­čŹÇEtappe II – ├ľkumenischer Pilgerweg (Gro├čenhain-Leipzig)

„Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“

– Katharina von Siena –

DSCF2671_1

Leise quietschend h├Ąlt der Zug in Gro├čenhain und entl├Ąsst seine Fahrg├Ąste in einen sonnenstrahlenden Tag. Kaum vor das Bahnhofsgeb├Ąude getreten, sprechen mich schon zwei Herren ├Ąlteren Semesters auf meinen Rucksack an, fragen ob ich ein Pilger w├Ąre und nach dem woher und wohin. Ein nettes Gespr├Ąch entsteht. Die beiden waren zwischen G├Ârlitz und Zittau auf einem Pilgerweg unterwegs und geben unumwunden zu, komplett falsche Vorstellungen von der Region mitgebracht zu haben. Abgesehen von der reichen Historie zeigen sie sich besonders begeistert von der vielen erhaltenen und wiedererbl├╝henden Bausubstanz und sind einer Meinung, unbedingt wieder hier her kommen zu wollen.

Es ist bei allem Klischee Ost / West immer wieder eine Wohltat, sich auch unbekannterweise so offen austauschen zu k├Ânnen und ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Klima der Wertsch├Ątzung zu schaffen.

Der Weg m├Âchte mich abholen. Bevor es weiter geht, besuche ich jedoch noch den Marktplatz und hole mir bei der Stadtinfo den Stempel in den Pilgerausweis.

DSCF2635

Mit drei Kugeln Eis von der netten Bedienung im Cafe‘ um die Ecke bewaffnet, kann es nun wirklich los gehen.

Kurz hinter Gro├čenhain hat man noch die M├Âglichkeit in Richtung Riesa abzubiegen und eine Variante des Weges zu gehen. Sie f├╝hrt in Riesa ├╝ber die Elbbr├╝cke und am linken Flu├čufer entlang, um sich in Strehla wieder mit dem Hauptweg zu vereinen.

Die Hauptroute der via regia verl├Ąuft zwischen Elbe und B98 durch Felder und W├Ąldchen. Kleine Ortschaften liegen verschlafen in der Sonne und gew├Ąhren wohlwollend dem hitzegeplagten Pilger schattige Rastpl├Ątze. Auf einer alten Eiche thront das Nest der ortsans├Ąssigen Storchenfamilie. Es ist faszinierend, zuzuschauen, wie die Eltern ihre Jungen f├╝ttern, alsbald wieder aufsteigen, kreisen und hinter den D├Ąchern Richtung Elbeaue davon gleiten.

Lautes Gebimmel warnt die D├Ârfler vor … einer um die Ecke biegenden B├Ąckerei auf R├Ądern. Ein St├╝ck Schokostreuselkuchen, eine Vanillemilch  und nette Worte wechseln den Besitzer. „Ich mu├č noch durch zwei D├Ârfer. Wenn wir uns dann auf der Hauptstra├če wieder begegnen, nehme ich dir die leere Flasche wieder ab.“, bietet mir die Dame freundlicherweise an. Ihr Blick verr├Ąt, sie wei├č, da├č ich nicht noch mehr Ballast gebrauchen kann.

N├Ąchster Halt: Glaubitz. Hier f├╝hrt die 98 direkt durch den Ortskern. Meine F├╝├če mahnen sich ein P├Ąuschen ein und so ist die n├Ąchste, zwar in praller Sonne und auf einer Verkehrshalbinsel, aber in direkter Nachbarschaft zu einem Miniladen mit angeschlossenener Eismaschine gelegene Parkbank die meine. Barf├╝ssig und sonnenbebrillt lehne ich am Rucksack und werde gebruzelt, w├Ąhrend ich mir das Eis schmecken lasse. Erinnerungen kommen mir in den Sinn an jene Tage, als ich im Nachbarort Zeithain meinen Grundwehrdienst ableistete. Morgenappell, 20 km mit Marschgep├Ąck. Biwak im Wald, Hartkeks und n├Ąchtliche ├ťbungen. Der Umgang mit Kompa├č und Karte. Der strenge, aber gerechte Spie├č. Der Hauptmann, der mir wegen meines Berufs einen vorzeitigen Ausstieg erm├Âglichte. Auch das war Lernen f├╝rs Leben. Ich m├Âchte diese Zeit nicht missen, auch wenn ich es gehasst habe, eine Waffe tragen zu m├╝├čen.

