoll hergerichteten Kleinod an der Peripherie bevor die Stra├čen enden und die Berge beginnen. Zum ersten Mal seit Tagen steht das Gespann nun wieder unter Dach im Trockenen.

Also, frisch ans Werk. Erstmal wird das Gep├Ąck abgeladen. Alle na├čen Sachen werden in einem warmen Raum zum Trocknen aufgeh├Ąngt. Das Schaffell kann man fast auswringen und auch die Thermokombi hat jede Menge N├Ąsse aufgenommen. Sie wird kurzerhand auf links gedreht, und ist erstaunlich schnell wieder trocken. Im Inneren der Packs├Ącke ist alles trocken. Das wundert und freut mich ganz besonders, ist es doch der erste wirkliche Hardcoretest f├╝r das Packsystem und die Werbung verspricht oft zu viel. Aber alles top. Klasse!

Nun geht es erneut der Technik „an den Kragen“, w├Ąhrend sich drau├čen der Himmel zu zieht und seine Schleusen ├Âffnet. Es regnet, richtig und den ganzen Tag. Same procedure as yesterday. Nur im Trockenen und mit Ruhe. Keine F├Ąhre heute, die erreicht werden mu├č.

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Das gesamte Motorrad und die Packtaschen sind von einer Patina aus feinem Sand ├╝berzogen. Ein bisschen tut es mir leid, aber das alles kann man wieder zu Hause abwaschen. Vorher hatte ich die Maschine mit Korrosionsschutz├Âl eingerieben. So bleiben die empfindlichen Teile wenigstens etwas gesch├╝tzt. Aber ehrlich, ich liebe jedes St├╝ckchen an uns, das wir zusammen auf Tour altern durften. Sei es auf einer Panzerteststrecke in Polen, auf dem Deutschlandtrip gemeinsam mit meiner Frau oder auf der Nordkap – Expedition. Es sind die Kratzer und Dellen, die wir uns im Laufe der Jahre auf Reisen erarbeitet haben. Sie sind die kleinen bleibenden Orden dieses Schaffens und jede Beule im Blech, jede Narbe vom hei├čen Auspuff an der Wade und jede Falte in den Augenwinkeln hat eine Geschichte zu erz├Ąhlen und l├Ą├čt im Kopf Bilder aufblitzen. Im Hinblick auf Technik und Fahrsicherheit wird jedoch schon gepflegt! „Wenn wir gut zuhause angekommen sind, gibt es wieder eine Grundreinigung und Konservierung, versprochen!“

Das sind so die Gedanken, w├Ąhrend die Schraubarbeiten stattfinden. Zwischendurch bekommen wir noch Besuch. Bitte nicht! Also war Olivers Spruch, so eine Aktion m├╝├čte mal in der Zeitung stehen und nicht immer nur Berichte von Kids, die alten Leuten Schneeb├Ąlle hinterher schmei├čen, nicht nur zum Spa├č daher gesagt. Also gut, stehen wir dem Stadtblatt in einem recht am├╝santen Mix aus norwegisch, deutsch und englisch Rede und Antwort. Eigentlich bin ich auch zu m├╝de, um ein echtes Veto einlegen zu k├Ânnen. Zur├╝ck bei der Technik mu├č ich den Telefonjoker erneut kurz bem├╝hen. Rene‘ ist echt geduldig und hilft mit Tipps und Tricks. Zwischendrin ein kurzer Besuch im Stahlwerk. Ein polnischer Rechtsanwalt, der hier als Pr├Ązisionsschwei├čer arbeitet, ist sehr hilfsbereit und optimiert die Kupplungsdruckstange. Wieder zur├╝ck, wird alles nochmal gr├╝ndlich vor dem Zusammenbau gepr├╝ft und so gewissenhaft wie m├Âglich zusammen gesteckt. Fertig! Test! Funktioniert!

Oliver hat noch schnell einen Grill gebaut, damit die Leckereien heute Abend besonders gut gelingen. Aber vorher will ich noch ein paar St├╝ndchen in die Waagerechte. Die gem├╝tliche ├ťbernachtungsst├Ątte ist vorbereitet, der Mumienschlafsack h├╝llt mich ein und weg bin ich.

