🍀 Ein Jahr Entzug

UngefĂ€hr voriges Jahr zur gleichen Zeit bekamen wir die Diagnose. Der Welt schönster blauer Schuhkarton hat Motorschaden. Steffen, unser KFZ-Magier weiß Rat und wo Hilfe zu bekommen ist. Schnell sind die DrĂ€hte gezogen, doch dann … ein neuartiger Virus grĂ€tscht dazwischen und lĂ€sst nicht nur UrlaubstrĂ€ume platzen. Auch wir hatten uns schon bunt ausgemalt wie wir, gemĂŒtlich in den Sitzen hĂ€ngend durch die Lande tingeln, Freunde treffen und neue Leute kennen lernen.

Nun liegen Teile des 1,3l Herzens repariert, aber fĂŒr uns unerreichbar im befreundeten Nachbarland. Als sich ein schmales Zeitfenster auftut, kommen sie endlich nach Wochen wieder an. Erneut steigt die Hoffnung, vielleicht noch den Herbst nutzen zu können. Der Mechanicus gibt wirklich alles, entdeckt aber wenige Tage vor Reisebeginn am Getriebe eine Leckage, die nicht abzudichten geht. Bald ist klar, das wird nichts. Das Ersatzteil ist nur als Anfertigung zu bekommen… und das dauert. Also bauen wir, zunĂ€chst schweren Herzens ob der vergeblichen Vorfreude, dann aber mit immer mehr Lust, unser Familienvehikel zum Campervan um. Hochtrabend gesagt. Eigentlich bauen wir nur die Sitze aus. Matratze rein, SchlafsĂ€cke, Kissen, Kuscheldecken, Weinflasche hinterher geworfen, Lichterkette in den Dachhimmel geknĂŒpft. Fertig! Keep it simple. Es muß nicht immer das voll ausgestattete fahrende Wohnzimmer sein. Muß es eigentlich nie…

Die Erlebnissdichte ist bei einer modernen Karre a la Espace Ă€hnlich, das Platzangebot fĂŒr unsere VerhĂ€ltnisse fĂŒrstlich, der Kultfaktor aber so lala. Außerdem stellt sich trotz der 140 PferdestĂ€rken erst langsam eine Art UrlaubsgefĂŒhl ein. In den Taunus setzt man sich hinein und IST im Urlaub.

Die Unternehmung gelingt, und wir stoßen erneut in uns unbekannte Regionen vor. Mitten im eigenen Land (wer hĂ€tte das gedacht 😉 ). Eine vertrĂ€umt, verregnete Nacht mit Panoramablick auf die Felsformationen des geliebten Elbsandsteins, holprige Feldwege zu einem stillen Kiefernwald bei Zossen. Mittagsschlaf irgendwo. Einfach den Stoppknopf drĂŒcken, ins Fond krabbeln und die Augen fĂŒr ein paar Momente oder auch lĂ€nger schließen. Das ist unser Weg. Dankbar lassen wir uns treiben, immer weiter nördlich, bis endlich an der OstseekĂŒste im kleinen Hotel eines guten Freundes schneeweiße Laken, eine Dusche und ein Glas Whisky auf uns warten.

Einfach so ohne Grund in der Gegend rumeiern? Nichts fĂŒr mich! Höre ich einen Freund sagen. Aber Ja! Einfach so. Der Weg ist das Ziel. Und solange man die Augen offen hat, wird man nicht mĂŒde hin zuschauen, was die Welt zu bieten hat. Nicht nur in der Ferne.

Bedingt durch die viele Arbeit im Herbst bleiben uns doch nur wenige Tage, um so auszuspannen als wĂ€ren es Wochen. Kleine FlĂŒchte? Immer wieder gern und lieber als auf die große Freiheit hinzuwarten. Gemachte PlĂ€ne werden jĂ€h durch eine Pandemie zerschreddert. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die noch ĂŒbrig bleiben und doch so viel Schönes bringen können, wenn man sich aufrafft, sie geschehen zu lassen.

