­čŹÇ Die kleine Flucht

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Es wurde Zeit. H├Âchste Zeit.

Ernte und Bodenbearbeitung auf den Feldern waren erledigt. „Mal raus und weg?“ Meine Frau fragte ├╝berfl├╝ssigerweise den Bedarf ab. Ich war so ├╝berrascht, da├č ich erst einen Scherz vermutete. Nach realisieren der Ernsthaftigkeit dieses sch├Ânen Vorschlages begann die Planung f├╝r dieses raus & weg.┬á Freundliches Wei├č winkte vom Kalender f├╝r die n├Ąchsten Tage zu uns her├╝ber. Klasse!

Wobei: Planung? Eher nicht. Geplant planlos wollten wir uns treiben lassen.

Wir wussten nur, gen Norden, schlafen im Auto, Donnerstag Nacht zur├╝ck.

  • Breite Matratze und Schlafs├Ącke im Taunus? Probeliegen erfolgreich? Check!
  • Luft, ├ľl, K├╝hlwasser, Benzin? Check!
  • 10er,13er,17er,19er Schl├╝ssel, Knipex, Schraubenzieher, Ductape, Hammer? Check!
  • Futter, Getr├Ąnke, Atlas, Wechselschl├╝ppi? Check!
  • Jede Menge Kopf zum freimachen? Sowas von C H E C K!

Kann los gehen!

Sonntag

Wir ernennen die Kids zu H├╝tern ├╝ber die Schl├Âsser und L├Ąndereien und fahren los. Zun├Ąchst nicht weit. Genau genommen nur 10 km. Eine Einladung zum „chill, grill and animal watching“ bei sehr guten Freunden nehmen wir als wunderbaren Einstieg in unsere paar freien Tage liebend gerne an. Schwer hingegen f├Ąllt der Abschied. Nicht nur, weil wir gem├╝tliche Stunden erlebten, viel mehr wegen der gro├čen Menge an vorrangig fleischlichen Leckereien. Wir hiefen uns mit dicken B├Ąuchen ( Wozu brauchen wir jetzt eigentlich noch die Essensvorr├Ąte auf dem R├╝cksitz? ) in die Sitze und knattern in die tief stehende Sonne davon.

Landstra├če! Gro├čartig! Sofort stellt sich Urlaubsfeeling ein.

Wir cruisen dahin. Wei├čwasser, „Wilhelm Pieck – Stadt“ Guben, Eisenh├╝ttenstadt. Kurze Pullerpause und die Nasen in die Karte.

Weiter? Ja! … Nein! Das Auto gibt keinen Muchs von sich. So fr├╝h schon ein Ausfall? Ein Blick in den sehr ├╝bersichtlichen Motorraum verr├Ąt: nichts auff├Ąlliges zu sehen. Ich wackle an den Anlasserkabeln. Das kleine Kabel ist ein bisschen locker. Sollte das die L├Âsung sein? Ohne Murren springt unser Mobile an. Coole Sache!

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Langsam weicht der Tag der dunklen Zeit. Das angenehm gelbe Licht der Scheinwerfer erhellt unseren Weg. Bald ist von der Umgebung kaum noch etwas zu erahnen und wir beschlie├čen, uns gen Autobahn zu bewegen. Nach l├Ąngerer Fahrt durch d├╝nn besiedeltes Gebiet empf├Ąngt uns Neuhardenberg mit seiner wundersch├Ânen Schlo├čanlage. Fein beleuchtet, wecken die Geb├Ąude und der gesamte Komplex die Neugier, sich mehr mit der Geschichte dieses Ortes und der Gegend besch├Ąftigen zu wollen.

Wir bem├╝hen das Telefon, um irgendwie den Weg zum Berliner Ring zu finden. Dabei kommen wir in den Genu├č einer Umleitung. Kann das sein? Im Scheinwerferkegel taucht eine alte Pflasterstra├če auf. Hier scheint jeder einzelne Stein sich den R├Ądern entgegenzustrecken und seine jahrhundertealte Geschichte erz├Ąhlen zu wollen. Der Ausdruck „holprig“ trifft die Sache nicht ganz. Historisch interessant ist schon n├Ąher dran.