Der Abend wird gem├╝tlich. Ein Kumpel kommt noch vorbei, es gibt Fleisch vom Grill, Rum aus D├Ąnemark und von den Philippinen, Whisky von Islay und jede Menge interessantes zu erz├Ąhlen. Im Hintergrund l├Ąuft Louis Armstrong auf Schellack. Erst sp├Ąt verabschieden wir uns, und kommen in unseren Kojen zu liegen. Takk for sist!

Heut morgen weht der Wind wieder aus einer andere Richtung. Oliver hat Kundschaft und Termine. Aber f├╝r ein gemeinsames Fr├╝hst├╝ck nehmen wir uns die Zeit. Die Lady ist gepackt und betriebsbereit. „Hab vielen Dank f├╝r diesen wunderbaren Wendepunkt. Auf ein hoffentlichbaldiges Wiedersehen.“ Ab jetzt geht es dem Zielhafen Heimat entgegen. Hoffentlich ohne technische Schwierigkeiten.

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Nicht jedoch, ohne noch vorher schnell den ├Ârtlichen Kiwimarkt anzusteuern und die Moltebeermarmeladen- und Walters Mandler – Schokoladenvorr├Ąte zu pl├╝ndern. Die wertvolle Fracht wird in einer Mollidecke eingewickelt im Seitenwagen verstaut.

Seit die F├Ąhre in Oanes au├čer Dienst gestellt ist, bleibt einem nur der Ryfasttunnel, um wieder Richtung Heimat zu steuern. Das hei├čt auch viel Verkehr, Autobahn, Vororte. Nicht die abenteuerlichste aller Strecken, wenn man mal davon absieht, da├č man mehr als 260m tief unter dem Wasser dahin gleitet. Die tadellose Funktion der Kupplung l├Ą├čt mich hingegen frohlocken. Nochmal fix voll getankt und eingemummelt, denn es beginnt wieder zu regnen. Was gar nicht so das Problem ist. Viel schlimmer ist der starke Gegenwind. Mit M├╝he und Not, bei Vollgas und in englische Sitzhaltung gekauert schaffe ich es, nicht noch vom 3. in den 2. Gang wechseln zu m├╝├čen. DAS macht wirklich keinen Spa├č. B├Âen zerren am Boot und es ist kaum m├Âglich die Spur zu halten. Gestern wurden unter anderem die Alternativstrecken zur├╝ck nach Kristiansand besprochen. Kleinere Stra├čen mit h├Âherem Schneerisiko aber sch├Ân durch die Berge. Meine Theorie, dort k├Ânnte es vielleicht nicht ganz so windig sein, will bewiesen werden und so biegen wir bald Richtung Tonstad ab. Schnell geht es hinauf, die Stra├čen werden kurviger und wirklich, auch der Wind ist nicht mehr so schlimm. Daf├╝r regnet es st├Ąrker. An einer Ausweichstelle montiere ich flux die Actioncam am Lenker. So kann ich wenigstens ein bisschen von der Szenerie einfangen. Sogleich h├Ąlt ein riesiger Toyota – Gel├Ąndewagen an. Der Herr ist ├╝ber alle Ma├čen begeistert und geschockt zugleich, was ich hier wohl mache und bietet mir in Tonstad eine warme Werkstatt und Werkzeug an. Er habe auch viele Motorr├Ąder und k├Ânne helfen. Ich bedanke mich, will aber weiter. Au├čerdem, was kann jetzt schon noch passieren?

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Na zum Beispiel k├Ânnte die Kupplung erneut den Geist aufgeben? Den Gedanken verdr├Ąngen wir mal schnell wieder und fahren weiter. An genau der Stelle, wo der Regen am st├Ąrksten niederprasselt, aber weit genug oben, um gerade in Schnee ├╝berzugehen, wandelt sich das Fragezeichen in ein Ausrufungszeichen. Schlaff h├Ąngt nach dem herunter schalten der Kupplungsgriff am Lenker. Was ist jetzt wieder? Anhalten, Sichtpr├╝fung. Schwer erkennbar, aber doch entdeckt offenbart sich der Schaden. Das Nippel am Bowdenzug hat sich so am Hebel abgeschliffen, da├č es zu d├╝nn geworden ist und durch rutscht. Ich hab einen Ersatzbowdenzug mit, aber der schlummert friedlich im Beiboot unter allen Gep├Ąckst├╝cken. Und es regnet gerade wie aus K├╝beln. Kein Wetter um die Persenning freiwillig auch nur ein St├╝ckchen zu ├Âffnen. Au├čerdem ist ein Bowdenzugwechsel bei angebautem Beiwagen und in der alten Ausf├╝hrung (mit der versteckten R├Ąndelschraube) alles andere als lustig. Um an die Einstellschraube ganz unten am Rahmen heran zu kommen, mu├č das Gespann angehoben werden. Dann legt man sich darunter und fummelt das lange, meist schwerg├Ąngige, weil verdreckte Gewinde heraus. Umgekehrte Reihenfolge beim Einbau. Das ist hier, alleine und bei diesen Verh├Ąltnissen nicht meine erste Option. Bewaffnet mit Kombizange und einer noch zu modifizierenden 6er Unterlegscheibe gehe ich dem Bowdenzug an die Seele. Ein paar Minuten sp├Ąter tut ein Provisorium zuverl├Ąssig an der Stelle seinen Dienst.