Direkt am Weg liegt die JVA Zeithain. F├╝r Pilger gibt es hier einen (heute leider geschlossenen) Imbiss und schattige Verweilm├Âglichkeiten.

Diese Distel

Warum diese Distel? Ich kam heran, Betonknochenpflaster auf dem Gehsteig, daneben gr├╝n bewachsenes Bankett. Es war einfach an der Zeit, einmal etwas banales und doch so wundersch├Ânes wie diese Distel zu bewundern. Das mu├č f├╝r die vorbeirollenden Auto und LKW fahrenden Menschen echt schr├Ąg ausgesehen haben. Da kniet dieser Mann,  zu gro├čer Rucksack, Anfang 40, mitten in der prallen Sonne auf dem Gehsteig einer der am meisten gestre├čten Asphaltbahnen der Gegend und freut sich wie ein Kind ├╝ber…. Tja, leider zu schnell, leider vorbei! Sie werden wohl nie erfahren, was mich so fasziniert hat.

DSCF2674_1

Reize f├╝r Auge und Ohr aus Industrie, Gewerbe und hektischem Verkehr umgeben, ├╝berholen und durchdringen mich. Die Landschaft ist durchschnitten von  Eisenbahnlinien, sich wild windenden Asphaltw├╝rmern und dem gro├čen Flu├č als Ruhepol. Man sieht ihn noch nicht aber ahnt, da├č er irgendwann auftauchen mu├č. Auf den ersten Blick erscheint einem dieser Input als zu laut, zu viel. Stau, LKW’s auf dreckigen Betonpisten, Tagebaul├Ąrm an einer Kiesgrube. Ich gehe einfach stur der Muschel nach. Der L├Ąrm zieht sich mehr und mehr zur├╝ck und mir wird klar, da├č der K├Ârper sich an diesem Kontrastprogramm abarbeitet. Es ist eine Abwehrreaktion zum Schutz der eigenen Sinne. Sobald man sich dem negativen Einflu├č entziehen kann, l├╝ftet sich der Schleier und der K├Ârper stellt sich wieder scharf.

Endlich kommt die Elbe in Sicht. Darauf habe ich mich schon so lange gefreut. Mitten in Gohlis lenke ich meine Schritte an einer Koppel mit Galloway – Rindern vorbei, direkt aufs Ufer zu. Schuhe fliegen weg, die Socken hinterher. Gerade ist mir total egal, da├č aus der N├Ąhe betrachtet, das Wasser gar nicht mal so lecker aussieht. Aber es k├╝hlt , tut gut und ich merke, wie sich alles entspannt. Diese Pausen sind so wichtig. Minutenlang starre ich meine Zehen an und freue mich einfach.

An der Koppel komme ich mit den Besitzern der Rinder ins Gespr├Ąch. Er tr├Ągt Tattoo’s am ganzen K├Ârper und wirkt irgendwie nach „wilder Jugendzeit“ auf mich. Doch das ist nur der erste oberfl├Ąchliche Eindruck. Ich darf meinen Wasservorrat bei ihm auff├╝llen und beim Gespr├Ąch ├╝ber die Tiere werden seine Z├╝ge weich. So fachsimpeln wir sicher eine halbe Stunde ├╝ber seine Rinder, den richtigen Zuchtbullen, unsere Landwirtschaft, Hochwasser und falsch verstandenen Naturschutz im sensiblen Gebiet an der Elbe und den Deichen. „Es gibt Gelder zur extensiven Bewirtschaftung der Deiche. Siehst ja, wie es mancherorts aussieht. ├ťberst├Ąndiges Gras, kaum Deichpflege durch Schafherden wie fr├╝her. Das beeintr├Ąchtigt die Stabilit├Ąt und dadurch auch die Schutzfunktion der Deiche. Das hatte schon alles seinen Sinn und kann oft gar nicht nach wirtschaftlichen Ma├čst├Ąben gerechnet werden. Viele Probleme mit M├Ąusen, die den Deichen zusetzen. In den Gro├čst├Ądten werden tausende Taler f├╝r Spundw├Ąnde ausgegeben. Hier h├Âren sie auf, nachzudenken und wenn die Elbe zeigt, wozu sie im Stande ist, machen alle gro├če Augen.“ Dieses sehr interessante, tiefgehende Gespr├Ąch l├Ąsst mich nachdenklicher und doch sehr dankbar weiter gehen.