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Auf dem Ring und einmal in Fahrt fliegen die Kilometer wieder schneller vorbei. M├╝de sehen wir uns an und sind uns wortlos einig. Die n├Ąchste Ausfahrt ist die unsere. Irgendwo biegen wir auf einen Plattenweg ab, zwischen hohem Schilf hindurch, vorbei an Teichen. Bald verliert sich der Weg in einer Wiese. Das Schilf gibt uns ein Gef├╝hl von Deckung. Schnell ist unser Schlafplatz im Fond gem├╝tlich hergerichtet. Platz genug f├╝r zwei. Wildromantisch!

 

Montag

Der Tau auf dem Autodach und an den Scheiben reicht aus, um ein lachendes Smilie zu kritzeln. Ein in die Scheibe eingeklemmter Pullover schirmt unsere Gesichter noch ein wenig von der aufgehenden Sonne ab. Ich liege blinzelnd mit der Nase an der Fensterkurbel und freue mich, langsam munter werdend, ├╝ber unsere Lage. Anja ist in ihrer Mumie eingewickelt kaum zu finden und schl├Ąft noch selig. Ganz bequem soweit unser Nachtlager, stelle ich zufrieden fest.

Zur Morgenstunde ist es noch angenehm frisch, aber heut wird wohl ein warmer Tag werden. Ganz ohne Hast wird der Kocher in Stellung gebracht, denn Kaffe wird gew├╝nscht.

Einen Bundeswehr- Panzerkeks in der einen, das Emailletippel in der anderen Hand studieren wir die Karte und den heutigen Weg weiter nach Norden. Zum schnell hinein springen taugen die Teiche hier nicht gerade, also gibt es Katzenw├Ąsche aus dem Wasserkanister und als besonderen Luxus das restliche warme Kaffeewasser zum Z├Ąhne putzen.

Liebe Freunde von uns sind an der Ostsee im Urlaub. Vielleicht kann man sich ja auf ein K├Ąffchen treffen? Die Idee entpuppt sich als Volltreffer. Sie freuen sich riesig und nach einer ziemlich gechillten Autobahnetappe liegen wir uns erst in den Armen, dann, 5 min. sp├Ąter am Strand in Warnem├╝nde. Welch wunderbare F├╝gung. Nat├╝rlich hupfe ich mit meiner noblen Bl├Ąsse erstmal in die Fluten. Salzwasser in Mund und Augen sp├╝re und schmecke ich erstens, wir sind hier genau richtig, zweitens, das wird ein sch├Âner Nachmittag.

Zu Abend wollen wir eigentlich wieder los, den Freunden ihren Urlaub lassen, doch das wird strikt abgelehnt. In Anbetracht der Aussicht auf ein l├Ąngeres nettes Zusammensein wehren wir uns nur halbherzig gegen die Einladung. Auch der Abend wird nett, lustig, kulinarisch bis zum Platzen und lang. Hafen, Strand, die vielen leckeren Eisdielen und der Besuch bei „Peter Pane“ lassen die Zeit kurzweilig vergehen.

 

Dienstag

Es gibt das volle Urlaubsverw├Âhnprogramm mit lange ausschlafen, lecker Fr├╝chst├╝ck, und Plauderei. Doch bald packen wir unsere sieben Sachen, starten den Motor und rollen dankbar weiter. Es wird gewunken, bis unsere lieben Gastgeber im R├╝ckspiegel nicht mehr zu sehen sind.

Wollen wir mal nachsehen, ob diesmal in der Nordsee Wasser drin ist? Klar, super Idee! Unsere Route tastet sich entlang der Ostseek├╝stenlinie zwischen Feldern den kleineren und g├Â├čeren Farbtupfen auf der Karte. Auf Anhieb ├╝berkommt uns wieder dieses Gef├╝hl des Gl├╝cklichseins ohne Hast. Schon dieser Geruch nach „altem Auto“ beim einsteigen tr├Ągt, warum auch immer, dazu bei. Habt ihr eure Nasen schon einmal solchem Reiz ausgesetzt? Dann wisst ihr, was ich hier zu beschreiben versuche.

