­čŹÇEtappe III – ├ľkumenischer Pilgerweg ( Leipzig-Erfurt )

Geh deinen Weg und lass die Leute reden.

– Dante Alighieri –

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Von Leipzig nach Erfurt ? Zu Fu├č ? Nee oder? Innerliches wie ├Ąu├čerliches Kopfsch├╝tteln ist die h├Ąufigste Reaktionen derer, denen ich mein Vorhaben erz├Ąhle. Wie, und dann noch mit dem Zelt?┬á Die Familie schwankt zwischen: „Cool! , Viel Spa├č. , …ich k├Ânnte das nicht… , Warum willst du schon wieder weg?“ und┬á „Komm ja wieder!“ .

Eine Freundin nimmt mich mit bis Engelsdorf. Diesmal mit leichtem Gep├Ąck beladen, sieht es nicht mehr ganz so krass nach Expedition aus. Kleiner, leichter Rucksack, leichte Schuhe, nur das n├Âtigste auf dem R├╝cken. So ziehe ich los. Grau bis bunt gef├Ąrbte, geometrisch modern bis langweilig gestaltete Industrie – und Gewerbezweckbauten wechseln sich ab mit Kleingartenidylle und alter Bausubstanz aus Zeiten, wo ein Geb├Ąude neben der Funktion auch noch sch├Ân aussehen durfte. Abbl├Ątternde Fassaden oder zerschossene Fenster und br├Âckelnde Mauern empfindet man dabei nicht einmal als st├Ârend. Die meisten Geb├Ąude strahlen doch trotz ihrer viele Jahrzehnte dauernden Existenz eine W├╝rde aus, die den meisten noch so stylischen Modernit├Ąten eben fehlt.

Laternenmasten ziehen gleichm├╝tig vorbei, Ihre R├╝mpfe sind mit Stickern und Tags beladen, die um Aufmerksamkeit buhlen, Zonen markieren oder ihre Massage dem geneigten Passanten entgegenschreien. Wie das Viertel wirklich tickt, vermag ein „NS-Area“ oder „Antifa – Zone“ – Aufkleber vielleicht nicht zu offenbaren, Tendenzen erkennt man aber mit ein wenig Fantasie schon.

 

 

Im Laufen nehme ich die Atmosph├Ąre in mich auf, manches kaputte Fenster gew├Ąhrt Blicke ins Innere alter Werkhallen.

Eisenbahnstra├če – ein bekanntes Viertel. ├ťberall wuseln Menschen aller Farben umher. Wortfetzen wehen aus den vielen kleinen , vollbesetzten Restaurants ├╝ber die Stra├če und verhallen im H├Ąusermeer. Jugendliche sitzen vor einem weit ge├Âffneten Fenster auf dem Gehweg und unterhalten sich . ├ťber ihnen weht aus dem Obergeschoss eine rote Fahne mit daraufgespr├╝htem Spruch. Mich zieht das offene Fenster an, denn dahinter summt eine Softeismaschine. Die Jungs und M├Ądels gr├╝├čen freundlich und r├╝cken ein St├╝ck beiseite, damit ich meinen Wunsch, “ Ein gro├čes, bitte ! “ den Fensterinsassinnen vortragen kann. Dem wird gegen kleine M├╝nze gern entsprochen und lachend verabschieden wir uns wieder.

Der Sog des Stadtkerns nimmt nun zu. „Leipzig! Da mu├č man durch.“ flackert als Slogan irgendwo im Hinterkopf auf. Es scheint ein uralter Satz zu sein, der noch von der via regia in ihrer Bl├╝tezeit als gro├če Handelsroute stammt. Vom Reichtum und der Bedeutung dieser Stadt damals wie heute zeugen viele der Bauten und Pl├Ątze. So schnoddrig, schmuddelig, trostlos, aber auch alternativ sch├Ân und anders sich die Au├čenbezirke dem Ank├Âmmling entgegenwerfen, so rein, saniert, perfekt gestyled und edel will und wei├č das Zentrum zu gefallen. Optische wie akustische, an so mancher Ecke auch olfaktorische Reize aus den multiethnischen Kocht├Âpfen der Restaurants, den Flakons der Parf├╝merien oder den Stoffen der Modegesch├Ąfte ├╝berfluten den Kopf und manchmal w├╝nscht man sich, gerade angekommen, dem emsigen Getummel der City auch schon wieder entkommen zu k├Ânnen und mit ein paar Sprayern in einem verlassenen Lokschuppen zu chillen. Oder man sehnt sich die Natur herbei.

Wunsch ist Wunsch. Keine Meile vom Mittelpunkt entfernt stemmen sich B├Ąume zwischen die Fassaden, das Gel├Ąnde wird weiter und gro├če Gr├╝nfl├Ąchen kommen zum Vorschein.┬á Hier spielen die Kids, P├Ąrchen liegen herum, die Drahtesel warten, an B├Ąume gel├╝mmelt faul auf die R├╝ckkehr ihrer Besitzer. Im Hintergrund h├Ârt man die exotischen Ger├Ąusche des Zoos. Das f├╝hlt sich schon besser an, nicht nur anders.

Eine Nachricht bringt erfreuliche Neuigkeiten.┬á Freunde sind gerade von einer Fahrradreise zur├╝ck und in der N├Ąhe. 15 Minuten sp├Ąter gibt es ein fr├Âhliches Wiedersehen und wir kehren im M├╝ckenschl├Â├čchen zu lecker Eis und Kaffee ein. Es gibt einiges zu erz├Ąhlen und die Zeit spielt keine Rolle mehr.

Frisch gest├Ąrkt und voller sch├Âner Gedanken lege ich noch einige Kilometer zur├╝ck, weiter hinaus aus der Stadt. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit spanne ich auf einem abgeweideten St├╝ck der Uferzone des kleinen Fl├╝sschens „Neue Luppe“ das Tarp auf. M├╝cken und Schafk├Âttel gibts reichlich, doch das ficht mich heute nicht mehr an. Ich bin nach ├╝ber 24 km etwas pflasterm├╝de und so kommt der Schlaf recht schnell und intensiv.

 


Der Objektivdeckel wird mir heute entwischen. Davon ahne ich noch nichts, als ich im Morgengrauen die Augen ├Âffne. F├╝r die so fr├╝he Stunde ist schon reger Verkehr auf dem Deich. LED – Strahl bewaffnete Fahrradfahrer saugt es in Richtung Stadt. Hundel├Ąufer gew├Ąhren ihren Lieblingen und sich selbst noch den n├Âtigen Auslauf, um eventuell dann den restlichen Tag im Hundezwinger oder dessen ├äquivalent in der Menschenwelt ( B├╝roturm ) zu ├╝berstehen. Wenn mich einer bemerkt, gr├╝├če ich freundlich und bekomme einen verwundert – freundlichen Gru├č zur├╝ck. Schnell ist der Kocher am Start und ich nutze die 2 min bis das Wasser kocht, zur Vorbereitung eines kleinen Fr├╝hst├╝cks. Im angrenzenden Wald stimmen sich die V├Âgel schon auf das Morgenkonzert ein und bieten eine vielstimmige Hintergrundbeschallung.

Der Morgen ist noch frisch. Das m├Âchte ich nutzen, denn wirkliche Abk├╝hlung ist heute nicht in Sicht. So sind meine paar Habseligkeiten schnell gepackt und die F├╝├če streben vorw├Ąrts. Ein n├Ąchster f├╝r Pilger interessanter Punkt ist das ├ľrtchen Kleinliebenau. Dort gibt es neben der kleinen Rittergutskirche eine Pilgerherberge. Alles ist h├╝bsch zurecht gemacht und man sieht das Engagement der Menschen f├╝r den Weg.

