🍀 Etappe IV – Ökumenischer Pilgerweg (Erfurt – Vacha)

  1. Man muß es so einrichten, daß einem das Ziel entgegenkommt .

– Theodor Fontane –

 

Ich geh mit dir wohinste willst!

– Simon Michalowicz –

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2 Monate zuvor. Ich liege im Hochbett und starre voller Dankbarkeit in die warme Dunkelheit neben mir. Ihre Strahlen dringen unter meine Haut und geben mir das GefĂŒhl von zu Hause und Geborgenheit und die Gewissheit, geliebt zu werden. „Danke!“ , flĂŒstere ich leise und wir liegen uns in den Armen. „Möchtest du mich auf dem letzten Abschnitt begleiten?“ „Ja!“

Der Oktober ist trocken, zu trocken. Und er ist spĂ€tsommerlich warm. Es ist alles getan auf den Feldern. Die junge Saat steht abwartend auf der Stelle. Wir bangen immernoch um jeden Tropfen Wasser, der vom Himmel fĂ€llt, und machen uns ( ein letztes Mal ? ) auf den Weg. Bei unseren Freunden darf das Auto parken und wir genießen die Zeit zusammen.

Sonntag vormittag nehmen wir unsere RucksĂ€cke auf und schlendern ĂŒber den Domplatz hinĂŒber zu dem Gotteshaus, dessen spitze Zacken seit Jahrhunderten ĂŒber die Stadt wachen. Menschen beobachten, auf den Stufen sitzend die Zwei mit den RucksĂ€cken. Ein kurzer Blick ins Innere. Leuchten, Glitzern, Erhabenheit, aber nicht die allumfassande Stille, die in Merseburg greifbar erschien. Ja, es ist Sonntag und es ist ein Kommen und Gehen.

Einmal hinabgestiegen vom Domberg, leitet uns die Jakobsmuschel wieder zuverlĂ€ssig an. Bald lockert sich die enge Bebauung, die Straße steigt an, HĂ€user treten zurĂŒck und lassen sich von terassierten VorgĂ€rten zieren.  Bald gewinnt die Natur die Oberhand und es geht ins GrĂŒne, entlang am ausgetrockneten Eselsgraben durch einen Einschnitt. Hier steht die Luft. Die erste Pause winkt uns in Form einer beschatteten Weggabelung. Ein paar SchlĂŒckchen Wasser, ein Riegel, ein Apfel und genießen; Atem holen.

Pilgern. Das war bisher meine Sache. Nun schĂ€tze ich mich glĂŒcklich, bei diesem Abenteuer zu Fuß  meine Frau dabei zu haben. Wie oft sind wir hoch geflogen, mußten ackern, haben gestritten, uns geliebt, die Kinder wachsen behĂŒtet und mit stolzen Eltern auf. Wie oft konnten wir uns aus verschiedenen ZwĂ€ngen heraus nicht so einfach zusammen „auf große Fahrt“ begeben. Heute sind wir hier. Zusammen und gemeinsam! Das ist etwas Großes. Ich werde es auf der Reise nicht immer schaffen, die Freude und Dankbarkeit darĂŒber so in jedem Moment auszustrahlen, daß sie bei meinem GegenĂŒber richtig ankommt und einwirken kann. Deshalb versuche ich es mit Worten in diesem Bericht.

Zu Zweit also! Voreinander, nebeneinander, hintereinander, Hand in Hand oder auch mal in weiterem Abstand ziehen wir auf der digitalen Karte unseren roten Strich durch die Landschaft. Es ist schön, auch mal nichts sagen zu mĂŒĂŸen, sich trotzdem verstanden zu fĂŒhlen, seinen eigenen Gedanken nachzujagen, wahlweise die Leere zu fĂŒhlen. Dies ist meiner ehrlichen Meinung nach alleine besser zu bewerkstelligen. Keine unangenehme Ruhe entsteht. Dann wird wieder erzĂ€hlt, gezeigt, zusammen entdeckt, ein Plan fĂŒr die Nacht ausgeheckt. Das wiederum kann man in der Form alleine nicht erleben. Es ist eben anders.

Unsere Sonne streift schon die Spitzen der BĂ€ume. Die weichen, runden Erhebungen des ThĂŒringer Waldes zieren als Scherenschnitt den Horizont. Schatten werden lang und dĂŒnn, Kontraste weicher. Auf der Karte habe ich in einiger Entfernung einen potentiellen Schlafplatz gefunden, den wir nun ansteuern. Am Waldrand entlang suchen wir uns eine geschĂŒtzte, abgelegene Stelle, an der wir niemanden stören und morgen frĂŒh auch gleich die ersten Sonnenstrahlen einfangen können. Die Nacht bricht schnell herein. Es ist eben Oktober, wenn auch ein goldener.

