Tag 6
Die anderen werden wach, während ich früh die schönen Duschen benutze, frisch geschniegelt und gebügelt den Platz erkunde, den am Hang grasenden Ponys guten Morgen sage und Löcher in den spiegelglatt da liegenden See starre. Was für ein schönes Fleckchen Erde. Kein Stress heut. In Ruhe frühstücken wir. Der Brite kommt nochmal kurz vorbei, schnakken und sich verabschieden. Gute Reise auch dir! Dann packt er zusammen und bald ist auch wirklich alles gut verstaut, auf dem PS-Monster. Wer hätte das gedacht. Souverän zieht er die Straße hinauf bald biegt auch seine Schallwelle um die nächste Bergkuppe und verliert sich.
Heute reisen wir ohne Gepäck. Stippvisite am Hardangerfjord. Vielleicht werden es 100km. Mal sehen. Visit norway sagt, einer der Schönsten und drittlängster Fjord der Welt. Eingeklemmt zwischen Gletscher (Folgefonna, westlich) und Hardanger Vidda eine weitere Perle in der übervollen Schatzkammer Norwegens. Steppi hat geforscht und ein Kraftwerksmuseum gefunden. Dieses wollen wir ansteuern und vielleicht finden wir noch eine Bäckerei und ein Vinmonopolet. Das wäre dann eine sogenannte Vin Win-Situation.
Bevor wir gemütlich vom Platz rollen, machen wir noch gestellte Bilder. Schon fast kitschig schön, einzig, aber nicht artig.
Gleich zu Beginn der kurzen Etappe Richtung Odda, einem der größten Orte am Fjord, durchfahren wir einen Tunnel. Steppe und Volker ziehen hurtig voraus, Andre‘ und ich zuckeln mit Abstand hinterher, Oli als Begleitschutz mit ordentlichem Rücklicht 😉 . Alle sind vergnügt, ob der Tatsache, daß heut ein gechillter Tag mit wenig Strecke und viel gucken, quatschen und ausruhen wird, da….
…die Ratte rollt an den Rand, mitten im Tunnel. Ein Geräusch, was da nicht hin gehörte und sie war aus. Schnelles Handeln ist nun gefragt. Es ist nur wenig Verkehr und die Straße fällt in Richtung Campingplatz ab. So schieben wir Andre‘ samt nicht mehr fahrbereitem Untersatz auf die Gegenfahrbahn und er rollt, abgeschirmt vom Gespann dem Ausgang entgegen und weiter bis zurück zu den Zelten. Oli informiert die anderen und bald stehen alle wieder am Beginn. Kurze Tour ja, aber so kurz nun auch wieder nicht. Ratlos-besorgte Gesichter. Was war passiert? Der 13er Schlüssel öffnet den Zylinderkopfdeckel und offenbart das Problem. Der Auslasskipphebel ist gebrochen. Ein alter Riss, der wohl die Sollbruchstelle für das Ende gebildet hat. Keiner hat ein solches Ersatzteil dabei.
Das ist keine gebrochene Speiche, gerissener Bowdenzug oder kaputter Schlauch. Im Normalfall wäre hier die Tour zu Ende. Sowas spezielles bekommt man hier nirgendwo. Also gelbe Engel, oder DHL same day, in jedem Falle aufwändig oder sehr expensiv. In unserem Fall wäre da noch Oli mit dem Trailer eine Option.
ODER
Rückschau: Vor ein paar Jahren war Oliver uns mal besuchen und beliefern. Leerfahrten sind ineffizient, also bekam er Ladung übergeholfen. Er ist selbst einer der wenigen norwegischen AWO-Fahrer und ab und zu auf Ersatzteile angewiesen. Die Entscheidung, einen kompletten Motor bei ihm zu deponieren lag daher auf der Hand, zumal es schon andere Nordkap-Expeditionisten gegeben haben soll, die irgendwo bei Karasjok mit Totalausfall gestrandet waren. Um in so einem Fall helfen zu können, ohne schwierig über EU-Grenzen hinweg Ersatzteile schicken, oder gar mit dem ADAC heimfahren zu müssen, wurde mit Olivers Zustimmung der nördlichste AWO-Service ins Leben gerufen.
Und das ist seit Jahren Stand der Dinge. Wir brauchen eigentlich nur einen Freiwilligen. Oli ist so lieb und sofort bereit den Ersatzmotor abzuholen. 200km! Wir? Harren der Dinge. Telefonisch melden wir uns in Jørpeland an, alles wird zur Abholung vorbereitet. Jetzt heißt es Klappstühle raus und Sonne auf den Bauch oder Beiwagen ausräumen und unsere kleine Tour doch noch mal starten.
Jetzt habe ich einen Schmiermaxen. Er kann trotz der Panne immer noch lachen, wir alle. Auf also nach Odda.

Auf halbem Weg verengt sich die Straße unnatürlich durch parkende Autos und Leute auf der Bahn. Aufsteigende Gischt verrät, wir kommen an den Låtefossen. Ein prächtiger Wasserfall, der allemal einen Stopp und ein Foto wert ist. Auch wir quetschen unsere Karren noch irgendwo dazwischen und machen unsere Aufnahmen.