Ein gro├čer Dank an dieser Stelle einmal an alle, die den Weg und die Beschilderung pflegen, Unterk├╝nfte bereit stellen oder auch nur in der gr├Â├čten Mittagsglut ein Glas Wasser ├╝ber den Zaun reichen oder ein freundliches Wort ├╝brig haben. Damit, finde ich, verdient sich der ├Âkumenische Pilgerweg das Pr├Ądikat „besonders wertvoll“ !

Schon beizeiten dringt ein nicht unbekanntes monotones Rauschen zu mir durch. Ein Blick auf die Karte verr├Ąt den Verursacher. Hier mu├č man die A9 kreuzen. Trotz der Lautst├Ąrke f├╝hlt man sich, auf der Br├╝cke stehend, der sich unter einem durchw├Ąlzenden Blechlawine ├╝berlegen. Frei die Richtung w├Ąhlen zu d├╝rfen, hat┬á schon was. Frei, langsam unterwegs sein zu d├╝rfen, so langsam, da├č man im Gehen die L├Âwenzahnpflanzen z├Ąhlen kann! Ein wenig tr├Ąume ich so dahin und erschrecke, als mich freudig gr├╝├čend ein Mann auf dem Fahrrad ├╝berholt. Kurze Zeit sp├Ąter treffen wir uns auf dem kleinen Friedhof vor der Kirche Horburg – Ma├člau wieder. Auch er wei├č viel vom Weg zu berichten, ist er doch auch schon gepilgert.

Den n├Ąchsten Stempel erbitte ich mir im gro├čen Geb├Ąudekomplex einer Stiftung, die sich um behinderte Menschen k├╝mmert, sie beherbergt und Besch├Ąftigung anbietet. Dazu st├Âre ich zwei junge M├Ądels, die zur Kaffeepause plaudernd in der Sonne vor dem Haus sitzen. Eine nimmt sich meiner hilfsbereit an, f├╝hrt mich quer ├╝bers Gel├Ąnde in ein Geb├Ąude und ├╝bergibt mich der Sekret├Ąrin. Danke! Fr├Âhlich wird mir der Stempel in den Ausweis gedr├╝ckt. „Sie haben doch bestimmt Durst und Hunger? Kommen Sie mal mit! Hier gibt es n├Ąmlich ein Pilgerfr├╝hst├╝ck“ . Erstaunt folge ich der netten Dame in die K├╝che, sie stellt mich dem Koch vor und ├╝berl├Ą├čt mich, nicht ohne mir eine gute Weiterreise zu w├╝nschen, seinen K├╝nsten. Ich darf mir aussuchen, was ich will. Meine Wahl f├Ąllt auf jede Menge frische Fr├╝chte, Orangensaft und ein Br├Âtchen. Er stellt mir einen mit Liebe zubereiteten Teller hin und w├╝nscht mir guten Appetit. Bald f├╝llt sich der Speisesaal . Es scheint Pause zu sein. Ein lustiges Durcheinander von Rollstuhlfahrern und anderen behinderten jungen und ├Ąlteren Menschen beginnt. Alle scheinen sich zu kennen und begr├╝├čen sich ├╝berschw├Ąnglich. DER NEUE da am Tisch mit dem Rucksack und dem durchgeschwitzten Nicki wird nat├╝rlich gleich erkannt und be├Ąugt. Ein M├Ądchen mit Down – Syndrom kommt sogar an meinen Tisch und reicht mir l├Ąchelnd die Hand zu einem fr├Âhlichen „Guten Morgen.“, als w├╝rden wir uns schon lange kennen. Sch├Ân! Ich bezahle 2 ÔéČ und verabschiede mich in Dankbarkeit.

Diese Begegnung gibt mir neue Kraft und so ertappe ich mich – wiedermal – tief in Gedanken durch die Gegend streifend, doch der Weg verzeiht diese Unachtsamkeit und so bleibe ich auf Kurs. Anders der Objektivdeckel. Er hat den Moment genutzt, und mich still und leise irgendwo verlassen. Da kann man sich ├Ąrgern, herbei kommt das Plastikteil dadurch auch nicht wieder. Also bleibt der Verdru├č kurz und vergeht bald wieder.

Eine andere Art des Verdru├čes wartet jedoch schon. Kurz vor Antritt der Fahrt hatte ich, h├Âchstwahrscheinlich in einem masochistisch angehauchten Anflug geistiger Umnachtung, neue Wanderschuhe gekauft. Wunderbar weich, leicht trotz ordentlicher Sohle, Leder, super Passform und sofort angenehm am Fu├č. Nach ca 10 Minuten im Laden war der Kauf besiegelt. Damit kann dir nichts passieren. Dachte ich! Doch langsam machen sich die ersten Zweifel breit, denn ein leichter Druck, den die Gehfalte bei jedem Schritt auf die kleine Zehe aus├╝bt entwickelt sich von …kaum wahrnehmbar ├╝ber …das mu├č sich noch einlaufen und …Mensch! Jetzt auch die andere Seite?… bis hin zu einem verdammt nervigen Problem. Die sonst mitgeschleppten Sandalen, so dachte ich, brauche ich diesmal, mit diesen sch├Ânen leichten Schuhen nicht. Weit gefehlt! Ich lege ├╝ber beide Zehen ein St├╝ck┬á rund gebogene Pappe aus dem Rest einer Heftpflasterrolle und fixiere das Meisterwerk mit Pflaster. Die ersten Gehversuche f├╝hlen sich vielversprechend an. Ja, so wird es gehen.

Mittlerweile steht Frau Sonne hoch und gibt ihr Bestes. Am Wallendorfer See hat sie mich endg├╝ltig soweit, eine weitere Pause einzulegen. Es gibt hier diesen Badestrand┬á und Oma plus Enkeltochter genie├čen bereits das k├╝hle Na├č. Ich kann nicht anders! Gleich in Klamotten nutze ich die Gelegenheit zur Abk├╝hlung. Eine Runde schwimmen und wieder raus, F├╝├če trocknen, Rucksack geschnappt, einen Riegel in die Hand und weiter gehts. Der Trick mit den nassen Sachen auf der Haut funktioniert auch heute und sch├╝tzt mich vor ├ťberhitzung .

 

Bis zum n├Ąchsten Halt in Merseburg bin ich wieder vollst├Ąndig durchgetrocknet. Durst plagt mich und so biege ich gleich bei der ersten Tankstelle ab, f├╝lle Wasser auf und genehmige mir eine kalte Vanillemilch, die ich im Schatten sitzend genu├čvoll leere. Jetzt bin ich bereit f├╝r dich, du geschichtstr├Ąchtige, sagenumwobene Stadt. Die Neumarktkirche, sonst beliebte Pilgerherberge und Highlight der Pelegrinos, weil man auf der Empore ├╝bernachten kann, ist leider wegen Bauarbeiten geschlossen. So f├╝hrt mich die Neumarktbr├╝cke ├╝ber die Saale. Von hier hat man diesen besonderen Blick auf┬á Dom und Schlo├č.

Geschichtsinteressierten Menschen sei unbedingt ein l├Ąngerer Aufenthalt in Merseburg ans Herz gelegt. Besonders in der Altstadt scheint jeder Stein voller Erz├Ąhlungen aus alten Tagen zu sein .

Im Dom! Es ist einer der H├Âhepunkte aller Etappen und es gen├╝gt nur ein Wort ihn zu beschreiben. STILLE! Kaum einmal hatte ich ein so ├╝berw├Ąltigendes Gef├╝hl.

