­čŹÇ Etappe IV – ├ľkumenischer Pilgerweg (Erfurt – Vacha)

  1. Man mu├č es so einrichten, da├č einem das Ziel entgegenkommt .

– Theodor Fontane –

 

Ich geh mit dir wohinste willst!

– Simon Michalowicz –

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2 Monate zuvor. Ich liege im Hochbett und starre voller Dankbarkeit in die warme Dunkelheit neben mir. Ihre Strahlen dringen unter meine Haut und geben mir das Gef├╝hl von zu Hause und Geborgenheit und die Gewissheit, geliebt zu werden. „Danke!“ , fl├╝stere ich leise und wir liegen uns in den Armen. „M├Âchtest du mich auf dem letzten Abschnitt begleiten?“ „Ja!“

Der Oktober ist trocken, zu trocken. Und er ist sp├Ątsommerlich warm. Es ist alles getan auf den Feldern. Die junge Saat steht abwartend auf der Stelle. Wir bangen immernoch um jeden Tropfen Wasser, der vom Himmel f├Ąllt, und machen uns ( ein letztes Mal ? ) auf den Weg. Bei unseren Freunden darf das Auto parken und wir genie├čen die Zeit zusammen.

Sonntag vormittag nehmen wir unsere Rucks├Ącke auf und schlendern ├╝ber den Domplatz hin├╝ber zu dem Gotteshaus, dessen spitze Zacken seit Jahrhunderten ├╝ber die Stadt wachen. Menschen beobachten, auf den Stufen sitzend die Zwei mit den Rucks├Ącken. Ein kurzer Blick ins Innere. Leuchten, Glitzern, Erhabenheit, aber nicht die allumfassande Stille, die in Merseburg greifbar erschien. Ja, es ist Sonntag und es ist ein Kommen und Gehen.

Einmal hinabgestiegen vom Domberg, leitet uns die Jakobsmuschel wieder zuverl├Ąssig an. Bald lockert sich die enge Bebauung, die Stra├če steigt an, H├Ąuser treten zur├╝ck und lassen sich von terassierten Vorg├Ąrten zieren.┬á Bald gewinnt die Natur die Oberhand und es geht ins Gr├╝ne, entlang am ausgetrockneten Eselsgraben durch einen Einschnitt. Hier steht die Luft. Die erste Pause winkt uns in Form einer beschatteten Weggabelung. Ein paar Schl├╝ckchen Wasser, ein Riegel, ein Apfel und genie├čen; Atem holen.

Pilgern. Das war bisher meine Sache. Nun sch├Ątze ich mich gl├╝cklich, bei diesem Abenteuer zu Fu├č┬á meine Frau dabei zu haben. Wie oft sind wir hoch geflogen, mu├čten ackern, haben gestritten, uns geliebt, die Kinder wachsen beh├╝tet und mit stolzen Eltern auf. Wie oft konnten wir uns aus verschiedenen Zw├Ąngen heraus nicht so einfach zusammen „auf gro├če Fahrt“ begeben. Heute sind wir hier. Zusammen und gemeinsam! Das ist etwas Gro├čes. Ich werde es auf der Reise nicht immer schaffen, die Freude und Dankbarkeit dar├╝ber so in jedem Moment auszustrahlen, da├č sie bei meinem Gegen├╝ber richtig ankommt und einwirken kann. Deshalb versuche ich es mit Worten in diesem Bericht.

Zu Zweit also! Voreinander, nebeneinander, hintereinander, Hand in Hand oder auch mal in weiterem Abstand ziehen wir auf der digitalen Karte unseren roten Strich durch die Landschaft. Es ist sch├Ân, auch mal nichts sagen zu m├╝├čen, sich trotzdem verstanden zu f├╝hlen, seinen eigenen Gedanken nachzujagen, wahlweise die Leere zu f├╝hlen. Dies ist meiner ehrlichen Meinung nach alleine besser zu bewerkstelligen. Keine unangenehme Ruhe entsteht. Dann wird wieder erz├Ąhlt, gezeigt, zusammen entdeckt, ein Plan f├╝r die Nacht ausgeheckt. Das wiederum kann man in der Form alleine nicht erleben. Es ist eben anders.

Unsere Sonne streift schon die Spitzen der B├Ąume. Die weichen, runden Erhebungen des Th├╝ringer Waldes zieren als Scherenschnitt den Horizont. Schatten werden lang und d├╝nn, Kontraste weicher. Auf der Karte habe ich in einiger Entfernung einen potentiellen Schlafplatz gefunden, den wir nun ansteuern. Am Waldrand entlang suchen wir uns eine gesch├╝tzte, abgelegene Stelle, an der wir niemanden st├Âren und morgen fr├╝h auch gleich die ersten Sonnenstrahlen einfangen k├Ânnen. Die Nacht bricht schnell herein. Es ist eben Oktober, wenn auch ein goldener.