An einer Hauswand direkt am Deich darf man sich eine Vorstellung davon machen, was Hochwasser hier bedeutet. Dort, wo ich eben noch selig im Wasser geplanscht habe, w├Ąre ich metertief unter der Oberfl├Ąche. Die Marke von 2002 reicht mir bis knapp unter die Schulter. In Gedanken stelle ich mir eine Wasserkante vor und folge ihr mit den Augen zum anderen Ufer.  Es verdeutlicht einmal mehr, welch winziges Kuchenkr├╝mel wir, die „Krone der Sch├Âpfung“, in dieser Welt doch sind. Wenn man dann sieht, wie unangemessen, respektlos und nicht selten feindselig wir uns als Dank f├╝r freie Kost und Logis verhalten, grenzt es schon an ein Wunder, da├č die Natur sich unser nicht schon vor langer Zeit entledigt hat. Eine Zeit lang tappe ich in Gedanken versunken auf dem Deich entlang, beobachte Schafe und einen Storch, der gerade etwas herunter w├╝rgt. Es ist wahrscheinlich eine Maus, die nun den Weg durch den langen d├╝nnen Hals in die „Vorratskammer“ antritt. Langsam bewegt sich die dicke Stelle halsabw├Ąrts. Bald gibt es wohl einen leckeren Happen zur Nacht f├╝r die Jungen?

Meine Blicke werden immer wieder zu diesem breiten blau- grauen Band gezogen, das in diesem Zustand gar nicht bedrohlich, aber doch erhaben aussieht. Strehla kommt auf der anderen Seite in Sicht. Hier gibt es eine Personenf├Ąhre. Freundlich gr├╝├čt der F├Ąhrmann den Pelegrino und setzt ihn f├╝r kleine M├╝nze ├╝ber. Nach knapp 29 km wird es Zeit, ein Nachtlager zu finden. Schnell ist das Tarp, gut im hohen Bewuchs des Deichs versteckt, aufgebaut. Isomatte, und Schlafsack finden ihren Platz. Selbst im Liegen sieht man im Abendlicht die Elbe durch die B├╝schel von Knaulgras und Binsen schimmern, ab und an ein leises pl├Ątschern. So f├╝hlt es sich richtig an. W├Ąhrend ich direkt am Wasser den Kocher f├╝r ein kleines Nachtmahl in Stellung bringe, kommt ein Schiff den Flu├č hinauf gestampft. Mein winken wird erwiedert. Die nachgezogenen Wellen kr├Ąuseln sich noch an den Steinen des Ufers . Dann wieder Stille.


Guten Morgen! … und ein sch├Âner obendrein! Am Tarp glitzern nur ein paar wenige Tautropfen, die Sonne lugt verstohlen ├╝ber die Deichkante auf der anderen Seite des Flu├čes, im Nachbarort haben sich die Schafe schon etwas zu erz├Ąhlen. Die Natur erwachen zu sehen und zu f├╝hlen begeistert mich jedes mal aufs Neue. V├Âllig innerlich ruhig auf den Steinen am Ufer sitzend und ein kleines Fr├╝hst├╝ck zubereitend tr├Âdeln meine Gedanken wie das Wasser vor sich hin. W├Ąrmende Sonnenstrahlen und ein ganz leichter Lufthauch trocknen Schlafsack und Tarp binnen Minuten. Nachdem all meine Utensilien wieder ihren Platz im Rucksack eingenommen haben, steige ich aus dem Dickicht hervor in die Stadt hinauf.

Strehla ist ein h├╝bsches, auf einer Anh├Âhe gelegenes St├Ądchen mit Schlo├č, Tierpark, einem trutzig, gedrungenen Wasserturm und nat├╝rlich dem herrlichen Blick auf die Elbe. Noch einmal drehe ich mich um und schaue auf das Ufer, die Wasserfl├Ąche und den kleinen F├Ąhranleger auf der anderen Seite. Ab hier entzieht sich der Weg dem Banne des Flu├čes und streicht weiter durch die heranreifenden Kornfelder, entlang an W├Ąldern und ├╝ber die H├╝gel hinweg gen Westen. Bald schon r├╝ckt der markante Kirchturm von Oschatz ins Blickfeld. Eine Bank l├Ądt zu schattiger Rast mit sch├Âner Aussicht ├╝ber die Felder ein. Das Angebot schlage ich nicht aus und genehmige mir einen Apfel und ein paar Schluck Wasser.