Es klingt vielleicht komisch, aber den weiteren Weg genie├če ich total. Die Maschine macht, was sie soll, die tief verschneite Winterlandschaft ist grandios, es ist fast kein Verkehr und das Fahren mit St├╝tzrad in tiefem Schnee / Matsch macht echt Laune. Gro├čer Pluspunkt au├čerdem, man mu├č keine Balance halten. Das stelle ich mir bei zum Teil vereisten Abschnitten schwierig vor. Auch der grobstollige Reifen findet immer wieder Halt im Untergrund und l├Ą├čt uns auch bergan recht gut vorw├Ąrts kommen. Wir ├╝berholen Autos, die scheinbar viel mehr mit der Gl├Ątte zu k├Ąmpfen haben. Einmal macht mir sogar ein Schneepflug – LKW Platz und l├Ą├čt mich ├╝berholen. Einzig Vorsicht ist geboten, wenn das Beiwagenrad in den am Rand┬á aufgeschobenen Tiefschnee kommt. Dann zieht die ganze Fuhre scharf nach rechts, noch tiefer in den Schnee hinein. Einmal lasse ich einen SUV vorbei und habe danach selbst zu tun, wieder los zu kommen. Etwas s├╝dlich von Evje trifft mein Weg auf die Hauptstra├če nach Kristiansand. Ein paar dutzend mehr Kilometer waren das, aber daf├╝r viel sch├Âner und vor allem ohne den l├Ąstigen Wind. Kurz vor der Abzweigung laufe ich wieder auf ein paar Autos auf und fahre gem├Ąchlich hinterher. Pl├Âtzlich bremst mein Voraus und bleibt mitten auf der Stra├če stehen. Hallo! Mein Bremsweg endet ungef├Ąhr genau einen halben Meter von seiner hinteren Sto├čstange entfernt. Ich m├Âchte schon ├Ąrgerlich werden, aber ein aufgeregter Norweger in seinen Mittf├╝nfzigern rei├čt die Fahrert├╝r auf, rutscht aus, rappelt sich lachend wieder auf, schmiert sich den Schneematsch auf der Hose breit und kommt zu mir hinter. Ehe ich reagieren kann, klopft er mir herzhaft auf die Schulter und ein Schwall norwegischer W├Ârter prasselt auf mich ein. Sein freudiger Gesichtsausdruck und immer wieder Daumen hoch l├Ą├čt auch mich l├Ącheln, obwohl diese Aktion auch locker mit einer Delle in seinem SUV h├Ątte enden k├Ânnen. So schnell wie er kam, flitzt er wieder zur├╝ck, die Hosenbeine na├č vom Ausrutscher, die Schuhe durch vom Zentimeter hohen Schlick auf der Stra├če, aber ein gl├╝ckliches Lachen auf den Lippen. Verr├╝ckte Skandinavier!

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Die Hauptstra├če ist ohne Tadel ger├Ąumt und gestreut. Es wird langsam dunkel und geht deutlich gen S├╝den. Aber nicht mit der Vehemenz, die ich erwartet h├Ątte. Hmmm! Irgendwie nimmt die Maschine nicht mehr richtig Gas an. Als ob der Schieber nicht vollst├Ąndig ├Âffnet. Weiterfahren, Beobachten. Die Sache spitzt sich immer mehr zu, bis ich kaum noch im 4. Gang beschleunigen kann. Endlich kommt die ersehnte Tankstelle. Die Zapfs├Ąule zeigt 15,3l an. Das ist neuer Rekord. Ich bin wohl nur noch mit hei├čer Luft hier her gekommen. Ein Blick unter den Tank und mir wird offenbar, warum die Leistung weg war. Rund um den Vergaser hat sich eine richtige Eisschicht gebildet.