Schon auf fr├╝heren Wanderungen hat sich eine wunderbare Symbiose zwischen uns entwickelt. Wie von selbst erledigt jeder die n├Âtigen Handgriffe. Zelt aufbauen, Nest gem├╝tlich einrichten, K├╝che aufstellen, Wasser f├╝r Abendbrot und Tee holen/ filtern/ kochen. Die Aufgaben sind verteilt, ohne da├č jemand einen Befehl ausgegeben h├Ątte.┬á Sanft breitet sich die Isomatte unter unseren m├╝den Gliedern aus. Wir beobachten l├╝mmelnd, sitzend, liegend, wie die blauen Fl├Ąmmchen leise z├╝ngelnd den Wasserkessel umspielen. Ruhe. Ab und zu ein Rascheln von der Feldkante, vielleicht eine Maus. Eine hohe Hecke h├Ąlt uns den R├╝cken frei, doch auch hier Anzeichen daf├╝r, da├č der Herbst da ist. Selbst bei Windstille fallen die Bl├Ątter, leise raschelnd in die Dunkelheit. Wir teilen uns ein turmat – Gericht, Kekse und Minisalamis, trinken Tee und horchen in die Nacht, selig, heute hier zusammen sein zu d├╝rfen. Bald beginnt es uns leicht zu fr├Âsteln, die Schlafs├Ącke locken bereits. Satt, zufrieden und m├╝de mummeln wir uns ins gemachte Nest und schon bald breitet der Schlaf seine Fl├╝gel ├╝ber uns aus.


Guten Morgen! Die Sonne glitzert durch das M├╝ckennetz. Aus dem leuchtend blauen Kunstfaserhaufen neben mir blinzeln 2 verschlafene Augen. „Noch ein paar Minuten liegen bleiben … BITTE !“ Bald dampft der Kessel wieder und es gibt Kaffee, IM NU und M├╝sli. Fr├╝hst├╝ck im Bett. Wann gibt es sowas zu Hause schon einmal? Nichts ist sch├Âner, als seine Nase ├╝ber eine dampfende Tasse Tee oder Kaffee zu halten und das duftende Aerosol in sich aufzunehmen. Sofort wird diese Zeit zu einem gl├╝cklichen Moment. Hier drau├čen, die Sonne verw├Âhnt unsere Gesichter mit w├Ąrmender Strahlung, finden wir Zeit und Mu├če, uns an den einfachsten, allt├Ąglichen Dingen wieder zu erfreuen.

Zeit zum Aufbruch. Wieder gesch├Ąftiges Treiben an dem blaugrauen Zelt da hinten am Durchschlupf zwischen Hecke und Wald. Die Handgriffe sind rountiniert und binnen weniger Minuten ist unser Nachtplatz aufger├Ąumt, alles verstaut, die Rucks├Ącke geschultert und den Beinen das „GO!“ ├╝bermittelt. Danke f├╝r diese beh├╝tete Nacht! Von Weitem sind markante T├╝rme zu sehen und wir fragen uns, ob das schon Gotha sei.

Es k├Ânnte doch so wunderbar sein, mit dem Kopf im Hier und Jetzt. Meine Frau beherrscht und zelebriert diese Kunst, den Moment zu genie├čen, derer ich heute scheinbar nicht m├Ąchtig bin. Meine Gedanken schweifen voraus, suchen angeheizt von der Sch├Ânheit des Tages und dem Hochgef├╝hl der Freiheit und des Beieinanderseins nach dem unerreichbaren Punkt, dem ultimativen Ziel, dem n├Ąchsten Abenteuer. Ein flasch verstandenes Wort gen├╝gt, den H├Âllenstrudel in Bewegung zu setzen. Warum nur? So gl├Ąnzend dieser Tag begonnen hat, so abgeschliffen, matt, und voller dunkler, tonnenschwerer Hindernisse wird er sich dahin schleppen, um sich erst mit dem letzten Sonnenstrahl wieder ins positive zu kehren. Weniger Worte, mehr Liebe und N├Ąhe w├Ąren heute n├Âtig gewesen. „Good Bye Lehmann“ hatte bereits eine Antwort f├╝r mein Problem. Dessen werde ich mir aber erst sp├Ąter bewu├čt.

Der Kopf ist der st├Ąrkste Muskel. Er treibt den ganzen K├Ârper an, motiviert den Bewegungsapparat und l├Ą├čt einen die eigenen Grenzen ├╝berwinden, wenn man es nur will. Im umgekehrten Falle macht er jeden Schritt selbst in noch so einfachem Gel├Ąnde zu einem Weg, den lotrechten Felsen hinauf. Die Schuhe sind bleischwer, ein paar wenige Kilometer dehnen sich zu schier un├╝berwindbaren Distanzen aus. Ich bin gefangen im eigenen Kopfkino. Es gilt, schnell einen Ausweg zu finden.

Laufen!

Sch├Âne Eindr├╝cke gibt es gen├╝gend um uns herum. Seien es die nett anzuschauenden D├Ârfer, der Blick ├╝ber die Felder und in den sonnig – warmen┬á Herbsttag oder die n├Ąher r├╝ckende Silhouette der gro├čen Stadt.