Am knapp 200m hohen Liebsch├╝tzberg gerate ich bei tollem Rundumblick in ein interessantes Gespr├Ąch mit zwei Damen und einem Herrn ├Ąlteren Semesters, die zwar aus Wittenberg kommen, aber lange Zeit in der Gegend lebten und sich gut auskennen. Sie freuen sich ebenso wie ich ├╝ber unser Zusammentreffen und w├╝nschen mir Gl├╝ck auf den weiteren Weg.

Die Sonne brennt hei├č und Schatten kann man hier selbst f├╝r alles Gold der Welt nicht haben … nicht auf dieser Seite der B├Ąume. Das scheint nicht nur mir zuzusetzen. Auf einem der B├Ąume sitzt ein Rabe mit weit ge├Âffnetem Schnabel und beobachtet den herannahenden Wanderer. Als ich fast auf gleicher H├Âhe bin fliegt er einen Baum weiter und guckt wieder. So einen Reisebegleiter findet man auch nicht alle Tage. In tief schwarz- blauem Schimmer gl├Ąnzt sein glattes Federkleid in der Sonne. Einige Minuten lang geht das sicher so weiter, bis er sich entschlie├čt, doch im Ge├Ąst eines gro├čen Baumes Schutz zu suchen.

Wieder bin ich dankbar daf├╝r, den Weg gehen zu d├╝rfen. Solche kleinen Erlebnisse am Stra├čenrand, ob Gespr├Ąche mit Menschen, Entdeckungen zwischen Steinen und an B├Ąumen oder Begegnungen mit Tieren machen die Wanderung bemerkenswert und abwechslungsreich.

Eine wahre Oase nach den schattenlosen Kilometern ist Lampertswalde. Man tritt aus den immer gelber werdenden Kornfeldern und dem Staub des Weges herein in einen Mikrokosmos, erstehend aus dem Schutz alter Eichen und dem Gr├╝n des Schlo├čparks mit seinen Wiesen und Teichen.  Hier einfach mal ein St├╝ndchen verweilen oder besser  zwei ? Das direkt am Park gelegene, einladend wirkende Restaurant schlummert noch w├Ąhrend der Schlie├čzeit ein wenig vor sich hin.

Leicht knarzt das T├╝rchen zur Sakristei der Dorfkirche, als ich vorsichtig eintrete. Angenehm dunkle K├╝hle streicht mir entgegen, ist Balsam f├╝r Augen und erhitzte Haut. Mehrere Sitzgelegenheiten, ein Korb mit reifen ├äpfeln und Getr├Ąnke stehen bereit, die Rast angenehm zu machen. Hier gibt man sich den Stempel ins Pilgerheft selbst und wer m├Âchte, darf ins G├Ąstebuch eintragen.

….  bei ├╝ber 30┬░C durch die sch├Ânen Felder, der Blick reicht weit, die F├╝├če ├╝bernehmen den Stre├č des Kopfes. Diese Art des „unterwegsseins“ ist so einfach… wenn auch nicht m├╝helos. Danke f├╝r den stillen, k├╝hlen Raum und das Wasser …

