Tag 9
07.06.12 (338km ohne die Fährstrecke ) Start 7:00 Remnes, Levang, Nesna, Kilboghamn, Jektvika, RV17 bis Bodø, Moskens, Å
Ein verregneter Morgen. Nach einer kurzen, nicht all zu gemütlichen Nacht ( das Schaffell eignet sich doch besser zum sitzen als zum drauf schlafen ) freue ich mich dennoch über den tollen Panoramablick aus meinem Hüttchen heraus und schmeiße erstmal den Benzinkocher an. 1l Wasser ist in 3 – 4 min am kochen. Mein Emailletippel für IMNU ist in einer knappen Minute heiß. Nebenbei ist die Hütte auch mit warm geworden. Das Bild meiner Family kriegt heute seinen Ehrenplatz neben einer Kerze. Bevor heut die Reise wieder losgeht, noch ein paar Gedanken an die „daheimgebliebenen“, ohne die ich jetzt auch nicht hier wäre.
Wenn ich auf die Karte schaue, wird mir klar, heute ist der Fährentag. Die erste erwartet mich schon um 8:30 und irgendwie schaffe ich es ohne große Planspiele immer gerade richtig da zu sein. Nach 5 min schon öffnet der Kahn sein Maul und es wird eingestapelt.. Motorräder ( auch mit Beiwagen ) kommen in der Regel recht günstig mit, denn es geht nach Länge. Keine 20 Minuten und wir legen in Nesna wieder an.
Die RV 17 zieht sich nahe der Küste um die Fjorde herum. Auf dem Weg nach Norden sollte man, wenn man Zeit hat die RV17 der E6 unbedingt vorziehen. Es ist eine der schönsten in diesem Areal. Hätte ich den Tip eher bekommen, so wäre ich bereits in Grong abgebogen und eher der 17 gefolgt. So habe ich Brønnøysund knapp verfehlt. Dort gibt’s unter anderem den Torghatten, ein ungefähr 300m hohen Berg mit einem natürlichen Loch drin.
Unterwegs an einer Tankstelle gibt’s wieder nen heißen Kakao und ein nettes Gespräch mit dem Kassierer, dem ich mein Leid wegen der noch nicht vorhandenen MMS – Funktion meines Handtelefons ( Sonim Outdoor ) klage. Er sieht es sich staunend an und meint, so ein Teil hätte er noch nie gesehen. Gleich darauf nimmt er seinen Hörer in die Hand und ruft bei dem Anbieter an. Auf norwegisch erklärt er welches Gerät; was nicht geht und 5 min und einen Tastendruck später verrichtet mein Handy auch den MMS – Versand klaglos. Cool. Als ich gehe, spricht mich ein älterer Herr auf deutsch mit schönem Schweizer Akzent an. Er und seine Frau sind auch unterwegs zum Nordkap. Sein Sohn hat Skandinavien schon oft auch mit dem Motorrad bereist und ist der „Reiseleiter“. Nun möchte auch er noch einmal ans „Ende der Welt“. Nach einem netten Gespräch verabschieden wir uns mit „Auf Wiedersehen“, denn wir ahnen, das war nicht das letzte Mal.
In Kilboghamn hat die Fähre gerade abgelegt und so bleibt mir zirka eine dreiviertel Stunde Wartezeit. Es gibt einen Kiosk und ein Klo. Beides suche ich auf und im Warteraum sitzen …. die Schweizer und spielen Karten. Als der Kiosk öffnet, hole ich mir ein leckeres Daim – Eis mit Krokant und verwickle die, wie sich herausstellt polnische Dame, welche den Kiosk bedient, in ein Gespräch. Als ich erzähle, daß ich aus dem Dreiländereck bei Görlitz und Zittau komme, horcht sie auf, denn sie wohnte auf polnischer Seite ebenfalls nicht sehr weit entfernt. So wird es eine recht lustige Plauderei. Zwischen Wetter, polnischen Dieben und verschiedenen Mentalitäten innerhalb Norwegens verfliegt die Wartezeit, während ich durchs Fenster immer einen Blick auf meine Gutste hab. Gerade eben interessiert sich ein deutsches Pärchen, die aus einem „MOL“ – beschilderten Ford aussteigen, für die AWO. Noch 5min Zeit, auch dort ins Gespräch zu kommen. Die Fähre legt an und das Ent – und Beladen beginnt. Diesmal bekomme ich einen Gurt zum sichern der Maschine in die Hand gedrückt.
Die Überfahrt wird ca. eine Stunde dauern und wir werden den Polarkreis überqueren. Vom Schiff aufs Festland zu schauen, ist teilweise noch atemberaubender als anders herum. Der Wind ist sehr frisch, aber die Sonne lugt ein wenig hervor. Ein Schwarm Gänse zieht in militärischer Ordnung dicht über dem Wasser am Schiff vorbei. Ich hole mir ein Sandwich und ( nochmal ) ein Eis. Als ich noch nen Kakao bestellen will, erinnert mich die freundliche Bedienung höflich, daß wir in Kürze anlegen werden. Die Zeit ist verrannt wie nix und ich habe zu tun, mein Eis herunter zu schlingen. Schon ertönt die Aufforderung, sich zu den Fahrzeugen zu begeben.