Gotha betreten wir ein wenig durch die Hintert├╝r. Am wilden Graben nahe der Boxhalle spricht uns im Vorbeigehen ein ├Ąlterer Herr mit einem gro├čen, ruhig nebenher trottenden Hund an. Ein nettes Gespr├Ąch entsteht. Wir sehen wie Wanderer aus und das ermutigt ihn, in Erinnerung an sein eigenes Leben, uns Fremde anzusprechen. „Wir sind fr├╝her oft, gern und weit gewandert, meine Frau und ich. Ihr macht das richtig, jetzt damit zu beginnen. Wenn man ├Ąlter wird, ist das schwierig. Es ist eine sch├Âne Art der Fortbewegung. Jetzt h├Ąlt mich der Hund in Bewegung. Bald gelangt ihr an die ehemalige Grenze. Dort mu├čte ich Dienst tun. Mit meinem Pferd hatte ich die Aufgabe, den Sand zu ebnen, damit Fu├čspuren zu erkennen waren. Eine schlimme Zeit!“ Mit einem Mal wird auch mir bewu├čt, wie weit uns die F├╝├če schon durch das Land getragen haben. Von der ehemaligen Ost- bis zur Westgrenze. Fast haben wir die auf dem Pilgerabzeichen stilisierte Br├╝cke in der Wirklichkeit auch geschlagen. Wir verabschieden uns fr├Âhlich und stapfen zielsicher gen Zentrum.

Die ehrw├╝rdige Margarethenkirche l├Ądt ein. Ein Zettel am h├Âlzernen Seitent├╝rchen fordert zum Eintritt auf. Als die T├╝r sich schlie├čt, bescheidet sich die Au├čenwelt und dringt nicht weiter auf uns ein. Wir z├╝nden Kerzen an. Der Kantor dr├╝ckt seinen Stempel in den Ausweis. Stille Minuten der Besinnung. Wohlige K├╝hle legt sich angenehm auf die hei├čgelaufenen K├Ârper. Auch innerlich tritt mehr und mehr Ruhe ein.

Sp├Ąter auf dem Markt gibts zwei Kugeln Eis f├╝r jeden zum mitnehmen, kredenzt von einer bunt geschminkten, netten Dame.

Wir laufen. Westw├Ąrts. Geradlinig und bergan zieht der Weg sich durch gepflegte Kleingartenanlagen. Allm├Ąhlich greifen die Blicke weiter und weiter, bis wir bald auf einer Anh├Âhe die ganze Stadt einsehen k├Ânnen. Oben spricht uns fr├Âhlich eine bunt gekleidete Frau an. Ein tiefer gehendes Gespr├Ąch wird aber durch ihr st├Ąndig klingelndes Telefon vereitelt. Die Luft ist diesig und hei├č und von Frau Sonne mahnt uns, diesen schattigen Ruheort an der alten Hecke zu nutzen. Wir machen es uns gem├╝tlich, ein M├╝sliriegel und Wasser machen die Runde.

Nur wenige Worte werden gewechselt. Jeder h├Ąngt seinen eigenen Gedanken nach. Mich zu motivieren f├Ąllt mir schwer. Eigentlich lockt doch heute ein sch├Ânes Ziel. In M├Ąchterstedt warten Unterkunft und Verpflegung, sowie ein weiches Bett auf uns. Also weiter!

Der Westhang des H├╝gels den wir nun auf sandigen Wegen hinab steigen, f├╝hrt durch ein mit niedrigen Str├Ąuchern und hohem Gras bestandenes Gebiet. Auf der alten Panzerstra├če kommen wir ohne gr├Â├čere physische Barrieren voran. Nur der Kopf spielt nicht so richtig mit. Wenn wir nach S├╝den schauen, zieht sich der Kamm des Th├╝ringer Waldes in der immer niedriger stehenden Sp├Ątnachmittagssonne wie ein dunkles Band am Horizont entlang. Am Stra├čenrand steht eine meterhohe Strohfeie aus Quaderballen. An ihr lehnt ein Hightech – Mountainbike. Ringsum ist niemand zu sehen. Pl├Âtzlich rappelt es oben und ein Kopf blickt auf uns herab. Dieser geh├Ârt zum Eigent├╝mer des Fahrrads. Scheinbar hat er ein ruhiges Pl├Ątzchen gesucht und gefunden. Wir gr├╝├čen. Er ruft uns ein freundliches: „Viel Gl├╝ck auf den Weg, ihr Wandersleut“, zu.

Rechts unten im Tal liegt das D├Ârflein Metebach. Dort, erinnere ich mich, verbrachte mein Vater einen Teil seiner Ausbildung. Als Kind geh├Ârte Geschichten und Ereignisse aus dieser Jahrzehnte zur├╝ck liegenden Zeit kommen mir in den Sinn. Hier auf diesen Fluren m├╝├čen sie sich zugetragen haben.

Langsam kommen wir gegen die uns entgegenwachsenden Schatten der Welt um uns herum voran. Und auch wieder ins Gespr├Ąch.

Ich realisiere, was es doch f├╝r eine Gabe ist, hier mit einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben gehen, stehen, erleben und sein zu d├╝rfen. Gute Worte finden wieder den Weg in den Kopf des Gegen├╝ber, f├╝hren zu Verst├Ąndigung und, viel wichtiger, weiter zu Verst├Ąndnis! Ganz pl├Âtzlich finden auch Augen und H├Ąnde wieder zueinander und die tonnenschweren Gewissenskl├Âtze bleiben einfach an der Plattenstra├če kurz vor M├Ąchterstedt stehen. Endlich!