Schon auf frĂŒheren Wanderungen hat sich eine wunderbare Symbiose zwischen uns entwickelt. Wie von selbst erledigt jeder die nötigen Handgriffe. Zelt aufbauen, Nest gemĂŒtlich einrichten, KĂŒche aufstellen, Wasser fĂŒr Abendbrot und Tee holen/ filtern/ kochen. Die Aufgaben sind verteilt, ohne daß jemand einen Befehl ausgegeben hĂ€tte.  Sanft breitet sich die Isomatte unter unseren mĂŒden Gliedern aus. Wir beobachten lĂŒmmelnd, sitzend, liegend, wie die blauen FlĂ€mmchen leise zĂŒngelnd den Wasserkessel umspielen. Ruhe. Ab und zu ein Rascheln von der Feldkante, vielleicht eine Maus. Eine hohe Hecke hĂ€lt uns den RĂŒcken frei, doch auch hier Anzeichen dafĂŒr, daß der Herbst da ist. Selbst bei Windstille fallen die BlĂ€tter, leise raschelnd in die Dunkelheit. Wir teilen uns ein turmat – Gericht, Kekse und Minisalamis, trinken Tee und horchen in die Nacht, selig, heute hier zusammen sein zu dĂŒrfen. Bald beginnt es uns leicht zu frösteln, die SchlafsĂ€cke locken bereits. Satt, zufrieden und mĂŒde mummeln wir uns ins gemachte Nest und schon bald breitet der Schlaf seine FlĂŒgel ĂŒber uns aus.


Guten Morgen! Die Sonne glitzert durch das MĂŒckennetz. Aus dem leuchtend blauen Kunstfaserhaufen neben mir blinzeln 2 verschlafene Augen. „Noch ein paar Minuten liegen bleiben … BITTE !“ Bald dampft der Kessel wieder und es gibt Kaffee, IM NU und MĂŒsli. FrĂŒhstĂŒck im Bett. Wann gibt es sowas zu Hause schon einmal? Nichts ist schöner, als seine Nase ĂŒber eine dampfende Tasse Tee oder Kaffee zu halten und das duftende Aerosol in sich aufzunehmen. Sofort wird diese Zeit zu einem glĂŒcklichen Moment. Hier draußen, die Sonne verwöhnt unsere Gesichter mit wĂ€rmender Strahlung, finden wir Zeit und Muße, uns an den einfachsten, alltĂ€glichen Dingen wieder zu erfreuen.

Zeit zum Aufbruch. Wieder geschĂ€ftiges Treiben an dem blaugrauen Zelt da hinten am Durchschlupf zwischen Hecke und Wald. Die Handgriffe sind rountiniert und binnen weniger Minuten ist unser Nachtplatz aufgerĂ€umt, alles verstaut, die RucksĂ€cke geschultert und den Beinen das „GO!“ ĂŒbermittelt. Danke fĂŒr diese behĂŒtete Nacht! Von Weitem sind markante TĂŒrme zu sehen und wir fragen uns, ob das schon Gotha sei.

Es könnte doch so wunderbar sein, mit dem Kopf im Hier und Jetzt. Meine Frau beherrscht und zelebriert diese Kunst, den Moment zu genießen, derer ich heute scheinbar nicht mĂ€chtig bin. Meine Gedanken schweifen voraus, suchen angeheizt von der Schönheit des Tages und dem HochgefĂŒhl der Freiheit und des Beieinanderseins nach dem unerreichbaren Punkt, dem ultimativen Ziel, dem nĂ€chsten Abenteuer. Ein flasch verstandenes Wort genĂŒgt, den Höllenstrudel in Bewegung zu setzen. Warum nur? So glĂ€nzend dieser Tag begonnen hat, so abgeschliffen, matt, und voller dunkler, tonnenschwerer Hindernisse wird er sich dahin schleppen, um sich erst mit dem letzten Sonnenstrahl wieder ins positive zu kehren. Weniger Worte, mehr Liebe und NĂ€he wĂ€ren heute nötig gewesen. „Good Bye Lehmann“ hatte bereits eine Antwort fĂŒr mein Problem. Dessen werde ich mir aber erst spĂ€ter bewußt.

Der Kopf ist der stĂ€rkste Muskel. Er treibt den ganzen Körper an, motiviert den Bewegungsapparat und lĂ€ĂŸt einen die eigenen Grenzen ĂŒberwinden, wenn man es nur will. Im umgekehrten Falle macht er jeden Schritt selbst in noch so einfachem GelĂ€nde zu einem Weg, den lotrechten Felsen hinauf. Die Schuhe sind bleischwer, ein paar wenige Kilometer dehnen sich zu schier unĂŒberwindbaren Distanzen aus. Ich bin gefangen im eigenen Kopfkino. Es gilt, schnell einen Ausweg zu finden.

Laufen!

Schöne EindrĂŒcke gibt es genĂŒgend um uns herum. Seien es die nett anzuschauenden Dörfer, der Blick ĂŒber die Felder und in den sonnig – warmen  Herbsttag oder die nĂ€her rĂŒckende Silhouette der großen Stadt.