Sandwich und Klamotten geschnappt und unter Deck. So schnell wie alle anderen Autos und LKWs raus sind, bin ich nicht fertig und schmeiße schnell alles auf den Beiwagen. Der „Entladungsbeauftragte“ hat ein Einsehen mit mir und wartet geduldig mit einem Lächeln. Kaum wieder auf festem Grund, kommen 2 ältere deutsche Herren aus dem Ruhrpott auf mich zu und texten auf mich ein. Ob ich schon beim Elefantentreffen war und dass der eine auch so eine ähnliche BMW hat. Ist ja ganz nett, aber ich bin noch voll mit dem entwirren und verstauen meiner eilig gerafften Sachen beschäftigt und , sorry, höre so nur halb hin. Der kleine Ort wo die Fähre anlegt, ist umrahmt von hohen Bergen und die hindurchführende Straße entsprechend „schlangenartig“. Rechts der RV17 erstreckt sich der Svartisen Nationalpark mit dem nach dem Jostedalsbreen zweitgrößten Inlandeis Norwegens. Eine der Gletscherzungen reicht, was eher ungewöhnlich ist, direkt bis in den Fjord. Man kann diese vom Schiff aus der Nähe besichtigen. Ich begnüge mich mit dem „Cinemascope – Format“ aus der Ferne. Die Straße trägt mich weiter Richtung Bodø. Die engste Stelle zwischen Salt – und Skjerstadfjord überspannt eine elegant gebogene Brücke, unter welcher der „Saltstraumen“- Gezeitenstrom hindurch fließt.
Dies ist der weltweit stärkste Gezeitenstrom. Hier spielt sich alle 6 Stunden ein besonderes Schauspiel ab, denn es fließen während eines einzigen Gezeitenwechsels bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser hin und her. Es bilden sich richtige Strudel an den Rändern und das Wasser schießt mit bis zu 40 km/h da durch. Als ich die Brücke überquere, ist das Spektakel bereits abgeklungen und man sieht nur noch ganz leicht die Verwirbelungen. Bei Løding geht die RV17 in die 80 über und ich halte mich in Richtung Bodø. Das Fährterminal zu finden ist nicht schwierig, die Schilder eindeutig. Da ich ja etwas planlos bin, was die Fährzeiten anbetrifft, bin ich umso erfreuter, eine relativ große Ansammlung an Autos, LKWs und Bobilen ( norw. für Wohnmobil ) warten zusehen.
Ich treffe „alte“ Bekannte wieder. Das Pärchen aus dem brandenburgischen steht und wartet direkt vor mir. Abendbrot. Wir teilen unsere paar „Habseeligkeiten“; Astronautenkaviar gegen ein Paar Wiener mit Ketchup. Bald hält ein Wohnmobil aus Rügen hinter uns und nach 5 Minuten gibt’s die erste „größere“ deutschsprachige Zusammenkunft meiner bisherigen Reise in Skandinavien. Die Kassiererin kommt vorbei, um das Geld für die Überfahrt von uns abzuverlangen. So kriege ich live mit, wie das Pärchen nicht schlecht staunt, daß das Auto über 700 NOK kosten soll. Der Bobilfahrer kippt bei über 2000 NOK bald aus den Latschen und ich frohlocke bei einem zehntel des Preises für mich und meine „Old Lady“. Zu allem Überfluss darf/ soll ich mich ganz vorne vor allen anderen anstellen. Einmal pole position für die AWO.
Auf der Fähre ganz vorne rechts schnalle ich meine Gafährtin wieder fest. Und ab aufs Sonnendeck. Während der Überfahrt darf keiner auf dem Fahrzeugdeck sein. Jetzt hatte ich 4 Stunden chillen und eine Mütze voll Schlaf geplant. Es gibt aber viel zu viel zu erzählen mit den wieder getroffenen Schweizer Leuten und dem MOL – Pärchen.
Während des Ablegens aus dem Hafen stehen wir am Heck und schauen zu, wie sich das Festland langsam entfernt. Noch eine Kurve und dann geht’s los. Für Umweltschutzfanatiker müßen die schwarzen Abgaswolken, die beim hoch drehen der Maschinen aus beiden Schloten stoßen, eher nicht das Highlight der Reise sein. Man spürt förmlich die unheimliche Kraft, die das große Schiff immer schneller durch die ruhige See schiebt. Für mich Gänsekombi – Feeling. Bald sind wir auf offener See und recht schnell unterwegs. Ich hab mich in der Mitte hingesetzt und beobachte wie das Schiff leicht von Backbord nach Steuerbord hin und her rollt. Die meisten Menschen schauen kurz und verschwinden schnell wieder in der warmen Lounge. Das Festland und die Erhebungen an der Küste entlang, deren Spitzen durch eine tief hängende Wolkendecke verhüllt sind, werden kleiner. Ab und an schafft es ein Sonnenstrahl hindurch und gibt ein Schlaglicht auf einen der wie Wächter aufgereihten Berge.
Ich bin gleichzeitig aufgekratzt, geschafft durch die über 320 km, die heute hinter mir liegen und tiefenentspannt durch den sonoren Klang der Maschinen und … DAS NORDMEER… Gut, daß ich die Motorradklamotten an behalten hab. So halte ich es eine ganze Weile alleine an Deck aus und keiner behelligt mich mit meinen Gedanken. Als die Inselkette der Lofoten in Sicht kommt, füllt sich das Deck trotz eisigen Windes wieder. Kein Wunder. Was mir dazu einfällt: FAHRT SELBER DORTHIN UND MACHT DIE AUGEN AUF. Man ist eben einfach überwältigt. Die Mitternachtssonne ( die erste, die ich überhaupt in meinem Leben erblicke ) trägt ihren Teil zu diesem Spiel aus Wolken, Meer, Licht und Felsen bei. Grandios!