Das Stadtzentrum liegt genau an der Südspitze des Hardangerfjords und bildet dort das Nadelöhr, wo aller Verkehr hindurch muß, egal ob man sich für den Weg entlang des Westufers entscheidet oder am Ostufer bleibt. Um das Kraftwerksmuseum Tyssedal zu erreichen nehmen wir die östliche Route. Die blonde Rezeptionistin erklärt uns freundlich ein paar Fakten zum Kraftwerk, weist auf einen Dokumentarfilm hin und händigt uns die Eintrittskarten aus. Den Weg ins schloßähnliche Turbinenhaus finden wir alleine. Ohne zu übertreiben kann das Kraftwerk als technische wie auch architektonische Meisterleistung seiner Zeit bezeichnet werden und untermauert den Industrieboom in Norwegen Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir als Alteisenliebhaber stehen mit offenen Mündern vor den gigantischen Turbinen und geraten auch über die im Vergleich winzigen Details in Verzückung. Manometer und Schalter aus Messing und Bakelit, Bedienpulte aus Marmor. Vom kleinsten Einstellhebel bis zum Turbinengehäuse herrscht eine Formensprache, die dem geneigten Betrachter ständig wohlige Schauer über den Rücken laufen lässt. Selbst nach 30 Jahren muß es den Maschinisten noch eine Freude gewesen sein, ihr Kraftwerk zu betreten und zu bedienen.
Heimlich halte ich Ausschau nach einem Ersatz für Andre’s gebrochenen Kipphebel und werde fündig 😉

In Anbetracht der Ausmaße der Turbinenhalle bedarf es nur wenig Fantasie um sich vorzustellen, wie hier viele Jahrzehnte lang hunderte Meter Wassersäule die Millionen m³ dieser im Ruhezustand so friedlichen Flüssigkeit in Megawatt umgerechnet und in Stromleitungen gepresst haben.
Strahlender Sonnenschein und ein träge da liegender Fjord empfangen uns am Ausgang. Ein paar Stühle am Wasser laden zum verweilen ein. Jetzt ein Eis! Die Truhe ist mir schon beim Eintritt in das Gebäude aufgefallen. Alles zum halben Preis. Nur wo bezahlen? Da kommt mir eine Dame im Geschäftsanzug entgegen und ich frage. Nach kurzem überlegen überlässt sie mir die Hand voll Stieleis kostenlos wenn wir, sollten wir bei instagram darüber berichten, eine nette Bewertung mit ihrem # hinterlassen. Zwar ohne das Bilderportal, aber dennoch wohlwollend im www erwähnt hoffe ich, der Bitte nun hier gebührend nachgekommen zu sein. 🙂
Wieder zurück bei den Maschinen einigen wir uns auf Innenstadt, Bäckerei und Nahrungsergänzungseinkäufe. Ein bisschen suchen wir herum, bis wir einen schönen Platz fast am Wasser finden. Das Einkaufen ist schnell erledigt. Im Augenwinkel blitzt uns das magische Wort an einer Seitentür an. Vinmonopolet. Und die Tür ist offen. Noch nie war ich in einem der sagenumwobenen Geschäfte. Sie sind in Norge die einzige Möglichkeit, geistige Getränke zu erstehen. Alles was über Leichtbier hinaus geht >>>> Vinmonopolet. Wir trauen uns. Schnell noch einen verschwommenen Schnap(s)schuß und hinein. Natürlich kommen wir nach kurzer Wahrschau am Whiskyregal zu stehen. Laphroaig {læˈfrɔɪg – Lafroig} 10. Immer eine gute Wahl. Meine Lieblingssorte. Ein Schluck, einen Atemzug aus dem Glas und ich bin am Meer. Salz, Seetang, Jodtinktur. So muß das. „Teuer oder?“ Die Kassiererin knöpft mir mit charmantem Lächeln über 60€ für die Flasche ab, während wir irgendwas von „Spaß kostet“ murmeln.
Nach soviel Mut haben wir uns Kaffee und jede Menge süße Teilchen redlich verdient, die wir plaudernd draußen vertilgen.
Auf dem Rückweg im Sonnenuntergang halten wir noch ein paar mal an, um die Szenerie einzufangen. Auch die gestern von allen verschmähte Seitenstraße, die uns anstatt geradenwegs durch den Tunnel (langweilig), eindrucksvoll gewunden hinunter ins Tal zum Camp zurück trägt, benutzen wir dieses mal. Zwischenzeitlich hat uns auch die Nachricht erreicht, daß Oli „mit Hindernissen“ den Motor nun im Bus hat und wieder unterwegs ist. Mal sehen, ob er einen Zwischenstopp einlegt, oder die halbe Nacht bis zu uns durchbrettert.
Wir machen es uns bei Futterage und frischem Whisky gemütlich und warten.
Oli ist unser Held. Trotz ner Stunde netter Plauderei mit Claudia (sie gibt den Motor raus) und der zweifelhaften „Ehrenrunde“ durch den Ryfast schlägt er, es muß um Mitternacht sein, wieder bei uns auf. Morgen früh bauen wir. Für heute können alle wieder beruhigt in ihre Schlafhöhlen zurück kriechen.
Tag 7
Der frühe Vogel fängt den Kupferwurm. Ich bin als erster wach, schnappe mir die Schlüssel und frisch ans Werk. In 10 Minuten ist die komplette Kipphebelbrücke aus dem Ersatzmotor entnommen und in die Ratte implantiert. Ventile einstellen, Deckel drauf, läuft wieder.
Danach verbringe ich stille Minuten am See und sauge soviel wie möglich von der Atmosphäre auf, hoffend auf Speicherung für zuhause. Rein rechnerisch, so sinne ich vor mich hin, ist heute so zirka der letzte Tag der Ausdehnung unseres Tourenuniversums, bevor es wieder beginnt in sich zusammen zu stürzen. Ein „heißes Ende“ sozusagen, was für den Moment betrachtet nicht so schön scheint. Gerade sind nämlich alle so schön im Reisemodus angekommen. Doch diese Art des Endes birgt auch immer wieder die Chance, neu zu starten!