– Leipzig; laut, busy, Dreck & Glamour… hier der Dom; Stille, Wunder, Balsam, eine Kerze, ein dankbarer Pilger. –

 

Wieder drau├čen, gelingt mir die Orientierung nicht gleich und so laufe ich in ziemlichem Zick Zack durch die Gassen. In einem Buchladen kaufe ich Francois Lelords Buch ├╝ber die Freundschaft. In einem ziemlich versteckten Schuhgesch├Ąft finde ich zwar keine Linderung meines Leidens, aber ein langes Gespr├Ąch ├╝ber Landwirtschaft auf einem super bequemen Sofa. Am vorderen Gotthardsteich ist eine Holzbr├╝cke gesperrt. Ohne lang zu ├╝berlegen balanciere ich ├╝ber den nicht sehr steilen, einen Fu├č breiten Bogen auf die andere Seite. Vielleicht gibts hier ein Sanit├Ątshaus oder Schuhgesch├Ąft. Nach kurzer Befragung einiger Passanten finde ich 5 vor 6 den Laden. Ich werde sogleich platziert und erstmal mit Wasser versorgt, der Schuster ist lustig und sehr nett und weitet mir die Stellen, so gut es eben in der kurzen Zeit geht. „Nichts! Aber schreib uns mal ne Karte von unterwegs.“ ist seine verbl├╝ffende Antwort auf die Frage nach meiner Schuldigkeit. Dar├╝ber hinaus schenkt er mir noch ein Spray, das ich zum weich machen und weiten noch unterwegs verwenden kann.┬á V├Âllig begl├╝ckt verabschiede ich mich. Etwas abgelegen, am Rande der Stadt, komme ich am Deutschen Chemiemuseum vorbei, bevor es ganz pl├Âtzlich ins Unterholz geht. Der Weg ist schmal, dunkel, wenig gepflegt und riecht nach Abenteuer.

Zscherben, der n├Ąchste kleine Ort nur 2 Minuten vom Wege ab, hat einen funktionierenden Dorfbrunnen. Man mu├č kr├Ąftig den Schwengel bet├Ątigen. Anfangs kommt nur hei├čes Rostwasser, doch nach einiger Zeit klart es auf, wird kalt und trinkbar. Schnell sind die Vorr├Ąte aufgef├╝llt. Wie lange mich die Beine heut noch tragen, wird sich zeigen. Auf der 2 km schnurgerade der Sonne entgegen f├╝hrenden Betonstra├če scheinen die Schritte kaum auch Fortschritte zu sein, das n├Ąchste Dorf kommt einfach nicht n├Ąher. In der Ferne tanzen die Fackel von Leuna, ein Schornstein und ein Kirchturm umeinander herum. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die Landschaft im Gehen dreht. Bald reihen sich die drei Kerle nebeneinander auf. Der D├╝nne mit rot flammendem Haar neben dem Schweigsamen, als drittes der Dicke mit der sch├Ânen Stimme.

 

├ťber 30 km und mehr als 50000 Schritte fordern nun doch recht vehemment, zum Ende der heutigen Etappe zu kommen. Nur noch ├╝ber die A 38 und durch eine Kleingartensiedlung mit niedlichen Sitzgelegenheiten f├╝r Wanderer. Dann noch ein paar Meter durchs Unterholz und Schlo├č Frankleben taucht hinter den B├Ąumen auf. Hier irgendwo mu├č eine Herberge sein. Etwas nachdenklich stehe ich vor dem imposanten Geb├Ąude, als ein Herr sich aus dem Fenster lehnt und fragt, wie es mir geht. „Danke, gut… naja die F├╝├če tun weh und eigentlich will ich zur Herberge oder hier irgendwo mein Tarp aufschlagen. Wissen Sie, wo man hier Infos bekommt?“. Der Mann lacht: „Bei mir nat├╝rlich.“

Er zeigt mir Herberge, K├╝che, Dusche und Toilette. Alles da, was f├╝r ein Komfort. Urig, gem├╝tlich ist es hier. „Sprechen Sie Englisch?“ , fragt er. Als ich bejahe, stellt er mir meinen Zimmergenossen f├╝r die Nacht vor. Der polnische Pilger ist hoch erfreut, sich mal mit jemandem unterhalten zu k├Ânen. Er ist in Warschau direkt an seiner Haust├╝r gestartet und m├Âchte bis Santiago gehen. Zirka 800 km hat er schon hinter sich gebracht.┬á Ich darf mir einen Schlafpaltz aussuchen. Schon beim auspacken wird viel und fr├Âhlich erz├Ąhlt. Auch ich freue mich sehr dar├╝ber, seine Geschichten zu h├Âren. Wir essen zusammen drau├čen auf der Wiese. Dabei werden Erlebnisse und Gedanken ausgetauscht und einer h├Ârt dem anderen gebannt zu. So bricht die Nacht ├╝ber uns herein. Er m├Âchte morgen sehr fr├╝h aufbrechen, der Hitze wegen. Schnell h├╝pfe ich noch unter die Dusche und wasche mir den Staub des Tages vom K├Ârper. Eine Wohltat. Im Dunkeln werden noch ein paar Worte gewechselt. Vielleicht sehen wir uns morgen nochmal. Gute Nacht!

 

„Bye, all the best to you.“. Der Morgen lugt gerade durchs Fenster hinein, als er den Raum leise verl├Ą├čt. Ein paar Minuten h├Ąlt es mich noch im Bett, dann beginne auch den Tag. Im wohligen Dunkel des Raumes genie├če ich meinen hei├čen IM NU, lese einen interessanten Artikel ├╝ber das Schlo├č und dessen Geschichte und werde so langsam wach.

Danke f├╝r die Rastm├Âglichkeit an diesem wundervollen Platz!

Der Weg nimmt mich wieder auf. Es h├Ątte ab Merseburg eine weitere Variante gegeben, welche,um den Geiseltalsee gef├╝hrt, einen deutlichen Umweg dargestellt h├Ątte. Hier verschmelzen nun beide Str├Ąnge wieder und zeigen gen Freyburg. Ich wandere einen Halbkreis um den Runst├Ądter See, eingeklemmt zwischen Eisenbahnlinie, Hauptverkehrsstra├če und zwei gro├čen Seen. Dann geht es wieder durch die Felder. Aus der Ferne suche ich einen Punkt im Schatten gro├čer B├Ąume. Dort beginnt ein gr├Â├čeres Waldst├╝ck. Gef├╝hlt vergehen Stunden bis dieser Punkt endlich beginnt n├Ąher zu r├╝cken. Meine Zehen schmerzen nun wieder deutlich und ich laufe in ein mentales Tiefdruckgebiet hinein. Mit letzter Willenskraft schleppe ich mich in den Schatten, breite die Matratze aus, lasse mich fallen und verordne mir eine lange Pause mit allen Annehmlichkeiten, die im Angebot sind. Viel Wasser, eine ganze Tafel Rum – Traube – Nu├č, einen Riegel und den F├╝├čen viel Luft zum abk├╝hlen. Ein ganz zarter, angenehm k├╝hler Lufthauch vom Walde her holt mich aus der roten Zone. Mit geschlossenen Augen horche ich in mich hinein und sp├╝re, wie sich alles beruhigt. Ein franz├Âsisches Lied kommt immer n├Ąher. Es klingt fr├Âhlich. Ich blinzle und sehe im Augenwinkel zwei Fahrr├Ąder um die Waldecke biegen. Ein junger Mann singt aus voller Kehle, verstummt jedoch , als er mich gewahr wird. Das M├Ądchen lacht. „Wir dachten wir sind allein.“ Sie wollen zum See hin├╝ber. Wir erz├Ąhlen kurz und schon schwingen sich die beiden wieder in die S├Ąttel . „Singt ruhig weiter, es klang sch├Ân!“

 

Diese fr├Âhliche Begegnung hilft auch mir wieder zuverl├Ąssig auf die Beine. Nun geht es eine ganze Weile durch den Wald. Angenehm ist es im Schatten. Zwischen dicken B├Ąumen ragt ein gespanntes, rotes Segeltuch hervor. Grobe Holzb├Ąnke und ein kleiner Altar. Meine Schuhe ├Ąrgen mich und ich nutze die Chance, um kurz Rast zu machen. Vielleicht werden hier Waldgottesdienste abgehalten. Als ich Blumen an manchen der Riesen stehen sehe, wird mir klar, das mu├č ein Friedwald sein. Diese Art einer St├Ątte des letzten Gedenkens ist nicht so verbreitet, wenn ich aber dar├╝ber nachsinne, so ist es mir eine angenehme Vorstellung, dort im Schutze dicker Wurzeln meine Ruhe zu finden.