Bei Niendorf f├╝hrt die Stra├če nahezu direkt am Wasser entlang. Hohe Pappeln spenden den abgestellten Vehikeln wohligen Schatten, ein Asia – Imbiss bietet Verk├Âstigung feil. Kennt ihr das? Man giert nach Bratnudeln mit H├╝hnchen und Sweet Chilli. Der Gedanke daran l├Ą├čt uns schon das Wasser im Munde zusammenlaufen. Es ist beschlossen, wir bleiben hier. Asiatische K├Âstlichkeiten an deutschem Ostseestrand? Fetzt!

Ein Paar Taler sind schnell im Park – O – Mat verschwunden, die Decke geschnappt und ab an den Strand. Sand, Meer, angenehme Atmosph├Ąre trotz, nein ich denke eher wegen der spielenden Kids und unaufgeregten Eltern. Auch die ├Ąlteren Semester in den Strandk├Ârben haben an dieser Lage wenig auszusetzen. Ein wunderbar gerade auch f├╝r die ganz Kleinen geeigneter flacher, sandiger Einstieg ins k├╝hlende Nass macht dieses Fleckchen Erde erinnernswert. Man kann schier ewig durch knapp unter kniehohes Wasser schlendern. Wir genie├čen das Essen, die Blicke verlieren sich in den Wolken und hinter dem Horizont.

 

In Kl├╝tz entdecken wir diesen bunt und liebevoll geschm├╝ckten Laden in einem Backsteinbau. Dort sitzt eine Frau am Spinnrad, dreht Wollf├Ąden zu Garn, begr├╝├čt uns freundlich, f├Ąhrt aber mit ihrer Arbeit fort. Leise Musik spielt im Hintergrund. Prompt entdecken wir ein paar mit Geist und Liebe hergestellte Gegenst├Ąnde, die genug Seele haben, um dem Beschenkten auch wirklich eine Freude zu bereiten.

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├ťber die Trave tr├Ągt uns eine kleine F├Ąhre, die wir gar nicht mal so einfach finden. Es wird sich brav zwischen anderen Autos, Fu├čg├Ąngern und Radfahrern eingereiht. „Aber der Originallack ist das nicht mehr, oder?“, spricht mich einer der Radler an. Als er ein „Doch!“ zu h├Âren bekommt, ist er begeistert. Im Allgemeinen freuen sich viele Menschen ehrlich, mal wieder so eine „alte Kiste“ zu Gesicht zu bekommen. In Sammlungen verstauben schon gen├╝gend Sch├Ątzchen, ohne den Himmel und die Stra├če je wieder zu sehen. Das finden wir schade. Schon legen wir auf der Travem├╝nder Seite an.

 

N├Ąchster Halt: Pl├Ân. Ein Imbiss direkt am kleinen Pl├Âner See lockt mit Kaffee und Currywurst, Fritz Kola und Matjesbr├Âtchen, kredenzt von einer schlagfertig wortgewandten, liebenswerten Bardame. Beim Kaffee hat sie sich nur f├╝r meine Frau ­čśë besonders ins Zeug gelegt.

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Wieder „on the road“. Anja mit der Nase im Atlas. Ich am Volant, dahintr├Ąumend, den Weg voraus gen Friedrichskoog vor dem inneren Auge. Der Himmel verdunkelt sich. Regenwolken ziehen heran. Bald k├Ânnen sie ihre schwere Last nicht mehr halten und es beginnt zu regnen. Erst zaghaft. Auf der Motorhaube versuchen sich die Tropfen noch festzuhalten. Es sieht wundersch├Ân aus. In mir steigt eine freudige Aufgeregtheit hoch, hatten wir uns doch insgeheim mal eine Nacht im Regen gew├╝nscht. Wenn die Tropfen auf dem Dach ihre Wassersinfonie anstimmen. Wir, lauschend, mit G├Ąnsehaut, gem├╝tlich in unsere Schlafs├Ącke eingemummelt mitten drin. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Herz ├╝berlaufen lassen vor Freude.