Frohen Mutes und mit m├╝den F├╝├čen, jedoch trotzdem wie auf Wolken laufen wir unserem Ziel entgegen. An dem kleinen Friedhof halten wir kurz am Grab des Vaters eines unserer besten Freunde inne.

Nur noch wenige Meter und wir werden ganz liebenswert empfangen und aufgenommen. Die Dusche, ein reich gedeckter Tisch, ja sogar eine Flasche Sekt und viel Stoff zum erz├Ąhlen warten schon auf uns. Sp├Ąt in der Nacht liegen wir selig und voller Dankbarkeit Arm in Arm, bis der Schlaf uns davon tr├Ągt.


Der Morgen graut. Meine offenen Augen genie├čen den Anblick dessen, was da mit noch geschlossenen Augen, ruhig atmend neben mir liegt. Der Kopf malt die Gedanken des Tages vor. Jeden Tag aufs Neue bin ich gespannt, was es wohl diesmal zu entdecken gibt. Weiter! Weiter! Der Weg ruft.

Rundum liebevoll versorgt mit einem fantastischen Fr├╝hst├╝ck, vielen Geschichten und dem Gef├╝hl hier jederzeit wieder willkommen zu sein, treten wir, die Rucks├Ącke geschultert, ins Freie. Der Abschied f├Ąllt zugegebenerma├čen nicht leicht, aber schlie├člich l├Âsen wir uns, tauchen unter der Eisenbahntrasse (ehemals Warschau – Paris) hindurch, um kurz vor Burla wieder die viaregia zu betreten. Noch ist der Tag grau und k├╝hl, doch wir sind guten Mutes.

Von unserer erh├Âhten Position aus haben wir nun einen guten Blick auf das, was wir bisher nur als stetiges Hintergrundrauschen akustisch wahrgenommen haben. Im Tal teilen sich Autobahn und Eisenbahn den Job des Schallerzeugers. Warum auch immer, es erinnert mich an die Essenshalle auf der Insel Usedom zu DDR – Zeiten. Die Autobahn h├Ąlt sich im Hintergrund ist aber st├Ąndig pr├Ąsent, wie die vielen einzelnen, sich unterhaltenden, essenden und mit dem Geschirr klappernden┬á Menschen. Z├╝ge und Schienen sind da eher kurze laute Zwischenrufe, die aufflammen und wieder abebben.

Hinter Burla ├╝berqueren wir die A4. Bald wird endlich der Asphalt unter unseren F├╝├čen zu einem angenehmer zu gehenden, wenn auch stetig ansteigenden Feldweg. Das Naturschutzgebiet H├Ârselberge ragt wie ein halbrunder Schutzwall aus der Umgebung, als wolle es mit dem steil abfallenden S├╝dhang die vordringenden Horden kriegerischer St├Ąmme abhalten. Oben angelangt offenbart sich ein herrlicher Weitblick. Auf diesem sch├Ânen Fleckchen Erde legen wir eine Pause ein, genie├čen die Aussicht und lassen uns die am Wegesrand aufgesammelten verschiedenen ├äpfel shmecken. Noch ein Schluck Wasser dazu. Was braucht es mehr?

Der Kammweg f├╝hrt durch den Wald auf und ab und immer wieder erhaschen wir Ausblicke hinunter ins Tal. Hinter dem kleinen H├Ârselberg gibt es noch einmal einen Aussichtspunkt, bevor es recht steil ins Tal hinab geht. An einer Biegung des Fl├╝sschens H├Ârsel, ein paar Meter au├čerhalb von Wutha lassen wir uns zu einer weiteren Pause nieder, bevor uns die Au├čenbezirke Eisenachs aufnehmen. Es f├╝gt sich immer wieder, stets einen netten Platz zu finden, wenn er gerade ben├Âtigt wird. An die Rucks├Ącke gelehnt und Kekse knabbernd beobachten wir aus sicherer Entfernung den Verkehr auf der Eisenbahnlinie und der Bundesstra├če. Hundel├Ąufer ziehen vorbei, jede Menge Fahrradfahrer und eine Mutti mit Kinderwagen sind unterwegs.

Eisenach empf├Ąngt uns an den Hintert├╝r. Irgendwie ist hier die Beschilderung abhanden gekommen. Leicht verwirrt irren wir durch ein Gewerbegebiet, finden aber keinen Hinweis. Vielleicht bin ich auch einfach zu doof zum Karte lesen. Letztendlich folgen wir unseren Nasen und landen mitten im Zentrum der sch├Ânen, ehrw├╝rdigen und geschichtstr├Ąchtigen Stadt. Ein unglaublich leckeres Eis auf die Hand gibts an der Ecke zum Markt. Die Gesch├Ąfte, Restaurants und Cafe’s sind allesamt gut besucht und an den nett zurecht gemachten Tischen sind nur wenige Pl├Ątze frei. Also nehmen wir auf einer Parkbank neben der Georgenkirche Platz und schlecken. Die andere Bank hat die Jugend mit Beschlag belegt. Laut wird sich multinational unterhalten, gelacht, mit den M├Ądels geflirtet und ├╝ber den halben Markt Bekannte begr├╝├čt. Eine Gruppe deutscher Jungs gesellt sich dazu. Man kennt sich. Ghettofaust!