Sorry an der Stelle, wenn ich mal bissl zu sehr ins schwärmen gerate, aber ich hab das echt so empfunden. Das entladen dagegen ist wieder durch geschäftiges fuchteln und rangieren geprägt. Ich fahre als letzter raus, habe so diesmal genug Zeit um mich anzuziehen und ein Einweiser verabschiedet mich noch mit für diese Uhrzeit sehr nettem (das galt mir ) und anerkennenden ( das galt der AWO ) Lächeln und einer Hand zum Gruß. Es ist zwischen halb und um 12 nachts und trotz einiger Wolken so hell, daß man ohne Probleme ohne Blitz fotografieren kann. 2 Jungs, die vorbei kommen frage ich nach einer Unterkunft. Sie überlegen kurz, der eine holt ein Telefon raus und gibt mir eine Nummer von ihrem Kumpel, der im Restaurant Brygge in Å, dem Ort mit nur einem Buchstaben arbeitet.
Der ist tatsächlich um 0:00 noch zu erreichen und so bekomme ich für 600NOK ( Lofoten – Touristen – Sonderkondition ) eine sehr schöne, saubere Unterkunft im westlichsten Ort ( gut, die vorgelagerten Inseln mit z.B. Mosken, Væroy, Rost und Storfjellet gehören auch noch dazu ) der Lofoten in einem der dort typischen, Rorbu genannten , auf Pfählen stehenden Häusern. Die AWO darf direkt davor auf den Planken stehen. Vom Zimmer mit lichtundurchlässigen Gardinen und malerischer Aussicht auf den Bootshafen beobachte ich noch kurz, wie die Jungs, die mir bei der Zimmerfindung behilflich waren Fische sortieren und ausnehmen. Übrigens hatte ich hier das beste Bett der Reise. Hatte ich das irgendwo schonmal geschrieben? Kann sein. Das kann auch nochmal vorkommen, weil ich diesen Titel mehrmals hätte vergeben können! Da eigentlich ja schon Tag 10 angebrochen ist, verschiebe ich den Service am Motorrad auf den Morgen und schlafe nach einer warmen Dusche, einem Schluck Wasser und ein paar Bissen Brot selig ein. Hätte nicht gedacht, heute schon bis hierher zu kommen
Technisches:
leichtes klingeln beim Vollgas geben ( z.B. an Steigungen) … 98er Sprit und es hört sich besser an, Ventilspiel geprüft … ok, Motorenöl aufgefüllt … es ist jeden Tag wichtig, bei der Dauerbelastung für den Motor nachzusehen
Tag 10
08.06.12 (327km) Start 10:00 Å, Leknes, Svolvær, Bogen
Guten Morgen. Und es ist ein schöner, sonniger und frischer Morgen. Am Haus gegenüber nisten viele Möwen und das Gezeter ist nicht zu überhören. Die roten blauen, gelben und weißen Häuser mit meist weißen Fenster – und Türeinfassungen leuchten in der Sonne und heben sich wie bunte Farbkleckse von der Umgebung ab. Die Inselkette präsentiert sich heute von ihrer „sanften“ Seite. Ich mache den Service heute etwas auf dem Präsentierteller, direkt vor dem Restaurant und dessen Insassen. Die gucken belustigt, als ich den Benzinkocher anmache und mein Im Nu – Wasser erhitze, während ich Öl auffülle und Ventilspiel kontrolliere. Hier ist Obacht geboten, denn durch die Ritzen der Planken kann sich Werkzeug und Kleinteile schnell auf Nimmerwiedersehen nach unten verabschieden.
Passend zum Gezeter der Möwen gesellen sich die lauten Stimmen von deutschen Touris die nicht grüßen, die AWO aber „geil“ finden. Einer schalmeit seinen Freunden nach, sehr selbstsicher, auch mal etwas zu wissen: „Ey, das ist doch ne alte SIMMONS“. Aber wenigstens haben sie ihren Spaß … „Eat, Sleep, Go Fishing“ …
Die Lofoten sind eine der Regionen, in denen man besonders bei Kaiserwetter mit der AWO nur schwierig voran kommt. Einfach weil man überall anhalten MUSS!!! Es gibt einfach um jede Ecke eine neue „schönste Aussicht“. Nicht ohne Grund wollen auch hier alle hin. Vielleicht mehr wegen der fantastischen Landschaft als wegen des Geruchs. Überall hängen Fische zu Hunderten zum trocknen an hölzernen Gestellen. Tørrfisk (Stockfisch). Manch ein zartes Näschen wird sich wohl daran stören, ich finds passend. Heute im Einkaufsladen hab ich mir mal eine Packung zum probieren geholt. Schmeckt nicht übel und ist sehr gesund. Nur das essen ist etwas schwierig, weils hart ist.
Unterwegs mache ich Halt an einer Bucht mit richtig weißem Sandstrand. Zum Baden lädt die kalte Luft zwar nicht ein, aber für ein Foto reichts. Ich hatte mich auch in letzter Zeit über ein geringes kippeln des Beiwagens gewundert. Heute sehe ich die Ursache: der obere Befestigungspunkt des Beiwagens ist locker. Ein kurzer Halt an einem Bauernhof mit Milchvieh und dem größten Schlepper, den ich auf den ganzen Lofoten sehen konnte ( ein John Deere 6930 ähnlich meinem eigenen). Werkzeug raus, Auge festgezogen, Werkzeug rein, Foto machen. Weiter!
