­čŹÇEtappe I – ├ľkumenischer Pilgerweg (G├Ârlitz-Gro├čenhain)

 

Die ├Ąlteste Form des pilgerns ist , es F├ťR jemanden zu tun.

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Der erste Schritt.

 

Es beginnt auf der polnischen Seite der Friedensbr├╝cke. Durch die wundersch├Âne & historisch absolut bemerkenswerte G├Ârlitzer Altstadt und deren Peripherie hinaus in die Felder und durch die K├Ânigshainer Berge f├╝hrt mich die erste Etappe meines Weges. Der ├Âkumenische Pilgerweg ist Teil des europ├Ąischen Jakobswegenetzes und kann mit einer der besten Infrastrukturen f├╝r Pilger deutschlandweit aufwarten. Wegf├╝hrung, Herbergsangebote und die Aufgeschlossenheit der Menschen entlang des Weges sind erfrischend, machen jeden Schritt leichter, vergn├╝glicher.

Leute, die ihn gegangen sind, sind sich einig: „Die Oberlausitz ist eine Perle am Wegesrand. Besser noch, der Weg f├╝hrt genau durch diese Perle hindurch.“

Im Zyklus des Jahres pr├Ąsentiert sich die Natur in neuem Gewand und will bewundert werden. Das Auge wird gefordert, an den ├╝ppig weichen Rundungen,┬á die sich im S├╝den mit den H├Âhenz├╝gen der angrenzenden Gebirge vereinen, entlang zu streichen, sich dabei aber nicht zu sehr in der Weite zu verlieren, um die kleinen Begegnungen am Wegesrand nicht zu verpassen. Die Distelbl├╝te mit dem Kohlwei├čling, der so verliebt in deren Nektar ist, wird der in Silber gefasste Amethyst um den Hals unserer Sch├Ânen. Die wie aus einer anderen Welt scheindende und doch so n├╝tzliche Marienk├Ąferlarve ist er wackere Ritter, der Ungeziefer aus ihrem Reich vertreibt. Der dicke, schwarz gl├Ąnzende Mistk├Ąfer auf dem laubbedeckten Weg, der mir schon als Kind bei jeder Begegnung ein erstauntes Gl├Ąnzen in die Augen gezaubert hat und dies noch heute tut, wird zum Onyxring, der ihre Hand ziehrt.

Es ist so einfach, einen Fu├č vor den anderen zu setzen in dieser sch├Ânen Umgebung. Nicht leicht nat├╝rlich, wenn der Weg sich bergan bis zum Hochstein schl├Ąngelt, die Knie gefordert werden, wenn es auch wieder hinunter geht, aber einfach.

Im liebevoll gestalteten und f├╝r Pelegrinos wunderbar ausgestatteten Pfarrhof zu Arnsdorf verweilt man gern, holt sich wom├Âglich seinen ersten Stempel auf den Pilgerausweis mit dem guten und wertvollen Rat, ein St├╝ck Serviette zwischen die Seiten zu legen. „Damit die Tinte nicht verwischt.“ So wird auch sie ein Teil des Weges und hat das Abenteuer ihres Lebens beim aufsaugen der Tinte aus den verschiedensten Regionen, aus Kirchen, Herbergen und Selbstbedienungsblechkisten hinter aufschiebbaren Holzfenstern am Wegesrand.

 

Als die Sonne den Feierabend einleutet, sammeln sich die Schwalben zum Abendkonzert. Die F├╝├če stimmen dem Kopf zu und ein Nachtlager wird ausgesp├Ąht. Ein paar Bissen zur Nacht, ein liebes Telefonat mit zu Hause und der Schlaf kommt. Gelassen und ruhig, aber mit voller Kraft.


 

Zwei.