„Wacken? Wollen wir durch Wacken fahren? Es liegt genau auf unserem Weg.“, l├Ąsst meine Frau mich wissen. „Hab’s gerade zuf├Ąllig auf der Karte gefunden.“ Klar, auch das zeigen wir unserem alten, blauen Urlaubsmobile. Das WOA verpassen wir zwar um ein paar Tage, aber egal. Scheibe runter, Ellenbogen raus und schnuppern, ob noch Metal in der Luft liegt.

Hochdonn. Der F├Ąhrmann will kein Geld. Wei├č doch jeder, da├č das ├ťbersetzen ├╝ber k├╝nstliche Wasserstra├čen nichts kostet! Touristen! Hinter uns h├Ąlt ein 300 PS Fendt mit┬á gro├čem Muldenkipper. Die Vorderr├Ąder scheinen doppelt so hoch wie unser Auto. Hauptsache er hat die Parkstellung eingelegt. Backbord streckt sich die Hochdonner Eisenbahnbr├╝cke ├╝ber den Nord – Ostsee – Kanal. Deren Silhouette wirkt im abnehmenden Licht eher grazil als standhaft.

Unterdessen haben wir Kontakt zu ebenfalls geliebten Menschen aufgenommen und d├╝rfen diese nun heimsuchen. Aber erstmal geht es wie immer an die Spitze. Auto aus. Die Zeit reicht gerade noch zum abschlie├čen. Hoch auf den Deich.

Eine frische Brise landeinw├Ąrts, die See voraus, Salz in der Luft und sogar Wasser ist da. Was braucht man mehr? Nichts! Man steht einfach da. Kopf aus, Herz an und wei├č, man ist am richtigen Fleck. Wenn es selbst uns Touris so geht, wie schwer wird es erst den Einheimischen fallen, hier weg zu m├╝├čen? Wir halten uns an den H├Ąnden.

Romy, Nick und Erna warten! Langsam ziehen wir uns vom Deich zur├╝ck, wenden zur Belustigung aller, vor einem drinnen wie drau├čen vollbesetzten Lokal in 6 Z├╝gen ohne Servolenkung unseren „Schwertransporter“.

Sch├Ân euch endlich mal wiederzusehen! Ein netter Abend mit viel Schnack, Sch├Ânheiten in der Garage, lecker Getr├Ąnk und noch mehr Schnack endet wieder gem├╝tlich im Heck unseres Autos. Tausend Dank und gute Nacht.

 

Mittwoch

Hufgetrappel? Seit wann tr├Ąume ich von Pferden? Aber es ist echt. Mitten in der Nacht galoppieren die Jungtiere auf der Koppel, gleich auf der anderen Stra├čenseite, wie wild umher. Beunruhigt sie etwas? Mich haben sie jedenfalls aufgeschreckt. Nun liege ich wach und es kommen die Gedanken. Anja schl├Ąft friedlich auf ihrer Seite unseres blechernen Ehebetts auf R├Ądern. Ich bin selig, dich hier bei mir zu sehen und solche Erlebnisse teilen zu k├Ânnen. Oft wandern selbst nach einem Streit im Schlaf die H├Ąnde zueinander! Die Gewissheit, der andere ist ganz nahe.

Mu├č man in echt mit ├╝ber 40 noch solche Aktionen wie – im Auto pennen – haben? Kein Komfort, keine Dusche, keine Air Condition, kein Page, der das Bett zur├╝ck schl├Ągt? Ist das nicht etwas f├╝r die Jugend? Oft werden uns diese Fragen gestellt, meist wortlos, nur mit den Augen.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer dann? Tot sind wir noch lange genug. Alles abgedroschene Phrasen? Wir m├Âgen das aber so erleben. Und hoffentlich mit 70 noch so ticken!