In einem größeren Ort ( ich bin nicht mehr sicher ob Leknes oder Svolvær ) hole ich mir in einem expert – Elektroladen einen Speicherstick und lasse mir gleich wieder alle Bilder sichern. Auf meine Frage, was ich für die Datensicherung schuldig bin, lächelt er und meint: „This service is for free.“ Dafür war der Stick ja teuer genug. Auf dem Parkplatz dann die erste Fehlzündung in Skandinavien. Zwei Frauen, die zufällig hinter mir entlang laufen: Schock! Zwei Männer, bei der Mittagspause, die am Eingang vor mir stehen: Freude und Daumen hoch. Ein kurzes „Sorry!“ zu den Damen und ich fahre los. Unterwegs mache heute mal ein kleines Mittagsschläfchen an einer Haltebucht zu Füßen des Møysalen Nationalparks. Ruck zuck bin ich weggenickt. Als die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, wird’s etwas frischer um die Nase und ich werde munter. Eine halbe Stunde reicht und frisch geht’s weiter.
Es fährt sich gut heute, aber die Eindrücke der Lofoten, welche ich nun fast hinter mir lasse, tun das ihre und so ist die Müdigkeit bald wieder da. In Bogen, einem kleinen , direkt an der E10 und schön an einem Ausläufer des Ofotfjords gelegenen Örtchen fahre ich zunächst vorbei, weil ich keine Lust auf Hotel hab. Etwas weiter sehe ich dann ein im Umbau begriffenes ehemaliges Wirtshaus, an dem „Rom“ und „Hostel“ steht. Das passt mir besser. Vor dem Haus auf einer Bank sitzen 2 Männer und diskutieren angeregt.
Einer gibt sich schmunzelnd als Besitzer zu erkennen, um mir gleich einen Platz anzubieten. Ein paar Minuten später bin ich voll ins Gespräch integriert und meine Unterkunft ist zweitrangig, da er sowieso etwas frei hat. Es geht um norwegische Wasserkraft, deutschen Atomstrom, die verlogene Politik und was wäre, wenn alles zusammenbricht. Nebenbei zeigt er mir stolz seinen alten rostigen Bolinder – Munktell Traktor und berichtet, der Präsident vom „Rolling Anarchy“ – Motorradklub aus Moskau und seine Kumpels, die hier einmal übernachtet haben, hätten den Trekker toll gefunden. Da aber kein Logo mehr auf der Motorhaube war, haben sie einen Klubaufkleber an der Stelle draufgeklebt, als Erinnerung. Eine Stunde später ( gefühlte 10 min ) liegen meine Klamotten immer noch so herum, als wäre ich gerade erst angekommen. Nun aber fix, ehe der Einkaufsladen zu macht, etwas zu essen holen und Bargeld von der Minibank abheben. Er nimmt mich mit, wir einigen uns auf 350 NOK die Nacht und ich hole ihm das bare.
Ich kaufe besagten Tørrfisk zum probieren und 2 Flaschen Wasser. Er findet gut, daß ich den getrockneten Fisch genommen hab, lacht aber beim Wasser und meint, daß in Norwegen nur Touristen Wasser kaufen würden. Wieder zurück, bekomme ich mein Zimmer zugewiesen. Ein wirklich gemütliches kleines Räumchen mit Bett, knuffigem Ledersessel und Panoramablick ( Schon wieder? JA! Schön! ) auf den Fjord. Wenn man hier nicht die Seele baumeln lassen kann, wo dann?
Beim Abendbrot mit Tørrfisk, Kaviar, Kartoffelbrot, Tee und Butterkeksen bringt der Herr des Hauses die nächsten Gäste herein. Tschechen, hier Angelurlaub machen wollen, aber fälschlicherweise im „HOTEL Bogen“ Einlass begehrten. Dort wurden sie abgelehnt, ohne in Kenntnis gesetzt zu werden, daß es ja auch noch das „HOSTEL Bogen“ gibt. Ich höre, wie der Mann seinen Gästen erzählt, daß es auch hier im Fjord reiche Fischschwärme gäbe. Ein deutscher Tourist hätte eben erst gestern nahe der kleinen Insel Delphine gesehen und das wäre ein sicheres Zeichen für guten Fisch.
Die Tschechen sind sichtlich begeistert und machen gleich aus, auf dem Heimweg wieder vorbei und noch ein, zwei Tage länger zu bleiben, um hier zu fischen. Die Ruhe ist zwar durch meine, so glaube ich, feiernden tschechischen Nachbarn nicht mehr ganz so durchdringend, aber dennoch schlafe ich nach wenigen Takten „Schiller“ zufrieden ein.
Technisches:
oberes Befestigungsauge beim Beiwagen locker … festgezogen, Reifen hinten nimmt beachtlich schnell ab … weiterfahren und beobachten, eine Speiche vorn gebrochen, nur durch Ausfall des digitalen Tachos bemerkt, da ausgerechnet dort der Gebermagnet befestigt war … gewechselt ( eine von Bastis Speichen aus Danewitz 2011. Danke Basti! ), Öl
Tag 11
09.06.12 (380km) Start 6:25 Bogen, Setermoen, Olsborg, Nordkjosbotn, Tromsø, Nordkjosbotn, Skibotn
Dieser Morgen beginnt einmal völlig anders. Als ich los möchte, es ist kühl am Fjord und ich bin dick eingemummelt, will SIE nicht. Ich trete und trete, aber außer ein paar kurzen Zündungen passiert nichts. Na doch, sie säuft ab. Werkzeug raus holen? Kerze trocknen? Boah ist das warm hier am Fjord… keine Lust… will los. Also anschieben.