Die Eiche bietet am Morgen dem Zelt nur wenig Schutz vor der noch tief stehenden Sonne und deren W├Ąrme. Heut wird ein hei├čer Tag. Gehen ist das Ziel. Vorher: Ruhige Minuten beim Blick in die blauen Fl├Ąmmchen des Kochers. Sein leises Fauchen mischt sich ins Morgenlied eines Vogels. „IM NU“ Malzkaffee ist ein Highlight des Tages. Beim Aufbruch werden nur Erinnerungen mitgenommen und nur Fu├čspuren hinterlassen. #leavenotrace

Zwischen Feldern und kleinen, schick gemachten D├Ârfern f├╝hrt der Weg gen Wei├čenberg. Eine Kindergartengruppe erkundet den Wald. „Kuck ma, der Alte mit dem gro├čen Rucksack!“, h├Âre ich. Kindermund tut Wahrheit kund.

Eine granitene Bank auf dem Marktplatz im Schatten des Museums „Alte Pfefferk├╝chlerei“ l├Ądt ein, die versprochenen Zeilen an Freunde & Familie zu Papier zu bringen und in die Post zu geben.┬á Ein Rucksack mit Muschel biegt um die Ecke und verschwindet aus dem Blickfeld. Ein nettes Gespr├Ąch mit einer Frau aus dem Museum.

Gr├Âditzer Skala. Hier hat das L├Âbauer Wasser erneut ganze Arbeit geleistet und ein liebliches Tal geschaffen. Die Einbaumbr├╝cke hilft beim ├╝berqueren des Flusses. Schmale, weiche Pfade f├╝hren an alten B├Ąumen vorbei zu Lichtungen und durch meterhohes, ├╝ber und ├╝ber bl├╝hendes Springkraut hindurch, dann aprupt steil hinauf zum Gr├Âditzer Schlo├č und zur Pilgerherberge. Dort gibts sonnenbeschirmte Ausruhm├Âglichkeiten, nette Gespr├Ąche mit Handwerkern, die im und am Schlo├č werkeln und ein Kaltgetr├Ąnk plus Stempel in den Ausweis. Schnell wird noch der Herbergsmutter zur Hand gegangen beim ausladen des Einkaufs und schon verlasse ich Gr├Âditz Richtung Wurschen. An einem schattigen Rastplatz einige Meter hinter der Riegelm├╝hle f├Ąllt der selbstgetragene Lastenesel vom R├╝cken. Nur 10 Minuten. Die Schultern jubilieren. In der Waagerechte angekommen, geben sich die Augen geschlagen und die Lider fallen zu…. f├╝r 15 Minuten…

 

Einige Perlen liegen am Wegesrand. Man braucht sie nur mit den Sinnen aufzusammeln. In Wurschen ist es das Wasserschloss mit herrlichem Schlosspark. Im wundersch├Ânen Drehsa sind es bl├╝hende Bauerng├Ąrten, liebevoll restaurierte Fachwerkh├Ąuser, der alte Wasserturm mit Aussichtsfunktion und das Schlo├č mit seinem hoffnungsvollen Neubeginn und der tragischen Geschichte.

Drehsa und Kubsch├╝tz verbindet ein Hohlweg mit Obstbaumallee. Ein Mann pfl├╝ckt Birnen und schenkt mir ein paar der s├╝├čen Fr├╝chte. „Kaum einer schert sich um die Fr├╝chte. Lieber wird im Supermarkt gekauft. Hier w├Ąre es kostenlos und doch keines wegs umsonst.“ Ein „Sch├╝ttle mich“ verhallt auch hier nur all zu oft ungeh├Ârt. W├Ąhrend wir es uns schmecken lassen, gibt es interessante Erz├Ąhlungen zur Gegend und Neuigkeiten entlang des Weges. Ein Herr ├Ąlteren Semesters wurde am Weg gesehen. Er sei aus der Schweiz, hei├čt es und er habe k├Ârperlich einige Schwierigkeiten. “ Vielleicht triffst du noch auf ihn“.

Die Sonne meint es gut. Zu gut, will man fast meinen. Der Rucksack wird schwer, aber der Weg ist so sch├Ân.