Auf der Karte ist Freyburg nur noch einen Daumen breit entfernt. Der wunderbare Blick ├╝ber die Weinberge ins Tal und auf die Stadt offenbart aber auch, da├č es jetzt gleich steil abw├Ąrts geht. Vorfreude auf noch mehr schmerzende Zehen blitzt auf. Seit Merseburg habe ich nun reichlich Tape dabei und versuche auch verschiedenste Schn├╝rtechniken, mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Den steilen, ausgewaschenen Weg hinunter l├Ąuft man zwar noch im Schatten, m├╝hsam ist es dennoch. Aus dem Schutz des Bl├Ątterdaches tritt man wieder in die unbarmherzige Glut der Mittagssonne. Die Augen zugekniffen, suche ich eigentlich sofort wieder nach einem schattigen Fleck.

St. Maria bietet sich an und spendet trotz der hoch stehenden Sonne Schutz. Eine Frau sieht mich sitzen und ruft mir zu, da├č sie gleich k├Ąme, die Kirche zu ├Âffnen. Schnell entfliehen wir in die angenehme K├╝hle und Stille dieser wundersch├Ânen Kirche. W├Ąhrend wir uns leise unterhalten, kommen immer wieder Besucher herein und schauen sich das Gotteshaus an. „Ein Stempel w├Ąre noch sch├Ân“ . „Nat├╝rlich, gerne!“

Bei der Hitze sind nur wenige Passanten anzutreffen. Die Stadt ist wirklich wundersch├Ân und hat eine reiche Geschichte, nicht nur rund um den Weinbau, zu bieten. ├ťber 30┬░C im Schatten machen jedoch jede Motivation in Richtung Sightseeing zu nichte. Alles reduziert sich auf Schattensuche, Pausensuche, Wassersuche, Wegsuche. Die Kalksteinw├Ąnde in und um die Weinberge speichern die W├Ąrme und geben sie Nachts ab. Das gef├Ąllt den Rebst├Âcken gut. Sie werden es den Winzern danken. Dem Pilger jedoch auf seinem Weg wabern die Hitzewellen der aufgeladenen Bl├Âcke entgegen und l├Ąhmen den Vorw├Ąrtstrieb.

Ich rette mich unter das schattige, von Wein umrankte Vordach eines Restaurants. „Ein Eis und einen gro├čen Spezi bitte!“ , bekomme ich noch raus. Der Wirt ist recht kurz angebunden, will wissen welches Eis ich gerne h├Ątte und rattert in 20 Sekunden s├Ąmtliche Eissorten herunter. Sogar die zwei Damen am Nebentisch unterbrechen kurz ihr Mittagsmahl. Vorsichtig pr├Ązisiere ich, der Schwei├č l├Ąuft mir in Str├Âmen vom Gesicht, meine Wahl. Danke!┬á Deutlich besser gelaunt wird die Bestellung dann geliefert… Da bin ich froh! Die S├╝├čigkeit und das kalte Getr├Ąnk bringen mich wieder ins Gleichgewicht. Auf der Toilette wende ich wieder das Wet – TShirt – System an und ├╝berlasse mich nach der Bezahlung meiner Einkehr wieder dem Weg. Von Weitem tauchen wie eine Fata Morgana die Domspitzen von Naumburg┬á aus der Umgebung hervor. Ein Blick zur├╝ck breitet ein letzes Mal das Panorama der Weinberge vor mir aus.

 

Ob ich die Stadt heute wohl noch erreiche? Mit solchen schmerzenden F├╝├čen? Mittlerweile nennt jede der kleinen Zehen ein Prachtst├╝ck von einer Blase ihr Eigen und ein wenig bricht sich die Verzweiflung Bahn. Die Pausen werden immer h├Ąufiger. Unter einem Apfelbaum komme ich mal wieder zum Sitzen. Schuhe aus, Socken aus, einen Apfel gekrallt. Ich stiere so vor mich hin und ├╝berlege, die vermaledeiten Schuhe hier einfach ins Ge├Ąst zu schmei├čen und barfu├č weiter zu gehen. Das ist nat├╝rlich eine doofe Idee.

Moment mal, ich hab zwar keine Sandalen mit, aber vielleicht kann man ja in Naumburg ….. ?! Pl├Âtzlich geht alles ganz schnell. Die Habseligkeiten werden hastig zusammengerafft. Schuhe an und los, los, los!┬á Es sind ein paar Schritte bis Naumburg und mein Komfortbereich ist schon jetzt nicht mehr in Sicht! Im Stechschritt unter entsprechenden Schmerzen geht es gen Naumburg. Mobiltelefon sei Dank, finde ich heraus, da├č es ein Sportgesch├Ąft gibt, welches aber um 18:00 schlie├čt. Das wird knapp! Ich haste ohne Blicke f├╝r den Weg mehr ├╝brig zu haben an den Muscheln vorbei, setze am Zusammenflu├č von Saale und Unstrut mit der handbetriebenen F├Ąhre ├╝ber, immer mindestens ein Auge auf der Uhr. Wo ist der Weg? Unruhe und wachsende Zweifel, ob ich es wirklich schaffen kann.┬á Die Stufen zur Stadt hoch! Die F├╝├če! Noch 10 Minuten. Vorg├Ąrten fliegen viel zu langsam vorbei. Passanten schauen dem durchgeschwitzten, abgehetzten Etwas mit dem leicht humpelnden Schritt hinterher. Innenstadt! Noch 5 Minuten Eigentlich kann ich nicht mehr, aber das ist jetzt egal. Denn am Horizont winkt Erl├Âsung. Das gro├če Schild zieht mich magisch an.

„Guten Abend, meine Schuhe bringen mich um.“ Die Bardame bietet mir einen Platz an, l├Ą├čt mich zu Atem kommen und zeigt Verst├Ąndnis. Selbst 3 Minuten vor Schlie├čung des Gesch├Ąfts nimmt sie sich freundlich, ja fast mitleidig meiner an. „Am besten irgendwelche leichten Sandalen mit super viel Platz.“ Sie zeigt in eine Ecke der Schuhabteilung. Wie ein Kind zur Bescherung entdecke ich voller Freude den riesigen Kartonstapel mit Keen – Sandalen. Der Zeremonie des┬á Schuhe ausziehens geht eine Entschuldigung meinerseits voraus, denn ich meine, die Socken befinden sich heute nicht mehr ganz im gr├╝nen Bereich. „Ach, wir sind hier so einiges gewohnt.“ Ein kurzer Augenkontakt zu ihrer Kollegin, zustimmendes Nicken und ein L├Ącheln der beiden beruhigen mich wieder. Sie erkennen meine Pein am Gesichtsausdruck. Die F├╝├če sind ziemlich geschwollen, kein Wunder nach dieser Hochgeschwindigkeitsetappe. Erst bei Gr├Â├če 47 (normal 44, Keen 45) bin ich zufrieden. Nichts dr├╝ckt. Erleichterung macht sich in mir breit und verdr├Ąngt die mit den Kilometern immer m├Ąchtiger gewordene Anspannung. Fr├Âhlich bezahle ich, mittlerweile weit nach 18 Uhr meinen Neuerwerb und behalte ihn auch gleich an. Die Folterdinger wandern zu unterst in den Rucksack. Die Frauen w├╝nschen mir noch viel Gl├╝ck, als ich den Laden wie auf Wolken verlasse. Auch die Apotheke nebenan hat noch ge├Âffnet. Ich besorge Tape und bekomme, als die Kassiererin mich etwas genauer betrachtet noch ein Elektrolytgetr├Ąnk spendiert, nein, eher verordnet. „Passen Sie bei der Hitze gut auf ihren Wasserhaushalt auf!“. Das ich das tun werde, verspreche ich.