Die Straße geht bergab, aber bis zur Straße ist noch ein Stück und das geht nicht bergab. Ich dampfe jetzt schon. Endlich auf der Straße, anschieben … sofort läuft sie; drauf geschwungen und weiter. Ich merke schon, wie ich innerlich schmelze. Nach vielleicht 3 km halte ich an und MUSS mich ausziehen.
Merke: Kerzenschlüssel immer griffbereit halten. Anschieben ist auch sonst nicht gut für den Antrieb. Außerdem ist man ja im Urlaub und nicht auf der Flucht.
„Blöder Heini“, denke ich noch, über meine Faulheit erschüttert und mache zur Strafe eine extra lange Pause. Danach ist alles wieder ok. Die AWO springt wie gewohnt an und ich bin auch wieder „abgelüftet“. Nie wieder anschieben!?
An der nächsten Tankstation in Nordkjosbotn tanke ich, genehmige mir eine Käsebratwurst mit Schinken ( Pølse ) und frittierten Zwiebeln und frage nach einem Reifenladen in der Nähe. Die Verkäuferin meint, Tromsø. Upps, das liegt ja nicht gerade auf meinem Weg … aber … wir haben ja Zeit. Also auf nach Tromsø.
Der Weg dorthin ist gut ausgebaut und … hatte ich schon erwähnt, daß die Natur umwerfend schön ist … bis Tromsø sind es trotzdem an die 70 km. Schon von weitem sieht man die schmale, stelzbeinige Brücke, welche die Innenstadt und das Festland verbindet. Davor steht wie ein verkehrt herum in den Boden gesteckter Eiszapfen die Eismeerkathedrale. Diese umrunde ich, aber ein paar verwundert drein blickende Passanten machen mich stutzig. Oje, in eine gesperrte Straße hinein gefahren, Sorry. Noch schnell ein Bild: „Eiszapfenkathedrale mit AWO“ und schwupp, über die Brücke in die City. Dort pulsiert das Leben.
Einen jungen Mann an der Tankstelle spreche ich wegen eines Reifenladens an. Er zeigt mir auf der Karte ein Geschäft und auch einen „Motorradclub“, meint aber auch, es könne Samstag Nachmittag schwierig werden, weil alle Geschäfte geschlossen hätten. Ich versuche, mich durch die Stadt zu schlängeln und fahre durch die zweite Verbindung zum Festland. Wenn es keine Brücke ist, was kanns in Norwegen sonst sein, als … EIN TUNNEL … . Der „Motorradclub“ befindet sich in Sichtweite der Eismeerkathedrale und entpuppt sich als wahrscheinlich nördlichster Außenposten der „Hells Angels“ .
Die Tür ist zu. Vorsichtig 😉 drücke ich die Klingel und es öffnet ein langhaariger Kerl mit Brille die Tür. Ich erzähle ihm von meinem Reifenproblem und er schaut sich interessiert die AWO an. Kurz entschlossen nimmt er mich mit rein und kocht mir einen Kaffee, während er für mich mit Hinz und Kunz wegen eines passendes Pneus telefoniert. Nach ca. einer halben Stunde gibt er auf, entschuldigt sich und meint, es wäre Samstag Nachmittag und hier wäre da eben alles schon geschlossen. Ich bringe meinen Dank zum Ausdruck und verabschiede mich. Er wünscht mir noch ne gute Reise und schließt hinter mir wieder ab, wegen der Polizei, wie er meint.
Bisher bin ich ja fast keinen Weg doppelt gefahren. Die knapp 70 km zurück nach Nordkjosbotn sind zwar die gleiche Strecke, nur kommt es einem vor, als ob man noch nie da lang gefahren wäre. Die Landschaft zeigt mir jetzt das Gesicht, was sonst nur mein Rücklicht zu sehen bekommt. Wieder in Nordkjosbotn, hole ich mir in dem Markt neben der Tankstelle etwas Seelennahrung; einen Energieriegel, einen Daim – Krokantriegel und einen Smoothie. Dann telefoniere ich mit Anja und den Kindern.
Zu Hause ist alles so weit in Ordnung. Bis auf ein paar Streitereien bei den Kindern geben sich doch alle Mühe, Frieden zu halten, wenn der Papa schon so lange weg sein muss. Anja zeigt zu Hause immer schön auf der Karte, wo ich gerade bin und Oma und Opa verfolgen alles im Atlas. Manchmal gibt sie mir auch dienliche Hinweise. So auf der RV17, als ich ohne Karte fuhr oder jetzt, dass ich von Tromsø mit der Fähre schneller über den Fjord gekommen wäre, als wieder die E8 zurück. Diese Art fernmündlicher Unterstützung finde ich sehr angenehm.
Auf der eingeschlagenen Route wird die E8 zur E6 und wir bewegen uns jetzt schon ganz schön weit nördlich. Noch ist nicht abzusehen, daß irgendwann die Straßen nur noch wieder herunter gen Süden führen und … ich finde das fabelhaft. … .
Es geht entlang der Ostseite des Storfjords. Skibotn bietet mir wieder eine Möglichkeit, Benzin zu fassen, was ich auch tue. Meine Gedanken sind aber abgelenkt, weil sich genau gegenüber ein Hof befindet, wo ein Bauer Heu aus der Scheune holt und in eine Presse gabelt. Da ich auf Grund meiner Reise ( die Zeit kleine Bündel zu pressen war zu knapp ) dieses „stationäre“ System zu Hause auch einsetzen möchte, mache ich kehrt und fahre auf der gegenüberliegenden Seite in die Hofeinfahrt. Jetzt halte ich auch noch die Leute von ihrer Arbeit ab. Sowas!