Entlang meines Weges finde ich immer wieder M├Âglichkeiten zum Verweilen. Aufgestellte B├Ąnke und liebevoll gestaltete Sitzecken laden dazu ein. Auch in Kubsch├╝tz wird man f├╝ndig. Eine Nachbarin sorgt f├╝r Bewirtung mit kalten Getr├Ąnken und erz├Ąhlt von lustigen und zum nachdenken anregenden Begebenheiten hier am Pilgerweg.

Gegen Abend, die Silhouette der Bautzener Vorstadt mit Einkaufsl├Ąden, Fachm├Ąrkten, Tankstellen und Neubauten ist greifbar, bietet sich ein gesch├╝tzter gr├╝ner Streifen an einem Bach als Unterschlupf und Nachtlager an. Schnell ist das Zelt aufgeschlagen, die F├╝├če im Bach heruntergek├╝hlt. Ein kleines Nachtmahl ist schnell gezaubert. Zu sp├Ąt bemerke ich allerdings die Ameisenautobahn vor dem Eingang. Aber mit einem gro├čen Schritt meinerseits k├Ânnen unn├Âtige Opfer vermieden werden.

 


 

Tag drei

In der Nacht plagt mich ein leichter Schmerz in den Beinen. Nichts gewohnt halt und Muskelkater. Fr├╝h am Morgen die ├╝bliche Zeremonie. Essen, trinken, waschen, packen. Noch eine Minute die Ruhe genie├čen, eine Hundel├Ąuferin kommt vorbei. Auf nach Bautzen, die Hauptstadt der Sorben. Reich an Geschichte und Geschichten haben die Mauern viel zu erz├Ąhlen. Graffittis machen selbst die tristeste Reihengaragenr├╝ckwand zum Kunstobjekt, die abgebr├Âckelte Betonmauer ziert eine von K├Ânnerhand aufgebrachte Buchstabenreihe. Ja, die st├╝mperhaft dar├╝bergeschmierten Tags st├Âren, wie schon immer. Efeu, Brombeere und Hagebutte steuern das St├╝ck Quotennatur bei. Manch allzu vernachl├Ąssigtes Geb├Ąude wird zur├╝ckerobert und besetzt: Pilze und Moose bereiten den Weg und die schwere Technik kommt in Form von Ahorn, Birke und Schlingpflanzen daher.

Durch die baumbestandene Promenade herunter zur Stadtmitte tragen mich die F├╝├če ├╝ber den Holzmarkt vorbei an L├Ąden und stickerprangenden Stoppschildpfosten in Richtung Dom. Noch ein wenig Zeit zum ausruhen bleibt, bis der seine Pforten ├Âffnet. Heute ist Orgelintonation. Leise z├╝nde ich eine Kerze an, bin in Gedanken bei den Lieben und lausche wie der K├Ânigin der Instrumente Manieren beigebracht werden.

Ein Softeis auf die Hand, kurzes┬á Verweilen am Brunnen und schon f├╝hrt der Weg hinab zu den Grundmauern der Stadt. Hier unten an der Spree liegen die ├Ąltesten , mit Geschichte nur so getr├Ąnkten Geb├Ąude. Das historische Pflaster fl├╝stert im vorbei gehen die Geschichten, die sich hier wohl zugetragen haben. „Nimm dir Zeit, setz dich doch, h├Âre zu…“

 

Von den Wurzeln der Stadt f├╝hrt der Weg stets bergan ins sorbische Umland. Zeit f├╝r eine St├Ąrkung genehmige ich mir an einer Granits├Ąule, die an die Zeiten der Landvermessung erinnert. Immer wieder Blicke zur├╝ck auf die im leichten Dunst liegenden T├╝rme der Stadt.

Die Sonne meint es gut. Manch alter Stra├čenbaum gew├Ąhrt Schatten f├╝r Momente. Am Milleniumsdenkmal nahe Schmochtitz, direkt am Rande des Weges nehme ich erneut das Angebot einer Holzbank dankend an und raste, lange. Die F├╝├če danken es mir mit erleichtertem Fortkommen.