Zur├╝ck auf der Fu├čg├Ąngermeile zielen meine ersten leichten Schritte zum wasserspeihenden Granitmonolith. Dort tummeln sich schon Fu├čballkids und machen sich frisch. Ich verpasse mir eine halbe Dusche und stehe triefend, erfrischt und gl├╝cklich zwischen den erstaunten Jungs. Als ich dann noch meine Faltflasche z├╝cke, sprechen sie mich an und erz├Ąhlen mir, da├č das hier kein Trinkwasser ist. Sie ziehen mich auf den Markt her├╝ber zu einem gro├čen Brunnen mit einem klitzekleinen Br├╝nnlein an der Seite. „Das k├Ânnen sie nehmen.“ ├ťber ihre Frage, ob mir denn die Stadt gefiele, kann ich nur mit einem fr├Âhlichen „Ja, Klar!“ und „Vor allem wegen der freundlichen Jungs!“ antworten. Sie sind begeistert und rennen l├Ąrmend davon.

Die Sandalen sind eine Wohltat. Ich vergesse ein wenig die Zeit, hole mir aus einem quietschebunten Gesch├Ąft Frozen Joghurt mit Gummib├Ąrchen und tr├Âdele langsam in Richtung Dom.

 

Er dominiert die Stadt mit seiner Ausstrahlung und ich bin ein wenig traurig, da├č er schon geschlossen hat. Selbst einen Pilgerstempel bekomme ich nicht mehr von Naumburg. Die Stempelstelle hat bereits geschlossen. So sitze ich ratlos auf einer Bank herum. Ein Auto h├Ąlt an, eine Frau steigt aus und fragt mich, ob ich Pilger sei und in die Herberge wolle. Nur den Stempel h├Ątte ich gern. Sie telefoniert herum, kennt die Zust├Ąndigen, aber kann heute niemenden mehr daf├╝r begeistern, sich nur wegen des Stempels f├╝r mich auf den Weg zu machen. Verst├Ąndlich!

 

Vom Domh├╝gel hinunter auf dem Bauernweg schlendernd bekomme ich die Nachricht, eine Freundin sei mit Erste Hilfe – Fu├čheilmitteln hierher unterwegs. Von Jena? Nur wegen der Blasen der weite Weg? Verr├╝ckt, Sch├Ân! Am Kreisverkehr treffen wir uns. Schon von weitem h├Âre ich den charakteristischen Einzylinder┬á – Klang einer Sport – AWO aus dem Stimmengewirr der anderen Vehikel heraus. Freudig empfange ich meine „schnelle medizinische Hilfe auf zwei R├Ądern“. Sie bringt frische Blasenpflaster. Zum Ausgleich gibt es K├Âstlichkeiten aus meinem Rucksack (Clifbar – Energieriegel und Schokolade). So h├Ąngen wir eine Zeit lang auf dem Bordstein herum, erz├Ąhlen und lachen. So fix wie sie gekommen war, ist sie auch schon wieder auf ihre alte Lady aufgesprungen. Es soll Regen und Gewitter geben und sie soll f├╝r ihre gute Tat doch nicht noch na├č werden! Ich winke dankbar hinterher und sehe zu, wie Gef├Ąhrt und Reiterin sich in den Feierabendverkehr einreihen, sich vermengen und auf und davon sind. Ab und zu noch h├Ârt man ein Auspuffbellen heraus.

Genug Stadt! Danke f├╝r alles! Aber nun wieder raus, aufs Land! Verschlungene, einsame Wege gibt es hier erstmal nicht. Immer entlang der Hauptverkehrsadern, teils dem Strom folgend, teils Gefahr laufend, in ihm unterzugehen, teils gegen ihn schwimmend folge ich unsichtbaren Fu├čspuren derer, die vor mir hier gepilgert sind. Laut schreiend fliegt eine Schar Zweitaktv├Âgel an mir vorbei und l├Ą├čt sich an einer ├╝berdachten Bank nieder. Ich n├Ąhere mich, gr├╝├če freundlich die Jungs und M├Ądels und finde anerkennende Worte f├╝r die sch├Ân gemachten Mopeds aus Suhl. Ja, es freut auch die Jugend, mal gelobt zu werden (!) und so gr├╝├čen alle lachend, wenn auch ein wenig verwundert, zur├╝ck.

Kurze Gespr├Ąche mit netten Anwohnern im wundersch├Ân herausgeputzten Winzerdorf Ro├čbach. „Ja, eine Herberge gibt es hier.“ Der Weg wird mir gezeigt und zielsicher steuere ich darauf zu. Das Geb├Ąude ist neu und einladend. Um die Zeit ist aber nur eine Gruppe Jugendlicher hier und keiner wei├č bescheid. Der Verantwortliche entschuldigt sich mehrfach und es tut ihm wirklich leid, mir nicht weiterhelfen zu k├Ânnen. Kein Problem, dann finde ich in der Natur ein Pl├Ątzchen. Der mittelalterlich anmutende, grob gepflasterte Hohlweg f├╝hrt stolz und steil aus dem Ort hinaus. Die Brombeeren sind reif und bieten sich an langen Ranken dem Vorbeigehenden feil. Dann gibt es den s├╝├čen Nachtisch eben heut als Vorspeise. Mit jedem Schritt erlangt man mehr Weitblick in die Umgebung. Die Sonne verschleiert sich schon in einem rot – orange gl├╝henden Himmelskleid mit blau grauem Saum. Eine fantastische Stimmung senkt sich auf die Erde nieder.

Weit oben ├╝ber Ro├čbach schlage ich in der D├Ąmmerung auf einer geraden Feldkante das Tarp auf. Mitten in einem sehr streits├╝chtigen, hartn├Ąckig sein Revier verteidigenden Brennesselnest. Oh,oh, das gibt eine Menge frisches Blut. Meine Waden werden noch lange davon erz├Ąhlen. Ich lasse den Blick in die Dunkelheit schweifen. Unter mir glitzert Naumburg in warmem Gold. Beim Anblick der Umgebung schie├čen mir Gedanken an die Menschenfelder im Film „Die Matrix“ durch den Kopf. Schier unz├Ąhlbare, rot aufleuchtende und wieder vergl├╝hende Punkte s├Ąumen den Horizont. Im Minutentakt ziehen Flugzeuge Halbkreise ├╝ber meinem┬á Zelt, um zum Sinkflug gen Leipzig anzusetzen.

Fordernd sch├Âne 38 km am heutigen Tag zwingen mich dennoch in die Waagerechte. Meine Waden pulsieren, der Kopf beginnt, die Eindr├╝cke des Tages zu verarbeiten. Nachts werde ich von Donnergrollen geweckt. ├ťber mir sternenklarer Himmel, am Horizont das Schauspiel. Ein schweres Gewitter geht auf der anderen Talseite nieder. Blitze zucken im Sekundentakt. Eine Zeit lang genie├če ich aus sicherer Entfernung dieses Spektakel, bevor mich der Schlafsack wieder verschluckt.