DSC_3169Mit blo├čen Fingern klopfe ich daran und das Gebilde f├Ąllt ab. Zwei Minuten warten und die Restw├Ąrme, die vom Motor her str├Âmt hat die Temperaturunterschiede im Vergaser egalisiert und der Gasschieber l├Ą├čt sich ohne klemmen wieder bewegen. Wie sch├Ân, jetzt hab ich mir aber einen hei├čen Kakao und Ostep├Şlse mit Bacon verdient.

Viel zu zeitig kommen wir am Colorline F├Ąhrterminal an. Warten, Tee trinken, ausruhen. Auch hier kann ich problemlos mein Ticket direkt am Schalter l├Âsen. Und auch hier bin und bleibe ich der Einzige in der Motorrad – Reihe.

Ein paar Worte mit interessierten Passanten werden gewechselt. Dann, ich telefoniere gerade mit Andre‘, kommt ein b├Ąrtiger junger Mann mit einem Wasserkessel winkend an mir vor├╝ber und gibt mir zu verstehen, da├č er jetzt Kaffee aufbr├╝ht und ich eingeladen bin. Fr├Âhlich schlendere ich zu dem zum Campervan umgebauten Transporter mit niederl├Ąndischem Kennzeichen hin├╝ber… und wieder zur├╝ck. Mein Emailletippel h├Ąngt noch am Motorrad und ist voller Sand. Erstmal aussp├╝len das Ganze . Eine Walters Mandler opfere ich gern den Menschen, die mich hier bewirten. Schnell entspinnt sich ein ausgelassenes Gespr├Ąch. Die beiden haben es zusammen mit ihrer ein├Ąugigen Huskydame bis ├╝ber den Polarkreis geschafft und sind nun auf dem Nachhauseweg. Beim Quatschen vergeht die Zeit schnell. Er offenbart mir noch, da├č er Hobbyfotograf sei und fragt, ob er Fotos machen darf. Ich bejahe und wir gehen hin├╝ber zur AWO. Da├č ich mit aufs Foto soll, hatte er nicht erw├Ąhnt. Schnell sind die Bilder im Kasten, er schreibt sich meine Mailadresse auf und verspricht, mir das Ergebnis seines Schaffens zu schicken. „Vielleicht sieht man sich an Bord nochmal und vielen Dank f├╝r den tollen Kaffee.“

Noch immer jage ich etwas meinen fehlenden Schlafstunden hinterher. Insgeheim besteht ja die Hoffnung, auf der F├Ąhre etwas zur Ruhe zu kommen. Das hat jedoch bei den meisten ├ťberfahrten, bis auf ein unruhiges Wegnicken, kaum einmal funktioniert. Auch dieses mal nicht, denn kaum ist die Maschine fest verzurrt und ich auf dem Passagierdeck angekommen, winken mir schon zwei Bekannte zu.

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Er hat schon den Laptop aufgeschlagen und bastelt an den Fotos herum. Ich bin immer wieder beeindruckt, was f├╝r lupenreine Bilder bei Fuji schon out of the box entstehen. Als er fertig ist, sendet er mir diese gleich aufs Telefon. Hartelijk dank! Er besch├Ąftigt sich auch mit Drohnenfilmerei und zeigt ein paar der grandiosen Aufnahmen aus dem tief verschneiten Finnland. Die geraden wei├čen Linien, welche die verschneiten Stra├čen durch die W├Ąlder schneiden laden auch ein, dort mit dem Gespann entlang zu knattern, aber -25┬░C sind kein Spa├č f├╝r Motorradfahrer.