Schon naht der Mittag. Rucksack runter, Schuhe aus, Socken weg und aaahh… das k├╝hle Na├č des Schwarzwassers tut F├╝├čen und Waden gut. Wasserpflanzen umschl├Ąngeln meine F├╝├če sanft. Hartkeks und Minisalami erfreuen den Gaumen. 5 min. nicke ich ein.

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Weiter windet sich die wie ein asphaltierter Hohlweg geformte Stra├če durch die Felder. Hitze, und das st├Ąndige schief gehen setzen mir zu und so wechsle ich ab und an die Stra├čenseite. Ob das nur mir schwer f├Ąllt, so zu gehen? Ein Anwohner spricht mich an, meint, meine Pein zu erkennen, bietet mir Wasser an und ein nettes Gespr├Ąch ( mit Erhohlungseffekt) ├╝ber die Landwirtschaft ist eine immer willkommene Abwechslung. „Besuch doch die netten Damen in der Pilgeroase“ und „Gl├╝ck auf den Weg“, h├Âre ich noch . Schon weisen auch Schilder die richtige Richtung.

„Kommen Sie! So ein schwerer Rucksack. Setzen sie sich doch! Was zu essen? Zu trinken? Duschen? Hier bleiben? oder weiter ziehen?“ Die Dorfmitte am Fu├če der Kirche zu Crostwitz bietet den Pilgern ein Kleinod zur Erholung, Rast und St├Ąrkung. Drei Damen sorgen sich wirklich r├╝hrend, erz├Ąhlen, nehmen sich Zeit und organisieren bei Bedarf . Gern nehme ich das Angebot an und h├╝pfe erstmal unter die Dusche. Erfrischt und frohen Mutes geselle ich mich zu den anderen unter den Sonnenschirm und genie├če ein St├╝ck Kuchen.

„Wir haben einen Gast aus der Schweiz.“ Bald gesellt dieser sich zu uns. Ein ├Ąlterer Herr, der schon viel erleben durfte auf dieser Welt. Er erz├Ąhlt, er h├Ątte H├╝ftprobleme und diese schiefen Stra├čen h├Ątten ihm den Rest gegeben. Oben in der Kirche habe er ein Sto├čgebet gen Himmel gesandt und darum gebeten, da├č ihm Hilfe zuteil werde, sonst k├Ânne er nicht weiter. Und die Hilfe kommt in Form der „Pilgeroase Crostwitz“ daher. Unglaublich f├╝r ihn. Sofort fingen die Damen an, sich f├╝r ihn ins Zeug zu legen, um ihm den Aufenthalt so bequem wie m├Âglich zu machen, und eine Weiterreise wieder in greifbare N├Ąhe zu r├╝cken. Ein gangbares Fahrrad wird aus dem Schuppen geholt. „Damit kannst du deinen Weg fortsetzen!“ Bis Leipzig m├Âchte er es schaffen, aber wohin mit dem Fahrrad? „Kein Problem, lass es einfach bei einer Freundin dort stehen, es kommt schon irgendwie wieder heim.“ Er ist gl├╝cklich. Nach einer Probefahrt steht fest, keine Schmerzen beim Fahren. Hurra!

Mich zieht es weiter. Ein Blick zur├╝ck in Dankbarkeit ├╝ber die kennengelernten Menschen und die Gastfreundschaft. Ein wundersch├Âner Hohlweg f├╝hrt mich in den Sonnenuntergang und in Richtung Panschwitz – Kuckau.

 

Unterwegs h├Ąlt eine Frau an, erkundigt sich nach meinem Befinden und bietet eine Unterkunft an.┬á Ich danke vielmals, doch das Zelt ruft.