Gotha betreten wir ein wenig durch die HintertĂŒr. Am wilden Graben nahe der Boxhalle spricht uns im Vorbeigehen ein Ă€lterer Herr mit einem großen, ruhig nebenher trottenden Hund an. Ein nettes GesprĂ€ch entsteht. Wir sehen wie Wanderer aus und das ermutigt ihn, in Erinnerung an sein eigenes Leben, uns Fremde anzusprechen. „Wir sind frĂŒher oft, gern und weit gewandert, meine Frau und ich. Ihr macht das richtig, jetzt damit zu beginnen. Wenn man Ă€lter wird, ist das schwierig. Es ist eine schöne Art der Fortbewegung. Jetzt hĂ€lt mich der Hund in Bewegung. Bald gelangt ihr an die ehemalige Grenze. Dort mußte ich Dienst tun. Mit meinem Pferd hatte ich die Aufgabe, den Sand zu ebnen, damit Fußspuren zu erkennen waren. Eine schlimme Zeit!“ Mit einem Mal wird auch mir bewußt, wie weit uns die FĂŒĂŸe schon durch das Land getragen haben. Von der ehemaligen Ost- bis zur Westgrenze. Fast haben wir die auf dem Pilgerabzeichen stilisierte BrĂŒcke in der Wirklichkeit auch geschlagen. Wir verabschieden uns fröhlich und stapfen zielsicher gen Zentrum.

Die ehrwĂŒrdige Margarethenkirche lĂ€dt ein. Ein Zettel am hölzernen SeitentĂŒrchen fordert zum Eintritt auf. Als die TĂŒr sich schließt, bescheidet sich die Außenwelt und dringt nicht weiter auf uns ein. Wir zĂŒnden Kerzen an. Der Kantor drĂŒckt seinen Stempel in den Ausweis. Stille Minuten der Besinnung. Wohlige KĂŒhle legt sich angenehm auf die heißgelaufenen Körper. Auch innerlich tritt mehr und mehr Ruhe ein.

SpĂ€ter auf dem Markt gibts zwei Kugeln Eis fĂŒr jeden zum mitnehmen, kredenzt von einer bunt geschminkten, netten Dame.

Wir laufen. WestwĂ€rts. Geradlinig und bergan zieht der Weg sich durch gepflegte Kleingartenanlagen. AllmĂ€hlich greifen die Blicke weiter und weiter, bis wir bald auf einer Anhöhe die ganze Stadt einsehen können. Oben spricht uns fröhlich eine bunt gekleidete Frau an. Ein tiefer gehendes GesprĂ€ch wird aber durch ihr stĂ€ndig klingelndes Telefon vereitelt. Die Luft ist diesig und heiß und von Frau Sonne mahnt uns, diesen schattigen Ruheort an der alten Hecke zu nutzen. Wir machen es uns gemĂŒtlich, ein MĂŒsliriegel und Wasser machen die Runde.

Nur wenige Worte werden gewechselt. Jeder hÀngt seinen eigenen Gedanken nach. Mich zu motivieren fÀllt mir schwer. Eigentlich lockt doch heute ein schönes Ziel. In MÀchterstedt warten Unterkunft und Verpflegung, sowie ein weiches Bett auf uns. Also weiter!

Der Westhang des HĂŒgels den wir nun auf sandigen Wegen hinab steigen, fĂŒhrt durch ein mit niedrigen StrĂ€uchern und hohem Gras bestandenes Gebiet. Auf der alten Panzerstraße kommen wir ohne grĂ¶ĂŸere physische Barrieren voran. Nur der Kopf spielt nicht so richtig mit. Wenn wir nach SĂŒden schauen, zieht sich der Kamm des ThĂŒringer Waldes in der immer niedriger stehenden SpĂ€tnachmittagssonne wie ein dunkles Band am Horizont entlang. Am Straßenrand steht eine meterhohe Strohfeie aus Quaderballen. An ihr lehnt ein Hightech – Mountainbike. Ringsum ist niemand zu sehen. Plötzlich rappelt es oben und ein Kopf blickt auf uns herab. Dieser gehört zum EigentĂŒmer des Fahrrads. Scheinbar hat er ein ruhiges PlĂ€tzchen gesucht und gefunden. Wir grĂŒĂŸen. Er ruft uns ein freundliches: „Viel GlĂŒck auf den Weg, ihr Wandersleut“, zu.

Rechts unten im Tal liegt das Dörflein Metebach. Dort, erinnere ich mich, verbrachte mein Vater einen Teil seiner Ausbildung. Als Kind gehörte Geschichten und Ereignisse aus dieser Jahrzehnte zurĂŒck liegenden Zeit kommen mir in den Sinn. Hier auf diesen Fluren mĂŒĂŸen sie sich zugetragen haben.

Langsam kommen wir gegen die uns entgegenwachsenden Schatten der Welt um uns herum voran. Und auch wieder ins GesprÀch.

Ich realisiere, was es doch fĂŒr eine Gabe ist, hier mit einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben gehen, stehen, erleben und sein zu dĂŒrfen. Gute Worte finden wieder den Weg in den Kopf des GegenĂŒber, fĂŒhren zu VerstĂ€ndigung und, viel wichtiger, weiter zu VerstĂ€ndnis! Ganz plötzlich finden auch Augen und HĂ€nde wieder zueinander und die tonnenschweren Gewissensklötze bleiben einfach an der Plattenstraße kurz vor MĂ€chterstedt stehen. Endlich!