Der Mann ist schätzungsweise Mitte bis Ende 50, sehr nett, kann gut englisch, macht gleich die Maschine aus und wir kommen schnell in Fachgespräche. Seine Frau guckt um die Scheunenecke, wer zu Besuch ist und kommt kurz darauf mit ihrer Schwägerin wieder. Diese meint, ich solle ihr mit dem Motorrad folgen und mit zum Kaffee kommen. Ich bin etwas verunsichert und fahre langsam hinterher.
Sie stellt sich als Anny vor und ruft auch ihren Mann Oddmund herbei. Sogleich gibt’s wieder viel zu erzählen und bald ist auch der Kaffee fertig. Es stehen noch so einige andere lokale Leckereien auf dem Tisch. Eine Art Knäckebrot, Moltebeerenmarmelade und Brunost. Das ist ein süßlich schmeckender Käse, von dem Anny sagt sie würden selten ohne dieses „Zeug“ verreisen. Ich solle doch zugreifen, nach der langen Reise. Das Häuschen ist wirklich schön und gemütlich. Rasch sind zwei Stunden verquatscht und sie wollten doch noch etwas tun. Natürlich wäre es jetzt zu spät zum weiter fahren und ich könne hier natürlich übernachten. Anny möchte auf dem Grundstück Löcher mit Erde ausfüllen, damit die Wiese schön eben wird. Während ich ihr dabei helfe, schneidet Oddmund mit seinem mobilen Sägegatter Bretter für die Sanierung einer alten Hütte zurecht. Sie sagt noch, sie müßte mich für meine Arbeit bezahlen. Als ich meine, soweit würde es noch kommen, daß sie mich aufnehmen und noch dafür bezahlen, und wenn dem so wäre, müße ich sofort wieder aufbrechen, lacht sie nur. Thema abgehakt 🙂 .
Als die Arbeit geschafft ist, sehe ich mir das Sägegatter an und mache den täglichen AWO – Service. Anny geht das Abendbrot vorbereiten.
Wie ich meinen Wal möchte, fragt sie. Gegrillt oder mit heller Soße. Ehe ich etwas antworten kann meint sie, es würde einfach beides geben. „Da kannst du kosten, was besser schmeckt.“
Es gibt was? Wal? Hier werde ich völlig unaufgefordert eingeladen, darf übernachten, bekomme in Gesprächen so viele Informationen, wie ich kaum aufnehmen kann und werde auch noch mit lokalen Delikatessen verwöhnt? Das klingt alles wie ausgedacht, fühlt sich aber verdammt echt an!!! Wenn sich mir die Gedanken jetzt noch im Kopf drehen, kann ichs selber kaum glauben …
Jedenfalls gibt’s Wal mit Gemüse und roten Kartoffeln. Beide Zubereitungsformen sind äußerst lecker und völlig überraschend im Geschmack. Von Aussehen und Konsistenz her würde ich es zwischen Rind und Schwein einordnen und, obwohl es ein Säugetier ist kommt ein feiner Fischgeschmack durch. Alles in allem ein für mich einzigartiges Geschmackserlebnis. Preiselbeeren und Rotwein dürfen nicht fehlen.
Bei essen, trinken und unterhalten vergehen Stunden in Minuten. Auch sogenannte Tabuthemen wie Walfang und 2. Weltkrieg sprechen wir ganz normal an und es gibt keinerlei Irritationen, auch wenn ich zum Ausdruck bringe, dich es, wie die beiden übrigens auch, gut finde, daß Walfang strengstens reglementiert ist.
Ich erfahre auch, daß hier die finnische Kultur größeren Einfluß hat, weil vor langer Zeit in Finnland eine große Hungersnot herrschte und viele Finnen sich retteten, indem sie in Richtung Küste zogen.
Auch hier haben die Deutschen tiefe Narben hinterlassen. Es wurden ohne Gnade die Leute vertrieben oder umgebracht und alles Vieh getötet, sowie alle Häuser verbrannt und Bäume abgeholzt. Zweck dieser „Aktion“ sollte sein, den „feindlichen“ Truppen nichts als verbrannte Erde ohne Möglichkeit des Unterschlupfes, der Nahrungsbeschaffung oder etwa sogar des Zuspruches und der Hilfe der Bevölkerung zu hinterlassen. Es gibt hier hauch eine Passstraße, die „der Blutweg“ genannt wird. Sie wurde im Krieg durch die Nazis von Gefangenen errichten gelassen. Viele starben und wurden, weil die Erde gefroren war, unter der Straße verscharrt. Dieser Pfad dient heute dem Gedenken.
Tief bewegt hat mich auch, als Anny sichtlich bedrückt von einem Spaziergang auf diesem Weg erzählt. Sie sind sich sehr der Bedeutung um diesen Weg bewußt. Während sie gehen, bekommen sie von einem ihrer Kinder einen erschütternden Anruf. Sie werden informiert, daß ein Norweger namens Breivik in Oslo Gebäude in die Luft gejagt und sehr viele Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche gezielt ermordet hat, offensichtlich aus rassistischen Hintergründen. Sie kann nicht ausdrücken, was für Gefühle sie dort hatten, aber ich sehe es ihnen an und schweige auch.
Es gibt aber auch schöne Themen. Ich erzähle viel von der Landwirtschaft und der Familie.