 

 

Da├č ich mal so weit an einem Tag freiwillig laufen w├╝rde, und das trotz rebellierender Zehen, h├Ątte mir mal einer erz├Ąhlen sollen. Ich h├Ątte es nicht geglaubt. Nachdenklich und auch ein bisschen stolz sitze ich auf meinem Zelth├╝gel, die Tasse mit frisch gebr├╝htem IM NU in der Hand, und lasse den herrlichen Morgen in mich hineinstr├Âmen. Der Himmel ist wie gewaschen, leicht surrt das Ripstop – Nylon der Plane im Wind. Naumburg zu meinen F├╝├čen erwacht.┬á Man ist so frei! Ein Hochgef├╝hl ├╝berkommt mich. Heute wird ein guter Tag. Da├č es am Ende ├╝ber 40 km werden w├╝rden, ahne ich freilich nicht.

Die ersten Schritte sind heute Morgen leicht. Sogar das Schuhe anziehen f├Ąllt erfreulich schmerzfrei aus. So wie es normal sein sollte. Die Sandalen sind jeden Cent wert.

Nachdem ich gestern das letzte Dorf hinter mir gelassen habe, ging es nur noch bergan. Das Gel├Ąnde hebt sich immer weiter vom Grund der Saale ab und bald riskiert man weite Blicke ├╝bers Land. Ungef├Ąhr auf H├Âhe Bad K├Âsen beschreibt der Flu├č einen weiten Bogen. Ob die Saale sich hier ins Gestein gefressen hat, oder die Erdkruste dem Wasser einfach nur ein nat├╝rliches, rundes Bollwerk entgegenh├Ąlt werde ich einen Geologen fragen, wenn mir einer ├╝ber den Weg l├Ąuft.

Nebelschwaden versperren den Weg nach Punschrau. Nebelschwaden, die Ger├Ąusche machen? Da schiebt sich ein Traktor durch die Wand aus Staub. Hier wird Kalk gestreut. Bis zum Ende des Feldes werde ich noch zig mal durch diese Wolke laufen. Wenn ich also sauer bin, sollte ich sp├Ątestens bis zum Ortseingangsschild wieder einen neutralen pH – Wert erreicht haben ­čśë

Die kleine Gemeinde ziert eine schicke Dorfkirche mit gr├╝nem Vorplatz und Pilgerherberge. Dort treffe ich zwar niemanden an, aber eine Frau l├Ąuft mir ├╝ber den Weg. Wir reden kurz und sie l├Ąd mich auf ein Getr├Ąnk und Kuchen zu sich nach Hause ein. Das Angebot nehme ich dankend an. Schatten, Essen, Trinken und nette Gespr├Ąche mit den Hiesigen sollte man immer mit nehmen! Wir erz├Ąhlen ├╝ber das fehlende Wasser, die Hitze, Fr├╝her und auch ├╝ber die Landwirtschaft. Der Enkel kommt noch dazu und bald haben wir ein nettes Kaffeekr├Ąnzchen. Ruck zuck ist eine halbe Stunde verquatscht. Sie geben mir noch den entscheidenden Tipp, wo ich den Stempel erhaschen kann.

Am Ortsausgang schaue ich nochmal nach dem Befinden der kleinen Zehen. Besser. Viel besser um genau zu sein. Gerade will ich mich aufschwingen, kommt Cesary um die Ecke gelaufen. Es ist sch├Ân, da├č wir uns doch noch einmal sehen. Wir beschlie├čen, ein St├╝ck des Weges zusammen zu laufen. W├Ąhrend des Gehens wird sich rege ausgetauscht, und zwar ├╝ber alles zwischen veganem Essen, Politik, Muskelkater und nat├╝rlich auch ├╝ber den Weg. Wir beide haben in etwa die selbe Geschwindigkeit und so l├Ąuft es sich angenehm und wir kommen gut voran.

Gegen mittag treffen wir in Eckartsberga ein, irren ein wenig herum und finden letztendlich einen Einkaufsladen. Dann teilen wir uns einen vegetarischen D├Âner und jeder holt als Nachtisch eine seiner K├Âstlichkeiten aus dem Rucksack . Vor dem D├Ânerladen treffen wir auf Ferdinand, einen gro├čen Kerl mit Bart, Schieberm├╝tze und sehr schwerem Rucksack. Wir quatschen kurz und er macht sich, scheinbar etwas unentschlossen auf den Weg. Wir sitzen, erz├Ąhlen und knabbern N├╝sse, Rosinen und ├äpfel. Eine Frau mit ihrer Mutter setzt sich dazu. Wir kommen ins Gespr├Ąch und haben nur weing Eile, wieder auf den Weg zu kommen.

„K├Ânnte ich mich euch vielleicht anschlie├čen? Irgendwie finde ich nicht mehr auf den Weg zur├╝ck.“, kommt eine Frage von hinten. Ferdinand zeigt uns seinen kleinen Zettel, der sich als seine Wegbeschreibung herausstellt. Sehr ├╝bersichtlich und nicht wirklich geeignet den Weg auch zu finden. Nat├╝rlich freuen wir uns, ist es doch das erste Mal f├╝r jeden von uns, zu Dritt unterwegs zu sein. Mit Hilfe von Karte und Telefon ist es einfach dem Weg zu folgen. Wir beschlie├čen noch, immer englisch zu sprechen, damit jeder der kleinen Gruppe alles verstehen kann.

Es wird ein sch├Âner gemeinsamer Nachmittag, jeder hat viel zu erz├Ąhlen und jeder h├Ârt gespannt dem anderen zu. Solche Begegnungen sind immer bemerkenswert und ein gro├čer Teil der Erinnerungen, die f├╝r sp├Ąter gespeichert werden, haben solche Ereignisse als Ankerpunkt.

Die Zeit vergeht schnell, wir machen auch Pausen an schattigen Pl├Ątzen und genie├čen die Zeit zusammen. In Rudersdorf gibt es eine Pilgerherberge. Vor der Kirche rasten wir erneut und besprechen unseren weiteren Weg. Cesary hat sein Tagespensum geschafft und m├Âchte die Herberge nutzen. Ich m├Âchte noch ein paar Schritte gehen und unter den Sternen mein Lager aufschlagen. Ferdinand hat, wie sich herausstellt, Probleme mit den F├╝├čen. Das sieht ├╝berhaupt nicht gut aus. Eigentlich m├╝├čte er sich auch ausruhen, entscheidet sich aber auch f├╝r die Nacht unter freiem Himmel. Es ist so sch├Ân warm. Als wir uns einig sind, helfen wir unserem polnischen Weitwanderer noch bei der Suche der Herberge, verabschieden uns sehr herzlich und w├╝nschen einander „Bon Camino! “ . Es war sch├Ân, den Weg f├╝r einen Tag mit dir teilen zu k├Ânnen!