Man m├Âchte eigentlich nicht mehr in die Mittagsglut und einfach Siesta machen. Weiter! Dahlen ist die n├Ąchste von der viaregia gequerte Stadt. Die Hitze ist wirklich schwer auszuhalten, ich k├Ânnte locker bei einem “ Wet T-Shirt Contest “ mitmachen. In der Stadtverwaltung frage ich nach dem Stempel und einer Toilette. Beides wird mir gern und freundlich gew├Ąhrt. Auf dem ├ľrtchen wasche ich mein Shirt und ziehe es gleich so na├č wie es ist ├╝ber. Beim verlassen des Geb├Ąudes schl├Ągt mir die Hitze sofort wieder entgegen. Binnen einer halben Stunde wird das blaue Merino wieder trocken sein. Bis dahin spendet die Feuchtigkeit angenehme Frische auf der Haut. Am Ortsausgang gibts noch eine Eichsfelder Cola zum gleich trinken. So bin ich gewappnet f├╝r die n├Ąchsten Kilometer Landstra├če. Rechts und links erstrecken sich abgreifende Felder, oben brennt Frau Sonne auf mich hernieder, von unten strahlt der Asphalt. Ein Linienbus peitscht an mir vorbei. Von Westen her t├╝rmen sich dunkle Wolkenberge und hei├čer Wind kommt auf.  Gewittrige Stimmung liegt in der gespannten Luft. Nat├╝rlich kann ich die Eisdiele in B├Ârln nicht ignorieren. Gerade unter dem Vordach mit Sitzgelegenheit Platz genommen, geht der erste Schauer nieder, doch nach 5 min. ist es wieder vorbei.

Bald werde ich mir ein Lager f├╝r die Nacht suchen. Die moderne Pilgerrastst├Ątte in Dornreichenbach ist jedoch entgegen meiner Annahme nicht zum ├╝bernachten gedacht und hat auch schon geschlossen. Also beschlie├če ich , wieder in den Feldern zu n├Ąchtigen. Schon die ganze Zeit ziehen Gewitter umher, mal von Ferne mal recht nahe. Blitze zucken, Donner grollt. Nun aber flott das Tarp aufgeschlagen. Kaum habe ich mich h├Ąuslich eingerichtet, bricht eine Gewitterfront ├╝ber mich herein. Das Tarp flattert im Wind und ein Hering verabschiedet sich auf nimmer Wiedersehen in hohem Bogen Richtung Weizenfeld. Schnell wird ein stabiler Ast eines Birnbaums als Hering umfunktioniert und alle Leinen und Befestigungen nochmals nachgezogen.

Ein Schauspiel dieser Art habe ich noch nie so der Natur ausgesetzt mitereleben d├╝rfen. Es regnet so stark, da├č ich mich nur einseifen mu├č. Den Rest erledigt der Himmel. Frisch „geduscht“ und nach Dr. Bronners 18 in 1 Lavendel duftend, schl├╝pfe ich in den Schlafsack und lasse das Gewitter tun, wozu es hergekommen ist. Gerade f├╝hle ich mich als Teil meiner Umwelt, nicht als Fremdk├Ârper. Deshalb habe ich keine Angst, auch wenn die Gewalten um mich herum ein anst├Ąndiges Theater veranstalten. Noch bis weit in die Nacht geht das Spektakel. Gegen Morgen ist der Spuk vorbei, die Natur ist wie gewaschen, eine leichte Brise flattert das Tarp trocken und die Sonne l├Ą├čt die Regentropfen in den Weizen├Ąhren und auf den Bl├Ąttern der B├Ąume wie Glasperlen glitzern.

Bald schon legt sich eine Wolkendecke ├╝ber den Himmel. Ein angenehm k├╝hler, grauer Wandertag steht bevor. Als Tagesziel habe ich mir mindestens Machern auserw├Ąhlt. Doch erst will Wurzen bezwungen werden. ├ťber ruhige Wege durch landwirtschaftlich gepr├Ągte D├Ârfer, entlang an Wiesen und Weihern kommt man langsam in den Dunstkreis der Stadt. Je mehr das Zentrum naht, umso besch├Ąftigter wird die Umgebung. Ungewohnt nach den vielen Kilometern durch die Natur. Dazu gesellt sich noch ein monotones Hintergrundger├Ąusch, welches noch identifiziert werden will.  Wurzens Herz befindet sich an seiner Peripherie. Hoch und st├Ąmmig ragen die M├╝hlent├╝rme in den Himmel und von da geht der Herzschlag der Stadt aus. Es wird noch lange dauern, bis der Schall der Maschinen von anderen Umgebungsger├Ąuschen ├╝berzeichnet wird.