Als unsere Leckerei vertilgt ist, kommen unsere B├Ąuche nur schwer hoch. Die Beine sind nach bisher um die 20 km auch nicht mehr taufrisch und nur eine m├Ą├čige Hilfe. Dennoch steuern wir bald quer ├╝ber den Platz auf die Touri – Info zu. Als drittletzter Stempel dieser Etappe prangt nun eine Lutherrose im Pilgerausweis. Zur├╝ck ├╝ber den Markt finden wir auch wieder auf den rechten Weg. Der f├╝hrt recht schnell recht steil werdend gen Wartburg, eine der wichtigsten Wirkst├Ątten Martin Luthers und der Reformation. Der sp├Ąte Nachmittag geht in den Abend ├╝ber, aber einige H├Âhenmeter wollen noch bezwungen werden. Zur Belohnung lockt die Wartburg und vielleicht ein Sonnenuntergang ├╝ber den H├╝geln im Westen.

Ein bekannter Geruch steigt in unsere Nasen. Hier waren vor kurzem Pferde unterwegs. Da sehen wir schon die Station, von der aus man sich, ganz wie im Mittelalter per Esel zur Burg bringen lassen kann. Wir schaffen die wenigen Meter auf Kopfsteinpflaster auch noch zu Fu├č. Nur wenige Menschen sind noch da. Das macht die Anlage mit Einsetzen der D├Ąmmerung noch angenehmer, stiller, Ehrfurcht gebietender. Man braucht nur eine Weile auf einer der B├Ąnke, in einer Niesche oder auf der Burgmauer zu sitzen. Schon kommen mit ein wenig Fantasie Bilder von Rittern, M├Ânchen, wandelnden Edeldamen, schwer mit Holz, Schwertern, Wein, Getreide, Gem├╝se und Obst beladenen Pferdefuhrwerken, die sich den Berg hinauf k├Ąmpfen, in den Kopf geschossen. Sommers wie Winters gesch├Ąftiges Treiben, um das t├Ągliche Leben auf der Burg zu gew├Ąhrleisten.

Gerade gl├╝ht die Sonne noch einmal in der schmalen Wolkenl├╝cke rotorange auf und setzt Anjas Haare „in Brand“, bevor sie sich, unerm├╝dlich wie jeden Tag, anderen Regionen hingibt.

Langsam gilt es, sich eine Lagerstatt f├╝r die Nacht zu suchen. Steil und eng f├╝hrt der Weg unter der Zugbr├╝cke hindurch und weiter hinunter zum Fu├če des Burgfelsens.┬á Schnell greift Dunkelheit zwischen den Laubb├Ąumen um sich. Ein paar Meter abseits des Weges im Areal der ehemaligen Eisenacher Burg und in Sichtweite der nun hell erleuchteten Wartburg, findet sich ein ebener Platz in weichem Gras. Die Sterne kommen hervor. In einer Linie mit dem Zelt und der Burg thront der gro├če Wagen am Himmel. Wir lassen es uns gut gehen, sind aufs Neue zufrieden und gl├╝cklich, hier zu sein und genie├čen die Stille. Anja liest, ich denke an nichts und genie├če.


Als ich, wie immer als Erster, aus dem taunassen Zelt blicke, offenbart sich mir im Schimmer der Morgensonne der Beginn eines herrlichen Tages. Kein L├╝ftchen geht, alles ist friedlich. Ein paar Schritte weiter tut sich unter mir ein Tal im Nebel auf. Das Licht ist fast magisch, der Nebel erscheint dadurch wie in Gold getauchte Watte. Herbstgef├Ąrbte Bl├Ątter runden das leuchtende Schweigen ab. Ger├Ąusche von Verkehr und Zivilisation dringen nur stark ged├Ąmpft aus dem Grund des Tals zu mir herauf. Ich flitze zum Zelt zur├╝ck und hole Anja aus dem Schlafsack. Gemeinsan stehen wir in Unterw├Ąsche und Schlafnicki am Abgrund und staunen.

Nach einem gem├╝tlichen Fr├╝hst├╝ck sind rountiniert alle Sachen wieder verstaut. Danke f├╝r diesen sch├Ânen Nachtlagerplatz!

Es beginnt unser “ Waldwandertag „. Hand in Hand schlendern wir den belaubten Weg entlang. Das Bl├Ątterdach der Laubb├Ąume ist bereits l├Âchrig geworden und l├Ąsst Sonnenstrahlen hindurchschl├╝pfen. Die letzten gr├╝nen Farbpigmente machen unausweichlich den Herbstfarben platz. Der Weg f├╝hrt direkt an der S├Ąngerwiese vorbei. Schon morgens duftet es aus den T├Âpfen der gastronomischen Einrichtungen nach Gesottenem und Gebratenem. Wie es wohl vor rund 170 Jahren ausgesehen und vor allem geklungen haben mag, als 28 M├Ąnnerch├Âre zu einem S├Ąngerwettstreit hier zusammen trafen? Man versucht sich vorzustellen, wie weit die Melodien durch die B├Ąume und in die T├Ąler getragen wurden.