Es gibt ein paar Varianten, auf galante Art die Kurve wieder gen Heimat zu schlagen. Diese werden mampfend und Kaffee schlürfend erörtert. Insgeheim hoffe ich, daß bei den Kollegen noch genug Fahrriemen übrig ist, um bis Lærdal vorzustoßen, bevor wir über den Eisweg wieder in Richtung Kristiansand fallen. Eine weitere, kürzere Variante würde uns bereits heute über Eidfjord an der Spitze des Hardangerfjords, südlich am Hardangerjøkulen vorbei durch die Hardanger Vidda führen. Auch sehr reizvoll, wenn auch die im Vergleich zu den Fjorden weniger brachialen Hochebenenflächen vielleicht nicht jedermanns Auge entzücken. Fürs erste entscheiden wir pro Westufer. Freudig stelle ich fest, daß somit die Möglichkeit Lærdal doch zu erreichen noch nicht ad acta gelegt ist.
Die Esel sind gepackt. Start! Nein. Fehlstart. Die schiere Kraft von Volkers Boliden läßt das Hinterrad auf dem nassen Gras durchdrehen und die Maschine in Schieflage kommen. Die hinterhältige Fußraste war es wohl, die sich im Boden verhakt und Roß samt Reiter zu Falle bringt. Volker stürzt zwar in Zeitlupe, aber unglücklich. Wir helfen ihm gleich auf, aber etwas scheint nicht in Ordnung. Ab diesem Zeitpunkt kehrt er ab und an bei Dr. IBU ein. Der erste Unfall der Tour, leider. Nachdem sich alle wieder geordnet haben, an der nun besetzten Rezeption alle Karten zurück gegeben und der Pfand erstattet ist reiten wir durchs Tal hinaus, Odda vor der Nase. Bekannte Strecke bis dahin, dann hart links im Kreisverkehr und raus aus der Stadt. Viele Kilometer haben wir Zeit zu entscheiden, ob das Wasser des Fjords oder der fast wolkenlose Septemberhimmel mit tieferem Blau prahlt. Drüben am Ufer erhaschen wir nochmals einen Blick auf das Kraftwerksmuseum. Die Sonne im Rücken ziehen wir unsere Bahn immer nahe an der Wasserkante durch hübsche Orte, viele Tunnels und Obstplantagen. Reife, rote Äpfel, die der schönen Seite des Schneewittchenapfels Konkurrenz machen zum greifen nah. Manchmal könnte man fast während der Fahrt einen erhaschen. Der Golfstrom bringt die Wärme hier hinauf und das Meerwasser speichert sie. Das macht in der geschützten Tallage bei selten unter -10 Grad direkt am Wasser den Obstbau erst möglich. Das nächste Seitental 200 Höhenmeter weiter oben erinnert, kaum mehr baumbestanden, schon eher an Tundravegetation.
An einem Kiosk halten wir und bestaunen den Fjord erneut. Nicht eine kleine Welle schient den perfekten Spiegel trüben zu wollen. Kommt Leute, Päuschen! Es gibt sogar eine Terasse direkt am Wasser. Die Dame, wir schätzen sie weit in ihren siebzigern, begrüßt uns freundlich und bald sitzen wir wohl versorgt mit Kaffee und selbst gebackenem Apfel- und Schokokuchen mit Schlag draußen und in diesem Moment geht es einfach nicht besser. Selbstverständlich stoßen wir mit Eis am Stiel an. Wirklich schön hier mit uns! Die Dame gesellt sich ein Stückchen entfernt am Nachbartisch zu uns, steckt sich eine Zigarette an und genießt sichtlich die Sonne. Als Nachtisch spendiert sie uns noch jedem einen Apfel. Später nimmt Oli noch einen ganzen Beutel davon als Wegzehrung mit.
Nächster Halt: Fähranleger Utne. Wir kommen perfekt. Schräg übers Wasser sehen wir das Schiff schon herangleiten. Wir parken und genießen die sanfte Überfahrt. Volker erzählt bildhaft von Sturm auf der Ostsee und gerissenen Ankerketten. Der Kontrast könnte größer nicht sein.
Wieder an Land führt uns unser Weg immer weiter nördlich ins Nærøydalen hinein. Wenn man bisher schon dachte, es könne kaum beeindruckender werden, die tief und steil eingeschnittene Mulde um den Nærøyfjord setzt dem ganzen noch die Krone auf. Wasserfälle stürzen hunderte Meter die glatten Felswände herab. Fast schon vorsichtig tastet sich die top ausgebaute E16 in weiten Bögen ins Tal hinunter nach Gudvangen, bevor sie sich vor den drohenden Steilhängen ins über 11 km lange Gudvangatunnel flüchtet. Im Undredal tauchen wir kurz zum Luft holen unter dem Gestein hervor um direkt in die nächste Röhre zu fallen, die uns erst wieder in Flåm, einem Urlauberort mit der bekannten und beliebten Bahnstrecke, wieder ausspuckt. Vor lauter Tunnels hat sich mein altes Telefon aufgehangen und so knattern wir an der anvisierten Tankstelle vorbei. Doch in Aurlandsvangen, direkt am Mundloch des Lærdalstunnels finden wir erneut die Möglichkeit Sprit aufzufüllen.
Wir sind jetzt so weit gekommen, darf ich euch noch ein paar mehr Kilometer aufnötigen? Es lohnt sich. Wirklich! Als ich 2012 (zu der Zeit erregte der Preis fürs telefonieren mit dem Festnetz von N nach D noch Schwindelgefühle) mit dem Gespann und kaputtem Tastentelefon an eben dieser Stelle stand, gab es nur DAS TUNNEL. Getriggert von der Vorstellung, gleich mit 400 Kilo Alteisen über 24 km weit ein Gebirge zu unterfahren, blieb mein Blick für das oberirdische auf der Strecke. Die kleine unscheinbare, sich über das Aurlandsfjell schlängelnde Straße fiel mir erst zuhause beim Blick auf den Straßenatlas ins Auge.