Wieder wartet die Arbeit. Bis weit in den November gibt es viel zu tun. Nur gut, daß wir unsere Antriebsfedern zwischendurch erneut aufziehen konnten! Irgendwie absehbar, und doch mag es kaum einer wahr haben. Eine Welle jagd die nĂ€chste und leider sind es nicht diese majestĂ€tischen Wellen aus Surferfilmen, sondern welche von der fiesen Art.  Gesellschaftsspalter. Lockdown, harter Lockdown, Shutdown, Inzidenzen, Maskenpflicht, Ausgangssperre, Feiersperre, Verunsicherung , VerĂ€rgerung, Verschwörung.

Einsam steht der Ford und trotzt Sonne, Regen, Wind und Schnee. Das zu hoch gewordene Gras auf der Wiese um ihn herum wurde schon mehrmals abgemĂ€ht. Einzelne Halme, die der scharfen Klinge im Schutze seiner Stoßstange glĂŒcklich entgangen waren, vergehen nun im Frost der ersten eisigen NĂ€chte. Warten. Die ersehnte Reparatur rĂŒckt nĂ€her.

Mai. Ein guter Monat, denn endlich kommt der erlösende Anruf. „Du kannst den Ford abholen.“ Zum Geburtstag habe ich mir nur eine Fahrt ins Blaue oder, im Blauen gewĂŒnscht.

Doch erst die Arbeit, dann das VergnĂŒgen! Lack, Gummiteile und das Interieur fordern rĂŒckwirkend ein Jahr unterlassene Pflege ein. Viele Stunden spĂ€ter ist das Ergebnis endlich zufriedenstellend und der Pflegezustand wieder einwandfrei. Noch die drei kleinen Roststellen verarztet und der Wagen ist bereit, ausgefĂŒhrt zu werden.

Endlich ist es soweit. Klapp! Die TĂŒren fallen in die Schlösser, ein letzter Wink den daheim Gebliebenen und wir brummen aus dem Tor. Im GepĂ€ck nur uns, ein paar Sachen und das Verpflegungskörbchen. Lass es uns ruhig angehen! Dieser Satz muß nicht erst ausgesprochen werden. Er liegt in der Luft und wird willig befolgt. Nichts drĂ€ngt uns zur Hast. Nicht fĂŒr die nĂ€chsten drei Tage. Bei 55 PS gibt ohnehin die Steigung den Fortschritt vor. Die letzten Tage waren arbeitsreich. Selig gleiten wir durch die schöne Oberlausitz, wĂ€hrend immer mehr Ballast abzufallen scheint. Viele Worte werden nicht gewechselt. Nach und nach werden die ZĂŒge meiner Begleiterin weicher, der „Urlaub – Jetzt -Effekt“ tritt zu Tage.

Ab und an lassen die tief hĂ€ngenden Wolken ein paar Tropfen fallen, die wie Perlen auf der Motorhaube glitzern . Zu wenig Fahrtwind um nach hinten zu laufen, zu viel um nach vorn dem natĂŒrlichen GefĂ€lle der blauen FlĂ€che zu folgen. Zeit fĂŒr eine Mittagspause. Auf einem einsamen Waldweg halten wir unter großen Fichten. Den  schweren Augenlidern schmeichelt der dunkle Schatten der Äste. Wir krabbeln nach hinten, in unser mitgefĂŒhrtes Liegewagenabteil. Noch ein paar Snacks als Mittagsmahl und schon fallen, begleitet vom leisen Trommeln des Regens aufs Blechdach, unsere Augen zu. Selbst als der Himmel seine Schleusen schon geschlossen hat, bleiben uns noch die großen, die lauten Tropfen, die zwischen den Nadeln zusammen laufen, sich beim kleinsten Windhauch lösen und auf dem Dach zerschellen. Dieses Ambiente bietet sich sonst nur noch unter dem Tarp oder im Zelt. Und wir lieben es.

Bis in den letzten Zipfel des Kirnitzschtals und wieder hinunter Richtung Bad Schandau loten wir unsere Streckenkenntnisse aus. Königsstein, Dippoldiswalde und weiter durch wundervolle Landschaft Richtung Freiberg. Viele Worte fallen nicht. Immer wieder ertappen wir uns in Gedanken schwelgend, mitfiebernd, wenn bei einer Steigung mit Kurven der 3. Gang nicht ausreicht oder hoch schreckend, wenn uns auf kleinen StrĂ€ĂŸchen voll beladene Laster mit Überschallgeschwindigkeit entgegen kommen. In Chemnitz tanken wir, fĂŒllen ein wenig Motorenöl nach, und gönnen uns einen Automatenkaffee und ein Sandwich. Der Kaffee ist mit viel Wohlwollen so lala, das Sandwich dagegen hervorragend.