Einen Teil der Strecke gehen Pilgerweg und Rennsteig nun gemeinsam daher. Ab und an erhascht man einen fl├╝chtigen Blick in die Umgebung. An einigen Stellen sogar bis weit hin├╝ber zur Wartburg. Sie verharrt auf ihrem H├╝gel und wacht wie eh und je ├╝ber die Stadt und die umliegenden W├Ąlder. Als die ersten knapp sechs Kilometer zur├╝ckgelegt sind g├Ânnen wir uns eine Pause mit Weitblick ├╝bers Tal. Mir tropft beim auspacken des orangefarbenen Beutels f├╝r die Tagesration schon manchmal der Zahn. Minisalamis und Kekse machen die Runde. Sch├Ân ist es hier. Wir sind nahezu allein und genie├čen die Stille des friedlichen Herbsttages.

Nur kurz entl├Ąsst uns der Wald beim Gut H├╝tschhof aus seiner Umarmung, um uns gleich nach den letzten H├Ąusern wieder willkommen zu hei├čen. ├ťber uns ziehen rufend und in milit├Ąrischer Ordnung Kraniche hinweg. Auch wir f├╝hlen uns in diesem, wenn auch kurzen Moment, frei wie die V├Âgel.

Oberellen war fr├╝her einer jener schwer erreichbaren Orte. Nicht weit hinter dem Ortsausgangsschild begannen die Anlagen der innerdeutschen Grenze. F├╝r die Einwohner war es schwierig. St├Ąndige Kontrollen und ├ťberwachung. Keine Rede von „sich frei bewegen k├Ânnen“. Heute ist es ein sch├Âner Ort mit herausgeputzten historischen und neuen H├Ąusern und einer Dorfstra├če, deren Verlauf nicht mehr in einer Todeszone endet.

Wir g├Ânnen uns den kleinen Umweg zur Tankstelle, d├╝rfen uns in der fein renovierten Toilette frisch machen und bestellen Cola plus Bockwurst mit Semmel. Drau├čen im Pavillon schnallen wir die Rucks├Ącke ab und genie├čen unseren Mittagsimbi├č. Eine sch├╝chtern wirkende Frau setzt sich zu uns, genie├čt ihren Kaffee und die Zeitung. Dennoch kommen wir bald in ein nettes und interessantes Gespr├Ąch. Auch sie arbeitet in der Landwirtschaft und kann unsere Zw├Ąnge und Sorgen mit der aktuellen schwierigen Lage unseres gemeinsamen Berufsstandes nur allzu gut nachvollziehen. „Es ist schade, ├Ąrgerlich und sehr traurig, nur noch als Umweltverschmutzer, Tierq├Ąuler und gr├Â├čter EU – Subventionsempf├Ąnger in der ├ľffentlichkeit wahrgenommen zu werden! Fr├╝her war der Stand des Bauern als Ern├Ąhrer des Volkes wichtig und auch geachtet. Heute? … !“ Sie spricht uns aus der Seele.

Die Zeit vergeht schnell beim erz├Ąhlen. Wir verabschieden uns und gehen etwas nachdenklicher unserer Wege.

Langsam kehren wir dem Th├╝ringer Wald den R├╝cken zu und bewegen uns in die h├╝gelige Mittelgebirgslandschaft der Rh├Ân. Die D├Ârfer scheinen sich immer noch Schutz suchend vor marodierenden Raubrittern in Talmulden zu kuscheln und verschwinden schon nach dem n├Ąchsten grasbewachsenen H├╝gel aus dem Blickfeld. Es ist Nachmittag. Die Sonne steht schon recht tief, w├Ąrmt aber die Gesichter noch wunderbar. Trotz der schon seit langem anhaltenden Trockenheit finden wir unter den langen Schatten des Waldrandes Wiesenstreifen, denen noch immer Tau anhaftet.

Stetig f├╝hrt der Weg bergan. Kurz bevor uns der Wald wieder hat, noch eine kurze Rast an einer ├╝berdachten Bank. Ich schm├Âkere im G├Ąstebuch, w├Ąhrend meine F├╝├če Frischluft bekommen. Das ist wirklich eine der wichtigsten Routinema├čnahmen gegen Blasen. Und es ist herrlich erfrischend, die Zehen ausstrecken und k├╝hlen zu k├Ânnen. Ein kleiner Eintrag ins Buch und bald sind wir wieder im Wald verschwunden.