Einfach. Zusammen. Unterwegs.

Morgens in das ├╝ber viele Jahre geliebte, vertraute, befreundete, nicht nur von Lachfalten verzierte, 10cm vom eigenen entfernte Gesicht schauen d├╝rfen. Mittags sich woanders Beine baumelnd bei offener Heckklappe eine Limo g├Ânnen. Auch mal nichts sagen m├╝├čen. Auch zuhause, zusammen arbeiten zu d├╝rfen und, wichtiger noch, auch zu k├Ânnen, daf├╝r bin ich dankbar.

Die Spontanit├Ąt, „jenes sprunghaft Gethier“, entwischt uns nur allzu oft im Alltag. Wir fangen sie uns wieder ein.┬á Es tut uns gut und wir tun niemandem weh. Und ja, ich g├Ânne jedem seinen „Bed,Bar,Pool,Գד – Urlaub, wenn er nur gl├╝cklich damit ist und mich in meiner Welt gl├╝cklich sein l├Ąsst. Ich d├Âse wieder ein.

Als der Morgen graut, krabbeln wir f├╝r Kaffee und Tee aus dem Ford.

– Wer morgens zerknittert aufsteht, hat am Tag viele Entfaltungsm├Âglichkeiten. –

Beim Fr├╝hst├╝ck beratschlagen wir, wo der n├Ąchste Pin in unsere Karte hineinpieksen soll. St. Peter Ording klingt nach jenem hervorragenden Ort f├╝r eine gute Zeit am Strand, Weite und Meer. Abgemacht! Und danach ziehen wir eine Schleife ├╝ber Eckernf├Ârde und lassen uns langsam wieder nach S├╝den treiben. Nur kurz und eher mit einem Augenzwinkern wird die Weiterflucht nach Norwegen angesprochen ­čśë

Der Abschied aus Friedrichskoog f├Ąllt immer schwer. Tsch├╝├č ihr lieben, Machs gut du flaches Land hinter dem Deich. Bis hoffentlich bald!

Viel hat der Gasfu├č heute nicht zu tun. Einmal in Fahrt gleiten wir gem├╝tlich ├╝ber die Landstra├čen nordw├Ąrts. Der Vierzylinder brummt wie gewohnt stoisch vor sich hin. Ist es dieses, im Vergleich zu modernen Vehikeln ungeschliffene, rauhe, manchmal holprige Benehmen, das den geneigten Insassen zu dem Schlu├č kommen l├Ą├čt, Oldtimer h├Ątten noch Charakter? Eben nicht perfekt, so wie man selber auch?

Die n├Ąchste „Herausforderung“ wartet. Geld abheben im mond├Ąnen Badeort St. Peter Ording. Es scheint Markttag zu sein. Viele Zweibeiner, teils mit ihren Vierbeinern unterwegs tragen zum Gewusel bei. Anstrengender sind da schon diejenigen Verteter unserer Gattung, die genervt in ihren Autos auf ein weiterr├╝cken der Kolonne warten. Wir finden einen Parkplatz, dessen Erbauer wohl nur einen smart fortwo als Ma├č f├╝r die Parkl├╝cken ├╝brig hatten. Nur leider haben sie vergessen, dies auch entsprechend zu beschildern. Vielleicht ein traurig schauender Bentley mit dem Untertitel: „Ich mu├č drau├čen bleiben!“ Die Notwendigkeit des Einparkens eines doppelt so gro├čen Autos ohne Lenkhilfe wurde v├Âllig ad absurdum gef├╝hrt. Oder es kommt mir nur so vor. Nun ja, das Geld bekomme ich recht flott aus der volks- und raiffeisernen Kassenmaschine. In den 2 Minuten mu├č Anja umparken, weil ein Blondchen es ernsthaft supereilig hat, ihr Schiff aber nicht aus der L├╝cke herausgezirkelt bekommt. Immer mehr Autos dr├Ąngen auf den Parkplatz ein. Bald geht es weder vor noch zur├╝ck. Nur schnell weg hier. Mit knapper Not entfliehen wir also dem Kollaps.