Eine Zeit lang f├╝hrt der Weg an der Mulde entlang, quert ihn bald, um sich wieder westw├Ąrts gen Leipzig zu orientieren. Kurz vor Machern hat sich jemand viel M├╝he gegeben, den Pilgern einen angenehmen Rastplatz zu bieten. Die gem├╝tliche Bank, ein Glas Bonbons und das Heftchen zum hineinschreiben im K├Ąstchen laden zum verweilen ein. Dort darf ich auch meine Wasservorr├Ąte auff├╝llen und wir unterhalten uns kurz. Nicht weit entfernt gibt es eine Pilgerherberge. Elke ist den Weg selbst schon gegangen und bietet nun ihrerseits den m├╝den Wanderern eine Bleibe an. Wir treffen uns, die Freude ist gro├č. Ich darf sogar duschen und rasch sind zwei Stunden auf der Veranda sitzend, erz├Ąhlend, bei Limo und Keksen verrannt. Nur ungern breche ich aus dieser gem├╝tlichen Atmosph├Ąre auf, doch ein St├╝ck des Weges m├Âchte ich, jetzt frisch gest├Ąrkt, doch noch gehen.

Auf der Karte zerschneidet der Pilgerweg ganz selbstbewu├čt einen Golfplatz, um sich dann wieder in die B├╝sche zu schlagen. Schon von weitem sticht wei├čes Tuch aus dem perfekt getrimmten Gr├╝n der Anlage. Unter den wei├čen Bannern mit schwarz-roten Lettern auf goldenem Emblem stehen deutschakurat selbige Sportwagen geparkt. Sekt wird gereicht und so mancher Karossenbesitzer im mond├Ąnen Sportdress versucht sein Gl├╝ck auf dem Gel├Ąnde. Wie automatisch erh├Âht sich meine Schrittfrequenz und bald verschluckt mich der Tresenwald.

Ein Anruf holt mich wieder in die Realit├Ąt zur├╝ck. Nichts schlimmes und doch liegt in der Stimme meiner Frau ein Unterton, der in meinem Bewu├čtsein einen Schalter umlegt und mich dem Weg entrei├čt. Ich mu├č heim! Das sage ich nicht, es steht einfach fest.

So gern h├Ątte ich mich noch mit Freunden in Borsdorf getroffen, doch jetzt z├Ąhlen andere Dinge. Schon zu lange auf den Beinen, der Rucksack ist schwer, mu├č schneller werden! Kurz bevor Leipzig seine Tentakel ausstreckt leere ich meine Wasservorr├Ąte ( immerhin 5l ) in einen Blumenk├╝bel an der Stra├če. Blick auf die Uhr. Ja, das kannst du schaffen! Zwei Schritte schneller, noch zwei. Durch die Schlafsiedlungen am Rande der Stadt. Vormals waren das hier eigenst├Ąndige Gemeinden. Jetzt kann man nicht mehr zwischen Land und Stadt unterscheiden. Der L├Ąrm, der von B6 und A14 ausgeht ist zerm├╝rbend und f├Ąllt mir sofort auf. Wer mag wohl hier f├╝r viele Euro je Quadratmeter sein Nest f├╝r Familie und Kids bauen wollen? Es gibt Smog in allen Facetten: L├Ąrm, Licht und Abgase. Ich f├╝hle mich gestresst, schon beim blo├čen Durchlaufen dieses Gebietes. Noch ein paar hundert Meter bis zum Bahnhof Engelsdorf.

Geschafft!

Die durchgeschwitzten Klamotten fliegen umher, Schuhe und Socken. Alles wird gegen gesellschaftsf├Ąhige Kleidung mit halbwegs zivilisiertem Geruch getauscht. Der Automat spuckt mir das Tiket entgegen. Auf der anderen Seite macht eine Horde Kids auf Fahrr├Ądern und mit einer dr├Âhnenden Boom – Box bewaffnet den Bahnsteig unsicher. Ruhiger wirds erst, als einer der Jungs ein riesiges Spinnennetz inklusive beachtenswertem Eigent├╝mer an einer Laterne bemerkt. Pl├Âtzlich sind sie interessiert.

Schon rollt der Zug ein. Innerhalb weniger Minuten wird mein Weg der letzten Tage r├╝ckw├Ąrts abgespielt. Dann schluckt die Dunkelheit die Landschaft und die Innenbeleuchtung spiegelt sich im Fensterglas. Um 0:01 werde ich zu Hause angekommen sein.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  ├ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  ├ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  ├ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  ├ändern )

Verbinde mit %s