Anny holt noch ein Buch heraus, in das ich etwas schreiben soll. Es ist spät, aber natürlich nicht dunkel geworden. Ich bedanke mich nochmals für die unglaubliche Gastfreundschaft und erzähle, daß wir zeitig aufbrechen wollen. Es folgt eine kurze Erklärung, wo ich alles mögliche zu essen fürs Frühstück finde und, daß sie die Tür offen lassen. Ich könne mich dann selbst kümmern. Abschließend gibt es noch eine Einladung, jederzeit wieder herkommen zu dürfen und Adressen und Telefonnummern werden getauscht. Sie unterschreiben noch auf meinem „Tour – T-Shirt“. Dann ziehe ich mich in die Hütte zurück. In meinem Tagebuch ist heute die Schrift recht unleserlich, weil ich gegen die zu fallenden Augen ankämpfe. Sollte ich besser morgens die Aufzeichnungen machen?
Technisches:
ein wenig Öl vom Entlüfterdrehschieber steht im Lichtmaschinendeckel … gereinigt, Luftfilter gereinigt und etwas eingeölt, Magnet gereinigt, Zündkerze gereinigt, vorn wieder eine Speiche gebrochen … gewechselt
Tag 12
10.06.12 (485km) Gesamtstrecke bis hierher: 4962km, Start 6:30 Skibotn, Sørstraumen, Alta, Hammerfest
Gemütlich geht’s los. Heute hab ich die Ruhe weg. Erstmal schön frühstücken, waschen, Zähne putzen usw. . Dann packe ich alles zusammen und fahre „leise“ vom Hof .
Es war schön bei euch! Tusen Takk!
Heut fröstelt mich obwohl 8-10°C sind ein bisschen. Was steht heute auf dem Programm: fahren, fahren, fahren. Die E6 schlängelt sich an der Küste entlang. In Sørstraumen freue ich mich schon auf einen Tankstopp mit Kakao. Der Kakao muß aber ausfallen, da der Laden geschlossen hat. Also gibts Automatenbenzin und ein paar leckere runde Wikana – Butterkekse (die leckersten die ich kenne), welche Lukas mir von seinem eigenen Taschengeld gekauft und „für schlechte Zeiten“ mitgegeben hat.
Das Dorf besteht aus wenigen, verstreut liegenden Häusern. Aus einem in der Nähe kommt ein großer weißer Hund auf mich zu. Erst schnuppert er an der AWO, kommt dann aber doch zu mir und wir knuddeln eine Weile. Ob er mich versteht, wenn ich deutsch mit ihm rede, weiß ich nicht.
Als ich wieder den Helm aufsetze und noch schnell mein Benzinbuch einschreibe ( 10,1 l bei 4655 km ) trottet er wieder von dannen.
Irgendwo zwischen Sørstraumen und Alta mache ich bei einer Red Bull – Pause eine Entdeckung. Das Seitenwagenboot fängt hinten an der letzten Schraube mit der der Kotflügel befestigt ist an, zu reißen. Beim Schraubertag in Kamenz hatte ich bei einem Sportawogespann schon eine Verstrebung vom Bodenblech zum äußeren Ende des Kotflügels gesehen und wollte das noch bei mir anbauen. Aber, Kopp wie Sieb… vergessen. Und nun reißt es an der Stelle.
Ich wühle mein Werkzeug und die Ersatzteile nach irgendetwas durch und finde nur ein größeres Stück Flacheisen. Es ist meine selbst gebaute hintere Auspuffhalterung in extra schwerer Ausführung. Das wird doch nix, denke ich noch und halte mal aus Spaß und weil auch eh nix anderes da ist, das leicht gebogene Stück Eisen an die Stelle, wo es hin kommen soll. Mich trifft der Schlag. Das Teil passt !!!! Die Löcher, die Länge, die Biegung. Ich werd verrückt. Hätte ich ein Ersatzflacheisen für eben diese Kotflügelhalterung bauen müßen, hätte es genauso aussehen müßen. Ein kleiner Freudentanz bleibt nicht aus. Zufälle gibt’s, die gibt’s gar nicht. Dafür, daß ich eigentlich nichts dafür mit hatte, war die Reparaturdauer von 15 min inklusive Red Bull trinken, Sachen aus- und wieder einräumen und Freudentanz sehr angemessen.
Nächster Halt: Alta am Altafjord. Die größte Stadt im hohen Norden Norwegens. An einer Tankstelle rede ich mit einer Gruppe „Gummikuhfahrern“ deren Sprache bayrisch klingt und die etwas ungläubig meine „alte Dame“ beäugen. Sie kamen über Schweden hinauf und hatten mehrere Tage hintereinander Dauerregen. Ähnlich erging es ihnen am Kap; Nebel, 2 °C, Wind. Die Motivation hatte schon etwas nachgelassen und alle hoffen nun auf besseres Wetter und mehr Erlebnisse in Norge.
Ich ermuntere sie etwas mit guten Aussichten, wünsche gute Fahrt und sie summen davon.
Kurz darauf spricht mich ein Pärchen aus Holland an, das auch mit den Bikes hier ist und richtig Pech hatte. Bei der einen Maschine ist die Telegabel kaputt, bei der anderen der Reifen platt. Deshalb sind sie scharf auf meinen Ersatzreifen. Der passt nicht wirklich auf ihre Triumph und es ist wiedermal Sonntag und alle in Frage kommenden Läden haben geschlossen. So sitzen sie halt in Alta fest. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute und ich knatter los in Richtung Innenstadt. Hammerfest und das Nordkap sind ausgeschildert.