Ferdinand sehnt sich heute nach einer Badem├Âglichkeit. Kein Wunder, nach einem so schw├╝lwarmen Tag. Wir schauen uns auf der Karte nach potentiellen Wasserstellen um. Sogar ein kleines B├Ąchlein w├╝rde reichen, aber es sollen noch einige lange Kilometer vergehen, bis wir zu der Stelle kommen, an der auf der Karte die verhei├čungsvolle blaue Linie unseren Weg kreuzt. Unterwegs fragen wir noch ein paar D├Ârfler, die sich auf der Stra├če unterhalten nach dem errettenden Na├č. Sie sind freundlich, fragen nach dem woher und wohin, bezweifeln aber, da├č der Bach badef├Ąhig sei. Eine Frau spendiert uns ungefragt Wasser in unsere Trinkbeutel. Wir verabschieden uns fr├Âhlich, aber h├Ąngen innerlich doch noch ein wenig dem Gedanken nach, das B├Ąchlein k├Ânnte f├╝r uns ausreichen.┬á Als wir uns endlich bis zu Stelle vorangek├Ąmpft haben, sind wir pl├Âtzlich nicht mehr sicher, ob wir da drin sauberer oder eher noch dreckiger werden. Wir entscheiden uns, dieses halbausgetrocknete, wenig wohlriechende und tr├╝be schaumige Rinnsal zu meiden. Auf der Karte sind in wenigen hundert Metern Entfernung Teiche eingezeichnet. Wir kriechen beide schon ganz sch├Ân auf dem Zahnfleisch, halten aber durch. Der Weg ist kein wirklicher Weg. Wir machen einen Umbogen und m├╝├čen durch Str├Ąucher und fremde G├Ąrten. Irgendwie ist uns gerade der Orientierungssinn abhanden gekommen. Ein Laubenpieper zeigt uns aber den Weg zur├╝ck. Uns stehen drei Teiche zur Auswahl. Einer strahlend gr├╝n, der zweite voller Schilf und nahezu ausgetrocknet. Auf dem dritten ist das Wasser ok und es gibt eine Stelle, an der man hineingehen kann.

Gleich auf dem Weg stellen wir Zelt und Tarp auf und st├╝rzen uns ins k├╝hle Na├č. Eigentlich schleichen wir eher, denn der Grund ist glitschig. Auch wenn das Wasser erfrischt, so richtig lecker ist es dennoch nicht. Wir schwimmen eine Runde, teilen uns die indische ├ľkoseife und finden uns, endlich wieder salonf├Ąhig, an den Zelten ein. Geschafft vom Tag sitzen wir selig am Kocher. Er mu├č noch seine schlimmen F├╝├če verarzten. Dazu pl├╝ndern wir mein Erste Hilfe – P├Ąckchen. Zum Abendessen spendiere┬á ich Suppe, er frisches Brot und K├Ąse. Ein Festmahl nach 40km Fu├čmarsch bei unn├Âtig hohen Temperaturen.

Die Dunkelheit bricht herein und wir erz├Ąhlen leise, w├Ąhrend der Kessel anf├Ąngt, zu dampfen. Er ist sich nicht sicher, ob weitergehen Sinn macht, weg von den Lieben, die Ausr├╝stung nicht in Ordnung, das Budget zu knapp und Zweifel im Kopf. Ich kann nur ein paar Ratschl├Ąge zu besserer, aber vor allem leichterer Ausr├╝stung geben und meine Erfahrungen beisteuern. Gute Schuhe und ein leichter Rucksack┬á k├Ânnen schon das Blatt von „Verlierer“ auf „Gewinner“ wenden. Schultern mu├č er dann den neu gepackten Rucksack allein.┬á Sp├Ąter kriecht jeder in seinen Kokon und bald kehrt Ruhe ein am Biwakplatz zu Buttelstedt.

 


Der Morgen kommt in ungewohnten Farben daher. Etwas ungl├Ąubig starren wir der sich am Horizont n├Ąhernden Wolkenfont entgegen. So etwas habe ich seit vielen Wochen nicht mehr gesehen. Uns bleibt Zeit f├╝r ein kleines Fr├╝hst├╝ck.┬á Beim Packen und Aufr├Ąumen werden wir grollend vom herannahenden Gewitter zur Eile gemahnt. In nun schon nicht mehr all zu weiter Ferne entledigt sich die Natur ihrer ├╝bersch├╝ssigen Kr├Ąfte. Blitze zucken, LKW – Ladungen von Steinen werden irgendwo im Dunkelgrau des Wolkenberges abgekippt und rumpeln im Sekundentakt ├╝ber uns hinweg.

Dann die ersten Tropfen. Schnell wird die Hardshell ├╝bergeworfen. Eins, zwei, einhundertzwanzigtausenddreihundertvierzig…. Es gie├čt wie aus Kannen. Wir patschen trotzdem frohen Mutes durch Pf├╝tzen, entlang an regengepeitschten Hecken, unter vom Wind wieder trocken gesch├╝ttelten B├Ąumen hindurch. Die Hauptzelle des Gewitters hat sich, wie wir sp├Ąter erfahren werden, ├╝ber uns geteilt. Somit wurden wir nur na├č. Na├č im Ursinn des Wortes! Aber der Regen ist nicht kalt. Die F├╝├če quietschen lustig im Fu├čbett der Sandalen umher. Es macht einfach nichts. Sp├Ąter wird die w├Ąrmende Strahlung der Sonne alle Feuchtigkeit wieder zur├╝ckfordern.

Im Regen zu rasten ist keine so erquickliche Angelegenheit. Man k├╝hlt recht schnell ab und wird gewahr, da├č man schon angenehmere Situationen auf seinem Marsch hatte. Also geht man einfach weiter, bis sich eine sch├Âne Gelegenheit bietet. Bei uns hei├čt diese: Freizeitbad Ottmannshausen. Damit das nicht zu banal klingt sei es nochmals hervorgehoben. Es IST eins der sch├Ânsten Erlebnisse auf dieser Etappe, wenn nicht der gesamten Strecke.

Seit ein paar Kilometern nehmen wir uns vor, eine Rast einzulegen. Hinaus aus┬á Ottmannshausen entdecken wir direkt am Weg das Schwimmbad. Es hat augenscheinlich geschlossen, viel Besuch sollte bei dem Wetter auch nicht zu erwarten sein, aber eine T├╝r steht offen. Wir schmettern ein fr├Âhliches „Hallo!“ ├╝ber den Zaun und werden erh├Ârt. Der Bademeister tritt heraus und sieht zwei triefna├če Gestalten am Eingangst├╝rchen. Wir fragen, ob wir hier eine Rast ein- und uns trockenlegen d├╝rfen. „Nat├╝rlich, klar, kommt rein!“

Erstmal gibts trockene Sachen aus dem Rucksack. Eine Wohltat! Wir sind na├č bis auf die Unterhosen. Alles wird ausgewrungen und ├╝ber Zaun, Stuhl und Tisch ausgebreitet. Wenn wir jetzt noch in Dederonsch├╝rzen und Gummistiefeln rauchend hier sitzen w├╝rden, s├Ąhe das f├╝r den vorbeiziehenden, nichtsahnenden Passanten aus, als w├╝rde hier die Fortsetzung von “ Familie Flodder“ gedreht.

Seit zehn Minuten haben sich die Himmelsschleusen geschlossen und es besteht eine Chance, die Sachen etwas zu trocknen. Im Hintergrund grummelt es zwar noch ein bisschen, zieht aber vorbei. Wieder wird das Essen geteilt, und die behagliche W├Ąrme der trockenen Klamotten genossen. W├Ąhrend wir mampfend am Tisch sitzen und uns in uns hinein freuen, gibts Geschichten vom Bademeister ├╝ber das Wetter und das Freibad. Er arbeitet bereits sein halbes Leben hier und hat schon viel erlebt. Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er uns die vergilbten Schwarzwei├č – Fotos aus den Tagen der Erbauung dieses Kleinods erkl├Ąrt. Mit Recht. Es ist wundersch├Ân hier. F├╝r uns umso mehr, wurden wir doch so freundlich aufgenommen. Tausend Dank daf├╝r! Schatten spendende, hohe B├Ąume , sonnige Liegewiesen und eine top moderne, sehr gepflegte Badelandschaft machen den Aufenthalt zu einem Erlebnis f├╝r Jung, Alt und … uns.