Frohen Mutes und mit mĂŒden FĂŒĂŸen, jedoch trotzdem wie auf Wolken laufen wir unserem Ziel entgegen. An dem kleinen Friedhof halten wir kurz am Grab des Vaters eines unserer besten Freunde inne.

Nur noch wenige Meter und wir werden ganz liebenswert empfangen und aufgenommen. Die Dusche, ein reich gedeckter Tisch, ja sogar eine Flasche Sekt und viel Stoff zum erzÀhlen warten schon auf uns. SpÀt in der Nacht liegen wir selig und voller Dankbarkeit Arm in Arm, bis der Schlaf uns davon trÀgt.


Der Morgen graut. Meine offenen Augen genießen den Anblick dessen, was da mit noch geschlossenen Augen, ruhig atmend neben mir liegt. Der Kopf malt die Gedanken des Tages vor. Jeden Tag aufs Neue bin ich gespannt, was es wohl diesmal zu entdecken gibt. Weiter! Weiter! Der Weg ruft.

Rundum liebevoll versorgt mit einem fantastischen FrĂŒhstĂŒck, vielen Geschichten und dem GefĂŒhl hier jederzeit wieder willkommen zu sein, treten wir, die RucksĂ€cke geschultert, ins Freie. Der Abschied fĂ€llt zugegebenermaßen nicht leicht, aber schließlich lösen wir uns, tauchen unter der Eisenbahntrasse (ehemals Warschau – Paris) hindurch, um kurz vor Burla wieder die viaregia zu betreten. Noch ist der Tag grau und kĂŒhl, doch wir sind guten Mutes.

Von unserer erhöhten Position aus haben wir nun einen guten Blick auf das, was wir bisher nur als stetiges Hintergrundrauschen akustisch wahrgenommen haben. Im Tal teilen sich Autobahn und Eisenbahn den Job des Schallerzeugers. Warum auch immer, es erinnert mich an die Essenshalle auf der Insel Usedom zu DDR – Zeiten. Die Autobahn hĂ€lt sich im Hintergrund ist aber stĂ€ndig prĂ€sent, wie die vielen einzelnen, sich unterhaltenden, essenden und mit dem Geschirr klappernden  Menschen. ZĂŒge und Schienen sind da eher kurze laute Zwischenrufe, die aufflammen und wieder abebben.

Hinter Burla ĂŒberqueren wir die A4. Bald wird endlich der Asphalt unter unseren FĂŒĂŸen zu einem angenehmer zu gehenden, wenn auch stetig ansteigenden Feldweg. Das Naturschutzgebiet Hörselberge ragt wie ein halbrunder Schutzwall aus der Umgebung, als wolle es mit dem steil abfallenden SĂŒdhang die vordringenden Horden kriegerischer StĂ€mme abhalten. Oben angelangt offenbart sich ein herrlicher Weitblick. Auf diesem schönen Fleckchen Erde legen wir eine Pause ein, genießen die Aussicht und lassen uns die am Wegesrand aufgesammelten verschiedenen Äpfel shmecken. Noch ein Schluck Wasser dazu. Was braucht es mehr?

Der Kammweg fĂŒhrt durch den Wald auf und ab und immer wieder erhaschen wir Ausblicke hinunter ins Tal. Hinter dem kleinen Hörselberg gibt es noch einmal einen Aussichtspunkt, bevor es recht steil ins Tal hinab geht. An einer Biegung des FlĂŒsschens Hörsel, ein paar Meter außerhalb von Wutha lassen wir uns zu einer weiteren Pause nieder, bevor uns die Außenbezirke Eisenachs aufnehmen. Es fĂŒgt sich immer wieder, stets einen netten Platz zu finden, wenn er gerade benötigt wird. An die RucksĂ€cke gelehnt und Kekse knabbernd beobachten wir aus sicherer Entfernung den Verkehr auf der Eisenbahnlinie und der Bundesstraße. HundelĂ€ufer ziehen vorbei, jede Menge Fahrradfahrer und eine Mutti mit Kinderwagen sind unterwegs.

Eisenach empfĂ€ngt uns an den HintertĂŒr. Irgendwie ist hier die Beschilderung abhanden gekommen. Leicht verwirrt irren wir durch ein Gewerbegebiet, finden aber keinen Hinweis. Vielleicht bin ich auch einfach zu doof zum Karte lesen. Letztendlich folgen wir unseren Nasen und landen mitten im Zentrum der schönen, ehrwĂŒrdigen und geschichtstrĂ€chtigen Stadt. Ein unglaublich leckeres Eis auf die Hand gibts an der Ecke zum Markt. Die GeschĂ€fte, Restaurants und Cafe’s sind allesamt gut besucht und an den nett zurecht gemachten Tischen sind nur wenige PlĂ€tze frei. Also nehmen wir auf einer Parkbank neben der Georgenkirche Platz und schlecken. Die andere Bank hat die Jugend mit Beschlag belegt. Laut wird sich multinational unterhalten, gelacht, mit den MĂ€dels geflirtet und ĂŒber den halben Markt Bekannte begrĂŒĂŸt. Eine Gruppe deutscher Jungs gesellt sich dazu. Man kennt sich. Ghettofaust!