Wenn ich einen Wunsch auf dieser schönen Tour frei habe, so möchte ich ihn hier einlösen und mit euch zusammen da entlang fahren. Na dann, Steigeisen drauf und hoch hinaus ! 😉 Alle sind einverstanden.
Bald wird der Weg genau so eng, wie er auf der Karte auch aussieht. Schon nach den ersten Spitzkehren wird der Blick weiter und mit jedem Höhenmeter, den wir aufsteigen weiß ich, JAAAAAA, die Entscheidung war Gold wert. Die Aussicht ist wirklich…
Wir steigen trotz exzessiver Nutzung der niedrigen Gänge schneller auf, als die Sonne hinter den Bergspitzen unter geht und so fahren wir in herrlicher Lichtstimmung ins Fjell hinein. Bald sind wir über der Baumgrenze. Noch ein Schlenker um auf der Straße stehende Kühe und Schafe. Bald wachsen hier nur noch Flechten, Moose, niedrige Beerensträucher und natürlich Steine. Mit einem Auge halte ich Ausschau.
Vorher hatten wir grob ein paar Zeltplätze lokalisiert, zu denen wir uns durchschlagen könnten. Aber irgendwann hab ich gefunden, was ich suchte. Größere, für mein Vorhaben in Frage kommende, ebene Flächen sind äußerst rar, deshalb dauert es etwas länger. Haaalt! Ich flitze kurz den Abhang hoch und inspiziere. Genehmigt! Hier bleiben wir heute. Die Jungs sind begeistert. Und wenn doch noch einer geheime Bedenken hat, verfliegen diese spätestens, als das Sternenzelt sich über uns ausbreitet.
Nicht weit entfernt grast eine Herde Rinder. Sie stehen bis über die Fesseln in einem morastigen Tümpel und lassen sich scheinbar die Binsen schmecken. In Hörweite stürzt sich ein Wasserfall aus dem Gestein. Der Verkehr, hauptsächlich Autos, Camper und Reiseenduros ist äußerst überschaubar. In der klaren Abendluft entdecken wir sogar die ersten spitz gezackten, über 2000m hohen Berge in der Ferne.
Kaum haben wir die Zelte aufgestellt und ein wenig die Gegend inspiziert, bekommen wir Besuch. Drei Kühe kommen die Straße entlag getrottet schrecken vor uns „Eindringlingen“ zurück. Scheinbar bilden wir ein unbekanntes Hindernis zwischen ihnen und ihrer Herde. Dann trauen sie sich doch, drängeln sich an den Motorrädern vorbei und rennen mutschend und Glöckchen klingelnd los. In Sicherheit 😉 .
Trotz der Kargheit überzeugt das Etappenziel auf ganzer Linie. Hier oben kann es jetzt schon recht frisch werden, wenn die Sonne nicht mehr wärmt, aber alle sind gepanzert genug, um im Windschatten des Bullis den Widrigkeiten zu trotzen. Außerdem, Serotonin wärmt auch! Bald sind die Nudeln mit Tomatensauce fertig und verspachtelt. Als es dunkel wird lässt der Wind nach, und sitzend, liegend, stehend, auf jeden Fall staunend und zufrieden schauen wir in die werdende Nacht. Ein jeder hier fühlt sich wie auf echter Expedition. Im Hintergrund läuft leise Bob Marley und alle swingen mit.

Tag 8
Ein Morgen im Fjell. Herrlich frisch, leichte Brise, die Sonne traut sich hinter den Bergen hervor. Der Blick hat keine Schwierigkeiten, sich 40 km durch die klare Nordluft zu schneiden. Ich setze schon mal das erste Wasser auf und packe zusammen. Ich mag es nicht, wenn die anderen schon fix und fertig auf ihren bereits tuckernden Maschinen sitzen und auf mich warten, deshalb arbeite ich schon mal vor. Ab heute bringt uns nun endgültig der Weg wieder der Heimat näher.
Danke, daß wir zusammen hier oben wild und frei unser Camp aufgeschlagen haben. Danke auch, daß ihr bis hierher tapfer wart. Später krönen alle einstimmig diese Übernachtung als (weiteres) Highlight der Tour.
Ohne Spuren zu hinterlassen, bauen wir unsere kleine Zeltstadt ab und wenden uns talwärts. Kurz hinter Lærdalsøyri, wir sind noch nicht tunnelmüde und wollen, einmal hier, auch das Längste erfahren haben, biegen wir erneut unter den Fels ab. Fast 25 km brauchen wir Anlauf, um den Zeitsprung unter dem gestrigen Tag hindurch zu schaffen. Muß man mal erlebt haben.

Ein paar Kilometer folgt die Straße dem Ufer des Aurlandsfjords bevor sie, wer hätte das gedacht, in einem sich wild windenden Tunnel im Berg verschwindet. Immer wieder sehen wir kurz das Licht, nur um festzustellen, daß das nächste schwarze Loch schon wartet. So legen wir über 800 Höhenmeter zurück, bis die Sonne uns endgültig wieder hat. Der Aurlandsweg, auch Eisweg genannt, führt einmal quer durch Skarvheim. Rauh und karg, frische Luft, nix mit Menschen. An einem Aussichtspunkt machen wir nochmals ein Päuschen. In der nächsten größeren Ortschaft wollen wir tanken. Ich muß das Gespann anschieben, aber die Allmächtige zündet gleich nach den ersten Metern. So geht es flott gen Geilo. Im Rückspiegel zähle ich einen weniger. Da ist die Tankstelle. Steppi macht sicher wieder Fotos. Doch nach einigen Minuten kommt es uns doch komisch vor und Oli fährt zurück. Nachschauen. Es dauert, doch endlich kommen beide an. Steppi schaut zerstört in die Runde. Er war beim los fahren vom Asphalt abgekommen und kam so ungünstig zu liegen, daß selbst unser Besenwagen ihn nicht bemerkt hat. Dabei hatte er sich auch noch seine Schulter ramponiert. Auch sein Gepäcksystem hat gelitten, aber das können wir wieder gerade biegen und notdürftig zusammenrödeln. Wird er weiter selbst fahren können, oder sollen wir die Maschine erstmal aufladen? Er ist hart im Nehmen und entscheidet, auf eigener Achse weiter zu wollen. Hochachtung!