Panschwitz – Kuckau , eine Hochburg der katholischen Sorben und bekannt f├╝r sein Kloster St. Marienstern (Pilgerherberge), sowie das allj├Ąhrliche festliche Osterreiten quere ich in der Abendd├Ąmmerung der L├Ąnge nach. Mitten zwischen den Feldern, an einem ruhigen Feldweg, hinter Hagebutten und Haselnu├čstr├Ąuchern versteckt, entsteht fix das Nachtlager. Die Sonne gl├╝ht hinter dem Horizont noch nach und f├Ąrbt den Himmel rot, w├Ąhrend der Kocher sein leises Lied anstimmt. Friedliche Minuten.


 

4.

Im Morgengrauen bringt eine Mutti ihre Kids zum Kindergarten. Der Strahl des LED – Fahrradlichts streift blau und lautlos durch das Zelt.

Zeit aufzubrechen!

Durch die Fluren und wundersch├Ânen D├Ârfer l├Ąuft es sich trefflich. Kamenz: Was f├╝r eine Freude. Ich treffe den immer noch fr├Âhlichen Schweizer an einer Gedenkst├Ątte f├╝r Opfer eines KZ’s. Wir nehmen uns lange Zeit zum erz├Ąhlen. Er bekr├Ąftigt nochmals, wie froh er ist, diesen Weg weiter bestreiten zu k├Ânnen. Das Fahrrad ist Gold wert. Wir verabschieden uns, auch wenn es unwahrscheinlich erscheint,┬á mit „Auf Wiedersehen !“. Ich nehme eine schmale Steintreppe Richtung Innenstadt.

Knatternde alte Gef├Ąhrte, unkatalysierter Vier- und der so an „fr├╝her“ erinnernde Zweitaktgeruch liegen in der Luft. Am Hutberg scheint ein Oldtimertreffen zu sein. Motorr├Ąder, Autos und LKW – Veteranen k├Ąmpfen sich tapfer die steile Stichstra├če hinauf. Manche so langsam, da├č man meint, sie zu Fu├č ├╝berholen zu k├Ânnen. In der „Gipfelbaude“ dann benzinhaltige Gespr├Ąche mit den Bedienern der Klassiker. Als Belohnung f├╝r den steilen Aufstieg k├╝hlen viele ihre Kehlen mit frisch gezapftem. F├╝r den┬á hungrigen, abgek├Ąmpften Wandersmann gibts Bockwurst mit Senf und Semmel, sowie einen gro├čen Spezi.

Wieder bergab und weiter zieht sich mein Weg an Feldern , Obstbaumalleen und W├Ąldern entlang. In Reichenau pl├Âtzlich Gegacker scheinbar mitten im Wald. Eine Gefl├╝gelfarm mit Freilandhaltung.

Eigentlich ist es Zeit f├╝r ein Eis. In K├Ânigsbr├╝ck werde ich sicher f├╝ndig. Belohnung mu├č sein! 5 min. vor 6 komme ich auf dem Marktplatz an und sehe, wie die Eisverk├Ąuferin gerade ihren Aufsteller vom B├╝rgersteig nimmt. Noch einen Schritt schneller, mit festem Blick auf die Dame. “ Kann ich noch…..?“. „Ja, Ja, keine Eile, ich hab Sie schon kommen sehen.“, f├Ąllt sie mir lachend ins Wort. 3 Kugeln wechseln den Besitzer, PLUS eine zus├Ątzlich und kostenlos als Pilgerrabatt. Sehr dankbar und stolz auf dieses wirklich wunderbare Eis, grinse ich vor mich hin und sogar ein kleiner Junge mit seinen Eltern freut sich und staunt ├╝ber diesen “ Vierer im Lotto“. Sie w├╝nscht mir einen guten Weg und r├Ąt mir, nicht im Dunkel durch die Heide zu gehen, wegen der W├Âlfe. Selig schlendere ich auf dem Gehweg hinunter Richtung Kirche. Von Weitem sehe ich schon Menschen zu mir schauen. Der K├╝ster ist gerade auf dem Weg zur Kirche und l├Ąd mich auch gleich zur Besichtigung des Glockenturms ein. Mit Eis geht man nicht in die Kirche! Deshalb danke ich von Herzen, mu├č aber leider ablehnen, so sehr mich das auch interessiert h├Ątte. „Dann schicke ich dir das Abendgel├Ąut mit auf deinen Weg.“

W├Ąhrend ich die historische Br├╝cke ├╝ber die Pulsnitz ├╝berschreite, klingt es aus dem Turm und es f├╝hlt sich an, als ob die Glocken diesmal nur f├╝r mich spielen.