Heute ist raue See. Ich merke, wie mein Magen grummelt. Alle Menschen auf dem Schiff, abgesehen vom Bordpersonal laufen in Schlangenlinien, einige sehen etwas bla├č um die Nase aus. Die Partnerin des Fotografen hat die Seekrankheit voll erwischt. Wir reden mit ihr um sie abzulenken, aber es hilft leider nicht viel. Vier Stunden und einen Einkauf im duty free – shop sp├Ąter ist der Spuk vorbei und die F├Ąhre legt im windig – regnerischen Hirtshals an. Wir verabschieden uns, nun wieder fr├Âhlicher und mit mehr Farbe im Gesicht voneinander. Kaum aus dem Bauch des Schiffes, bl├Ąst der Wind mir schon wieder heftig in den Helm und ich suche mir eine gesch├╝tzte Stelle hinter einem Geb├Ąude, um mich zu wappnen.

Hinterbacken zusammen gekniffen und los. Gen Heimat. Es dauert nicht lange und die Augen wollen zu fallen. D├Ąnische N├Ąchte k├Ânnen so lang sein. Gef├╝hlt mu├č ich alle 30 km anhalten. Selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen mu├č ich g├Ąhnen. Irgendwann kann ich nicht mehr. Auf einem Parkplatz wird die Isomatte aus dem Beiwagen gezerrt und im windgesch├╝tzten Bereich neben dem Gespann ausgebreitet. 5 Minuten Schlaf bitte. Visier zu und gute Nacht. Nach einer halben Stunde schrecke ich hoch. Dem R├╝cken hat das gerade liegen gut getan, aber Regen prasselt auf den Helm und weckt mich. Also weiter. Die halbe Nacht verbringe ich damit, eine undichte Stelle am Hals zu finden. Das nervt, denn ich merke, wie mein Nacken langsam steif wird. Erst nach der dritten Tankstelle mit netter Bedienung, doppeltem CaiLatte, Zuckergu├čteilchen mit Zimt und einer warmen, freundlich eingerichteten Lounge, bekomme ich das Zugluftproblem in den Griff. Als es endlich hell wird, l├Ą├čt auch der Regen nach. Ab und an blinzelt die Sonne durch die dicken Wolken. Ich genie├če die W├Ąrme auf meinem Gesicht und damit auch die Fahrt an sich wieder .

Bald nach der Grenze darf ich die Autostrada verlassen. Landstra├če, wie sch├Ân! In Sommerland warten Andre‘ und Sanni auf uns. Wer kann schon von sich behaupten, auf dem Heimweg von einer Wintertour mit dem Motorrad nach Norwegen auch noch Gr├Ânland auf eigenem Sattel durchquert zu haben? Ich. ­čśë

Die Freude ist gro├č, sich wieder in die Arme schlie├čen zu k├Ânnen, obwohl es ja erst wenige Tage her ist, da├č wir uns das letzte Mal sahen. Motorrad in den Schuppen, Klamotten zum trocknen aufgeh├Ąngt, Feierabend. Es gibt Kaffee, Futter und nette Gespr├Ąche. Im Hintergrund gibt „Der Boss“ alles, w├Ąhrend ich selig auf dem Sofa l├╝mmelnd immer kleiner werde. Sogar eine hei├če Badewanne wird mir noch zuteil. Abends wollen wir noch was essen gehen, vorher zwei Stunden verordnete Bettruhe. Gro├čartig dagegen wehren mu├č ich mich wirklich nicht.

Der Marktplatz der Stadt ist wie leer gefegt, fast alle Kneipen haben geschlossen. Ungew├Âhnlich. Aber wir finden eine gute Lokalit├Ąt. Die Currywurst sticht f├╝r mich aus dem durchweg leckeren Angebot hervor. Sehr gute Wahl. Als wir wieder heimgekehrt sind gilt nur noch Z├Ąhne putzen, pullern und ab ins Bett ­čśë

Montag

Heute geht’s heim. Andre‘ ist schon zeitig los. Ja, heute ist kein Wochenende mehr. Sanni hat home office und so bleibt ein wenig Zeit noch zusammen zu fr├╝hst├╝cken und zu schnacken. Bald hab ich meine sieben Sachen verschn├╝rt und den ├ľlstand kontrolliert. Ein herzlicher Dank und ein kr├Ąftiger Dr├╝cker an Sanni f├╝r die Gastfreundschaft und die sch├Âne Zeit. Und schon sind wir wieder unterwegs. Von hier aus bietet sich f├╝r die Heimreise als schnellster Weg eine Hamburgdurchquerung an. Hamburg an einem Montag morgen steht f├╝r viel Verkehr. Naja, wir werden es ├╝berleben! Und tats├Ąchlich, es funktioniert. Die Sonne lacht und hebt die Fahrlaune.