Nach diesem Schreck genehmigen wir uns in der wärmenden Sonne erstmal Eis und Kaffee und atmen durch. Noch ein kurzer Stopp am Kiwimarkt, aber leider haben sie die beste Schokolade der Welt nicht vorrätig. Also weiter. Naja, 5 min Zeit haben wir noch für einen netten Plausch mit einer Transalp-Fahrerin, deren Kiste sichtbar auch schon viele tausend Kilometer abgerissen hat. Trotz der nun deutlich südlichen Fahrtrichtung, mediterranes Flair will nicht gleich aufkommen. Wir tangieren übers Imingfjell den Ostteil der Hardanger Vidda, karg auf den Höhenzügen, mild in den Tälern. In einem nur wenige Häuser zählenden Dorf durchstöbern wir noch einen Tante Emma-Laden des Vertrauens. Eintritt nur über die Kreditkarte. Ein kleiner, gut sortierter Laden mit Selbstbedienungskasse.
Irgendwo bei Rjukan haben wir den Pflock in einen Zeltplatz gerammt und steuern nun darauf zu. Der ist geöffnet und wir sind heut alle irgendwie froh, angekommen zu sein. Ich tucker nochmal schnell in den Ort, denn morgen ist Sonntag und viele Läden haben geschlossen. Moltebeermarmelade einkaufen. Im Spar werde ich glücklich. Es gibt sogar 2 verschiedene Sorten der Frucht meiner Begierde. Anstandshalber lasse ich ein Glas im Regal. Vorsichtig fragt die Kassiererin, ob es sowas bei uns nicht gibt. Nein, nirgends zu bekommen, erkläre ich ihr meinen Hamsterkauf und stiefele stolz mit vollem Beutel aus dem Laden. Jetzt nur noch Walters Mandler Schokolade und ich darf wieder nach Hause kommen 😉
Unser Platz ist wieder sehr gut gewählt. Wenig los, wunderbare Aussicht auf den Gaustatoppen, dessen Antlitz sich von Minute zu Minute ändert, einmal umfallen bis zum Klohäuschen. Perfekt. Heute ist wieder warm duschen angesagt. Der Abend endet gemütlich beisammen im Vorzelt des Bullis. Außerdem verdopple ich meine eigene Freude, Moltebeermarmelade ergattert zu haben, durch teilen. Da sind eben doch ein paar Süßzähne dabei in unserem Trupp 😉
Tag 9

Sonntag. Gemütlich Kaffee, und Frühstück. Öl hab ich schon wie gewohnt aufgefüllt, während die anderen nur Sichtkontrolle machen.
Wieder knobeln wir gemeinsam den Tagesablauf aus. Es ist Steppe’s dritter Anlauf das Industriearbeitermuseum in Vemork zu besichtigen. Zwei mal war er schon mit der AWO hier und diesmal soll es wirklich klappen. Ein geschichtsträchtiger Ort und Schauplatz spannender und gefahrvoller Vorgänge rund um schweres Wasser zu Zeiten des zweiten Weltkriegs. Wir sind dabei. Auch das Wetter ist uns mit milden Temperaturen und leicht bewölktem Himmel mehr als wohl gesonnen.
Bald tuckern wir durch Rjukan das Tal hinauf. Leider ist heute erst ab 12 geöffnet. Steppe möchte unbedingt in Ruhe dort seine genialen Fotos machen und sich alles anschauen, ohne in Dauerlauf verfallen zu müßen. Wir anderen haben nur wenig Lust auf die lange Warterei bis zur Öffnung und entscheiden, uns in der Zwischenzeit die Krossobane anzuschauen. Außerdem können wir so gleich zwei Sehenswürdigkeiten „abhaken“. Also trennen wir uns temporär und fahren wieder ein paar Kilometer zurück.
Besagte Krossobane, nebenbei älteste Seilbahn Nordeuropas, wurde in den 1920er Jahren von einer Leipziger Firma (Bleichert & Co.) hier im Auftrag der Norsk Hydro gebaut und den Einwohnern von Rjukan geschenkt. Das Tal ist von sehr steilen Hängen umgeben und so hatten die Einwohner auch in den Jahreszeiten mit tief stehender Sonne die Möglichkeit, sich auf den Berg gondolieren zu lassen und wenigstens dort oben ein bisschen Vitamin D, ein bisschen mehr Licht und die frische Bergluft genießen zu können.
Auch wir nutzen den komfortablen Weg in der Holzgondel nach oben und staunen nicht schlecht über die grandiose Aussicht über das Tal bis hinüber zum fast 1900m hohen Gaustatoppen. Darauf stoßen wir gleich mit einem noch fix in der Baude ergatterten Eis an.
So vergeht die Zeit und bald finden wir uns wieder am Parkplatz des Museums ein. Ein Rocker mit seiner Dame kommt kurz danach an und wir tauschen uns ein bisschen über unsere Maschinen aus, bevor wir Steppi wieder assimilieren und gemeinsam weiter fahren.
Wir folgen der Straße 37 über viele Kilometer mit ständig wechselnder, nie langweilig werdender Kulisse durch kahle Fjellflächen, wieder hinab in dicht bewaldete, teils dramatisch eingeschnittene Täler, vorbei an Seen und Flüsse kreuzend. Ortschaften sind angenehm rar und reichen von einzeln verstreuten Höfen hin zu Ansammlungen weniger Häuserzeilen.