Am Armenhaus, einem historischen, liebevoll wieder instandgesetzen kleinen Geb├Ąude am Rande der Weges gibt es eine gem├╝tliche Bank, einen Apfelbaum, der ├╝ber und ├╝ber mit reifen Fr├╝chten prahlt und einen hinter einem Schiebefenster versteckten Stempel in den Pilgerausweis. Dort kann man als Pilger auch ├╝bernachten. Die Abendsonne l├Ą├čt mich auf der Bank noch etwas verharren und einfach den Moment genie├čen.

Hinaus aus der Stadt, ein St├╝ck entlang der Peripherie gelangt man direkt in die Lau├čnitzer Heide. Sie vereint sich n├Ârdlich mit dem Naturschutzgebiet K├Ânigsbr├╝cker Heide zu einem riesigen zusammenh├Ąngenden Wald.┬á Dort sollen die W├Âlfe ihr „Unwesen“ treiben. So nehme ich die gesammelten Kr├Ąfte aus Eis, Pause und freundlichen Worten zusammen und begebe mich auf den ca. 5 km langen Pfad in den Wald hinein. Ein letzter Sonnenstrahl kleidet die kleine Lichtung in Gold und zaubert ein Glitzern in die B├Ąume. Nach einer Weile wird es still. V├Âgel beenden mit einem letzen Zwitschern ihren Tag. Die D├Ąmmerung bricht rasch herein und bald kann man den Weg nur noch erahnen. Kein Problem, sich hier im Dunkel zu verlaufen, denn auch die wegweisenden Muschelzeichen sind kaum mehr erkennbar. Wenn das Auge nachl├Ą├čt, werden die ├╝brigen Sinne wacher. Jedes knacken im Wald wird registriert und l├Ą├čt einen aufmerken.

Kurz bevor sich der Weg g├Ąnzlich im Schwarz der n├Ąchtlichen Heide verliert, tauchen Lichter zwischen den B├Ąumen auf. Die ersten Vorposten der zur├╝ckgewonnenen Zivilisation zeigen sich in Form von Laternenmasten und tragen schon zu einer gewissen Erleichterung bei.

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Es soll hier in Tauscha eine Pilgerherberge geben. Ein wenig ziellos irre ich durch den Ort. „Hallo, suchen Sie etwas?“, kommt eine Stimme aus der Dunkelheit. „├äh, ja die Pilgerherberge. Ich bin etwas sp├Ąt dran.“ Freundlich bekommt der abgek├Ąmpfte Typ mit dem riesigen Rucksack eine kurze und einfache Wegbeschreibung zur “ Pension am Heidebogen“.

Wenig sp├Ąter werde ich v├Âllig unerwartet schon erwartet. Als ich aus dem Schatten trete, bin ich dann doch nicht der Erwartete. Nichtsdestotrotz werde ich herzlich eingeladen. Und wer sitzt mit am Tisch? Der Schweizer und das M├Ądchen, von dem ich in Wei├čenberg vor Tagen nur die R├╝ckseite des Rucksacks zu Gesicht bekommen hatte. Die Freude ist gro├č, das „Auf Wiedersehen !“ in Kamenz war gerechtfertigt und es gibt sofort einiges zu erz├Ąhlen.