Als unsere Leckerei vertilgt ist, kommen unsere BĂ€uche nur schwer hoch. Die Beine sind nach bisher um die 20 km auch nicht mehr taufrisch und nur eine mĂ€ĂŸige Hilfe. Dennoch steuern wir bald quer ĂŒber den Platz auf die Touri – Info zu. Als drittletzter Stempel dieser Etappe prangt nun eine Lutherrose im Pilgerausweis. ZurĂŒck ĂŒber den Markt finden wir auch wieder auf den rechten Weg. Der fĂŒhrt recht schnell recht steil werdend gen Wartburg, eine der wichtigsten WirkstĂ€tten Martin Luthers und der Reformation. Der spĂ€te Nachmittag geht in den Abend ĂŒber, aber einige Höhenmeter wollen noch bezwungen werden. Zur Belohnung lockt die Wartburg und vielleicht ein Sonnenuntergang ĂŒber den HĂŒgeln im Westen.

Ein bekannter Geruch steigt in unsere Nasen. Hier waren vor kurzem Pferde unterwegs. Da sehen wir schon die Station, von der aus man sich, ganz wie im Mittelalter per Esel zur Burg bringen lassen kann. Wir schaffen die wenigen Meter auf Kopfsteinpflaster auch noch zu Fuß. Nur wenige Menschen sind noch da. Das macht die Anlage mit Einsetzen der DĂ€mmerung noch angenehmer, stiller, Ehrfurcht gebietender. Man braucht nur eine Weile auf einer der BĂ€nke, in einer Niesche oder auf der Burgmauer zu sitzen. Schon kommen mit ein wenig Fantasie Bilder von Rittern, Mönchen, wandelnden Edeldamen, schwer mit Holz, Schwertern, Wein, Getreide, GemĂŒse und Obst beladenen Pferdefuhrwerken, die sich den Berg hinauf kĂ€mpfen, in den Kopf geschossen. Sommers wie Winters geschĂ€ftiges Treiben, um das tĂ€gliche Leben auf der Burg zu gewĂ€hrleisten.

Gerade glĂŒht die Sonne noch einmal in der schmalen WolkenlĂŒcke rotorange auf und setzt Anjas Haare „in Brand“, bevor sie sich, unermĂŒdlich wie jeden Tag, anderen Regionen hingibt.

Langsam gilt es, sich eine Lagerstatt fĂŒr die Nacht zu suchen. Steil und eng fĂŒhrt der Weg unter der ZugbrĂŒcke hindurch und weiter hinunter zum Fuße des Burgfelsens.  Schnell greift Dunkelheit zwischen den LaubbĂ€umen um sich. Ein paar Meter abseits des Weges im Areal der ehemaligen Eisenacher Burg und in Sichtweite der nun hell erleuchteten Wartburg, findet sich ein ebener Platz in weichem Gras. Die Sterne kommen hervor. In einer Linie mit dem Zelt und der Burg thront der große Wagen am Himmel. Wir lassen es uns gut gehen, sind aufs Neue zufrieden und glĂŒcklich, hier zu sein und genießen die Stille. Anja liest, ich denke an nichts und genieße.


Als ich, wie immer als Erster, aus dem taunassen Zelt blicke, offenbart sich mir im Schimmer der Morgensonne der Beginn eines herrlichen Tages. Kein LĂŒftchen geht, alles ist friedlich. Ein paar Schritte weiter tut sich unter mir ein Tal im Nebel auf. Das Licht ist fast magisch, der Nebel erscheint dadurch wie in Gold getauchte Watte. HerbstgefĂ€rbte BlĂ€tter runden das leuchtende Schweigen ab. GerĂ€usche von Verkehr und Zivilisation dringen nur stark gedĂ€mpft aus dem Grund des Tals zu mir herauf. Ich flitze zum Zelt zurĂŒck und hole Anja aus dem Schlafsack. Gemeinsan stehen wir in UnterwĂ€sche und Schlafnicki am Abgrund und staunen.

Nach einem gemĂŒtlichen FrĂŒhstĂŒck sind rountiniert alle Sachen wieder verstaut. Danke fĂŒr diesen schönen Nachtlagerplatz!

Es beginnt unser “ Waldwandertag „. Hand in Hand schlendern wir den belaubten Weg entlang. Das BlĂ€tterdach der LaubbĂ€ume ist bereits löchrig geworden und lĂ€sst Sonnenstrahlen hindurchschlĂŒpfen. Die letzten grĂŒnen Farbpigmente machen unausweichlich den Herbstfarben platz. Der Weg fĂŒhrt direkt an der SĂ€ngerwiese vorbei. Schon morgens duftet es aus den Töpfen der gastronomischen Einrichtungen nach Gesottenem und Gebratenem. Wie es wohl vor rund 170 Jahren ausgesehen und vor allem geklungen haben mag, als 28 MĂ€nnerchöre zu einem SĂ€ngerwettstreit hier zusammen trafen? Man versucht sich vorzustellen, wie weit die Melodien durch die BĂ€ume und in die TĂ€ler getragen wurden.