Rauland. Meist entstehen Ortschaften an sich kreuzenden Wegen. Auch hier scheint das der Fall zu sein. Die Tankstelle, der Busbahnhof und ein Coop Markt bilden das Zentrum. Im vorbei fahren huscht mir noch ein Schild mit Cafe‘ og Bakeri ins Blickfeld. Aber erstmal tanken. Alles auf eine Karte! Es funktioniert. Beine baumelnd sitzen ein paar Jugendliche vom Typ Waynes World (Vokuhila, Baseballkäppi, Holzhackerflanell) auf der Mauer und gucken uns belustigt zu. Einer geht zu nem runtergerockten Transporter und holt eine Bierkiste. Volker bestellt gleich mal auch eine Runde für uns aber…
… es ist gar keine Bierkiste. Jetzt ist es an uns, den Jungs das „Daumen hoch“ zurück zu geben.
Nun wird die Bäckerei interessant. Wir fahren die paar Meter zurück und finden einen schicken Laden vor, zwei junge Mädels bedienen. Hier wird live frisch der Teig zubereitet und nach Kundenwunsch im Holzofen gebacken. Wir sind begeistert. Jeder holt sich, nach was ihm auch gerade gelüstet. Bei mir fällt die Wahl auf einen doppelten Cortado und ein äußerst leckeres fluffiges Hefeteilchen mit Zimt. Gut, daß wir hier nochmal Rast machen. Aber, Ungeschick verlass mich nicht, lasse ich eine Tasse fallen, die prompt in Scherben geht. Steppi meint nur cool “ is eh made in China“, die Mädels meinen, daß es nicht schlimm wäre, ich hingegen trolle mich mit rotem Kopf. Wenn das der Quotenunfall des Tages war, gern geschehen, wenn es dafür alle anderen heile weiter bringt.
Je weiter wir in Richtung Abendsonne steuern, um so merklich milder wird die Umgebung. Alles andere als langweilig, eigentlich Motorradstrecke mui bien, aber man spürt eben, daß die flachen Passagen zunehmen. Ausgedehnte Abschnitte führen in lichtdurchflutete Baumtunnel und Seen reihen sich glitzernd, wie auf die Straße aufgefädelt aneinander. Mehr sattes Weideland und größere Gehöfte. Das ist jetzt schon Comfortcruisen. Nach den heftigen Stellen der letzten Tage schon fast nicht mehr der Rede wert, aber dennoch genießen wir jeden Kilometer. Auch die Maschinen verrichten auffallend klaglos ihren Dienst, kein Ausfall, keine Schadgeräusche. Wir arbeiten uns an Kristiansand heran, sodaß morgen unter 100km übrig bleiben. Das Wetter soll umschlagen und so können wir ohne Not und Hast selbst im schlimmsten Fall morgen, ohje, morgen schon, die Fähre erreichen. Kurz hinter Åmli biegen wir links auf einen Staubweg ab, der uns nach Sigridnes führt.
Die Wiesen des Naturcampingplatzes liegen grün, frisch gemäht und erfreulich menschenleer zu unseren Füßen. Freie Platzwahl, Hurra. Mit den letzten Sonnenstrahlen bauen wir die Zelte kreuz und quer auf. Die Bedienungsanleitung des Platzes lautet grob zusammengefasst so:
Hei Leute. Wir wünschen euch einen schönen Aufenthalt hier! Passt gut auf euch auf, geht euch nicht auf den Keks und räumt euren Müll weg. Bitte merkt euch, wieviele Tage ihr hier wart und schmeißt, wenn ihr abreist einen Zettel mit Anzahl der Personen und dem Geld (30€ pro Person und Tag, Wasser und Strom frei!) in den Briefkasten. Dieses Prinzip basiert auf Vertrauen. Ha det gøy!
So einfach kann es sein. Die drei wichtigsten Regeln im Leben.
- Keep it simple!
- Keep it simple!
- Keep it simple!

Über 230 schöne km (von Steppes ausgewachsenem Purzler mal abgesehen) heute seit Rjukan fordern schon ihren Tribut und so zieht nach Essen fassen, duschen und ab ins Zelt recht schnell Ruhe im Lager ein.
Tag 10
Zerknittert ( wer zerknittert aufwacht, hat die meisten Entfaltungsmöglichkeiten) steige ich aus meinem kuschelig warmen Kokon in den grauen Morgen. Nach einem bereits verschleierten Sonnenuntergang gestern Abend hat sich nachts die Wolkendecke immer weiter übers ganze Land gezogen. Vorerst noch ohne Regen, was wir für ein schnelles Käffchen und zusammenpacken nutzen. Kaum ist alles verstaut fallen die ersten Tropfen. Ordnungsgemäß hinterlassen wir, #leavenotrace, unseren Platz und werfen die Platzmiete in Briefkasten Nummer 2.