F├╝r die Nacht habe ich einen Platz am Waldesrand auserkoren. Der ist aber noch gesch├Ątzte 6 Kilometer entfernt. In W├╝nschensuhl hatte uns ein Schild mit Duschsymbol und „Pilgerherberge“ schon fast schwach werden lassen. Die n├Ąchste offizielle M├Âglichkeit w├Ąre Frauensee. Wir entscheiden uns f├╝r unser tragbares 2 – Mann – 5 – Sterne – Hotel vom Typ „Gro├če Freiheit“. Das will aber verdient sein. Es hilft also nichts. Wir stapfen tapfer weiter. Der Wald ist wundersch├Ân. Mal ist der Boden weich und humos und es l├Ąuft sich wie auf Wolken, dann schl├╝rfen wir wieder gen├╝├člich durch eine Zentimeterhohe goldbraun – gr├╝n schimmernde Masse aus herabgefallenen Laubbl├Ąttern. An einer Stelle, Anja mu├č mal f├╝r kleine Pelegrinas, stehe ich einfach da und f├╝hle mich wie die Goldmarie aus Frau Holle. Trotz Windstille fallen ohne Unterlass die goldenen Bl├Ątter aus den Kronen der B├Ąume auf mich herab. Ein erinnernswerter Moment.

Doch bald schon bricht die D├Ąmmerung ├╝ber uns herein. Es wird still. Das Gezwitscher um uns herum verstummt. Schon h├Âren wir nur noch das rascheln und knarzen unter unseren Schuhen und ab und zu Ger├Ąusche aus dem in der Dunkelheit verschwindenden Waldesinneren. Als wir kaum noch die Hand vor Augen sehen, erreichen wir endlich den rettenden Saum des Waldes. Im Schein der Stirnlampen spannen wir auf einer kleinen, ebenen und trockenen Fl├Ąche das Zelt auf. Die hohen Fichten stehen wie ein Bollwerk hinter uns, halten uns den R├╝cken frei. Nach vorn ist der Blick frei und mit etwas Gl├╝ck erhaschen wir morgen die ersten w├Ąrmenden Sonnenstrahlen. Nach dem Studium der Karte bestellt Anja beim Kellner „Chef surprise“. Dieser zaubert wieder ein Festmahl in die Sch├╝sseln. Candlelight Dinner mit pulled pork aus Troms├Ş. So fallen die Strapazen des Tages rasch ab und machen der Eholungsphase platz. Allzu alt werden wir heut trotzdem nicht. Der Schlafsack ruft.


In der Nacht

Pl├Âtzlich schrecke ich hoch. Ein Knacken im Dickicht. Grunzger├Ąusche auf der Freifl├Ąche vor uns. Ein etwas leiseres Grunzen aus einer anderen Ecke des Waldes. Die Antwort folgt prompt wieder aus dem Nebel vor dem Zelt. Wie weit und durchdringend man die Laute doch wahrnimmt ist schon irgendwie packend. Da hilft es auch nichts, sich den Schlafsack ├╝ber die Ohren zu ziehen. Ich luge durch den kleinen Spalt zwischen Zeltboden und Vorzelt in die wei├člich wabernde Kulisse vor mir und erkenne… nichts. Die Augen taugen hier einfach nicht. Kein Zweifel, wir sind von Wildschweinen umzingelt. Eigentlich m├╝├čte ich auch dringend mal hinter die B├Ąume. Also fasse ich mir ein Herz und ziehe den Rei├čverschlu├č auf. Man glaubt kaum, wie laut so etwas sein kann. Als ich in die Nacht hinaus trete, der Mond klebt als milchige Scheibe am Himmel, Stille! So angestrengt ich auch starre und lausche, nichts regt sich. Jetzt bin ich auch Mutes genug, mal fix hinter den Baum zu verschwinden, um schnellstm├Âglich in den noch warmen Schlafsack zur├╝ck zu schl├╝pfen. So schnell der Schlaf ging, so schnell kommt er wieder und hei├čt mich erneut willkommen.


Fast noch mehr als einen filmreifen Sonnenaufgang mag ich diese windstillen, nebligen, leicht feuchten Tage. Gern bleibe ich mit offenen Augen noch im warmen Nest liegen, beobachte aus dem Zelt heraus die langsam erwachende Landschaft und f├╝hle mich trotz der nur Zehntelmillimeter d├╝nnen Schutzh├╝lle unserer mobilen Heimstatt so geborgen ( Home is where you stake it ! ). Mit so wenig wie m├Âglich Haut au├čerhalb des Schlafsackes wird Wasser aufgesetzt. Mein Gegen├╝ber mag sich noch gar nicht r├╝hren. Nur der rote Schopf guckt aus dem blauen Kn├Ąuel neben mir heraus. „Kaffee ist fertig!“ Zu frisch geholten B├Ąckersemmeln hat es nicht gereicht. Trotzdem genie├čen wir das Fr├╝hst├╝ck. Wir sind beide noch etwas verwuselt, kommen aber bald in die G├Ąnge.

Heut soll es bis nach Vacha gehen. Das letzte St├╝ck der letzten Etappe des ├Âkumenischen Pilgerweges steht kurz bevor und ohne zuviel verraten zu m├╝ssen, kann ich bereits jetzt sagen: „Es war eine Freude, dich beschreiten zu d├╝rfen!“ Ein wenig hibbelig bin ich schon, obwohl es eigentlich ja keine gro├če Sache ist.

Wir lassen uns extra Zeit beim packen. Bald sind wir abmarschbereit. Erstmal geht es durch Wiesen, die so voller Tau h├Ąngen, da├č man daraus trinken k├Ânnte. Das erstaunt mich, denn bei uns zu Hause gab es seit vielen Wochen keinen Tau mehr. Umso prickelnder, mal irgendwie na├če Schuhe zu haben, statt nur immer staubige.