Die Stadt wird hinter uns kleiner und die Landschaft verändert ihr Gesicht. An dieser Stelle widerspreche ich allen, die sagen es wäre langweilig, öde und gäbe nichts zu sehen. Das verstehe ich nicht. Leute, dann setzt mal die Filzbrille ab! Auch diese Landschaft ist sehr reizvoll, allerdings auf ihre eigene, eisige Art. Man wird nicht mehr so von den Eindrücken erschlagen, muß mehr im Kleinen schauen, entdeckt dann dafür aber so manche Überraschung. Die Artenvielfalt hier ist erstaunlich, aber eben eine Dimension kleiner. Unterwegs halte ich an einer Hütte an, wo eine Frau mit zwei Hunden Rentierfelle und Souvenirs verkauft. Bis dahin hatte ich die Felle noch lebend in der Natur herum rennen gesehen und bin jetzt sehr positiv überrascht, wie warm und weich sich das anfühlt. Sie stammt aus Karasjok, erzählt mir mit Stolz, daß sie den Betrieb von ihrem Vater übernommen hat und die Felle von ihren eigenen Herden stammen und selbst gegerbt sind. Ein kleines Fell kostet um die 500 NOK, ein superschönes großes möchte sie mir nicht für unter 650 NOK überlassen. Leider habe ich viel zu wenig Bargeld dabei und bis Alta zurück und wieder hin ist auch eine Stunde weg. Wirklich Schade.
Hammerfest ist ein größerer Umweg. Als ich den etwas heruntergekommenen Hüttenpark sehe und bemerke, daß die ganze Stadt mehr oder weniger eine riesige Baustelle ist, bekomme ich meine Zweifel, obs die insgesamt 100 km Strecke mehr wert war. Ich tanke, fahre eine schmale Straße zwischen Wohnhäusern den Berg hinauf, bis es nicht weiter geht … und komme doch noch auf meine Kosten. Ein wundervoller Blick auf die Stadt, den Hafen und den Sørøysund mit der kleinen Insel Håja entschädigen mich für die „Extratour“. Ich verweile ein paar Minuten und lasse mir den Wind um die Ohren fegen.
Für einen kleinen Moment öffnet sich die Wolkendecke und läßt einen Strahl Sonnenlicht auf das leicht gekräuselte Wasser fallen. Zack, das schönste Bild von Hammerfest ist im Kasten und schon zieht es sich wieder zu. Durch Straßenbaustellen und viel Verkehr manövriere ich durch die „nördlichste Stadt“ Europas. Eigentlich wollte ich heute mal ein Hotelzimmer nehmen, doch mir kommt nichts in die Quere, was mir so auf Anhieb gefällt. Also verlasse ich die Stadt. An einem Eisbären aus Plastik wird die AWO nochmal schnell für ein Foto platziert. Beim nächsten Haus an dem „Rom“ steht, klingle ich, um nach Unterkunft zu fragen. Niemand ist da. Das Zelt ruft schon aus dem Beiwagen: „Nimm mich! Zelte mal wieder. Vor allem hier, so nördlich wie es kaum nördlicher geht!“ Tatsächlich finden wir ein schönes Plätzchen mit herrlichem Blick auf das Wasser, die Inseln und die schneebedeckten Spitzen der Berge.
Hach … Ja… richtige Entscheidung. In zweihundert Metern Entfernung verläuft die Straße. Knapp 1 km bis zur nächsten Hütte und 100m weiter weidet eine Herde Rentiere, neugierig näher kommend. An einer geraden Stelle schlage ich das Zelt auf und merke, daß ich heute ein Himmelbett haben werde. Das Zelt steht auf total dichtem, weichem, grünem Bewuchs. Das sieht saftig aus und ich glaube, die Rentiere fressen das gerne.
Das Zelt steht, die AWO hat ihre wohlverdiente tägliche Pflege, ist schon zugedeckt und schläft friedlich, so wie ich auch gleich. Der Benzinkocher gibt schon wohlige Wärme ab und wartet, daß ich den Tee ausgesucht habe. Thüringer 9-Kräuter muß es heute sein.
Plötzlich hupt es und ich sehe Leute aussteigen und winken. Als ich an näher komme, sind die Schweizer zu erkennen. Ich freue mich ehrlich. Unverhofft kommt oft. So was kann man nicht planen. Die Mutter des Fahrers ist begeisterte Ornithologin und erzählt, daß sie schon die verschiedensten Vögel beobachten konnte, die es in Mitteleuropa nur äußerst selten zu sehen gibt. Ihr Highlight auf der Reise, einen Gerfalken in seiner natürlichen Umgebung vor das Fernglas zu bekommen. Etwas später verabschieden wir uns scherzhaft „vorläufig“. Mit Sicherheit trifft man sich nochmal. Der Tag klingt bei einem Emailletippel Tee und einem Dokumentarfilm ohne Sprecher über Nordnorwegen, der live direkt vor meinem Zelt und ohne Werbepause abgespielt wird, aus.
Technisches:
Beiwagenkotflügelhalterung am Boot gerissen … mit Ersatzauspuffhalterung sehr gut fest bekommen :-), Öl geprüft und aufgefüllt, ein paar Worte der Dankbarkeit gen AWO fürs bis hier her aus- und durchhalten

Sehr sehr schön, die Bilder der Hammer. Schreib ein Buch, daß die Leute an diesem tollen Erlebnis teilhaben dürfen. Tine
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Vielen lieben Dank. Das freut mich total.Lg
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