Alle sind in weiser Voraussicht schon mal in vollem Regenschutzornat angetreten und das zahlt sich nun aus, denn die nächsten Stunden regnet es fast ohne Unterlass. Wie so oft erhascht man im vorbei fahren den einen oder anderen schönen Blick auf wolkenverhangene Berge, nebeldurchtränkte Wälder, still da liegende Seen oder auch interessante Schilder. Retro Cafe‘! Und schon ist der Augenblick wieder vergangen. Bald überholt mich Steppe, wir halten an und beratschlagen. Nächste Tankstelle oder zurück. Retro Cafe‘, das hat auch ihn ins Auge gepiekst. Also zurück. Und keinen Moment zu früh. Als gerade alle Tanks gefüllt sind, öffnet der Laden. Ein Minishop mit angeschlossener Werkstatt. Und halt Retro Cafe‘. Die Betreiberin bittet uns fröhlich herein & erklärt uns warum sie es so genannt hat. Mit zwei, drei in „altes Zeug“ verliebten Blicken durch den wirklich gemütlich und altmodisch eingerichteten Raum, wäre diese aber nicht nötig gewesen. Wie in vielen anderen Orten avancieren die Tankstellen zu Dorftreffpunkten. In diesem Falle noch zu einem besonders charmanten Plätzchen. Gerade bringt eine ältere Dame ein Blech frisch gebackene Lappers herein. Dazu gibt es selbst gemachte Marmelade. Wir schlagen zu und genießen die Leckerei zusammen mit Kaffee für alle auf der Veranda des Gebäudes. Gerade geht wieder in starker Guß nieder und wir haben nicht wirklich Eile, den Unterstand ohne Not zu verlassen. Die Tropfen schlagen Blasen auf dem Asphalt, während wir schmausen.
Nach und nach kommen immer mehr Leute an. Bauarbeiter holen Kaffee, Rentner sitzen drin und halten Klönschnack. Ich muß noch den Solokardan einbauen. Die allermeisten Höhenmeter sind geschafft und so kann es bis heim und mit den langen Geradeausetappen etwas schneller voran gehen. Für eine halbe Stunde wird mir der Vorraum der kleinen Werkstatt zur Verfügung gestellt. Dann muß ich fertig sein, denn es kommt die erste Kundschaft. Das schaffe ich. Andre‘ hilft mir, die Allmächtige unter das Dach zu schieben und geht mir auch beim Kardanwechsel zur Hand. 24 Minuten später, das ist neue persönliche Bestzeit, greife ich die ersten Akkorde auf der ausgebauten, weltweit einzigartigen, Kardangitarre mit Beiwagenübersetzung.
Noch ein Käffchen hinterher und den wieder aufdrehenden Regen abwarten.
„So, norwegische Zollbehörde! Bitte zeigen Sie alle mitgeführten Alkoholika vor! “ Ein Herr hat sich aus der Veranstaltung im Inneren gelöst und spricht uns resolut in perfektem Deutsch an. Natürlich will er uns nicht einbuchten, aber hat gehört und an den Nummernschildern erkannt, wo wir her kommen. Er selbst sei der Liebe wegen hier her gezogen und nie wieder gegangen. Nachvollziehbar. Nachvollziehbar ist auch seine mitschwingende Trauer, da seine Frau viel zu früh gehen mußte. JA, auch in Norwegen ist der Krebs ein Arschloch! „Gefällt es euch hier?“ Wir plaudern noch ein wenig, bis der Regen nachlässt, dann verabschieden wir uns, wischen das Wasser von den Sitzen und knattern weiter der Fähre entgegen.
Pünktlichst treffen wir in Kristiansand ein. Viel Verkehr hier und wenig Parkplätze. Genug Zeit auch, um die Fußgängermeile noch unsicher zu machen und ein paar Mitnimmsel zu ergattern. An einer Kneipe stehen tatsächlich reine Motorradparkplätze zur Verfügung. Nix Auto, nix E-Bike, nix Roller. Cool. Oli braucht mit seinem Geschiebe etwas länger, einen geeigneten Platz zu finden. Wir verschnüren alles so gut wie möglich, decken das Gespann mit einer Plane zu und steuern auf Kristiansands Prachtmeile zu. Stadt halt! Ein Geschäft am anderen. Schreibwaren neben Pizzeria, Eisdiele neben Weltladen neben Dolce & Gabana Boutique. Volker und Steppe setzen sich in eine offene Bäckerei und lassen es sich gut gehen. Andre‘ und ich flanieren noch ein bisschen herum. Endlich finde ich auch unsere Lieblingsschoki und sacke gleich einen ganzen Karton ein. Auch hier wird schmunzelnd nachgefragt, ob vielleicht in Deutschland gerade ein Süßigkeitenengpass bestehe. Es muß ein skurriles Bild abgeben. Zwei Zausel in voller Goretexbepanzerung, wollbemützt und ein Magazin mit 15 Walter’s Mandler im Anschlag tingeln durch Kristiansand. Jetzt ein Eis. Nach einem freundlichen „Heim“ biete ich der Kühlteckendame erstmal eine Schokolade an. Das ist natürlich Spaß, ich geb keine Einzige wieder her! 😉 . Das kredenzte Eis ist extrem lecker und wir haben echt zu tun, die jeweils drei Kullern ohne Gehirnfrost herunter zu bekommen.
Danach gesellen wir uns wieder zu den anderen und brechen bald zum Fährterminal auf. Dort nimmt der Ersatzmotor wieder Platz im Beiboot und wird fachgerecht verzurrt. Auch Volkers Maschine und die Ratte werden für die Zeit der Überfahrt wieder auf den Trailer geladen. Schon bald beginnt die Abfertigung. Steppi fährt voraus. Ich erspare mir das Kicken und schiebe das Gespann über den Platz. In der Motorradwartereihe ist wenig los. Ein paar spanisch beschilderte GS BMW’s stehen vor uns. Wir erregen mit bloßer Anwesenheit die Aufmerksamkeit und kommen gleich ins Gespräch mit den Nachbarn. Halb in Socken, halb beim Hose umziehen kommen Fragen, ob Fotos gemacht werden dürfen. Hmmm 😉
Im Bauch des Schiffs wieder die langsam gewohnten Handgriffe. Handgepäck zusammen suchen, Karren festbinden, Foto vom Schild, auf welchem Deck wir stehen und Passagierdeck finden.
Das Boot scheint heute nicht ausgebucht zu sein, und so finden wir einen freien Fensterplatz in der Restaurantlounge. Der Pott legt ab. Dänemark, wir kommen. Außerhalb der Hoheitszone öffnet der duty free-shop. Schuldig, wir finden uns wieder am Schnapsregal ein.