Jetzt gibt es Erinnerungen an jeder Ecke. „Dort war mal eine Disco. Da sind wir manchmal einkaufen gewesen. Ach… diese Straße ist ganz neu, frĂŒher ging die dort lang. Der kleine Asia-Imbiss ist immer noch da! Daß die Autobahn so nahe am Ort vorbei geht, hĂ€tte ich nicht gedacht“. Die alte Heimat meiner Frau.

Auf der alten Bundesstraße geht es nun, es wird schon dunkel, gen Leipzig. Ein Anruf bei einer Cousine und wir haben einen Zielort fĂŒr die Nacht. Auf dem Dorffußballplatz kommen wir nach einem schönen, gemeinsamen Abend zur Ruhe.

Tags darauf haben wir uns bei Freunden zu FrĂŒhstĂŒck und erzĂ€hlen eingeladen. Auch diese schönen Stunden fliegen im Nu davon und bald schon zeigt der KĂŒhlergrill wieder gen Osten und Heimat. Wenn uns Nachrichten von zu Hause ĂŒbers Telefon erreichen und auch der Kopf wieder beginnt, die daheim gelassenen Probleme hin und her zu jonglieren ist auch bald die wohlige Freiheits- / Urlaubsstimmung passe‘. Zack! Der Alltag hat uns wieder.

ABER HALT!

Nicht zu frĂŒh alle Pferde scheu machen. Eine schöne Station inklusive draußen ĂŒbernachten haben wir ja noch vor uns. Eine Studienkollegin wollen wir heimsuchen. Lange ist’s her, das letzte Treffen. Und das, obwohl wir nur eine Wegstunde mit einem langsamen GefĂ€hrt unserer Wahl bis zu ihr hĂ€tten. Freundschaften muß man pflegen! Wir werden schon erwartet und wieder gibts viel zu erzĂ€hlen. Ich bekomme sogar einen Geburtstagskuchen.

GefĂŒhlte 10 min. spĂ€ter ist schon die Nacht hereingebrochen und wir mĂŒĂŸen uns verabschieden. Ganz in der NĂ€he wartet ein toller Aussichtspunkt mit der Möglichkeit da auch ĂŒber Nacht stehen zu können. Ob zu Fuß alleine, oder mit dem anderen Alteisen auf Vater und Tochter Tour unterwegs war dies immer ein Punkt, den anzusteuern es sich lohnte. Wie auch jetzt wieder. Ein paar Kilometer entfernt tront die Burg Stolpen hell erleuchtet.

Nachts hat es ein paar Tropfen Regen gegeben. Die Wasserlinsen hĂ€ngen noch außen an den Fenstern. Wie gewaschen ist die Luft, der Himmel strahlt und die Morgensonne wĂ€rmt schon unsere Nasen. Zeit fĂŒr Kaffee, Geburtstagskuchen und… den Weg nach Hause.

Ja, es sind nur immer wieder diese kleinen Fluchten, die den Alltag versĂŒĂŸen, das Salz in der Suppe, das TĂŒpfelchen auf dem “ i “ oder die Kirsche auf der Sahne sind. Oder noch anders; das Leben bei allen Aufs und Abs gelingt ( uns ) besser, wenn man nach der Anstrengung des Aufstiegs auch die Schönheit der Landschaft als Belohnung sieht. Deshalb gehen wir raus, deshalb fahren wir auch mal scheinbar ziellos durch die Gegend. Deshalb finden wir auch immer aufs Neue die kleinen Erlebnisse am Wegesrand. Nachmachen absolut erwĂŒnscht!

Ein Gedanke zu “🍀 Ein Jahr Entzug

  1. hi folks!
    Mit einem Artesanal in der Hand und „Drifting“ aus dem Album The Mage von Greg Foat (genau Bernd, bandcamp 😉 ) studierte ich eure Zeilen und muß sagen: alles richtig gemacht, das ist der richtige Weg! Da meine Mopete nach einigen Querelen nun auch wieder lĂ€uft, erfinde ich ich hiermit ein Wintertreffen bei euch, um euch das auch noch mal persönlich zu bestĂ€tigen.
    Euer Steppi

    GefÀllt 1 Person

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