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Schon wird der Moloch im R├╝ckspiegel kleiner. Er hat uns wieder unbeschadet frei gegeben. Daf├╝r lauern die n├Ąchsten dicken Wolken am Horizont. Unbeschwerte Kilometer folgen. Die Gedanken sind bereits bei den Lieben zu Hause, als in Salzwedel (selbe Tankstelle) urpl├Âtzlich die Kupplung wieder beginnt immer schlechter zu trennen. Tanken, nachstellen und gut zureden hilft mir aus der Stadt heraus Richtung Autobahn. Ein paar Ampeln schaffen wir so, dann ist wieder Schlu├č. Wenn ich ab jetzt f├╝r den Rest der Heimreise vom anhalten und wieder los fahren rede, meine ich anhalten mit eingelegtem Leerlauf, los fahren nach dem weiter oben (sowohl weiter oben im Text, als auch weiter oben im Norden) schon beschriebenen und erprobten System. An einer Ampel in der Innenstadt mit entsprechendem Verkehr ein Ding zwischen Schiebecontest, ├ärgernis weil Hindernis f├╝r gestre├čte Nachhausefahrer und Belustigung der Passanten. Was solls, hier kennt mich eh keiner. Auf der Autobahn hingegen ist das alles irrelevant und die Kilometer schrumpfen.

Einen Zwischenstopp mit eventueller Reparaturm├Âglichkeit habe ich noch bei meinem Kumpel Rose eingeplant, und den nehme ich trotz aller Widrigkeiten gerne wahr. Er ist selbst versierter AWO -Schrauber und -Langstreckenfahrer. Und seine Schmiede liegt, bezogen auf die in den letzten Tagen zur├╝ckgelegte Gesamtstrecke, nur einen Katzensprung entfernt der k├╝rzesten Verbindung zwischen mir und zu Hause. Dort angekommen ist es schon finster. Die Freude ist gro├č, Tee wird ausgeschenkt und das Neueste aus aller Herren L├Ąnder ausgetauscht. Warum nur konnten sich unsere Wege nicht schon viel fr├╝her kreuzen mein Gutster? So selig sitzend und erz├Ąhlend kommt nicht gerade Schrauberlust auf und ich entscheide, das letzte St├╝ckchen „unrepariert“ weiter zu fahren und stattdessen die Zeit zum ausruhen zu nutzen. Das sollte ebenfalls ein Heimspiel werden, so oft sind wir diese Strecke schon gefahren. Munter bin ich auch wieder, also los. Anrollprozedur, ein letzter fr├Âhlicher Wink und schon sind wir wieder auf Spur. Einmal tanken noch, ein kleiner Spa├č noch ( Eis schlecken bei der Wintertour ) und schon lassen wir das Dresdner Lichtermeer wieder hinter uns .

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Ab hier werden die Lichter vor und hinter uns ├╝berschaubar, nur noch wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Die meisten LKW’s dr├Ąngen sich zum schlafen auf die ├╝berf├╝llten Parkpl├Ątze. Alles l├Ąuft. Mein Sitzefleisch ist fast aufgebraucht, aber “ die Pause war heilsam und das St├╝ndchen bis heim schaffst du auch noch“, motiviere ich mich selber. Daheim wartet eine trockene Garage, eine hei├če Dusche und ein warmes…..

BÄÄÄM !!!

Ein pl├Âtzlicher Impuls l├Ą├čt mich einen Purzelbaum ├╝ber den Lenker machen. Ich komme auf dem Reparaturstreifen zu liegen. Im Augenwinkel sehe ich das Gespann an mir vorbei an die Leitplanke fahren. „Jetzt hat grad jemand RICHTIG Gl├╝ck gehabt!“. Das ist mein erster Gedanke, noch bevor ich realisiere, was┬á passiert ist. Kaum habe ich mich aufgerappelt und mich umgeschaut, h├Ąlt die Polizei mit Blaulicht neben mir. Sie sind zuf├Ąllig hier und fragen, ob ein Unfall passiert ist. Nach dem vielen Plastik zu schlie├čen, das ├╝ber die Bahn verteilt ist und nicht zu mir geh├Âren kann, „Ja ich glaube schon.“