Einen Teil der Strecke gehen Pilgerweg und Rennsteig nun gemeinsam daher. Ab und an erhascht man einen flĂŒchtigen Blick in die Umgebung. An einigen Stellen sogar bis weit hinĂŒber zur Wartburg. Sie verharrt auf ihrem HĂŒgel und wacht wie eh und je ĂŒber die Stadt und die umliegenden WĂ€lder. Als die ersten knapp sechs Kilometer zurĂŒckgelegt sind gönnen wir uns eine Pause mit Weitblick ĂŒbers Tal. Mir tropft beim auspacken des orangefarbenen Beutels fĂŒr die Tagesration schon manchmal der Zahn. Minisalamis und Kekse machen die Runde. Schön ist es hier. Wir sind nahezu allein und genießen die Stille des friedlichen Herbsttages.

Nur kurz entlĂ€sst uns der Wald beim Gut HĂŒtschhof aus seiner Umarmung, um uns gleich nach den letzten HĂ€usern wieder willkommen zu heißen. Über uns ziehen rufend und in militĂ€rischer Ordnung Kraniche hinweg. Auch wir fĂŒhlen uns in diesem, wenn auch kurzen Moment, frei wie die Vögel.

Oberellen war frĂŒher einer jener schwer erreichbaren Orte. Nicht weit hinter dem Ortsausgangsschild begannen die Anlagen der innerdeutschen Grenze. FĂŒr die Einwohner war es schwierig. StĂ€ndige Kontrollen und Überwachung. Keine Rede von „sich frei bewegen können“. Heute ist es ein schöner Ort mit herausgeputzten historischen und neuen HĂ€usern und einer Dorfstraße, deren Verlauf nicht mehr in einer Todeszone endet.

Wir gönnen uns den kleinen Umweg zur Tankstelle, dĂŒrfen uns in der fein renovierten Toilette frisch machen und bestellen Cola plus Bockwurst mit Semmel. Draußen im Pavillon schnallen wir die RucksĂ€cke ab und genießen unseren Mittagsimbiß. Eine schĂŒchtern wirkende Frau setzt sich zu uns, genießt ihren Kaffee und die Zeitung. Dennoch kommen wir bald in ein nettes und interessantes GesprĂ€ch. Auch sie arbeitet in der Landwirtschaft und kann unsere ZwĂ€nge und Sorgen mit der aktuellen schwierigen Lage unseres gemeinsamen Berufsstandes nur allzu gut nachvollziehen. „Es ist schade, Ă€rgerlich und sehr traurig, nur noch als Umweltverschmutzer, TierqĂ€uler und grĂ¶ĂŸter EU – SubventionsempfĂ€nger in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden! FrĂŒher war der Stand des Bauern als ErnĂ€hrer des Volkes wichtig und auch geachtet. Heute? … !“ Sie spricht uns aus der Seele.

Die Zeit vergeht schnell beim erzÀhlen. Wir verabschieden uns und gehen etwas nachdenklicher unserer Wege.

Langsam kehren wir dem ThĂŒringer Wald den RĂŒcken zu und bewegen uns in die hĂŒgelige Mittelgebirgslandschaft der Rhön. Die Dörfer scheinen sich immer noch Schutz suchend vor marodierenden Raubrittern in Talmulden zu kuscheln und verschwinden schon nach dem nĂ€chsten grasbewachsenen HĂŒgel aus dem Blickfeld. Es ist Nachmittag. Die Sonne steht schon recht tief, wĂ€rmt aber die Gesichter noch wunderbar. Trotz der schon seit langem anhaltenden Trockenheit finden wir unter den langen Schatten des Waldrandes Wiesenstreifen, denen noch immer Tau anhaftet.

Stetig fĂŒhrt der Weg bergan. Kurz bevor uns der Wald wieder hat, noch eine kurze Rast an einer ĂŒberdachten Bank. Ich schmökere im GĂ€stebuch, wĂ€hrend meine FĂŒĂŸe Frischluft bekommen. Das ist wirklich eine der wichtigsten Routinemaßnahmen gegen Blasen. Und es ist herrlich erfrischend, die Zehen ausstrecken und kĂŒhlen zu können. Ein kleiner Eintrag ins Buch und bald sind wir wieder im Wald verschwunden.