Ein paar Stra├čen weiter finden wir das Gegenteil vor. Kein Gedr├Ąnge, freie Parkbuchten in H├╝lle und F├╝lle. Bis zum Strand ist es nicht weit. Bevor wir St. Peters Schatz besuchen d├╝rfen, zahlen wir Kurtaxe. Dann steht einer Erkundung der ausnehmend sch├Ânen, heute zu allem ├ťberflu├č in tolles Licht getauchten Strand- und D├╝nenlandschaft nichts mehr im Wege. Wieder schie├čen Gl├╝ckshormone ein. Wir lassen sie ihre Arbeit tun, genie├čen den Wind um die Nase. Unter und neben den Pfahlbauten, f├╝r die das ├ľrtchen bekannt ist, tummeln sich M├Âwen. Einige dieser storchbeinigen Behausungen trotzen bereits Jahrzehnte dem Salz, dem Sturm und der Sonne. Hier kann man, vielleicht versteckt im Windschatten einer der D├╝nen gl├╝cklich sein.

Hand in Hand schlendern wir ├╝ber den endlos breiten Strand zur├╝ck zum Wagen. Dicke Wolkenhaufen zeichnen sich am Firmament ab. Vielleicht gibt es doch noch Regen.

Durch D├Ârfer und St├Ądtchen geht es unaufgeregt gen Eckernf├Ârde. Dort wollen wir Andre‘ treffen. Er und seine Familie sind uns, seit wir uns kennengelernt haben, sehr ans Herz gewachsen. Doch nur allzu selten klappt es auch, sie wiederzusehen. Darum ist die Freude besonders gro├č. Es gibt viel zu erz├Ąhlen. Nachmittags erkunden wir Hafen und Altstadt, schlecken Eis, entdecken die stockrosenbestandenen kleinen G├Ąsschen, finden schlie├člich ein Fischrestaurant, dessen lautlosem werben wir nicht entgehen k├Ânnen und kehren ein. Schnell stellt sich dies als hervorragende Wahl heraus. Frische Zutaten von K├Ânnerhand zubereitet und flott serviert begr├╝nden den guten Ruf des „Fischdeel“. Wir sitzen drau├čen, schmausend und schnackend und lassen die Zeit vergehen.

 

Danke f├╝r die sch├Ânen Stunden. Nur ein Problem, es war viel zu kurz ­čśë . Bevor heute die Sonne untergeht, wollen wir noch ein paar Kilometer zur├╝cklegen. Wir lassen uns parallel zur Elbe flu├čaufw├Ąrts in den S├╝den fallen, genie├čen die nachmitt├Ąglichen Eindr├╝cke entlang des Weges, finden uns in unbekanntem Terrain wieder. Es k├Ânnte auch ein fremdes Land sein. Zuhause kennt man Schleichwege, versteckte Winkel und bewegt sich sicher. Hier ist alles neu f├╝r uns und das Aufgenommene wird sorgf├Ąltig abgespeichert. Auch wir finden unseren Weg ├╝ber kleine und kleinste holprige Str├Ą├čchen oder weiche Sandwege. Irgendwo da dr├╝ben mu├č die Elbe sich schl├Ąngeln.

Unbeirrbar tastet der gelbe Scheinwerferkegel den wechselnden Stra├čenbelag vor uns ab. Die wenigen entgegnenden blau- wei├č grell durchs Dunkel schneidenden Xenonstrahler n├Âtigen die Augen, sich Halt an der Fahrbahngrenzlinie zu suchen. Vier gl├╝hende Paar Diamanten tauchen aus dem Stra├čengraben auf. Dahinter die gedrungenen Silhouetten der Graukittel, die sich unter einer Eiche ihr Abendbrot aufsammeln. Keiner der Lichtpunkte macht Anstalten, sich auf die Stra├če zu begeben und so rollen wir unbehelligt vorbei. Unweit der Begegnungsstelle h├╝llt eine Wand aus rotem Licht und gelbem warnblinkgeblitze die Allee ein. Ein Wildunfall?