Pl├Âtzlich legt er zwei M├╝nzen auf den Tisch. „Falls ihr duschen wollt.“ Wir sind perplex. „Und wenn ihr vorher noch ein paar Runden schwimmen wollt, h├╝pft einfach rein. Es kostet nix. Das mache ich nur f├╝r euch Pilger.“ Wir freuen uns riesig und sind auch schon in Richtung des verlockend klar und t├╝rkis schimmernden Edelstahlbeckens unterwegs. Danach gibt es eine ausgiebige, warme M├╝nzdusche und wir scherzen, da├č wir nun endlich den Dreck vom letzten Mal baden im Entengr├╝tzeteich los w├╝rden.

Au├čer uns ist nur ein kleines M├Ądel in Begleitung ihres Opas auf dem Gel├Ąnde. Sie will das Seepferdchen – Schwimmabzeichen machen, hat aber Angst, den Rand loszulassen. Schlie├člich ├╝berwindet sie sich doch und siehe da, es klappt. Die Kleine, ihr Opa, der Bademeister und auch wir strahlen ├╝ber beide Ohren. „Da hab ich ein tolles Geburtstagsgeschenk f├╝r Oma heute nachmittag.“ h├Âren wir noch das M├Ądchen stolz sagen. Als alle Sachen eingesammelt und gepackt sind, verabschieden wir uns in Dankbarkeit. Frisch und erholt kann es nun weiter gehen. Die Sonne lugt bereits hinter ein paar restlichen grauen Himmelshaufen hervor… und hat schon wieder m├Ąchtig Kraft. An unseren Rucks├Ącken baumeln trocknend die Sachen.

Wir lassen uns durch die Felder treiben. Hier ist die Wegf├╝hrung eher geradlinig. Durch die weite Sicht selbst von kleinen Anh├Âhen aus auf das Umland aber dennoch nicht langweilig. Wir passieren kleine D├Ârfer, die in der Mittagshitze vor sich hin d├Âsen, machen Pausen wenn es uns passt. Mal kommt eine schattige Parkbank gerade recht, um sich mal so richtig lang hinzul├╝mmeln, einen Schluck von Ferdinands selbstgemachtem Hollundersaft zu nehmen, Bonbons zu tauschen oder einfach in den Himmel zu starren. Dann liegen wir mal wieder hinter einer Hecke, sitzen unter einer Eisenbahnbr├╝cke oder direkt auf der verlassenen Stra├če herum, lassen uns bruzeln und Schuhe und Socken binnen weniger Minuten auf hei├čem Asphalt trocknen. Kaum mal ein Mensch ist zu sehen, ab und zu tuckert ein Traktor vorbei, dessen Insassen gr├╝├čen. Nach Ollendorf verl├Ą├čt der in natura vorhandene Muschelweg den vorgezeichneten Lauf in meiner Karte und f├╝hrt weiter durch die Felder einen sch├Ânen Hohlweg entlang. Pflaumen, Mirabellen und alte Apfelb├Ąume bieten ihre Fr├╝chte feil, von denen wir sehr gern H├Ąnde voll in den Mund stecken. Dabei verdr├Ąngen wir ein bisschen und lenken uns ganz gut davon ab, da├č Ferdinand echt problematisch unterwegs ist. Ihm machen die Hitze, der megaschwere Rucksack und die blasigen F├╝├če schwer zu schaffen. Immer k├╝rzer werden die gelaufenen Abschnitte, immer l├Ąnger die Pausen.

Gen nachmittag kommt er sichtlich ersch├Âpft zu dem Entschlu├č, sich hier, jetzt und gleich in diese Haltestelle zu setzen, den n├Ąchsten Bus gen Erfurt abzuwarten und nach Hause zu fahren. Dort will er sich etwas Geld verdienen, ordentliche Ausr├╝stung besorgen und auf jeden Fall irgendwann auf den Weg zur├╝ckkehren. Diese┬á Zeit des Wanderns hat ihm so gefallen. Wir nehmen uns viel Zeit f├╝r den Abschied, teilen noch einen Riegel und w├╝nschen uns ein gutes Leben. Ein sch├Âner Wunsch eigentlich. Das kann und sollte man ruhig ├Âfter jemandem w├╝nschen.

Dann gehe ich weiter. Ein letztes Mal umdrehen und winken.

Erfurt. Wieder sp├╝re ich den Sog. Ich f├╝hle mich wie ein Schulkind in einem riesigen Freiluft – Physikexperiment. Und endlich verstehe ich auch, was die Lehrerin mit jeder Menge Formeln nicht vermochte. Wie war das: Je gr├Â├čer die Masse eines K├Ârpers, desto gr├Â├čer seine Anziehungskraft? Und nun scheinen die Gravitationswellen dieser Masse E ( wie Erfurt ) auf mich zuzugreifen, mich anzuziehen wie ein schwarzes Loch den kleinen Planeten, der sich mutig und neugierig zu nahe heranwagte.

Die F├╝├če laufen wie von allein, mich ├╝berkommen ├Ąhnliche Gef├╝hle wie beim Einmarsch in Leipzig. Im Kopf ist noch ein wenig Platz frei f├╝r Stadterinnerungen und Momentaufnahmen.

Zwei meiner besten Freunde wohnen hier. Wie toll w├Ąre es, an ihre T├╝r zu klopfen und so nebenbei zu erw├Ąhnen: „… bin mal eben von Leipzig dahergelaufen…“ . Aber sie sind im Urlaub und so man├Âvriere ich durch den Feierabendverkehr gen Hauptbahnhof. Am Gagarin – Ring nahe der Ecke Meyfartstra├če sticht mir ein kleines Gesch├Ąft mit orientalischem Flair in die Augen. Es riecht exotisch. Im Angebot ist feinster Kaffee, Tee, auserlesene S├╝├čigkeiten und arabisches Eis. Ein superflauschig – gem├╝tliches Sofa l├Ądt zum verweilen ein. Ich kann nicht wiederstehen. Pistazien, ungewohnte Gew├╝rze und feines Eis schmeicheln dem Gaumen. EIN GEHEIMTIPP!

Das Gewusel der Innenstadt wird immer gr├Â├čer. Bald gelangt man zum Zentrum, von dem die Anziehungskr├Ąfte auszugehen zu scheinen. Die Pforte des Hauptbahnhofs schluckt jede Menge Menschen und gibt simultan wieder welche frei. Hier gleichen sich die Kr├Ąfte aus.

Auf der Bahnhofstoilette mache ich mich „schick & frisch“ f├╝r die R├╝ckreise. Ein sauberes T-Shirt, Socken mit neutralem Odeur und jede Menge Lavendelseife und Wasser helfen dabei kollossal.┬á Bis zur Abfahrt gibts noch sehr gute Fish and Chips aus einem Minil├Ądchen der Futtermeile des Bahnhofsinneren. Aus dem Buchladen gibts „Unterleuten“ von Juli Zeh in den Rucksack ( f├╝r meine Frau zum schm├Âkern mit nach Hause ). Auch f├╝r eine liebe Postkarte an den hilfsbereiten Schuster in Merseburg bleibt gen├╝gend Zeit.

Vor nicht ganz 5 Tagen und 170km begann mein Weg in Leipzig. In etwas mehr als 3 Stunden werde ich kurz vor Zuhause den „Haltewunschknopf“ des Bummelzugs dr├╝cken, um ein, zwei Wimpernschl├Ąge sp├Ąter selig in die heimische Matratze zu sinken. In Sicherheit. Geliebt. Unerwartet und doch Zur├╝ckgesehnt.

DANKE!

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