FĂŒr die Nacht habe ich einen Platz am Waldesrand auserkoren. Der ist aber noch geschĂ€tzte 6 Kilometer entfernt. In WĂŒnschensuhl hatte uns ein Schild mit Duschsymbol und „Pilgerherberge“ schon fast schwach werden lassen. Die nĂ€chste offizielle Möglichkeit wĂ€re Frauensee. Wir entscheiden uns fĂŒr unser tragbares 2 – Mann – 5 – Sterne – Hotel vom Typ „Große Freiheit“. Das will aber verdient sein. Es hilft also nichts. Wir stapfen tapfer weiter. Der Wald ist wunderschön. Mal ist der Boden weich und humos und es lĂ€uft sich wie auf Wolken, dann schlĂŒrfen wir wieder genĂŒĂŸlich durch eine Zentimeterhohe goldbraun – grĂŒn schimmernde Masse aus herabgefallenen LaubblĂ€ttern. An einer Stelle, Anja muß mal fĂŒr kleine Pelegrinas, stehe ich einfach da und fĂŒhle mich wie die Goldmarie aus Frau Holle. Trotz Windstille fallen ohne Unterlass die goldenen BlĂ€tter aus den Kronen der BĂ€ume auf mich herab. Ein erinnernswerter Moment.

Doch bald schon bricht die DĂ€mmerung ĂŒber uns herein. Es wird still. Das Gezwitscher um uns herum verstummt. Schon hören wir nur noch das rascheln und knarzen unter unseren Schuhen und ab und zu GerĂ€usche aus dem in der Dunkelheit verschwindenden Waldesinneren. Als wir kaum noch die Hand vor Augen sehen, erreichen wir endlich den rettenden Saum des Waldes. Im Schein der Stirnlampen spannen wir auf einer kleinen, ebenen und trockenen FlĂ€che das Zelt auf. Die hohen Fichten stehen wie ein Bollwerk hinter uns, halten uns den RĂŒcken frei. Nach vorn ist der Blick frei und mit etwas GlĂŒck erhaschen wir morgen die ersten wĂ€rmenden Sonnenstrahlen. Nach dem Studium der Karte bestellt Anja beim Kellner „Chef surprise“. Dieser zaubert wieder ein Festmahl in die SchĂŒsseln. Candlelight Dinner mit pulled pork aus TromsĂž. So fallen die Strapazen des Tages rasch ab und machen der Eholungsphase platz. Allzu alt werden wir heut trotzdem nicht. Der Schlafsack ruft.


In der Nacht

Plötzlich schrecke ich hoch. Ein Knacken im Dickicht. GrunzgerĂ€usche auf der FreiflĂ€che vor uns. Ein etwas leiseres Grunzen aus einer anderen Ecke des Waldes. Die Antwort folgt prompt wieder aus dem Nebel vor dem Zelt. Wie weit und durchdringend man die Laute doch wahrnimmt ist schon irgendwie packend. Da hilft es auch nichts, sich den Schlafsack ĂŒber die Ohren zu ziehen. Ich luge durch den kleinen Spalt zwischen Zeltboden und Vorzelt in die weißlich wabernde Kulisse vor mir und erkenne… nichts. Die Augen taugen hier einfach nicht. Kein Zweifel, wir sind von Wildschweinen umzingelt. Eigentlich mĂŒĂŸte ich auch dringend mal hinter die BĂ€ume. Also fasse ich mir ein Herz und ziehe den Reißverschluß auf. Man glaubt kaum, wie laut so etwas sein kann. Als ich in die Nacht hinaus trete, der Mond klebt als milchige Scheibe am Himmel, Stille! So angestrengt ich auch starre und lausche, nichts regt sich. Jetzt bin ich auch Mutes genug, mal fix hinter den Baum zu verschwinden, um schnellstmöglich in den noch warmen Schlafsack zurĂŒck zu schlĂŒpfen. So schnell der Schlaf ging, so schnell kommt er wieder und heißt mich erneut willkommen.


Fast noch mehr als einen filmreifen Sonnenaufgang mag ich diese windstillen, nebligen, leicht feuchten Tage. Gern bleibe ich mit offenen Augen noch im warmen Nest liegen, beobachte aus dem Zelt heraus die langsam erwachende Landschaft und fĂŒhle mich trotz der nur Zehntelmillimeter dĂŒnnen SchutzhĂŒlle unserer mobilen Heimstatt so geborgen ( Home is where you stake it ! ). Mit so wenig wie möglich Haut außerhalb des Schlafsackes wird Wasser aufgesetzt. Mein GegenĂŒber mag sich noch gar nicht rĂŒhren. Nur der rote Schopf guckt aus dem blauen KnĂ€uel neben mir heraus. „Kaffee ist fertig!“ Zu frisch geholten BĂ€ckersemmeln hat es nicht gereicht. Trotzdem genießen wir das FrĂŒhstĂŒck. Wir sind beide noch etwas verwuselt, kommen aber bald in die GĂ€nge.

Heut soll es bis nach Vacha gehen. Das letzte StĂŒck der letzten Etappe des ökumenischen Pilgerweges steht kurz bevor und ohne zuviel verraten zu mĂŒssen, kann ich bereits jetzt sagen: „Es war eine Freude, dich beschreiten zu dĂŒrfen!“ Ein wenig hibbelig bin ich schon, obwohl es eigentlich ja keine große Sache ist.

Wir lassen uns extra Zeit beim packen. Bald sind wir abmarschbereit. Erstmal geht es durch Wiesen, die so voller Tau hĂ€ngen, daß man daraus trinken könnte. Das erstaunt mich, denn bei uns zu Hause gab es seit vielen Wochen keinen Tau mehr. Umso prickelnder, mal irgendwie naße Schuhe zu haben, statt nur immer staubige.