„Ihr wollt doch jetzt nicht hier im Stau stehen?“ Eine Frau h├Ąlt mit offener Scheibe neben uns. Sie ist gerade umgekehrt und wei├č eine Abk├╝rzung. Wir folgen ihr. Zur├╝ck, links, ein paar einzelne H├Ąuser, ├ťbergang zu Sandpiste, durch den Wald, Holperstra├če, rechts und fort ist sie. Als kleinen Dank schicken wir eine Lichthupe hinterher, Warnblinker erwiedern.

„Lass uns irgendwo anhalten.“ Wir nehmen einen Rundblick auf unserer Karte. Diese kleine Stichstra├če in Richtung Elbdeich wird uns zu einem guten Platz f├╝hren. Genug f├╝r heute! Das letzte Tuckern verhallt zwischen den B├Ąumen. Gerade noch im Blick die Elbbr├╝cke bei D├Âmitz. ├ťber uns breitet sich der Nachthimmel wie eine sch├╝tzende und beruhigende Decke aus. Kein Ton aus dem Unterholz, nur ab und an leises Rauschen von in der Ferne vorbeifahrenden Autos.

Kiefern und Waldboden verstr├Âmen jenes einzigartige Aroma der Erinnerung. Gedanken breiten sich wie ein Teppich vor mir aus. Waldcampingplatz Bansin. Kiefern und dicke Buchen. Ein Campinganh├Ąnger mit Vorh├Ąuschen, 10m vom Abgrund entfernt. Das meditative tucktucktuck der Fischkutter. Weit hinten, schon fast ├╝ber den Horizont hinweg gro├če Schiffe, die ins Unbekannte fahren. Damals noch Schuljunge, sind mir diese ewig alten Eindr├╝cke, der Blick von der Steilk├╝ste aufs Meer hinaus, der Sand zwischen den Zehen und im Gewinde des Sonnen├Âlverschlu├čes, der fr├╝he Gang ( immer eine Mutprobe ) ins kalte Wasser mit meinem Vater, ein liebevoll von der Mutter gedeckter Fr├╝hst├╝cks – Campingtisch, an dem ich in Mollidecken eingewickelt hei├čen Kakao und Buttersemmel mit Salz geno├č, und eben jener Duft wieder so pr├Ąsent.

Das Doppelbett wartet!

Donnerstag

Wir k├Ânnen es nicht verleugnen, die Richtung unserer Fortbewegung ist (leider) eindeutig heimw├Ąrts. Schon gestern mu├čten fernm├╝ndlich „Dinge“ gekl├Ąrt werden. Darunter leidet der Urlaubsmodus doch schon merklich. Aber so ist das nun mal mit kleinen Fl├╝chten. Sie sind auch kurz.

Aber erst gibts nochmal wertvolle Momente im Gr├╝nen. Ich am Kocher, meine Frau l├╝ftet die Mumien. Klare Rollenverteilung ­čśë . Gro├čz├╝gig pl├╝ndern wir unsere letzten Essensreserven. Das Ergebnis ist eine wilde Mischung aus Himbeer- Sahne- Doppelkeksen, Panzerplatten, Riegeln und S├╝├čigkeiten. Jeder pickt sich heraus , auf was er Lust hat. Wir machen es uns hinten gem├╝tlich. Morgen fr├╝h schon wartet wieder der Alltag. Letztendlich raffen wir uns doch auf, packen etwas lustlos alles zusammen und verabschieden uns von diesem sch├Ânen Platz.

Bis Wittenberge ist die Elbe auf Anjas Seite. Dann queren wir den Flu├č und betreten „Westelbien“.