Gleich bei der ersten M├Âglichkeit schlagen wir den „falschen“ Weg ein. Dieser f├╝hrt sogleich steil und dicht mit Brombeerranken versehen bergan.┬á Wir schnaufen zweifelnd hinauf, umkehren ist aber keine Option. Da entdecke ich mitten auf dem Weg einen Pilz, zwei Handteller gro├č. So ein stattliches Exemplar habe ich noch nie gesehen. Zwar dient er schon wieder als Nahrungsquelle f├╝r allerlei Gew├╝rm, aber ist trotzdem ein Riese. Das war doch den beschwerlichen Umweg wert.

Bei der Suche zur├╝ck auf den Pilgerweg tue mich ehrlich gesagt etwas schwer heute morgen. Andererseits, wir haben heute nur knapp 15 km Strecke vor uns. Ein wenig Hinausz├Âgern kann doch da nicht schlimm sein!

Abgesehen von einem kleinen Aussichtspunkt mit Blickrichtung Vitzeroda und einer Lichtung auf der das verriegelte „Waldhaus“ steht, bewegen wir uns fast 10 km durch ein geschlossenes Waldgebiet. Auch hier hat der Sturm Sch├Ąden hinterlassen, die erst nach und nach beseitigt werden k├Ânnen. Kettens├Ągengekreische und Motorenger├Ąusche der Forstmaschinerie dringen mal von fern, mal ganz aus der N├Ąhe auf uns ein. Beim Waldhaus pausieren wir kurz. Es ist schattig und zu frisch, um l├Ąnger zu verweilen.

Um die hohe Wart, einen 400m hohen, bewaldeten H├╝gel, macht der Weg einen eleganten Bogen, obwohl man ihn auch in gerader Linie ├╝berschreiten k├Ânnte. Auch hier ist ein Pfad vorhanden. Im Demmesgrund entl├Ą├čt uns der Forst endg├╝ltig aus seiner Obhut. Nur noch kurz genie├čen wir einen sandigen Wiesenweg, bis auch dieser in Asphalt ├╝bergeht. Auf einer benachbarten Weide haben die Pferde ihre Futtersuche eingestellt und beobachten uns, bis wir wieder auf Sicherheitsabstand sind. Das Wetter bleibt heut grau und verhangen. Wissend, da├č wir es bald geschafft haben, sind unsere F├╝├če nicht gerade super motiviert. Zu ereignisreich, sch├Ân, interessant, abenteuerlich, anstregend, nervenaufreibend, einfach, schwer, entzweiend und wieder vereinend waren die ├╝ber 500 km. Jeder einzelne allein oder gemeinsam getane Schritt wird zur bleibenden Erinnerung.

Als wir an die Werra, jenen einst schwer bewachten Flu├č, dem die unehrenvolle Aufgabe einen Teil der innerdeutschen Grenze darzustellen, aufgezwungen wurde, erreichen, wird mir die Symbolhaftigkeit dieses Ortes bewu├čt. Mit dem ├ťbertritt des Flusses haben wir eine Br├╝cke zwischen der DDR – Ost – und Westgrenze geschlagen. Wie froh k├Ânnen wir sein, hier, in einem friedlichen und wieder vereinten, wenn auch nicht perfekten Land leben zu d├╝rfen. Es steht uns frei, zu gehen, wohin wir m├Âchten. F├╝r viele wurde der Drang in die f├╝r uns heute so selbstverst├Ąndliche Freiheit so erdr├╝ckend, da├č weder Leib noch Leben geschont wurden, diese zu erlangen und die Grenze zu ├╝berwinden. Heute gibt es andere Zw├Ąnge und Einschr├Ąnkungen, aber wir k├Ânnen ohne Todesangst die Grenze ├╝berqueren!

Ein kleiner Abstecher in die offene, aber menschenleere Johanneskirche. Wir verharren einige Minuten, z├╝nden Kerzen an und danken f├╝r den Weg.

Im Pilgerf├╝hrer hei├čt es, wer nachweislich die Strecke gegangen ist, darf sich in der Rh├Ân – Buchhandlung den kleinen Anstecker abholen. Wir schlendern ├╝ber den Markt zur Mittagszeit. Es duftet nach Eintopf, Broiler und Wurstwaren aus dem mobilen Einkaufsladen. Als die Buchhandlung ├Âffnet schl├╝pfe ich hinein und erhalte nach Vorlage meines Pilgerausweises die offizielle Best├Ątigung, den ├Âkumenischen Pilgerweg geschafft zu haben. Wir plauschen noch ein ganzes Weilchen nett mit dem Inhaber. Nach vielen guten W├╝nschens setzen wir uns wieder in Bewegung. Dieses Mal aber f├╝hren unsere Schritte nicht zum n├Ąchsten Wegweiser, mit dem so vertraut gewordenen blau – gelben Symbol. ├ťber 500 km konnte man sich darauf verlassen auf dem richtigen Pfad zu sein. Nun wartet die Heimreise auf uns. Aber mit einer Frage ├╝berrascht meine Frau mich noch.

Wollen wir zusammen eines Tages weiter gehen?

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