Da gerade die Pension umgebaut wird, darf ich im eigenen Zelt auf der Wiese campieren. „Wir sehen uns morgen zum Fr├╝hst├╝ck“. Die Herbergsmutti fl├╝stert mir noch schnell zu, da├č das M├Ądchen morgen Geburtstag hat. Flux wird im Schein der Stirnlampe aus ein paar Lederst├╝ckchen, Riemchen und Garn ein kleiner Talisman gezaubert, bevor der Schlaf kommt.


 

Day Five

Gleich gibts echtes Fr├╝hst├╝ck. Ich bin hell wach, trotz der > 30 km gestern. Als alle bei Kaffee, selbstgemachter Marmelade und warmen Br├Âtchen in der gem├╝tlichen Kutscherstube zusammen sitzen, gibts sogar ein St├Ąndchen f├╝r das Geburtstagskind. Der Talisman wird ├╝bergeben und zaubert ein L├Ącheln. Nachts kam noch ein Besucher der anderen Art. Er hat im leeren Pferdestall ├╝bernachtet. Der kleine ist so niedlich und doch wehrhaft in seinem Stachelkleid.

Ein Erinnerungsfoto sp├Ąter stehen wir gut gef├╝ttert wieder auf der Stra├če und entscheiden, ein St├╝ck des Weges gemeinsan zu gehen. Bald verabschiedet sich der Schweizer nochmals sehr herzlich und radelt davon, dreht nach ein paar Metern nochmal um, kommt wieder auf uns zu, winkt wie verr├╝ckt und lacht, um nach einer erneuten Kehrtwendung endg├╝ltig zu entschwinden.

Trotzdem wir Fremde sind, gibt es viel zu erz├Ąhlen. Das macht das Laufen kurzweilig und die Kilometer vergehen schneller. Bereits reife Fr├╝chte vom Wegesrand werden gern und dankend angenommen. Bei Thiendorf kreuzen wir die A13 und steuern auf die bunt geschm├╝ckte Gemeinde Sch├Ânfeld zu. Scheinbar platzen wir mitten in ein Fest hinein. Im alten Wasserschlo├č spielt eine Kapelle und viele Menschen sind auf den Beinen. Einige sch├╝tteln uns die H├Ąnde und w├╝nschen uns „Bon Camino“. Wir sind die einzigen mit gro├čen Rucks├Ącken hier und stechen daher vielleicht etwas aus der Masse heraus. Perplex sind wir trotzdem.

Viele der Figuren und aufgestellten Dinge am Wegesrand weisen auf den Pilgerweg nach Santiago hin. Die Eisdiele braucht noch ein paar Minuten, bis die Leckereien fertig sind. Die nutzen wir, um unseren F├╝├čen etwas Luft zu verschaffen. Meine F├╝├če machen sich zwar bemerkbar und melden zuverl├Ąssig n├Âtige Pausen, verrichten aber sonst ihre Aufgabe sehr gut und ohne Blasen. Anders bei ihr. Schnell wechseln gro├čz├╝gig Blasenpflaster den Besitzer und kommen auch gleich zum Einsatz. Sieht etwas schmerzhaft aus. “ Eis ist fertig „, ruft es um die Ecke. F├╝r jeden gibt es eine gro├če Portion. Das lindert auch das Fu├čweh etwas.

Langsam neigt sich der erste Abschnitt meines Wege dem Ende zu. Doch die Wolken verdunkeln sich schnell und schon gie├čt es wie aus Kannen. Regenschutz dr├╝ber und weiter. Eigentlich ist das prickeln im Gesicht nach der vielen Hitze eine Wohltat.

In Folbern werden wir von meiner lieben Frau und den Kindern abgeholt und fahren gemeinsam noch das kleine St├╝ck nach Gro├čenhain. „Alles Gute auf deinem Weg.“ , verabschieden wir uns.

Doch bevor es heimw├Ąrts geht, mu├č der Auspuff unseres Autos repariert werden. Ein Schwalbenfahrer schenkt uns einen dreizehner Schl├╝ssel. Damit bekommen wir die Schelle wieder fest und k├Ânnen den Heimweg antreten.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

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