Gleich bei der ersten Möglichkeit schlagen wir den „falschen“ Weg ein. Dieser fĂŒhrt sogleich steil und dicht mit Brombeerranken versehen bergan.  Wir schnaufen zweifelnd hinauf, umkehren ist aber keine Option. Da entdecke ich mitten auf dem Weg einen Pilz, zwei Handteller groß. So ein stattliches Exemplar habe ich noch nie gesehen. Zwar dient er schon wieder als Nahrungsquelle fĂŒr allerlei GewĂŒrm, aber ist trotzdem ein Riese. Das war doch den beschwerlichen Umweg wert.

Bei der Suche zurĂŒck auf den Pilgerweg tue mich ehrlich gesagt etwas schwer heute morgen. Andererseits, wir haben heute nur knapp 15 km Strecke vor uns. Ein wenig Hinauszögern kann doch da nicht schlimm sein!

Abgesehen von einem kleinen Aussichtspunkt mit Blickrichtung Vitzeroda und einer Lichtung auf der das verriegelte „Waldhaus“ steht, bewegen wir uns fast 10 km durch ein geschlossenes Waldgebiet. Auch hier hat der Sturm SchĂ€den hinterlassen, die erst nach und nach beseitigt werden können. KettensĂ€gengekreische und MotorengerĂ€usche der Forstmaschinerie dringen mal von fern, mal ganz aus der NĂ€he auf uns ein. Beim Waldhaus pausieren wir kurz. Es ist schattig und zu frisch, um lĂ€nger zu verweilen.

Um die hohe Wart, einen 400m hohen, bewaldeten HĂŒgel, macht der Weg einen eleganten Bogen, obwohl man ihn auch in gerader Linie ĂŒberschreiten könnte. Auch hier ist ein Pfad vorhanden. Im Demmesgrund entlĂ€ĂŸt uns der Forst endgĂŒltig aus seiner Obhut. Nur noch kurz genießen wir einen sandigen Wiesenweg, bis auch dieser in Asphalt ĂŒbergeht. Auf einer benachbarten Weide haben die Pferde ihre Futtersuche eingestellt und beobachten uns, bis wir wieder auf Sicherheitsabstand sind. Das Wetter bleibt heut grau und verhangen. Wissend, daß wir es bald geschafft haben, sind unsere FĂŒĂŸe nicht gerade super motiviert. Zu ereignisreich, schön, interessant, abenteuerlich, anstregend, nervenaufreibend, einfach, schwer, entzweiend und wieder vereinend waren die ĂŒber 500 km. Jeder einzelne allein oder gemeinsam getane Schritt wird zur bleibenden Erinnerung.

Als wir an die Werra, jenen einst schwer bewachten Fluß, dem die unehrenvolle Aufgabe einen Teil der innerdeutschen Grenze darzustellen, aufgezwungen wurde, erreichen, wird mir die Symbolhaftigkeit dieses Ortes bewußt. Mit dem Übertritt des Flusses haben wir eine BrĂŒcke zwischen der DDR – Ost – und Westgrenze geschlagen. Wie froh können wir sein, hier, in einem friedlichen und wieder vereinten, wenn auch nicht perfekten Land leben zu dĂŒrfen. Es steht uns frei, zu gehen, wohin wir möchten. FĂŒr viele wurde der Drang in die fĂŒr uns heute so selbstverstĂ€ndliche Freiheit so erdrĂŒckend, daß weder Leib noch Leben geschont wurden, diese zu erlangen und die Grenze zu ĂŒberwinden. Heute gibt es andere ZwĂ€nge und EinschrĂ€nkungen, aber wir können ohne Todesangst die Grenze ĂŒberqueren!

Ein kleiner Abstecher in die offene, aber menschenleere Johanneskirche. Wir verharren einige Minuten, zĂŒnden Kerzen an und danken fĂŒr den Weg.

Im PilgerfĂŒhrer heißt es, wer nachweislich die Strecke gegangen ist, darf sich in der Rhön – Buchhandlung den kleinen Anstecker abholen. Wir schlendern ĂŒber den Markt zur Mittagszeit. Es duftet nach Eintopf, Broiler und Wurstwaren aus dem mobilen Einkaufsladen. Als die Buchhandlung öffnet schlĂŒpfe ich hinein und erhalte nach Vorlage meines Pilgerausweises die offizielle BestĂ€tigung, den ökumenischen Pilgerweg geschafft zu haben. Wir plauschen noch ein ganzes Weilchen nett mit dem Inhaber. Nach vielen guten WĂŒnschens setzen wir uns wieder in Bewegung. Dieses Mal aber fĂŒhren unsere Schritte nicht zum nĂ€chsten Wegweiser, mit dem so vertraut gewordenen blau – gelben Symbol. Über 500 km konnte man sich darauf verlassen auf dem richtigen Pfad zu sein. Nun wartet die Heimreise auf uns. Aber mit einer Frage ĂŒberrascht meine Frau mich noch.

Wollen wir zusammen eines Tages weiter gehen?

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