Den weiteren Verlauf schildere ich sp├Ąter einmal detaillierter, da der Fall noch nicht abgeschlossen ist. Nur soviel. In dieser Nacht war eine ganzes Kommando Schutzengel f├╝r mich unterwegs. Es hat daf├╝r gesorgt, da├č mich kein anderes Auto oder LKW ├╝berfahren hat, da├č ich so gute Kleidung und einen richtigen Helm an hatte und weich gelandet bin, da├č das Gespann nicht in totalen Schrott verwandelt wurde und ich, mehr Gl├╝ck als Verstand, auch die letzten Kilometer noch auf eigener Achse heim zu meiner Familie geschafft hab. Es war gen├╝gend Alteisen zwischen meinem Leben und dem anderen Fahrzeug. Das adelt meine alte Lady, die ab sofort und hochverdienterweise den Namen „Die Allm├Ąchtige“ tr├Ągt.DSC_3197

Ein Abenteuer mit gl├╝cklichem Ausgang. Werde ich je wieder in die Welt hinaus fahren k├Ânnen, ohne da├č die Lieben zu Hause tausend Tode sterben vor Sorge? Tempor├Ąr ist mein Fernweh weit in den gr├╝nen Bereich zur├╝ck gek├╝hlt.

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Euer Bernd

p.s. nehmt mir die schlechten Bilder nicht krumm.

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7 Gedanken zu “­čŹÇ7 Tage. Von Familie, Freunden, Schnee & einer Schutzengelbrigade

  1. Wahnsinn. So super geschrieben, dass man meint, man w├Ąre hinter Dir gefahren.
    Megaaaa toller Bericht. Ich hatte endlich mal wieder ein interessantes Buch vor mit, auch wennÔÇÖs nurÔÇÖn Schei├č Handy ist.

    Vielen lieben Dank

    Andre

    Gef├Ąllt 1 Person

      1. Bernde, ich ziehe (wieder) meinen Hut und verbeuge mich ganz tief.
        Dein Buch von der Nordkap-Tour steht bei mir in der vordersten Reihe im B├╝cherschrank. Dieser Bericht w├Ąre ein neues Buch wert. Von der Story her, von Deinen Erlebnissen, Deiner Unerschrockenheit und ganz und gar von der Poesie Deiner Erz├Ąhlung her!
        Tiefsten Respekt Bernd, tiefsten Repekt!
        Mit besten Gr├╝├čen aus Chemnitz, Micha

        Like

  2. Bernde, ich ziehe (wieder) meinen Hut und verbeuge mich ganz tief.
    Dein Buch von der Nordkap-Tour steht bei mir in der vordersten Reihe im B├╝cherschrank. Dieser Bericht w├Ąre ein neues Buch wert. Von der Story her, von Deinen Erlebnissen, Deiner Unerschrockenheit und ganz und gar von der Poesie Deiner Erz├Ąhlung her!
    Tiefsten Respekt Bernd, tiefsten Repekt!
    Mit besten Gr├╝├čen aus Chemnitz, Micha

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  3. F├╝r solche Handlungen h├Ątte es in der Kinderstube einen Satz warme Ohren gegeben und eine Litanei an unmi├čverst├Ąndlichen Erkl├Ąrungen bez├╝glich deines Geisteszustandes w├Ąre auf dich nieder gegangen. Nun, im Erwachsenenalter kann es einem immer noch passieren, bei einer Einordnung der geistigen Nivellierung nicht die hellste Stelle im Leben erwischt zu haben. Es gibt ganz selten im Leben aber F├Ąlle, wo ein „ist aber sch├Ân“ oder ein „haste fein gemacht“ des Lobes und Anerkennung nicht ausreichend gerecht werden, so das man beispielsweise wieder zu einem „Du hast nicht mehr alle Latten am Zaun!“ verf├Ąllt. Nur aber, wie in diesem deinigen Fall, der Fundamentalit├Ąt bez├╝glich Anerkennung und Respekt gr├Â├čeren Ausdruck zu verleihen! Also dein Handeln als zwar durchgeknallt zu bezeichnen, aber in einem besonders positiven unterhaltsamen Bezug. Quasi mit einem breiten L├Ącheln im Gesicht nach dem Lesen deiner Geschichte. Mein lieber Freund, ein Laphroaig reicht da garnicht. Auf dich, Bernde!

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