Osterburg ist uns noch unbekannt. Was wir aber genau wissen ist, da├č sich dort sicher ein K├Ąffchen und ein St├╝ck Kuchen finden l├Ąsst. Das St├Ądtchen empf├Ąngt uns mit einem belebten Zentrum. Viele Leute sitzen in der Sonne und erz├Ąhlen sich das Neueste. Knubbeliges Kopfsteinpflaster ziert die Hauptstra├če und verleitet zu Schritttempo. Da es die Sonne gut mit uns meint und sich der Ford schon m├Ąchtig aufgeheizt hat, finden wir Zuflucht im Schatten einer B├Ąckerei mit Cafe‘. Die sehr nette und lustige kleine Asiatin hinter der Theke macht uns Lachsbr├Âtchen, Schinken und Ei- Sandwich, ein riesiges St├╝ck Schokostreusel, Kaffee und Kakao mit Sahne zurecht. Wir nehmen drau├čen Platz. Sie tafelt auf, findet auf dem stelzbeinigen Tischlein kaum Platz f├╝r all die Leckereien. Eine fast schon dekandente Zusammenstellung f├╝r unsere Verh├Ąltnisse. Unsere Augen treffen sich und wir m├╝├čen lachen. Dann f├Ąllt das Mittagessen heute eben aus.

Mit aufgef├╝llten Energiereserven und etwas tiefer gelegtem Auto gehts weiter Richtung Leipzig. Erst noch ├╝ber Land, dann auf die Autobahn. Wir reihen uns in die Blechlawine ein und fressen Meile um Meile. Unglaublich, wie r├╝cksichtslos Menschen ihre fahrbaren Unters├Ątze als Waffe und Druckmittel einsetzen.

Leipzig, Paunsdorfcenter. Kleine Besorgungen, ein Eis auf die Hand und Menschen beobachten. Wir sind schon eine verr├╝ckte Spezies. Mitten in der Woche, wenig los und doch zu wuselig. Was wird hier wohl am Wochenende oder kurz vor Weihnachten abgehen? Meine Gedanken gleiten davon, zur├╝ck an den Elbdeich, wo wir mit ein paar Schafen in der Ferne alleine waren. Beides hat seinen Reiz, doch dem einen kann man sich stundenlang aussetzen, ohne Schaden zu nehmen.

Das „H“- Kennzeichen ├Âffnet uns den Weg durch Leipzigs Zentrum. Ebnen tut es ihn aber keinesfalls. Baustellen, rote Ampeln, Stau, Hitze, gef├╝hlte 10 cm hinter uns ein ortsunkundiger t├╝rkischer Sattel- LKW mit laut quietschenden Bremsen und enormer Lust zum Hupen.

Raus hier ich brauch ne Limo! Wir hangeln uns von Ampel zu Ampel bis Leipzig S├╝dost. Dann endlich wird es ruhiger. Bei Katja gibts Erholung und eine Limo. Danke! Wir verquatschen uns eine ganze Weile und machen uns wieder auf den Weg.

Wenn wir dem Heimweg noch einen kleinen Schlenker hinzuf├╝gen, haben wir alle ├Âstlichen Bundesl├Ąnder gestreift. Th├╝ringens ├Âstliche Spitze durchkreuzen wir zwischen Borna und Altenburg. Geschafft! Jetzt auf die A4, das Auto kennt den Weg nach Hause.

Im R├╝ckspiegel f├Ąrbt sich alles rot- orange. Die Sonne verabschiedet sich. Vor uns R├╝cklichter und heraufziehende Nacht. Wir inhalieren die restlichen Minuten der selbstgegebenen Freiheit, kehren dennoch wieder gerne zur├╝ck.

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “­čŹÇ Die kleine Flucht

  1. Habt ihr wieder mal alles richtig gemacht.
    Denn – Bukowski zitiere ich gern – mit jedem verplemperten Abend vers├╝ndigt man sich grausam am nat├╝rlichen Lauf des einzigen Leben, das man hat! ­čśë

    Gru├č Steppe

    Gef├Ąllt 1 Person

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