Spirituosen einkaufen geht hier nur via bording pass. Und na, wer hat seinen nicht mit ? 😉
Schon unterwegs hat Steppe eine Unterkunft für die Nacht gefunden. Damit es nicht zu kompliziert wird, gleich ein Haus, kein Zelten also mehr nötig vor dem Ziel . So brauchen wir nur das Nötigste auspacken. Reibungslose Ankunft in Hirtshals, das Festland hat uns wieder. Nur ein paar Kilometer noch bis Bjergby. Neben dem Wohngebäude steht ein Carport, wo die AWO’s trockenen Unterschlupf finden.
Schluß für heute! Knapp 120km, die Fähre nicht mitgerechnet. Rein, zu, duschen, waschen, kämmen. Als alle wieder frisch sind finden wir uns, nun noch zu Viert, zum Abendbrot in der Wohnstube ein. Oli hat die 2 Maschine bei uns abgeworfen und fährt nun der Heimat entgegen. Noch ein liebes Telefonat mit der Heimat. Von unterwegs aus ist es immer schön, mal den daheim gebliebenen zu erzählen und zuzuhören, wie es dort läuft.
Bei einem Glas norwegischen Whiskys sprechen wir die letzten Tage noch mal durch und gehen konform, daß wir zusammen eine schöne und erlebnisreiche Tour fahren durften, die in jedem Teilnehmer noch lange positiv nachschwingen wird. Morgen gibts nochmal jede Menge Geradeausfahrt. Die Pflicht nach der Kür. Und dann die Ankunft in Eckernförde. Jeder selig und mit seinen Gedanken im Kopf kriechen wir in unsere Betten, ich steige hinauf in die fensterlose Dachspitze.
Tag 11
Business as usual. Aufwachen, Kaffee, Klo, Klamotten packen. Ja, die Motivation ist nicht so himmelhochjauzchend, wie auf dem Hinweg. Der Tag verspricht wechselhaftes Wetter, 416km im Gleichklang unserer Viertakter und Ecktown in der Ferne. Bekanntes Terrain und Autobahn zum Zwecke des Ankommens. Fahren, tanken, Kaffee, den Zeitpunkt verpassen, sich Regenklamotten überzuziehen, naß werden, trocken werden, Kaffee, Kanel Snegle, die übrigens wieder fabelhaft, fahren, tanken … and repeat. Es geschieht schlicht und einfach nichts erwähnenswertes. Vielleicht erwischt sich der ein oder andere mal beim sehnsüchtigen Blick auf die Gegenfahrbahn, die „richtige“ Richtung sozusagen, oder in den Rückspiegel, wo sich im Kopfkino der Film LeaevingEck’n’back Teil 1, „Die Norwegenexpedition“ abspielt, schon Planspiele durchgehend, wann und wo Teil 2 wohl spielen möge!
Daß wir endgültig wieder in D sind, bekommen wir an der ersten Tankstelle zu spüren. Die Sonne scheint und unsere Gesichter schauen nicht so miesepetrich drein wie sie dürften. Wir tanken und wollen noch ne Bocki auf die Hand. Vielleicht hat sie ja gerade eine Reformande vom Chef bekommen, kann ja alles sein. Aber wir bekommen auf eine fröhliche Bestellung samt Dreingabe von Trinkgeld nur ein Gesicht, daß die Milch sauer wird. In unserem Falle die Bocki kalt. Servicewüste Deutschland.
Weiter. Volker vorneweg. Beim Beschleunigen sehe ich mich unvermittelt auf eine schwarze Wand aus Ruß zu fahren. Volkers Maschine hat sich verschluckt und frei gehustet. Der Klang seiner Hosketüte ist prachtvoll bis brachial. Aber nur gerecht. Eigentlich müßte ich mit meiner aggressiver werdenden Zweitaktölnote ganz hinten fahren. Das tut mir leid.
Schleswig kommt in Sicht. Fast geschafft. Unruhig rutschen wir auf unseren Fellen und Sitzbrötchen herum.

Schleswig voraus. Eckernförde ist nun aus unserer Perspektive gesehen nur noch ein paar Kurbelwellenumdrehehungen entfernt. Die Sonne im Gepäck steuern wir nach knapp 3000km den Heimathafen an. Bei Volker zuhause rasten die Zündschlüssel das vorletzte Mal auf 0 für ein Ankommensfoto. Die glücklich – wehmütigen Gesichter sind nicht gestellt. Was für eine schöne Tour!

Jetzt nur noch bis Andre‘. Nachbereitung.
Abends treffen wir uns in einem Thai Restaurant. Wieder laufen Filmschnipsel des Erlebten durch unsere Erzählungen. Ein letztes Highlight jedoch wartet noch auf uns. Bivrøst Jotunheim, ein seltenes Tröpfchen aus der nördlichsten Whiskydestillerie der Welt wird geöffnet. Welch würdiger Abschluß eines tollen Abenteuers unter Freunden.
Sláinte! Auf uns! Auf das Leben. Auf unsere Maschinen und auf das unglaubliche Privileg unterwegs sein zu können. Es war mir eine große Freude, mit euch reisen zu dürfen.

Nachtrag
Der morgige Tag bringt Steppe (nach über 8000km) und mich (zirka 4000) wieder der Heimat und Arbeit näher. 650 km Zeit das zu realisieren und ins rechte Licht zu rücken. Ich freue mich auf die Lieben zuhause und bin wieder so dankbar, weg gelassen worden zu sein und wieder kommen zu dürfen.




































































